Was zu neulich

Es ging die letzten Tage durch Netz. Da schreibt, als Teil einer Serie mit unterschiedlichen Positionierungen zum Thema, eine Feuilletonistin der „Welt“ einen Beitrag darüber, warum sie der Feminismus „anekle“. Das muss natürlich unweigerlich den Unmut der sogenannten „Netzfeministinnen“ auf sich ziehen, und eine davon nutzt die Gelegenheit, dass sich unter hunderten Kommentaren auch ein zustimmender von NPD-Frauen befindet, um die „Welt“-Autorin in die argumentationsbefreiende rechte Ecke zu rücken. Dieses Urteil wird in einschlägigen Kreisen gern übernommen, bis hin zu einem dubiosen „Antifa-Pfarrer“, der den Namen der Autorun zum Anlass nimmt, in der Tradition französischer Revolutionslieder die Erhängung von Adligen zu propagieren. In einem Blog der FAZ macht das Ganze dann „Don Alphonso“ zum Thema, woraufhin bei den einschlägigen Kreisen und ihren Verstehern die üblichen Abwehrreflexe einsetzen.

Der Werwohlf hält zwar sowohl Netzfeministinnen als auch Männerrechtler für reichlich albern, aber das ist im Prinzip eine Debatte, die ihn nie und nimmer zu einem Biss animieren könnte, sondern höchstens zu einem Gähnen. Die eine Seite kommt ihm zu fanatisch-vernagelt vor, die andere zu jämmerlich, und überhaupt findet er als Kulturpessimist die Einteilung von Menschen nach dem Geschlecht für eine Seuche der Moderne. Allerdings, und das ist ein interessantes Phänomen, kommt er nicht umhin zu konstatieren, dass sich da angeblich Unterprivilegierte mit dem Anprangern ihrer Unterprivilegierung ein Privileg nach dem anderen zu erkämpfen trachten. Und das findet er, obwohl wiederum meistens ganz und gar nicht davon direkt selbst betroffen, für nicht gerade lobenswert. Der Rent-Seeker sind schon genug in diesem Staate, und es ist im Prinzip kürbisegal, unter welchem Label sie antreten. Ein hinreichend als positiv empfundenes wird es natürlich immer sein, weil man sich ja die Zustimmung derer zu sichern sucht, bei denen man sich bedienen möchte. 

Aber wirklich instruktiv an der Geschichte sind ganz andere Dinge. 

Da wäre zum einen der Artikel der „Welt“-Autorin selbst. Der Werwohlf kann nicht umhin, ihn sympathisch zu finden, weil die Grundhaltung, die dahinter zum Ausdruck kommt, der seinen sehr ähnelt. Nicht unbedingt in der konkreten Positionierung dem Netzfeminismus gegenüber, obwohl die sehr wahrscheinlich eine zwangsläufige Folge besagter Grundhaltung ist, sondern weil es sich um eine sehr individualistische handelt. In dem Text spricht jemand, der sich nicht vereinnahmen lassen will für eine fragwürdige Tonnenideologie, die Chancen danach beurteilt, ob sich als Ergebnis eine flächendeckende Gleichverteilung ergibt. Da spricht eine Person, die festgestellt hat, dass es zwei Wege gibt, mit Schwierigkeiten umzugehen: entweder sich selbst zu besonderer Leistung anzustrengen oder böse Umstände anzuklagen und die Hilfe anderer einzufordern. Auch der Hinweis auf die angeblich „Unterprivilegierten“, die den anscheinend etwas eindimensional gestrickten und mit pawlowschischen Reflexen reagierenden „Antifa-Pfarrer“ veranlassten, sich zur Beseitigung des Hungers in der Welt die Erhängung einer „Welt“-Feuilletonistin vorzustellen, geht in diese Richtung. Die „Unterprivilegierten“ haben schließlich in der Regel das in ärmeren Teilen dieser Welt unverständliche Privileg genossen, sich auf Kosten anderer jahrelang mit völlig nutzlosem Unsinn zu beschäftigen, weil es ebenso als „Studium“ durchging wie z.B. eins der Physik oder Medizin, ziehen aber aus der unverhofften Erfahrung, dass nicht allzu viele Leute diesen Unsinn wertschätzen, wenn sie selbst für ihn bezahlen müssen, nur die Konsequenz, ein ganz, ganz böses „System“ anklagen zu müssen. Der Vergleich mit Hungernden irgendwo auf dieser Welt verbietet sich nicht nur, er ist sogar zynisch, wenn man die werwöhlfische These teilt, dass es vor allem an solch ideologisch verbohrten Typen und Typinnen liegt, wenn irgendwo Menschen Hunger leiden müssen. Man frage dazu z.B. nur mal Amartya Sen, der könnte einem dazu einiges erzählen. 

