Was zur Homo-Ehe

Es ist doch interessant, dass ein Thema, das so wenig Menschen betrifft, wie es die sogenannte „Homo-Ehe“ tut, viele erregte Diskutanten bewegt. Das liegt vermutlich vor allem daran, dass hier nicht irgendwelches Fachwissen verlangt wird, um eine Position zu beziehen, sondern dass von allen Seiten munter moralisch geurteilt statt mühsam argumentiert werden kann. Argumente können überprüft werden und müssen in sich stimmig sein – moralische Urteile werden gefällt und liegen dann unverrückbar da wie ein Baum, dem gleiches geschieht. Und noch viel bequemer: Man muss der anderen Seite nicht nachweisen, dass sie irrt, sondern kann stattdessen ihre Ansicht als zutiefst verwerflich abqualifizieren. Wenn solche Standpunkte aufeinandertreffen, wird es in der Regel unerfreulich. Lautstärke und Heftigkeit steigen, Freundschaften werden gekündigt und honorige Personen als ewiggestrige Nazis oder dekadente Totengräber der Menschheit bezichtigt. 

Dabei ist der Streit überflüssig, denn der Gewinner steht fest. 

Nur der Zeitpunkt seines Sieges steht noch nicht fest. Bisher wurde noch jede auf konservativen Moralvorstellungen beruhende Institution geschleift, wenn sie nur lange genug beschossen wurde. Ganz im Sinn der Anhänger liberaler Gesellschaftsbilder, die den Pfeil der Geschichte sowieso unweigerlich in die von ihnen gewünschte Richtung zeigen sehen. 

Aber gut, der Progressive an sich ist ungeduldig. Dass er den Sieg sicher hat, reicht ihm nicht. Er will ihn hier und jetzt. Und er kann sich seiner Unterstützer in der politisch-medialen Klasse sicher sein. Vermutlich würde niemand, beschlössen die Briten morgen den Brexit, daraufhin fordern, auch Deutschland müsse jetzt schnell aus der EU austreten. Aber wenn das kleine Irland sich für die Homo-Ehe entscheidet, soll das – so die vorherrschende Meinung in allen staatstragenden Medien – unweigerlich präjudizierende Wirkung für Deutschland haben. Wo der Unterschied liegt? Klare Sache: Das sagt uns der Pfeil der Geschichte. Wer deren Plan kennt, und davon können wir bei unseren Vordenkern ausgehen, weiß genau: Ein Brexit wäre ein Schritt zurück, die Homo-Ehe aber ein Schritt nach vorne. Die Position des Abgrunds spielt dabei übrigens keine Rolle – die kennt niemand, und wenn man auf dem steilen Weg nach unten ist, kann man sich immer noch darüber streiten, wer die Karte falsch herum gehalten hat. 

Die Position der Befürworter der Homo-Ehe kennen wir alle. Es geht angeblich um Gleichberechtigung, oder, ebenso modern wie ätzend, Gleichstellung. Es geht um nichts Geringeres als um Menschenrechte. Dem gegenüber steht keinerlei Nachteil: Gut, ein bisschen weniger Knete für den Staat wegen des Splittings, aber ansonsten wird doch niemandem nicht geschadet, wenn zwei Menschen gleichen Geschlechts, die in Liebe miteinander verbunden sind, dieselbe Institution für sich in Anspruch nehmen können wie zwei Menschen verschiedenen Geschlechts. „Abwertung der Ehe“ als Schlagwort ist Unsinn, weil nur dadurch, dass diese auch andere eingehen können, ja keinem anderen Eheschließenden ein ein Nachteil zugefügt wird. Und das mit der „Keimzelle der Gesellschaft“ ist eh Nonsens – wieviele Ehen bleiben kinderlos, und andererseits lassen sich Kinder doch heutzutage schon auf verschiedenen Wegen herstellen, ohne den lästigen Umweg des heterosexuellen Geschlechtsverkehrs. Der Fortschritt auf diesem Gebiet ist sogar unaufhaltsam. Eines nicht allzu fernen Tages wird man sich die Babys à la carte bestellen können. Notfalls geht auch immer eine Adoption aus den Armenregionen dieser Welt – das hilft dem Kind und dem homosexuellen „Eltern“-Paar. Wer also etwas dagegen sagen will, muss schon ziemlich ideologisch vernagelt sein und auch sonst ein schlechter Mensch, mit dem der Kontakt tunlichst zu meiden ist. 

