Bosse, Bonzen und Büros

Das Problem bei vielen Journalisten und Publizisten, die sich mit Wirtschaftsthemen beschäftigen, ist: Da reden Blinde von der Farbe. Nicht nur, dass ihnen die Erfahrung fehlt, länger in Schlüsselpositionen von Unternehmen gearbeitet zu haben, sie unterliegen auch einer Blickverzerrung, weil sie ihre eigene Arbeitswelt auf die gesamte Volkswirtschaft projizieren. Dieser bias hat uns z.B. schon die angebliche „Generation Praktikum“ beschert, die den meisten Akademiker außerhalb der „Irgendwas mit Medien“-Welt als Erzählung von einem anderen Stern vorkam. Und auch der Furor, mit dem in dieser Branche die Frauenquote gefordert wird, hat ein gutes Stück damit zu tun, dass in der Medienwelt nicht ein derartiger Frauenmangel herrscht wie z.B. in sehr technikgetriebenen Unternehmen – im Gegenteil.

Über Twitter wurde der Werwohlf aufmerksam auf diesen Artikel: „Ich bin im Büro – holt mich hier raus!“ Der Autor Patrick Spät beschäftigt sich auf „Zeit Online“ mit der Frage, warum Großraumbüros bei Unternehmen weiter so populär seien, obwohl sie auch erhebliche Nachteile besitzen. Die Gründe, die er aufführt, stammen dabei aus der Mottenkiste linker Kapitalismuskritik, die ihren Mangel an Erfahrung wettmacht durch das Zitieren ideologisch in den Kram passender Autoritäten (denen die Erfahrung selbstverständlich ebenfalls fehlt, aber „Ich habe doch Foucault zitiert!!Einself!!“):

„BWLer“ hätten „penibel genau errechnet, dass der erhöhte Verschleiß der Mitarbeiter durch andere Faktoren wieder wettgemacht wird“. Unternehmen sparten durch Großraumbüros Miet- und Energiekosten. Außerdem könnten die „Bosse und Bonzen“ in ihnen ihre Lohnsklaven (der Begriff kommt im Artikel nicht vor, würde aber zu dessen Ton passen) besser kontrollieren, und auch die gegenseitige Kontrolle der Mitarbeiter würde so gefördert. Im Grunde seien die Großraumbüros Gefängnisse, „mit deren Insassen ein perfides Spiel getrieben wird“.

Nun stellt sich die Angelegenheit so dar, dass der Werwohlf sein Berufsleben in wesentlichen Teilen als Entscheidungsvorbereiter der besagten „Bosse und Bonzen“ verbracht hat und weiter verbringt. Er ist nämlich einer dieser „BWLer“, die da „penibel genau“ (sagen wir mal so: Excel ist geduldig…) die Vorteilhaftigkeit von Maßnahmen ausrechnen. Und das Komische an der Sache ist: Zwar erweisen sich die Chefs, also die „Bosse und Bonzen“ gemäß Diktion von „Zeit“-Journalisten, sehr empfänglich für monetäre Effekte, also z.B. tatsächlich Einsparungen an Raumkosten, und sie vernachlässigen leider allzu oft die weniger direkt messbaren, z.B. die Auswirkungen auf die Motivation von Mitarbeitern, aber zwanghafte Kontrollfreaks oder sadistische Perverslinge sind die wenigsten unter ihnen. Der Autor des Artikels vermag auch nicht den Widerspruch aufzulösen, dass die ganzen schrecklichen Folgen für die Mitarbeiter letztlich zu einer Verringerung von deren Produktivität führen muss, was dann wiederum überhaupt nicht im Interesse der Vorgesetzten, pardon: der „Bosse und Bonzen“ liegen kann. Nein, dieses ganze Sozial- und Mitarbeitergedöns ist den meisten Chefs einfach viel zu schwammig und vor allem: ihnen nur in den seltensten Fällen direkt zurechenbar, so dass es in ihre Entscheidungsfindung einfach nicht einfließt. Die Leute sind eingestellt, also sollen sie einfach ihre Arbeit machen.  Die Tricks und Kniffe, die man ihnen auf Seminaren zur Mitarbeitermotivation vielleicht beibringt, werden natürlich danach sofort mal ausprobiert, dann aber wegen nicht unmittelbar messbarer Resultate nicht weiter verfolgt (was vermutlich auch besser so ist). Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen: Manager und Unternehmer, die ein loyales und gern mit ihnen zusammenarbeitendes Team um sich scharen. Der Punkt aber ist: Noch nie hat irgendein Chef oder Auftraggeber den Werwohlf instruiert, er möge sich doch etwas ausdenken, was Mitarbeiter so richtig fertigmacht, was ihnen jede Freude an der Arbeit nimmt oder was sie in Ängste versetzt. Sie mögen diese Parameter viel zu oft ignorieren, aber die üblen Auswirkungen haben wollen sie auf gar keinen Fall, denn ohne gute Mitarbeiter können sie nicht vor ihren eigenen Chefs glänzen. Was dann auch eine weitere Lücke in der Unternehmens-Märchenwelt solcher Journalisten ist: Die tun so, als gäbe es da irgendwo absolute Herrscher, „Bosse und Bonzen“ eben, die nach Gutdünken mit ihren Angestellten umspringen könnten. In der Wirklichkeit ist es aber eher so, dass diese „Bosse und Bonzen“ von anderen „Bossen und Bonzen“ äußerst ehrgeizige Ziele gesetzt bekommen haben, die sie ohne produktive Mitarbeiter niemals erfüllen könnten. Da spielen Raumkosten sehr schnell eine sehr untergeordnete Rolle. 

