Was zum Erfolg der AfD

Geht es nach den schlichten Geistern, die gerne mal Parteizentralen, Studios, Redaktionen und Talkshows bevölkern, dann ist eigentlich minütlich mit einem Fackelmarsch in Schwerin zu rechnen, denn über 20% der Wähler hätten sich dort als Nazis entpuppt. Wahrscheinlich über Nacht, denn das Nazisein ist offensichtlich so eine Art Jekyll-Mr.Hyde-Syndrom, das nur dann ausbricht, wenn man eine Partei wählt, die den Herrschenden nicht in den Kram passt. Andererseits sollten sich gerade die Freunde der assoziativen Denunzierung Gedanken machen, was bei der letzten Wahl an den Programmen von SPD, CDU oder Linken so attraktiv war, dass jetzt als Jünger Hitlers entlarvte Subjekte daran Geschmack fanden. 

Aber keine Sorge, es gibt ja den Werwohlf mit seiner – nein, nicht „ultimativen“, denn wem sollte er das Ultimatum setzen – allumfassenden Erklärung des Wahlergebnisses von Mecklenburg-Vorpommern und vielen davor wie danach. Fangen wir sinnvollerweise an mit

1. GröKaZ – die größte Koalition aller Zeiten (Verballhornung „GröKo(t)z“ ist erlaubt, weil naheliegend)

Vermutlich wird sich keiner mehr daran erinnern, der noch gelernt hat, Webseiten zu lesen: Zeiten großer Koalitionen sind traditionell Zeiten, zu denen die politischen Ränder gestärkt werden. Am Ende der ersten „Großen Koalition“ der Bundesrepublik Deutschland wäre beinahe die NPD in den Bundestag eingezogen. Die FDP als einzige Oppositionspartei, noch zudem eine, deren einzige Hoffnung darin bestand, von einer der Regierungsparteien als Koalitionspartner benötigt zu werden, konnte nicht das nötige Gegengewicht bilden. Zur selben Zeit entstand dann auch die APO, die „Außerparlamentarische Opposition“, aus den Verbänden linker Studenten. 

Heutzutage ist die Lage nicht viel anders. Die Opposition aus Linken und Grünen ist keine grundsätzliche, sondern höchstens eine, die aus der sozialdemokratischen Politik der aktuellen Regierung gerne eine noch sozialdemokratischere machen würde, ergänzt um die in den letzten Jahren entfachte Lust aller Parteien an der Gängelung des täglichen Lebens der Bürger. Und das Ganze wird dann in der Regel auch noch moralisch überhöht und als alternativlos verklärt. 

In solchen Situationen ist damit zu rechnen, dass sich Widerstand formiert. Da die linke Flanke durch die Opposition weitgehend abgedeckt ist, entsteht rechts eine Art Vakuum, das nur darauf wartet, gefüllt zu werden.

2. Radikale Kehrtwenden – der neue „Pragmatismus“

Man gönne sich mal den Spaß und lese Aussagen des letzten Säulenheiligen deutscher Politik, Helmut Schmidt. Vieles, was er damals zum Besten gegeben hat, würde ihn heute mindestens als „Rechtspopulisten“ brandmarken, nach dem letzten Wochenende aber wahrscheinlich mindestens als Nazi. Und das ist nur das verblüffendste Beispiel. Was vor 30 Jahren noch ganz gewöhnliche CDU-Politik war, würde heute in einem medialen Shitstorm als „braune Gefahr“ beschworen werden. Dass linke Parteien solchen Positionen nur wenig abgewinnen können, versteht wohl jeder Bürger. Und wer selbst links tickt, wird da auch gerne mitgehen. Aber woher nimmt unsere polit-mediale Elite eigentlich die Zuversicht, dass z.B. ehedem treue CDU-Wähler plötzlich zu „Atomkraft – Nein Danke“-Fans werden oder sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass Landesgrenzen sowas von vorgestern und sowieso nicht zu schützen seien? Oder sich mit Herzenslust daran machen, ihre Sprache zu „gendern“? Welche Gehirnakrobatik wird von Wählern verlangt, die eben noch gehört haben, dass für Sanierungen von Schulen, Brücken und Straßen kein Geld da ist, dann aber plötzlich erleben, wie für fremde Menschen, die eine Einladung der Kanzlerin dankbar annahmen, ein „Topf“ nach dem anderen geöffnet wird?