Übertreibung? Kaum. Nicht zufällig erschienen in den letzten Tagen Artikel in Zeitungen, in denen zwar pro Homo-Ehe argumentiert wird, eine „Stigmatisierung“ oder „Kriminalisierung“ Andersdenkender jedoch verurteilt wird. Sowas macht keiner, wenn es dafür nicht genug Anlässe gäbe. Der Fall der Kolumnistin beim „Westfalenblatt“, die auf eine Anfrage eines „Ewiggestrigen“, dessen in seinem Sinn erzogene Kinder auf eine „Homo-Hochzeit“ eingeladen waren, versuchte, einfühlsam zu antworten, statt auf Knopfdruck die richtigen Phrasen zu dreschen und den armen Mann verbal zur Hölle zu schicken, machte im Netz die Runde. Nachdem sich ein Shitstorm auf die angeblich „Homophobe“ eingeschossen hatte, übte die Redaktion die geforderte Selbstkritik und ließ ihre Kolumnistin wie eine heiße Kartoffel fallen.

Aber Werwöhlfe schreckt sowas nicht. Daher sei an dieser Stelle etwas Wasser in den progressiven Wein geschüttet. Zunächst: Ein Menschenrecht auf staatliche Eheschließung ist mir nicht bekannt. Es ist sogar vorstellbar, dass der Staat sich aus solchen Fragen komplett heraus hält und lediglich einen Rechtsrahmen für nach verschiedenen Vorstellungen geschlossene Verbindungen bereitstellt. Darüber hinaus haben Homosexuelle natürlich dieselben Rechte wie Heterosexuelle: Ein homosexueller Mann darf eine homosexuelle oder eine heterosexuelle Frau heiraten – und umgekehrt. Kein Problem. Das ist so, weil selbstverständlich hinter diesem staatlichen Institut das staatliche Interesse nach Schaffung neuer Staatsbürger steht. Und das ging früher eben nur dadurch, dass sich Mann und Frau zusammen taten. Da der menschliche Nachwuchs ohne Betreuung lange Zeit kaum überlebensfähig ist, erforderte dies auch noch ein Institut, dass hinreichende Stabilität garantierte. Noch mehr. Der Staat wollte in diese Verbindung nicht hineinreden und überließ die Erziehung der Kinder den Eltern. So steht das unglaublicherweise noch heute im Grundgesetz. 

Es gibt darüber hinaus kein Menschenrecht auf Simulation dieser Keimzelle. Auch nicht, wenn es romantisch begründet wird – was mir zwar sehr sympathisch ist, aber nichts am Prinzip ändert. 

Das Bundesverfassungsgericht sieht es offenbar etwas anders. Für dieses ist Paar gleich Paar, und es kann nicht erkennen, warum für das eine andere Rechtsgrundlagen gelten sollen als für das andere. Natürlich ist diese Position nicht voraussetzungslos. In seinen Begründungen verweist das BVerfG dann gerne darauf, dass der Gesetzgeber es offensichtlich genau so sehe – siehe entsprechende Gesetze und Begründungen zur eingetragenen Partnerschaft. Tatsächlich ist für viele heute die Ehe nur eine Gemeinschaft von zwei Menschen, die sich in besonderer Weise verbunden fühlen. Der Nachwuchs ist da außen vor. Und konsequenterweise muss dann, wer „Ehe für alle“ will, auch solche Fälle bewusst wollen wie die aus der letzten Folge der Serie „Boston Legal“, wo zwei Anwälte heiraten, weil der eine für den anderen, der von Alzheimer bedroht ist, einfach sorgen will. Sexuelle Dinge sind bei beiden bekennenden Heteros deutlich nicht im Spiel. Es gehört nicht viel Hintergrundwissen dazu um festzustellen, dass sowas eben nicht der eigentliche Sinn dieser Institiution war, auch wenn es in ihr einen großen Teil abdeckt. 

