Was zu Angst

Ja, es ist unwahrscheinlicher, bei einem terroristischen Anschlag ums Leben zu kommen als bei einem Verkehrsunfall. Deswegen ist individuelle Angst im normalen Alltag auch nicht allgemein angebracht. Dennoch: Es spielen auch jedes Wochenende Millionen Menschen Lotto, und meistens geht man davon aus, dass die Angst vor Verlusten höher ist als die Hoffnung auf Gewinne, der Mensch also risikoavers handelt. Zumal der Einsatz bei Anschlägen auch ein ziemlich hoher ist… Die Wahrscheinlichkeit, dass es einen doch erwischt, steigt mit der Zahl der Massenveranstaltungen, die man so besucht, und sie sinkt mit der Intensität der Schutzvorkehrungen.

Aber wie gesagt: Es ist weiterhin ziemlich unwahrscheinlich, dass es einen selbst erwischt. Es ist allerdings überhaupt nicht unwahrscheinlich, dass es irgendeinen anderen erwischt. Und das ist dann eben der Punkt, an dem die Politik ins Spiel kommt. Ist das ein Risiko, mit dem wir einfach so leben wollen, oder wollen wir etwas dagegen tun? Beim Straßenverkehr ist es so, und deswegen ist er bei solchen Vergleichen auch immer sehr beliebt, dass man tatsächlich die Zahl der Verkehrstoten drastisch senken könnte. Man könnte z.B. die Autohersteller zwingen, nur Motoren zu bauen, die nicht schneller als 30 km/h fahren. Oder auf jeden Straßenkilometer eine Notarztstation einrichten. Oder das Fahren bei Nacht verbieten. Oder den Führerschein für Menschen über 30 und unter 70 Jahre reservieren. Oder, oder, oder… Macht man aber nicht. Zum Beispiel, weil man entweder auf den Nutzen schnelleren Fahrens nicht verzichten will. Zum Beispiel, weil das „zu teuer“ wäre. Zum Beispiel, weil es diskriminieren würde. Aber egal, wie man es dreht und wendet: Damit beschließt man, dass Menschenleben eben doch einen Preis haben. Zwar nicht individuelle, denn für die tut man *im Rahmen der Möglichkeiten*(!!!) immer alles, aber statistische. Wenn wir nicht wissen, wer dran glauben muss, versehen wir auch Leben mit Preisschildern.

Mit dem Terrorismus kann man das genau so handhaben. Keine Videoüberwachung, weil das dem Staat mehr Macht über die Bürger gibt. Keine schnellere Abschiebung, weil wir ein freundliches Gesicht zeigen wollen. Keine Einreisekontrollen, weil es unsere christliche Pflicht ist, jeden aufzunehmen, der anklopft. Und wenn uns dann wieder mal irgend so ein islamistischer Vollidiot eine lange Nase dreht und im Namen seines Glaubens einige Menschen abmurkst, die zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort waren, dann ist das eben der Preis dafür. Wir schlagen zurück, indem wir so weiter machen und unseren Todfeinden weiterhin die gesamte Einwohnerschaft zur gefälligen Auswahl als weiches Ziel offerieren. Wie gesagt: Das kann man so machen. Aber dann soll man es bitteschön auch so sagen.

An dieser Stelle sei auch mal wieder ein Loblied auf das subjektive Empfinden gesungen. Ein von den üblichen Verdächtigen vielgerühmter Artikel auf welt.de lässt sich heute wie folgt aus:

Wenn ich doch wieder einmal aus einem Waggon aussteige, weil ich einen zotteligen Bartträger, der hektisch und laut auf Arabisch telefoniert, des Terrorismus verdächtige, dann ist mir das im Nachhinein peinlich – aus gutem Grund! Ich weiß, dass meine pauschale Furcht vor allem eines ist: rassistisch.

Ich verurteile eine ganze Gruppe von Menschen aufgrund ihrer vermeintlichen Herkunft, verführt von all den Bildern, die ich in meinem Kopf reflexartig zu einem bedrohlichen Klischee verwebe. Es ist aber eine Bürgerpflicht und Errungenschaft der Aufklärung, pauschale und dumpfe Gefühle zu hinterfragen und ihnen nicht zu verfallen.

Aus einem Waggon auszusteigen, nur weil nebenan ein „zotteliger“ Araber laut telefoniert, ist wahrscheinlich eher übertrieben ängstlich als rassistisch. Es hat aber mit „Verurteilen“ nichts zu tun, wenn man sich zwar zu 99% sicher ist, dass der Typ harmlos ist, aber die 1% mal nicht riskieren will. Wenn das Gegenteil von Rassismus blindes Vertrauen ist, ist sich der Werwohlf nicht sicher, was davon zu meiden sei. Was kann die ängstliche Frau dafür, dass die Typen, die gerne beliebige Menschen um die Ecke bringen, eher nicht blauäugige Blonde sind, die laut Finnisch sprechen, sondern eben Herrschaften aus islamisch geprägten Regionen der Welt? Wohl genau so wenig, wie der „arabische Zottel“ selbst, aber der hat von der „Welt“-Redakteurin ja auf keinen Fall etwas zu befürchten, es sei denn vielleicht, er fragte sie nach ihrer Tanzkarte. Dass sich diese Schieflage in subjektivem Empfinden niederschlägt, kann man niemandem verübeln. Im Grunde ist es eine Reaktion, die in uns genetisch verankert ist: Wir würden uns gerne noch etwas vermehren, bevor wir das Zeitliche segnen, und wenn sich Letzteres vermeiden lässt, nehmen wir das Angebot eben gerne an.

Der Werwohlf findet es gut, dass in der Presse solche Fragen diskutiert werden. Er hat zwar den Verdacht, dass es hier in erster Linie um Birgit-Kelle-Bashing geht, der hiermit sehr elegant Rassismus vorgeworfen wurde, aber man soll ja zuerst immer das Gute sehen und die bestmögliche Intepretation heranziehen.

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One Comment on “Was zu Angst”

  1. n_s_n sagt:

    „Ich verurteile eine ganze Technologie aufgrund ihrer vermeintlichen Auswirkungen, verführt von all den Bildern, die ich in meinem Kopf reflexartig zu einem bedrohlichen Klischee verwebe. Es ist aber eine Bürgerpflicht und Errungenschaft der Aufklärung, pauschale und dumpfe Gefühle zu hinterfragen und ihnen nicht zu verfallen.“

    Ob sich die der Aufklärung so verpflichtet fühlende Sonja Gillert dieses Statement, welches sich nur unwesentlich von demjenighen in ihrem Artikel unterscheidet, nach dem 11. März 2011 zu der Reaktor Havarie in Fukushima ebenfalls geschrieben hätte?

    Da das selbst heute noch keiner der Qualitätsjournalisten schreibnt, würde ich mal ein paar Jahresgehälter dagegen setzen.

    Die bestmögliche Interpretation heranziehen ist ehrenwert, aber man sollte das Offensichtliche nicht übersehen.

    🙂

    Herzlich

    n_s_n


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