Unsinnige Phrasen (Teil I)

„Wenn Sie sowas abpfeifen, haben wir in einem Spiel 30 Elfmeter!“

Die jeweils genannte Zahl variiert natürlich, aber man kann die Uhr danach stellen, dass irgendein Fußballexperte, ziemlich sicher ehemalige Spieler („Ja gut, äh…“), diese Phrase anbringt, wenn jemand darauf besteht, dass Fouls im Strafraum nicht anders geahndet werden als außerhalb. Unsinn ist sie natürlich deshalb, weil sie nicht berücksichtigt, dass Spieler sich an die Regelauslegung des Schiedsrichters anpassen. Höhere Weihen bekommt dieser Unsinn regelmäßig in der Politik, wo bei diversen Forderungen, besonders im Bereich der Besteuerung, auch immer vorausgesetzt wird, die betroffenen Bürger oder Unternehmen seien nicht in der Lage, ihr Verhalten auf die neue Regelung abzustimmen.

Fast genau so beliebt und in der Zielrichtung ähnlich ist der Spruch „Das war kein elfmeterwürdiges Foul!“. Man kann im Regelwerk nachblättern, wie man will: Es kennt nur Foulspiel an sich, aber innerhalb dessen keine Unterscheidung in elfmeterwürdig oder nicht elfmeterwürdig. Was bisher keinen Sportreporter daran hindert, den Unsinn weiter zu verbreiten.

„Wenn wir XY tun, haben die Terroristen gewonnen!“

XY steht hier für eine beliebige, die innere Sicherheit erhöhende Maßnahme. Als Terrorist in Deutschland profitiert man vom Erbe der RAF. Die hatte es nämlich tatsächlich zum Teil ihrer Strategie gemacht, mit ihren Anschlägen den Staat so zu provozieren, bis er anfänge, wegen zahlreicher Freiheitseinschränkungen der Faschismus-Karikatur zu ähneln, die sie von ihm zeichneten. Seither gilt es als Allgemeingut, dass alle anderen Terroristen dasselbe Ziel verfolgen. Das Problem ist nur: Bei den Islamisten ist von einer solchen Zielrichtung nichts bekannt. Die wollen vielleicht, dass sich die Ungläubigen aus den von ihnen beanspruchten Gebieten zurückziehen oder unterwerfen. Oder sie wollen schlicht möglichst viele von uns umbringen. Da in ihrem eigenen staatlichen Ideal aber Freiheitsrechte eh klein geschrieben werden, können sie bei ihren Unterstützern kaum damit punkten, dass die potenziellen Opfer mehr staatliche Überwachung haben wollen – eher im Gegenteil. Sicher gibt es andere gute Gründe, bei der Terrorismus-Abwehr nicht zu übertreiben und das Kind mit dem Bade auszuschütten. Nur den Dschihadisten ist das im Prinzip egal. Oder es stört sie eher, weil sie dann nicht mehr so einfach operieren können.

„Diese politische Instrumentalisierung von XY ist widerlich!“

XY steht hier für irgendein öffentlichkeitswirksames Ereignis. Die Sache ist eigentlich ganz einfach: Instrumentalisierung ist das Wesen von Politik. Wer als Politiker mit einem gegebenen Forderungskatalog nicht darauf reagiert, wenn sich etwas eingetreten ist, was seinen Forderungen neuen Nachdruck verleihen könnte, macht seinen Job nicht richtig. Die Linken schreien bei jedem Armutsbericht auf, die Liberalen bei jeder Zusammenstellung von Steuer- und Abgabenlasten und Konservative eben immer dann, wenn sich Lücken in der inneren Sicherheit offenbaren. Warum ausgerechnet die letztere politische Kategorie eine Reaktion verbieten sollte, erschließt sich dem neutralen Betrachter nicht. Weil die Anlässe dort besonders drastisch ausfallen? Wäre das denn nicht eher ein Argument *für* eine prompte und deutliche politische Stellungnahme? Wir merken uns also: „Instrumentalisierung“ ist im politischen Sprachgebrauch die durch einen konkreten Anlass bestätigte Wiederholung bekannter politischer Forderungen – ganz wichtig: – der Anderen. Aber auch Phrasen haben mitunter Informationswert: In diesem Fall sind sie z.B. geeignet, die politische Position des Sprechers offenzulegen, obwohl dieser sich doch scheinbar nur moralisch äußern wollte.

(wird fortgesetzt)

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