Tatsächlich ist der Grund, warum Leuten wie mir dabei unwohl ist, wenn wirklich die komplette Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paar und (irgendwann sicher – ich sage nur „Pfeil“) mehr geöffnet werden soll, ein „slippery slope“-Argument. Man muss dabei nicht so weit gehen wie der Sprecher des Vatikans, der darin eine „Niederlage für die Menschheit“ sieht. Allein die Homo-Ehe ist das gewiss nicht. Aber sie ist zugleich auch Symptom viel tiefgreifenderer gesellschaftlicher Entwicklungen, und diesen ganzen Strauß, der sich da ausbreitet, den muss man nicht unbeding gut finden. Wer Vater und Mutter nicht mehr als einzige Quelle der Zeugung und Erziehung von Kindern dadurch wertschätzt, dass er ihnen eine eigene Institution reserviert, öffnet zugleich auch Türen für die verschiedensten Arten der – sagen wir mal – „Generierung“ von Kindern, und er verschafft dem Staat als Erzieher weiter ein Stück mehr Spielraum. Es gehört nicht allzu viel dazu sich auszumalen, was Konsumgesellschaft und Gewinnerzielungsabsicht aus menschlichem Leben machen, wenn es technisch in ihre Logik eingepasst werden kann. Wer hier weniger als Betriebswirt denn als Volkswert denkt, den werden die zu erwartenden „Preisanpassungen“ hoffentlich nachdenklich machen. 

Isoliert gesehen mag das vielen noch nicht nur als wenig problematisch, sondern vielleicht sogar vorteilhaft erscheinen. Womöglich ließen sich dadurch Erbkrankheiten vermeiden. Oder sogar der Hang zur Fettleibigkeit. Womöglich eine Neigung zu kriminellem Handeln. Unglaubliche Möglichkeiten der Steuerung neuen Lebens. Spätestens an dieser Stelle scheide ich die Leser in solche, denen ein Schauer über den Rücken jagt, und solche, die es vor Freude kaum erwarten können. 

Um es auch dem Böswilligsten nochmal ins Notizbuch zu diktieren: Das alles ist nicht Schuld der Schwulen und Lesben, die gerne Familie sein möchten. Aber sie schwimmen unvermeidlich auf dieser Welle mit. Vermutlich haben dennoch jene Recht, die da sagen: Es wird eh so kommen. Die Realität wird mit den tiefsinnigsten Bedenken den Boden aufwischen. Trotzdem: Man muss den Kakao, durch den man unweigerlich gezogen wird, nicht auch noch trinken. 

Ich jedenfalls kann den Wunsch von homosexuellen Paaren nachvollziehen, als solche auch gewürdigt zu werden. Ich wollte ihnen, fragte man mich, jedoch nicht die Eheschließung ermöglichen, sondern eine eigene Institution – um eben diesen einen entscheidenden Unterschied in der Begründung zu bewahren. Deswegen finde ich es z.B. schlecht, wenn die römisch-katholische Kirche homosexuellen Paaren eine Segnungsfeier verweigert, aber gut, wenn meine Kirche ihnen auch weiterhin das Sakrament der Ehe nicht öffnet. Und fragte man mich, würde ich für den Staat eine ähnliche Regelung vorschlagen. Also praktisch dasselbe, auf das die Praxis der Bundesregierung z.Zt. hinaus läuft: Gleiche Regelungen in vielen Dingen, aber nicht in komplett allen. Und schon gar nicht derselbe Name für den Rechtsrahmen. Allerdings, das mag das Schicksal eines Kulturpessimisten sein, ist mein Widerwille gegen den unbezwingbaren Fortschritt nicht groß genug, deswegen einen Aufstand zu veranstalten. Wenn denn demnächst mal eine Bundesregierung das alles „gleich stellt“, dann werden die unmittelbaren Folgen viel verkraftbarer sein als die Mitgliedschaft in der Euro-Zone. Und bevor wir den Abgrund erreicht haben werden, den ich in der Nähe wähne, werde ich mich eh bereits aus Zeit und Raum verabschiedet haben. 

Sollen die damit fertig werden, die das alles toll finden.

P.S. Werwöhlfe heiraten nicht. 

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One Comment on “Was zur Homo-Ehe”

  1. n_s_n sagt:

    Viele interessante Gedanken.