Also es geht im besagten Text vor allem um eine sehr individualistische Einstellung. Wer jetzt behauptet, sowas liege genau auf Linie der NPD, sollte sich aus politischen Debatten besser mindestens so lange heraushalten, bis er (oder auch sie) sich das dazu nötiger Grundwissen erarbeitet hat. Aber vermutlich weiß die „Netzaktivistin“, die durch ihren Tweet versucht hat, eine entsprechende inhaltliche Nähe zu suggerieren, das selbst auch. Sie handelte, das darf man aus ihrem beruflichen Erfolg (dazu gleich mehr) herauslesen, nicht aus Unwissenheit, sondern in voller Absicht. Diffamierungsabsicht, genauer gesagt. Die Methode ist ja nicht unbekannt, und auch ein gewisser „Don Alphonso“ hat sie, wie im werwöhflischen Gedächtnis abgespeichert, selbst gerne verwendet: Man verwendet den Beifall der unerwünschten Seite zur Charakterisierung. Das ist eine sehr unfaire Methode, die nicht viel mit dem Willen demokratischer Auseinandersetzung, aber sehr viel mit dem zur Vermeidung einer solchen zu tun hat. Und zugleich ist es eine armselige Methode, weil sie leicht zu durchschauen ist, wenn man sich mit den Hintergründen auseinandersetzt. Da genau das aber sogar bei Journalisten aus der Mode gekommen ist (und hier treffen sich betriebswirtschaftliches Effizienz- und linkes Dominanzstreben nicht zum ersten Mal) und bei den meisten Lesern eh nicht vorausgesetzt werden kann, hat diese Methode leider immer wieder Erfolg. 

Wenn man dann noch irgendwo Sprüche von linker Seite lesen muss, die Zustimmung aus extrem rechten Kreisen solle einem „zu denken“ geben, dann wird es vollständig peinlich. Denn es gibt genug Gemeinsamkeiten von Linken und Rechten, und es ist auch kein Zufall, dass sich bei sogenannten „Mahnwachen“ immer wieder spontane Querfront-Bündnisse bilden. Denn beide haben einen gemeinsamen Feind, und das ist der Liberalismus. Wer aus liberaler Perspektive eine der beiden Seiten angreift, wird sicher immer oberflächlich mit dem Beifall der anderen Seite rechnen können. Aber das ist nur Symptom. Der Beifall kommt nämlich nur deswegen so prompt, weil extreme Linke und Rechte in Wirklichkeit Probleme haben, sich inhaltlich von einander abzugrenzen. Sicher, sie kommen aus unterschiedlichen Richtungen und mit unterschiedlichen Absichten, aber sie gleichen sich nicht nur in ihren Methoden, sondern auch oft genug in ihren Forderungen. Um so hartnäckiger müssen sie darauf bestehen, die andere Seite zum Feind zu haben. Und der Liberalismus steckt, von beiden verfemt, mitten drin, wird je nach Bedarf instrumentalisiert oder dann doch als gemeinsamer Feind attackiert. Haken wir die Methode damit also mal als hohle ab.