Alles, was Recht(s) ist: Die Annahme, dass die Deutschen so obrigkeitshörig sind, dass sie jede Volte ihrer dauerregierenden Partei mitmachen, ist an sich schon eine Beleidigung.  Und die nächste folgt, wenn auf die Feststellung, dass sie es nicht sind, mit Beschimpfungen reagiert wird.

3. Fremdbestimmung

Diesmal werden sich die Älteren erinnern: Mecklenburg-Vorpommern gehörte mal zur DDR. Die damals das gleiche Schicksal teilte wie z.B. Polen oder Ungarn: Von den Sowjets besetzt, diktatorische Marionettenregierung installiert. Das Ende des letzten Jahrhunderts brachte für diese Menschen das Ende der Fremdbestimmung, das sie schon immer herbei sehnten. Dass diese Menschen jetzt besonders allergisch reagieren, wenn sie das Gefühl bekommen, erneut über ihre Köpfe hinweg regiert zu werden, kann man ihnen kaum verübeln. Und dass sie Selbstbestimmung eng an den Begriff der Nation knüpfen, ist in diesem Zusammenhang für den logisch denkenden Menschen nicht verwunderlich. Den Internationalismus hatten sie eingepaukt bekommen, und er erwies sich als nicht besonders attraktiv. 

Wer also jetzt erlebt, wie „Brüssel“ (in Wirklichkeit stecken ja oft die nationalen Regierungen dahinter) in den Alltag hinein regiert, und das gar nicht mal so selten auf äußerst un-, um nicht zu sagen:, schwachsinnige Art und Weise, wer das Gefühl hat, dass seine Nachbarschaft womöglich von heute auf morgen einen signifikanten Anteil von Menschen aufweist, mit denen sich aufgrund diverser kultureller Unterschiede ein Zusammenleben sehr schwierig gestaltet, der wird gerade dann gern zum Gegenmittel greifen, wenn er als ehemaliger „Ostbürger“ eben noch froh war, unter dem Dach seiner Nation untergekommen zu sein.

4. Systemkrise

Machen wir uns nichts vor. Die heile Welt der Nachkriegszeit ist längst auf diversen Ebenen einer instabilen gewichen, mit korrumpierten Institutionen, wohin man schaut.

In der Politik regiert eine Kaste von Berufspolitikern, die direkt nach dem – möglichst unproduktiven – Studium ein bezahltes Mandat übernehmen und dann in der politischen Welt nach und nach aufsteigen. Die Parteien haben mit ihrer Durchdringung der Institutionen die Gewaltenteilung bis auf kleine Reste längst eliminiert. Es kann durchregiert werden, zumindest entlang des sozialdemokratischen Konsenses, der sich neuerdings ergeben hat. Steuergelder fließen als Förderung in die Kanäle der von den Parteien favorisierten und protegierten Organisationen und finanzieren auf diese Weise eine weitere Anzahl von öffentlichkeitswirksamen Akteuren, die einer Rückkopplung an real-weltliche Gegebenheiten enthoben sind. Die Eigendynamik einer demokratisch verfassten Republik verlangt darüber hinaus  Tätigkeiten der Abgeordneten. Sprich: Sie müssen Gesetze beschließen „auf Teufel komm raus“. „Hier ist noch eine kleine Lücke übrig geblieben, da müssen wir was tun. Oder dort ist die Lücke erst entstanden, weil wir eben etwas taten. Da müssen wir jetzt noch was tun. Oder was anderes.“

Die Wirtschaft wird durch Negativzinsen für Zombie-Banken mühsam am Vegetieren gehalten, um die längst fällige Bereinigung der Märkte weiter hinaus zu zögern. Das Gleiche gilt für EU-Staaten, deren Pleite nur dadurch vermieden wird, dass sie am Tropf der anderen hängen. Die Belange von großen Konzernen, längst mit der Politik auf vielfältige Weise verwoben („Crony Capitalism“), finden politisches Gehör, während sich der im harten Wettbewerb behauptende Kleinunternehmer und Mittelständler immer neuen Gängelungen stellen muss, die aus der o.g. erzwungenen Gesetzesproduktion resultieren.