    „Und das mit der “Keimzelle der Gesellschaft” ist eh Nonsens – wieviele Ehen bleiben kinderlos, und andererseits lassen sich Kinder doch heutzutage schon auf verschiedenen Wegen herstellen, ohne den lästigen Umweg des heterosexuellen Geschlechtsverkehrs. Der Fortschritt auf diesem Gebiet ist sogar unaufhaltsam. Eines nicht allzu fernen Tages wird man sich die Babys à la carte bestellen können. Notfalls geht auch immer eine Adoption aus den Armenregionen dieser Welt – das hilft dem Kind und dem homosexuellen “Eltern”-Paar. Wer also etwas dagegen sagen will, muss schon ziemlich ideologisch vernagelt sein und auch sonst ein schlechter Mensch, mit dem der Kontakt tunlichst zu meiden ist.„

    Ich habe die Erfahrung gemacht, mache sie noch, dass ein Kind auf unterschiedlich geschlechtliche Eltern völlig anders reagiert. Mutter wie Vater haben eine jeweils andere Rolle bei der Erziehung des Kindes und als Bezugsperson des Kindes in jeweils unterschiedlichen Situationen. Und das Kind scheint mir diese Unterschiedlichkeit auch durchaus zu genießen.

    Ob das nun für die Entwicklung des Kindes wichtig ist, ob es gar gut, schlecht oder gleichgültig ist für den Erwachsenen, der einmal aus dem Kind werden wird, ob es gut, schlecht oder gleichgültig für die Gesellschaft ist, in der der Erwachsene einmal Leben wird, kann und will ich unmöglich beurteilen.
    Ich möchte nur sagen, dass das mit der Keimzelle der Gesellschaft nicht notwendiger Weise völliger Nonsens sein muß. Es liegt meines Erachtens im Bereich des Möglichen, dass die Konstellation, Mutter Vater Kind, die beste ist. Besser als Mutter Mutter Kind oder Vater Vater Kind. Aber natürlich weiß ich das nicht und das herauszufinden in einer Studie, stelle ich mir sehr aufwändig vor.
    Ich persönlich wünsche meinem Kind, wünsche jedem Kind, eine fürsorgliche Mutter und einen fürsorglichen Vater. Keine gleichgeschlechtlichen Eltern. Ich belasse es aber bei einem persönlichen Wunsch, denn ich kann ihn nicht belegen, ich glaube es nur. Ich fühle das einfach für mich.
    Ich würde auch in diesem Sinne die Ehe niemals als Keimzelle unter dem Entstehungsaspekt des Lebens sehen, sondern unter dem Prägungsaspekt.

    „Aber sie ist zugleich auch Symptom viel tiefgreifenderer gesellschaftlicher Entwicklungen, und diesen ganzen Strauß, der sich da ausbreitet, den muss man nicht unbeding gut finden. Wer Vater und Mutter nicht mehr als einzige Quelle der Zeugung und Erziehung von Kindern dadurch wertschätzt, dass er ihnen eine eigene Institution reserviert, öffnet zugleich auch Türen für die verschiedensten Arten der – sagen wir mal – “Generierung” von Kindern, und er verschafft dem Staat als Erzieher weiter ein Stück mehr Spielraum.“

    Ein äußerst interessanter, gut herausgearbeiteter Aspekt.

    Möglicherweise ist er Grund (bisher unbewußt) für meine präferierte Konstellation. Vielleicht empfinde ich so, dass Vater, Mutter Kind, die emotionale Stabilität verleihen, die dem Individuum die Kraft gibt, Individuum zu bleiben und dem Kollektiv, dem Staat zu trotzen.

    Vielleicht ist es aber auch einfach so:

    Von Freitag bis Dienstag kam bei uns jede Stunde im Radio, als erste Nachricht, der Volksentscheid Irlands. Wie die Gegner Kleinmütig die Niederlage anerkennen (und das Gute akzeptieren), wie der Fortschritt und das Gute gesiegt hat und wir endlich auch folgen müssen.

    Soviel Indoktrination. So wenig Raum für eigenes Denken und Fühlen, empfinde ich in einem Maße anmaßend, dass ich gar nicht mehr hinhören mag. Egal was der andere zu sagen hat. Ich will ihm nur sagen: „Halt einfach die Klappe und laß mich selbst denken. Mein IQ befähigt mich dazu durchaus. Diese Entmündigung erwachsener Menschen kotzt mich an. Gleich, ob sie mit dem Richtigen oder Falschen entmündigt werden. Ich habe ein Recht auf meine Fehler.“

    Herzlich

    n_s_n

    P.S.: Manche heirateten zweimal und konnten dabei nicht feststellen, dass dies den eigenen Wertekanon änderte.
    Wie die Ehe der Eltern den Wertekanon beeinflußt haben, läßt sich im Nachhinein allerdings nur schwer feststellen


Platz für Senf.

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