Wunschbild Arbeitnehmer?

Es gibt übrigens noch einen Grund , warum der Werwohlf nicht auf irgendwelche Denkzettel setzt, sondern für die von ihm gewählten Partei auf Regierungsbeteiligung hofft. Hier

„Es wird höchste Zeit, Betriebs- und Arbeitnehmerbegriff neu zu definieren – und hier sind sowohl Politik als auch die Sozialpartner in der Pflicht“, sagt Kerstin Jürgens. Die Kasseler Soziologin hat zwei Jahre lang eine Kommission zur Zukunft der Arbeit geleitet. Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hatte sie berufen, um sich mit rund 30 anderen Wissenschaftlern, Ministerialen, Gewerkschaftlern und Arbeitgebervertretern einen Reim auf die Veränderungen zu machen.

Das Fazit der Wissenschaftler fasst Jürgens so zusammen: „In Zukunft darf es keine Arbeit mehr ohne soziale Absicherung geben. Das werden wir uns nicht mehr leisten können.“ Man könne zum Beispiel jeden als Arbeitnehmer begreifen und behandeln, der an der Wertschöpfung beteiligt ist – das wäre aus Sicht der Wissenschaftlerin eine Möglichkeit, etwas in der digitalen Arbeitswelt zu verbinden, das bislang voneinander gelöst ist: Verantwortung und Freiheit.

Hier wird es mit großen Worten verkleidet, was ganz einfach ist: Jeder, der für ein Unternehmen eine Leistung erbringt, soll zum Arbeitnehmer werden. 

Das hat schon Andrea Nahles versucht in dem Gesetz zur Begrenzung der Zeitarbeit und der Regulierung von Werkverträgen unterzubringen, bevor es dann im Parlament so verwässert wurde, dass die Gerichte hoffentlich keinen Anlass sehen, etwas an der bisherigen Praxis zu ändern. Vordergründig haben Gewerkschaften hier arme, ausgebeutete Subjekt im Auge, die zu Gunsten der ausbeuterischen Konzerne auf jegliche soziale Absicherung verzichten müssen und daher schlechter gestellt sind als die berühmt-berüchtigten sozialversicherungspflichtigen Vollarbeitsplatzinhaber.

Treffen wird es aber viele Leute wie den Werwohlf, der tatsächlich als Solo-Selbständiger da draußen unterwegs ist, und zwar gerade weil er Freiheit nicht darin sieht, in ein verrechtlichtes Arbeitsvertragskorsett eingebunden zu sein und über wesentliche Teile des von ihm Erwirtschafteten nicht selbst bestimmen zu können, sondern weil für ihn Freiheit darin besteht, eine knappe Ressource (nämlich den Inhalt seines Schädels) zu für ihn genehmen Konditionen für eine begrenzte Zeit einem Unternehmen zur Verfügung zu stellen – und dann wieder seiner Wege zu ziehen[1]. Solche Modelle kommen in der Vorstellungswelt der Gewerkschaften nicht vor, nicht in der von Politikern[2] und – wie wir hiermit sehen – auch nicht in der „Wirtschaftswoche“ der Nach-Tichy-Ära.

Trotz solch sperriger Typen, wie es der Werwohlf nun einmal ist, und trotz nicht wirklich niedriger Honorarsätze greifen insbesondere Unternehmen, in denen es nicht so rund läuft, gerne auf solche Dienstleistungen zurück, weil der Arbeitsmarkt die nötigen Qualifikationen für sie nicht bereit hält. Wer ein entsprechendes fachliches und natürlich auch persönliches Niveau besitzt, befindet sich in der Regel in gut dotierten Jobs und hat wenig Bereitschaft, alles für einen unsicheren Kantonisten aufzugeben, bei dem ihn auch nur Blut, Schweiß und Tränen erwarten. In Boom-Städten wie München ist die Situation nochmal um ein paar Faktoren schlimmer. Also bedient man sich mehr oder weniger gerne bei denen, die da Abhilfe versprechen. Wie es der Werwohlf in seinem Beritt tut. Wer seine Sache gut zu machen pflegt, braucht sich um Auslastung in der Regel keine Gedanken zu machen – die Vermittlungsagenturen, die einem da viel Vertriebsarbeit abnehmen, kennen ihre Pappenheimer meistens ganz gut.

Kurzum: Was die „Wirtschaftswoche“ da als großartige Zukunft vorstellt, beraubt zukünftig Unternehmen um einige Chancen, aber vor allem einige Leute um ihre Freiheit – und zwar gerade solche, die nicht „vor den Konzernen kuschen“, sondern im Zweifel auch mal Jobs ablehnen, die ihnen nicht passen, oder kurzfristig aussteigen, wenn Versprechen nicht eingehalten werden. Denn das beste soziale Sicherungsnetz besteht nicht in Geld von irgendwelchen Ämtern, sondern in der eigenen Qualifikation.