Dass Leute das nicht toll finden, kann man vielleicht verstehen. Zugegeben: In vielen Punkten ähnelt diese Analyse einer linken. Also warum soll das eine Erklärung für den Zuwachs für eine „rechte“ Partei sein? Nun, die Rezepte, die links in solchen Fällen bereit gehalten werden, überzeugen nicht jeden (der Werwohlf sagt: kein Wunder). Also könnte man sich genau so gut anderer bedienen, zumal wenn als Referenzperiode eben nicht die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts, sondern eher die 80er angegeben werden. Auch diese Rezepte müssen nicht überzeugen, aber es gibt keine Gründe, warum sie nicht mindestens genau so attraktiv wie die linken sein sollten. 

5. Ex-DDR

Keine Frage: In den „neuen Bundesländern“ fährt die AfD regelmäßig höhere Wahlergebnisse ein. Auch dafür gibt es gute Gründe. Es gibt hier kein so eingefahrenes Wählerverhalten wie im Westen. Hier nimmt man nach langen Jahren der Entbehrung Demokratie noch so ernst, dass man sich nicht von Regierenden und als gesteuert empfundenen Medien sagen lässt, wo man sein Kreuz zu machen hat. Und hier fällt am ehesten der Unterschied zwischen den Hochglanzprospekten der bundesrepublikanischen Parteiendemokratie und ihrer viel profaneren Wirklichkeit auf, was aus den o.g. Gründen auch schneller und radikaler in Wahlentscheidungen mündet.

Wie man sieht, steht hier nirgendwo „Flüchtlinge“. Dabei ist doch gerade das die dominierende Erklärung: AfD-Wähler haben es nicht so mit den Fremden. Sie sind fremdenfeindlich bzw. xenophob. Ach, was soll der Differenzierungs-Geiz: Es sind eben Nazis. Was in der abstrusen Gegebenheit resultiert, dass sich gerade die Parteien, die mit äußerster Heftigkeit die Wähler unerwünschter Parteien beschimpfen und diffamieren, sich zu „demokratischen“ ernennen und sich mit diesem selbstverliehenen Etikett als einzig wählbare Optionen etablieren wollen. Von diesem Treppenwitz abgesehen: Die AfD-Wähler sind wohl so heterogen wie die Wähler keiner anderen Partei. Keiner wählt AfD in der Hoffnung, sie würde die Regierung übernehmen. Aber sehr viele wählen die AfD in der Hoffnung, ihre Stimmabgabe würde die anderen Parteien – am liebsten eben diejenige, die sie vorher wählten – zu einer Änderung ihrer Politik bewegen. Wessen Meinungen von der polit-medialen Elite ständig als überholt und vorgestrig abgetan werden, der wählt womöglich tatsächlich mal eine Partei, bei der diese Meinungen noch als aktuelle gelten. 

Und insgesamt gesehen ist das auch gut so. Der AfD gebührt mindestens das Verdienst, mehr Menschen an die Wahlurne geholt zu haben als vorher. Dass gerade das mittlerweile als „undemokratisch“ gilt, überrascht wohl nicht nur den Werwohlf.

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3 Kommentare on “Was zum Erfolg der AfD”

  1. Sathiya sagt:

    Genau. Ich ringe seit Tagen um solche Sätze – ich hätte es nicht besser sagen können.
    Danke.

  2. Anus Mundi sagt:

    Treffer, versenkt! Danke.

  3. giovanni gruen sagt:

    Zitat: Aber sehr viele wählen die AfD in der Hoffnung, ihre Stimmabgabe würde die anderen Parteien – am liebsten eben diejenige, die sie vorher wählten – zu einer Änderung ihrer Politik bewegen. Wessen Meinungen von der polit-medialen Elite ständig als überholt und vorgestrig abgetan werden, der wählt womöglich tatsächlich mal eine Partei, bei der diese Meinungen noch als aktuelle gelten. –
    Na wenn das mal nicht „nach hinten losgeht“, erstens im Sinne der „Vorgaenger“ Gruene in den 70er 80ern, Republikaner, Rechtsstaatliche Offensive, Piraten, WASG, etc. ob von links oder rechts – ausser Spesen nichts gewesen. Zweitens im Sinne des Zauberlehrlings der bekanntlich die Geister die er rief nicht wieder loswurde.Denn das Programm der AfD ist nicht im Sinne der meisten ihrer Waehler, wer lesen kann und dieses ergo auch mal anwendet ist da klar im Vorteil…


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