Was zu Demokraten (AKK-Ausgabe)

Andere Baustelle, selbes Prinzip. Und diesmal – im Gegensatz zu neulich – hat es nichts zu tun mit der Verantwortung für das Handeln Dritter. Diesmal geht es direkter zu. 

Da sich der Werwohlf meistens einen Schlag mehr Zeit nimmt, auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren (die Lahmlegung des Beißmechanismus ist eigentlich eine Errungenschaft der Zivilisation – kaum bei Wöhlfen angekommen, scheint der Mensch sich ihrer gleich wieder zu entledigen), braucht es an dieser Stelle wohl kaum noch einer Beschreibung der Fakten. Wahrscheinlich reicht das Stichwort „AKK“. Wer dennoch mehr wissen muss, den verweise ich hiermit auf den Blogbeitrag meines geschätzten Kollegen Erling Plaethe, dessen wirklich lesenswerte Gedanken im folgenden Text immer wieder durchscheinen werden, vielleicht manchmal auch etwas werwöhlfisch verwandelt. 

Es sieht fast so aus, als tue der Abstand zum Nationalsozialismus dieser Republik nicht gut. Und auch nicht der zum „real existierenden Sozialismus“. Aber auf jeweils unterschiedliche Art und Weise. 

Als jemand, der in den 70er Jahren das politische Denken gelernt hat, und dies dem Zug der Zeit entsprechend von eher links orientierten Lehrern, verbindet der Werwohlf den Begriff „Demokratie“ entscheidend mit dem Begriff der Auseinandersetzung – gerne können wir auch „Streit“ sagen. Damals galt es als „links“, gegenüber allem kritikfähig zu bleiben, selbst zu denken, seine eigene Meinung zu vertreten und die daraus entstehenden Konflikte in demokratischen Institutionen erst aufscheinen und diskutieren, dann letztlich regeln zu lassen, Gut, es war nicht „links“ im Sinn der Anhänger des Gegenentwurfs, der da ein paar Kilometer vom werwöhlfischen Schulort entfernt seine Einwohner unter übelsten Drohungen vom Erkenntnisgewinn abzuhalten trachtete (bis hin zur Todesdrohung beim Versuch, sich per „Exit“ zu artikulieren). Aber „links“ im Sinn aller anderen Linken, die dem Werwohlf über den Weg liefen. Vor allem Anhänger der Sozialdemokratie verteidigten diese Prinzipien als die ihren, und sie waren stolz darauf, den Gegenmeinungen mehr Raum zu geben als die Praxis vergangener Jahre, die sie mit der Herrschaft der CDU verbanden. Und auch die aufkommenden Grünen verlangten vor allem, sich im Rahmen dieses Systems Gehör zu verschaffen – wenn man von dem wohl unvermeidlichen Wunsch junger Männer nach heldenhafter „Action“ absieht, der sich dann in Protesten gegen Atomkraftwerke und Landebahnen in die Tat umsetzen ließ. 

Heute scheint sich das geändert zu haben. Vielleicht ist das Verschwinden der anderen Diktatur auf deutschem Boden dafür verantwortlich. Es fehlt das lebende Beispiel, was es für Gesellschaften bedeutet, wenn die Meinungsfreiheit keinen Wert mehr hat.

Früher galt es als demokratisch, viele Meinungen zuzulassen und zu diskutieren. Heute gilt es als vorbildlich, nur noch die eigene Meinung als die einzig moralisch zulässige durchzusetzen und andere entweder zu diffamieren oder gleich verbieten zu lassen. Früher bestand man darauf, Moralvorstellungen zu hinterfragen und argumentativ verteidigen zu lassen, heute werden Andersdenkende beschimpft und ausgegrenzt. Früher war man stolz darauf, die eigene Meinung in der Diskussion vertreten zu können, heute empfindet man Gegenmeinungen als seelischen Missbrauch. 

Diese Gesellschaft scheint bei ihrer Suche nach Vorbildern wieder auf das Mittelalter zurückzugreifen – natürlich nicht in den Inhalten, aber was die Methoden angeht, hält sich der Dissenz in Grenzen. Und die Verteidiger der neuen Inquisition rechtfertigen dies allein damit, dass ihre Gedankenwelt doch so viel richtiger sei als die des Klerus damals. Finde den Fehler. 

Wenn der Liberalismus der Demokratie nur den einen, so wichtigen Input geliefert haben sollte, nämlich den, dass man ihr immer davon ausgehen müsse, die eigene Meinung könne sich als falsch herausstellen – schon damit hätte er ihr einen Dienst erwiesen, der ihn für immer unsterblich machen müsste. 

Nein, die Qualität einer Demokratie und einer freiheitlichen Gesellschaft (in der Hoffnung, beides gehöre zusammen) bemisst sich nicht darin, wie erfolgreich sie ist, unreine Gedanken aus der öffentlichen Diskussion herauszuhalten. Im Gegenteil, ihr Erfolg bemisst sich darin, diese (real oder angeblich) unreinen Gedanken auszuhalten und in der Diskussion gegebenenfalls so hinreichend zu widerlegen oder auch nur anzuzweifeln, dass die große Mehrheit ihnen nicht folgt. 

Wer dem eigenen Volk dies nicht zutraut, sollte sich nicht mehr Demokrat nennen. 

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2 Kommentare on “Was zu Demokraten (AKK-Ausgabe)”

  1. n_s_n sagt:

    Hervorragend.

    Das

    „Diese Gesellschaft scheint bei ihrer Suche nach Vorbildern wieder auf das Mittelalter zurückzugreifen – natürlich nicht in den Inhalten, aber was die Methoden angeht, hält sich der Dissenz in Grenzen. Und die Verteidiger der neuen Inquisition rechtfertigen dies allein damit, dass ihre Gedankenwelt doch so viel richtiger sei als die des Klerus damals. Finde den Fehler.“

    könnte so von mir sein und erinnert mich an einen alten Beitrag von mir.

    http://zettelsraum.blogspot.de/2014/05/die-gewiheit-den-richtigen-gottern-zu.html

    „Vor 500 Jahren hat man gebetet, sich gegeißelt und Ablaßbriefe gekauft, um seinem Gott zu gefallen. Heute widersagt man der (Gen-)Technik, fährt mit dem Fahrrad und kauft Bioprodukte.“

    Dir ein wundervolles, sonniges, fußballfreies Wochenende. Ich werde es mit meiner Tochter beim Planschen im Garten Verbringen. Gentechnikfrei.

    Herzlich

    n_s_n

  2. n_s_n sagt:

    Ach mist. Die nationalmansschaft spielt ja, oder? Das zählt bei mir aber gerade nicht. 🙂


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