Zwielichtig und doppelbödig

In Deutschland hat man bekannterweise seit dem Ende der Naziherrschaft ein zwiespältiges Verhältnis zur eigenen Nation. Inbesondere unter den Eliten gilt Deutschsein eher als peinliche Angelegenheit, derer man sich durch häufigen Gebrauch des Englischen, Bevorzugung feiner italienischer Küche und offen bekannter Sehnsucht nach einem europäischen Zentralstaat gerne entledigen möchte. Im Pöbel allerdings hat spätestens seit der Fußball-WM 2006 eine Art Renaissance der Nation eingesetzt: Man verwendet, sehr zum Ärger der politischen Linken, ziemlich ungezwungen Symbole wie die schwarz-rot-goldene Fahne und singt hier und da auch mal „Einigkeit und Recht und Freiheit“ mit. Der politisch korrekte Reflex verlangt, hierin ein Aufkommen von Nationalismus zu sehen, der Menschen aus anderen Ländern auszugrenzen trachtet. 

Dabei dürfte der Hintergrund eher beim Gegenteil zu vermuten sein: Gerade durch die zahlreichen Begegnungen mit Menschen anderer Nationalität ist spätestens, seitdem man nicht mehr zu erwähnen braucht, aus welchem Deutschland man denn komme, der Wunsch entstanden, es ihnen beim Umgang mit den Symbolen des eigenen Landes gleich zu tun. Und die angeblich ausgegrenzten Nicht-Deutschen finden das dann völlig normal und auch wesentlich sympathischer als einen verklemmt oder belehrend daherkommenden Umgang mit Flaggen oder Hymnen. 

Aber wir waren ja gerade bei den Eliten. Da erschien heute im Online-Bereich der „Welt“ anlässlich des 175. „Geburtstags“ ein Artikel über das Deutschlandlied mit dem Titel „Die Nationalhymne hat ihre Abgründe nie verloren“. Die Quintessenz des Artikels findet sich in diesem Absatz:

Heute teilt das Lied das Schicksal aller deutschen Nationalsymbole: Einerseits gilt es als geläutert und eingehegt. Man hat es „aufgearbeitet“ und säuberlich aufgeteilt in böse (1+2) und gute Strophen (3). Und doch wird es sein Echo des Zwielichtigen, Doppelbödigen nie ganz verlieren, diese Aura, es könne die Menschen jederzeit wieder in die Irre führen, wenn man es nur ließe.

Daran ist gleich zweierlei bemerkenswert. 

Der Artikel basiert zu einem guten Teil auf der zumindest impliziten Annahme, alle drei Strophen des Deutschlandlieds gehörten zur deutschen Nationalhymne. Das war auch mal so. Aber spätestens, seitdem ein Briefwechsel[1] zwischen Bundespräsident Weizsäcker und Bundeskanzler Kohl, der allein die dritte Strophe zur Nationalhymne erklärte, am 29.11.1991 im Bundesgesetzblatt veröffentlicht wurde, ist dies nicht mehr der Fall. Man kann also über die ersten beiden Strophen denken, was man will[2], aber im wiedervereinigten Deutschland sind sie eben nicht Bestandteil eines Nationalsymbols. Was unweigerlich die Frage aufwirft, wie denn durch die dritte Strophe ein „Echo des Zwielichtigen und Doppelbödigen“ ausgelöst werden und in welche Irre sie die Menschen denn führen könnte?

Aber es ist ja, und damit sind wie beim zweiten Punkt, nicht nur die Hymne, die derart gefährlich ist. Sie teilt „das Schicksal aller deutschen Nationalsymbole“. Gut, wenden wir diese Aussage mal auf das wichtigste Nationalsymbol an, die Deutschlandfahne in Schwarz. Rot und Gold, die Fahne der Weimarer Republik und der Bundesrepublik Deutschland. Es mag angesichts der nachlassenden Qualität des Geschichtsunterrichts nicht mehr allgemein bekannt sein, aber die Nazis hassten diese Farben. Sie hassen sie heute noch. Wer bei Deutschland an zwei Weltkriege denkt, denkt an ein Deutschland in den Farben Schwarz, Weiß und Rot. Wo also bleibt das Zwielichtige im Zusammenhang mit der Deutschlandfahne, wo die Gefahr, Menschen in die Irre zu führen? Was musste an ihr „geläutert“ und „eingehegt“ werden?

Wo derart verdächtigend geschwurbelt wird, braucht es auch nicht lange bis zur Tatsachenverdrehung. Der „Welt“-Journalist behauptet, nachdem „konservative Politiker“ in Folge des „Boateng-Eklats“ Gaulands sich vermehrt mit dem Singen der Hymne durch deutsche Fußball-Nationalspieler beschäftigten, hätten die Fans einen „neuen Brauch“ eingeführt und immer dann, wenn die deutsche Mannschaft in Führung lag, die Nationalhymne angestimmt. Richtig ist, dass dieser Brauch relativ neu ist. So neu dann allerdings auch wieder nicht. Dem Werwohlf fiel er das erste Mal bei der WM 2010 in Südafrika auf – zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine AfD (konservative Politiker beschwerten sich übrigens seit jeher darüber, dass vor Länderspielen die Hymne nicht inbrünstig genug gesungen wurde[3]). Auch der Ursprung dieses Brauches liegt auf der Hand: Wie das fröhliche Fahnenschwenken handelt es sich um eine Kopie des Verhaltens anderer, denn das Singen ihrer Hymne während des Spiels ist eine Tradition der englischen Fans. Wenn man weiß, wie austauschbar die Riten von Fußballfans überwiegend sind, verwundert einen dieses Plagiat wenig. Ob die Übernahme dieser Eigenart durch die Deutschen nun eine Bereicherung ihrer Fankultur darstellt oder eher weniger, mag jeder für sich selbst entscheiden. Allerdings ist zu vermuten, dass auch die ominösen konservativen Politiker nicht allzu begeistert von dieser Profanisierung eines Nationalsymbols sein werden.

Ja, man kann erkennen, dass der Autor nicht viel von solchen Symbolen hält. Wie gesagt: Das ist hierzulande nicht gerade originell, aber sein gutes Recht. Hätte er sich darauf beschränkt, allein diese Abneigung kundzutun, wäre der Artikel eine Frage des Geschmacks. Aber wenn zu diesem Zweck falsche Zusammenhänge hergestellt werden, mit falschen Annahmen gearbeitet und das Ganze dann pauschalisierend in einem einzigen Brei verrührt wird, dann ist es leider wieder nur ein weiteres Zeugnis, wie es um den deutschen Qualitätsjournalismus bestellt ist.

[1] Wie vielleicht noch auf vergilbten Webseiten zu lesen ist, wurde ja auch für die noch junge Bundesrepublik Deutschland die Nationalhymne durch einen solchen Briefwechsel zwischen Präsident und Kanzler bestimmt.
[2] Die berüchtigte 1. Strophe ist oft und gerne missverstanden worden. Im Kontext der damaligen Situation war sie eher „progressiv“ und wenig kriegerisch, taugt aber heutzutage natürlich nicht mehr als Nationalhymne.
[3] Aus konservativer Sicht war das früher viel schlimmer: Da sang während der Hymne keiner mit, und mancher pflegte intensiv sein Kaugummi zu bearbeiten.

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