Manchmal ist es in „der Wirtschaft“ auch nicht viel anders als in der Politik. Manche Maßnahme erfolgt rein symbolisch, als Rechtfertigungsaktion nach außen, selbst wenn sie letztlich kontraproduktiv sein sollte. Wer kennt nicht die Beispiel von Unternehmen in der Verlustzone, bei denen dann als erstes die Kekse in Besprechungsräumen, etwaige Freigetränke und natürlich auch die Reisekostenbudgets gestrichen werden. Der Werwohlf wartet noch auf die Schlagzeile: „Turnaround bei der XY AG geschafft! CEO: Das gute Ergebnis verdanken wir meinem energischen Durchgreifen bei den Bewirtungskosten.“ Sowas wird dann als „psychologischer Effekt“ bezeichnet, der den Mitarbeitern den „Ernst der Lage“ verdeutlicht. Als ob diese in solchen Situationen nicht schon wochenlang voller Sorge um ihre Jobs wilde Gerüchte ausgetauscht hätten.

Demzufolge wird die Umstellung auf Großraumbüros auch gerne als „frischer Wind“ eines neuen CEOs oder Bereichsleiters verkauft. Irgendwas muss der ja anders machen. Und dann redet man eben von „offener Kommunikation“ und dem „Ende der Abschottung“. Meistens müssen die Chefs dann aber mittendrin sitzen, und das einzige, was man ihnen als Vertraulichkeitszone gönnt, ist dann eines dieser „Aquarien“, ein Glaskasten. Der, anders als der „Zeit“-Autor und seine Gewährsleute uns glauben machen wollen, viel weniger der Kontrolle der Mitarbeiter durch den Chef dient als umgekehrt. Und auch der Vorwurf, Großraumbüros dienten dazu, dass sich Mitarbeiter gegenseitig argwöhnisch beäugen, so dass niemand es wagte, „kurz mal bei Facebook, YouTube oder auch bei ZEIT ONLINE vorbeizuschauen“, dürfte sich kaum halten lassen: Eins der Unternehmen, in denen der Chef mittendrin im Aquarium sitzt, ist z.B. Facebook, und ausgerechnet von dem berichtete ein ehemaliger Manager, dass dort Besuche auf diesem sozialen Netzwerk jederzeit als „Arbeit“ gelten. Mal ganz abgesehen davon, dass die im Artikel durchscheinende Ansicht des Autors, Angestellte müssten ihren Vertragspartner möglichst oft hintergehen, indem sie anstelle ihres Jobs irgendwelchen anderen Zeitvertreiben nachgingen, tatsächlich nicht die Meinung der Mehrheit der doch so sehr als revolutionäre Masse Erwünschten wiedergeben dürfte. 

Da der Werwohlf den Fluch der frühen Geburt besitzt, konnte er in seinem Berufsleben schon diverse Arbeitsumgebungen kennen lernen. Er kennt laute und lästige Kleinbüros (jeder Jeck ist eben anders), und auch ruhige, angenehme Großraumbüros. Am besten gefielen ihm immer „Bürolandschaften“, die eine gewisse Flexibilität ermöglichten. Wo man einen Platz hatte, um relativ ungestört (der größte Störenfried dürften heutzutage für viele die eingehenden E-Mails sein…) zu arbeiten, wo man sich aber auch mal schnell spontan in einer Gruppe zusammenfinden konnte, um etwas zu besprechen. Aber Flexibilität ist für einen veritablen Gesellschaftskritiker natürlich auch pfui. Im Kommunismus wäre das alles anders. 

Nur die Erfahrung spricht eben dagegen.

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