Skandal

Es ist ein Skandal.

Gerade heute, am Heiligabend, offenbaren sich die ganzen, üblen Auswüchse des Neo-Liberalismus. Nicht nur, dass es sich um ein Fest des ungehemmten Konsums handelt, was an sich schon verwerflich genug wäre, nein, an diesem Tag werden wir auch noch mit zwei der unzähligen sozialen Probleme dieses Landes vertraut gemacht: Rentnerarmut und Kinderarbeit. Während in den nördlichen Gefilden der Republik offensichtlich ein alter, unter Adipositas leidender Mann statt sich in staatliche Pflege begeben zu können, schwere Pakete schleppen und beim Transport auch noch ein Gefährt benutzen muss, das allen Arbeitssicherheitsgesetzen Hohn spricht, plagt sich im Süden vor allem ein goldig aussehendes Kind, in diesem nasskalten Wetter nur leicht bekleidet, als Auslieferer der Ware, bei dem man es sich gar nicht vorstellen kann, wie es diese Gewichte überhaupt zu stemmen in der Lage ist. Schwere Schäden am Bewegungsapparat sind damit vorprogrammiert.

Und jetzt das Schlimmste: Gerüchten zufolge sollen diese beiden Opfer unseres Wirtschaftssystems auch noch unbezahlt tätig werden. Es handelt sich außerdem um reine Saisonarbeiter, die stets nur an wenigen Tagen im Dezember tätig werden. Von einer sozialen Absicherung im Rest des Jahres ist nichts bekannt. Obwohl dieser Zustand nun schon viele Jahre andauert, hat die Bundesregierung noch nichts dagegen unternommen. Zwar sind gesellschaftlich erste Versuche erkennbar, das Fest allmählich aus dem öffentlichen Leben heraus zu drängen und insbesondere der Kinderarbeit im wie immer armen Süden ein Ende zu bereiten, doch scheinen diese noch keinen allgemeinen Widerhall gefunden zu haben.

Es bleibt also noch viel zu tun. Möge jede(r) von uns an seinem oder ihren Ort die Not dieser beiden Hilfsarbeiter wenigstens etwas lindern, ihnen ein Lächeln schenken und dann schnell die schweren Pakete aus der Hand nehmen. Was wohl drin sein mag?

Jaja, okay. Wie kann man gerade an Heiligabend über Rentnerarmut und Kinderarbeit Witze machen. Das ist ja unerhört. Stimmt – und deswegen ist das hier ja auch nicht geschehen. Wenn schon jemand etwas Satirisches im obigen Text erkennen mag, und das ist auf diesem Blog so unwahrscheinlich ja nie, dann richtet es sich nicht gegen Arme, sondern gegen diejenigen, die jede müde Story und jede hingeschluderte Studie zum Anlass nehmen, immer wieder solche Skandale auszurufen. Dabei ist auch in beiden hier genannten Fällen die Wirklichkeit deutlich zu vielschichtig für ein simples Schwarzweißdenken. Rentner, die arbeiten, könnten dies – horrible dictu!! – ja freiwillig tun, und wer nur wenig Rente bezieht, kann trotzdem in einem wohlhabenden Haushalt leben. Kinder, die in der Dritten Welt für den Export an der Warenherstellung beteiligt sind, nehmen damit oft die für sie unter den gegebenen Umständen beste Alternative wahr. Wenn sie stattdessen auf dem Feld arbeiten müssten, wäre, weil das Endprodukt nicht so erkennbar westlichen Konsumgelüsten dient, das erstweltliche Gewissen vielleicht beruhigt, aber die Kinder selbst müssten härter arbeiten und ihre Familien hätten weniger Geld. Wer also angeblich zur Bekämpfung der Kinderarbeit zum Boykott der von ihnen produzierten Güter aufruft, erweist ihnen womöglich einen Bärendienst. Wohlgemerkt: Damit soll kein Umkehrschluss belegt werden. Rentnerarmut kann ein Problem sein bzw. werden, und Kinderarbeit ist alles andere als erstrebenswert. Aber die Dinge sind eben viel komplizierter als sie uns in unserer auf Skandale programmierten Öffentlichkeit (auch eine Form dekadenten westlichen Konsums, wenn man so will…) oft präsentiert werden.

Aber gerade jetzt, wo in diesen Breiten nicht nur der Himmel grau in grau daher kommt, sondern auch die allgemeine Stimmung angesichts der jüngst erlebten Untaten und einer um sich greifenden Verunsicherung, lohnt es sich, vielleicht doch wieder mal an das zu erinnern, was uns auch heute Anlass zur Hoffnung geben kann: Gott ist Mensch geworden, damals, vor so ca. 2000 Jahren.

Frohe Weihnachten!

Advertisements


Platz für Senf.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s