[1] Der Werwohlf machte die auf den ersten Blick paradoxe Erfahrung, dass je weniger Sicherung man verlangt, um so dauerhafter die Beziehungen sind (bewusst allgemein formuliert…). Auf den zweiten Blick ist das aber verdammt logisch. Meistens musste der Werwohlf auf der Endlichkeit seiner Projekte bestehen….
[2] Der Werwohlf telefonierte zur Verhinderung der Nahleschen Versuche u.a. mit einer SPD-Politikerin. Es war ein freundliches Gespräch, aber es wurde deutlich, dass der Dame die Berufswelt des Werwohlfs völlig fremd war.

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4 Gedanken zu “Wunschbild Arbeitnehmer?

  1. Obwohl ich mittlerweile wieder sozialversicherungspflichtig mein Einkommen erziele, hat sich an meiner Sicht auf dieses Thema nichts geändert. Nach wie vor stimme ich Dir zu.

    Es wird wirklich höchste Zeit den Arbeitnehmerbegriff neu zu definieren.
    Die Arbeitswelt in der Privatwirtschaft ist dabei ihn zu überholen.
    Sogenannte Arbeitnehmer agieren immer eigenverantwortlicher und übernehmen mehr und mehr Aufgaben der Aquise, Angebotserstellung und Beauftragung.

    Das Arbeitnehmerbild der Gewerkschaften ist geprägt vom Bemühen um den Erhalt ihrer eigenen Daseinsberechtigung.

    • Es ist wirklich diese Scheinsicherheit durch die „normalen“, verrechtlichten Verträge. Die führt alle Beteiligten zu absonderlichen Klimmzügen, sollten die Voraussetzungen nicht mehr stimmen. Und das Fatale ist, dass die meisten Arbeitnehmer darauf nicht vorbereitet sind. Dabei gibt es viele unter ihnen, die nur aufgrund ihres Sicherheitsstrebens in einer Position sind, die ihnen wenig Macht verleiht. Ich habe schon oft erlebt, wie verdutzt Firmen reagieren, wenn man ihnen zu verstehen gibt, dass man auch gut ohne sie auskommt. Und schon verändert sich das Gesprächsklima drastisch…

  2. Werter Werwohlf,
    was Sie schreiben ist alles richtig, trifft doch aber nur auf eine begrenzte Zahl von entsprechend qualifizierten und auch unternehmerisch Begabten zu. Es ist nicht verallgemeinerungsfähig. Die meisten Menschen wären in einer derartigen Situation völlig überfordert und würden untergehen.

    Wenn die Wissenschaftler es aber so meinen, wie sie es schreiben und wie es auch verstanden werden kann, dann würde das zu einer Verpflichtung zur Zwangsarbeit münden. Natürlich muss jeder die Möglichkeit haben sich, auch in einem Einmannbetrieb, selbstständig zu machen.

    Bisher habe ich solche Pläne immer so verstanden, dass die gegenwärtige Praxis der Leiharbeit verändert werden soll. Es kann nicht sein, dass Menschen gegen ihren Willen in einem Betrieb über Jahre nur mit Zeitarbeitsverträgen bzw. als Leiharbeiter beschäftigt werden und ihnen die sozialen Rahmenbedingungen der fest angestellten Arbeitnehmer dauerhaft vorenthalten werden.

    Das ist wohl ein Missbrauch, der auch nur in Zeiten des Überangebots an Arbeitskräften funktioniert.

    Herzlich, Paul

    • Lieber Paul,

      die Frage muss doch sein, warum meine Einstellung nicht „verallgemeinerungsfähig“ sein sollte. Bin ich so ein Überflieger oder nutze ich nur Chancen, die andere erst gar nicht in Erwägung ziehen?

      Der entscheidende Punkt ist die Qualifizierung. In der Schule aufpassen, lernen, und was draus machen. Klar ist das Problem, dass man die Weichen so früh stellen muss, aber sie sind da. Aber niemand wird es sich in der digitalisierten und globalisierten Welt leisten können, nicht von Anfang an sein Potenzial auszuschöpfen. Der Staat kann und soll hier unterstützen, aber entscheidend ist die Mentalität in der Familie, und da gibt es bekanntermaßen erhebliche Unterschiede ja nach Herkunft.

      Das Problem der diskutierten Gesetzesvorlagen ist, dass sie das Kinde mit dem Bade ausschütten. Den Ankündigungen der interessierten Parteien (inkl. Regierungen) ist hier nicht zu trauen – treffen würde es eben auch ganz andere.

      Der von dir konstatierte Missbrauch ist übrigens nichts weiter als ein Ausdruck künstlich hoch gehaltener Entgelte.

Platz für Senf.

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