Und kommen lieber zu derjenigen, die sie diesmal angewendet hat. Es handelt sich dabei um eine junge Frau, die in ihrem Twitter-Profil, unter dem sie ihre Diffamierung verbreitete, voller Stolz angibt, dass sie für „tagesschau.de“ und „ard-aktuell“ tätig sei. Um dann hinzuzufügen, ihre Meinung sei die ihre[1]. Letzteres kann man ihr gerne glauben, aber die Frage stellt sich natürlich, ob sie diese Meinung, die sie anscheinend bis zur Diffamierung anderer zu vertreten bereit ist, auch in ihre Tätigkeit für die beiden genannten Angebote einfließen lässt. Und ob es sinnvoll ist, sowas quasi-steuerlich zu finanzieren. Als Redakteurin scheint sie zudem genug Spielraum zu haben, um zu Zeiten, zu denen andere sich damit beschäftigen müssen, zum Erfolg ihres Unternehmens beizutragen, eine Meinung, die nur die ihre ist, in die Welt hinaus zu pusten. Quasi-steuerlich subventionierter Netzfeminismus sozusagen. Soweit zum Thema „Privilegien“.

Neben all denen, die dieses Vorgehen im Netz kritisieren, kommen dort aber auch Stimmen zu Wort, die „Don Alphonso“ dieselbe Methodik vorwerfen, die er selbst kritisiert. Schließlich mache er doch besagter ARD-Redakteurin den Vorwurf, dass ihr Tweet letztlich in der „Morddrohung“ des „Antifa-Pfarrers“ gipfelte, wofür diese aber zumindest genau so wenig könne wie die „Welt“-Autorin für den Beifall der NPD:

Es gibt einen wesentlichen Unterschied. Es ist eine Sache, ob eine individuelle Meinungsäußerung (in diesem Fall durch die „Welt“-Autorin) Beifall von der falschen Seite bekommt, aber eine andere, ob eine Diffamierung auf fruchtbaren Boden fällt. Die Konstruktion derer, die beides gleich behandeln wollen, ist genau da angreifbar.

Bei genauer Betrachtung muss man allerdings eingestehen: Die Relativierer haben einen Punkt. Denn besagter „Antifa-Pfarrer“ hat offensichtlich eine ebenso eigene wie bescheuerte „Argumentation“ gefunden, die ihn zu seinem Tweet veranlasste. Der bedurfte der Anwendung oben beschriebener Methode durch die ARD-Redakteurin gar nicht. Wir sollten uns überhaupt mehr angewöhnen, Leute für ihre eigenen Handlungen selbst verantwortlich zu machen, statt ihnen zu unterstellen, sie seien quasi von Dr. Mabuse gezwungen worden. Und uns abgewöhnen, Leute mit anderen Meinungen „Dr.-Mabuse-mäßig“ für die Handlungen Bekloppter verantwortlich zu machen. 

Denken wir also als Fazit das nächste Mal daran, wenn wieder irgendwelche Büchsenspanner durch Kommentare und Mitteilungen suggerieren wollen, für irgendeine Untat seien jene verantwortlich zu machen, die eine bestimmte „Stimmung verbreitet“, einen ominösen „Nährboden bereitet“ oder etwas „gesellschaftlich hoffähig“ gemacht hätten. Im Zweifel dient all das nur dazu, die Diskussion mit der anderen Seite zu vermeiden. Und ist damit demokratiefeindlich. 

[1] Wohlwollend kann man das als „Transparenz“ bezeichnen, weniger wohlwollend als „argumentum ad verucundiam„. Der Werwohlf ist ein wohlwollender Wohlf.

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7 Kommentare on “Was zu neulich”

  1. Dirk sagt:

    gibt es einen Link zu dem Tweet der ARD-Redakteurin?

  2. […] einer Ansammlung von logischen Trugschlüssen? Nach dem schönen Prinzip, dass zwar bereits alles gesagt wurde, aber nicht von jedem, auch von mir noch ein paar Worte zum shitstorm rund um Ronja von […]

  3. n_s_n sagt:

    Lieber Wehrwohlf,

    danke für diesen äußerst gelungenen Beitrag. Ich würde gerne nur einen Kritikpunt anbringen: Du bist kein Kulturpessimist.

    Wie du selbst sagt, bist du jemand der sich nicht vereinnahmen lassen möchte. Solche Menschen können per (n_s_n)Definitionem keine Kulturpessimisten sein.

    Herzlich

    n_s_N

  4. […] Baustelle, selbes Prinzip. Und diesmal – im Gegensatz zu neulich – hat es nichts zu tun mit der Verantwortung für das Handeln Dritter. Diesmal geht es […]


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