Ein Meisterstück der Denunziation

Mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) ist das so eine Sache: Einerseits erscheinen dort grandiose Beiträge, wie z.B. der von Antonia Baum über das Phänomen Jan Böhmermann. Auf der anderen Seite kann man dort am selben Tag auch das hier antreffen: Ein ekelhaftes Musterbeispiel politischer Denunziation mit dem Titel „Wenn der Professor das rechte Auge zudrückt“.

Offensichtlich ist etwas Schreckliches passiert. 

Was, wird im Teaser schon dezent angedeutet: 

Doktortitel für Nazi

An der Universität Greifswald wurde ein Jurist promoviert, der zuvor Sänger einer rechtsradikalen Band war. Wusste der Professor davon? Seine eigene Vita lässt an einem Versehen zweifeln.

Und im Artikel selbst lässt uns der Autor keine Sekunde im Ungewissen. Er benennt die fürchterliche Untat gleich im ersten Satz: 

Ein Professor für Zivilrecht der Universität Greifswald hat nach Recherchen dieser Zeitung möglicherweise einen Neonazi promoviert.

Gut, sensible Gemüter würden sich jetzt an dem Wort „möglicherweise“ stören, wo doch im Teaser der Nazi schon als Fakt präsentiert wurde. Aber das steht da wahrscheinlich nur zur juristischen Absicherung, wovon der Praktikant, der für die Überschriften zuständig ist, keine Ahnung hat.

Aber welche Belege gibt es eigentlich dafür, dass es sich um einen Neonazi handelt? Ein von rassistischen und menschenverachtenden Begriffen nur so strotzender Titel der Dissertation? Hm, wohl eher nicht. „Der privatärztliche Vergütungsanspruch gemäß der GOÄ im Spannungsfeld des medizinischen Fortschritts“ dürfte keinen Gewaltbereiten dazu verleiten, Flüchtlingsunterkünfte anzuzünden oder noch schwerere Straftaten zu begehen. Doch die „Recherchen dieser Zeitung“ standen dem Panama-Scoop in keiner Weise nach. 

Der 1984 geborene Promovend, der seit kurzem als Rechtsanwalt tätig ist, war in der Vergangenheit Sänger einer rechtsradikalen Band.

Die lässt sich wohl gut belegen (der Artikel liefert auch einige grässliche Liedtexte dazu) und kostete den Juristen bereits seine Stelle als Zivilrichter auf Probe in Bayern. Nun war der Werwohlf eigentlich schon immer ein Fan des sogenannten Radikalenerlasses, weil er der Meinung war, der demokratische Rechtsstaat müsse niemanden beschäftigen, der ihn abschaffen will, aber diese Regel soll ja nicht mehr gelten. Allerdings werden an den Richterberuf auch besondere Anforderungen gestellt, insofern müsste man mehr über die Hintergründe erfahren, um zur Entscheidung Bayerns etwas zu sagen. Tatsache ist wohl eine Verurteilung wegen Volksverhetzung im Jahr 2004 – das ist, hier als Service für die mathe-aversen Anhänger „Pluraler Ökonomik“, 12 Jahre her.  Der Betreffende war da 20 Jahre alt. Der Werwohlf kann aus eigener Erfahrung sagen: Mit 32 ist ein Mann (bei Frauen scheint das schneller zu gehen) um ein Vielfaches reifer als mit 20. So muss auch der Autor des Beitrags einräumen: 

Ob der Mann dieses Gedankengut noch heute teilt, ist unklar.

Aber selbst wenn: Warum sollte ein Typ mit ekelhaften politischen Ansichten nicht promoviert werden dürfen? Dass dieser Rechtsstaat darin keine Unvereinbarkeit sieht, lässt sich im Umkehrschluss schon an den im Artikel auch geschilderten Schwierigkeiten erkennen, diese Promotion im Nachhinein wieder abzuerkennen.

Halten wir also erstmal fest: Wir haben hier einen Menschen mit widerlicher politischer Vergangenheit, zu dessen Einstellungen aktuell nichts bekannt ist, der im zu gesellschaftlichen Umstürzen wenig geeigneten Fach Medizinrecht promoviert wurde. Und der FAS-Autor sieht darin offensichtlich etwas ganz Übles. Auch die Leitung der Universität Greifswald zeigt sich geschockt, dass so jemand bei ihr den Doktorgrad erlangen konnte. Bei der Institution kann man das immerhin verstehen. In den besseren, weil sozial gerechteren Zeiten Mecklenburg-Vorpommerns war es schließlich gang und gäbe. dass politisch zweifelhafte Gestalten noch nicht mal studieren durften. Um so peinlicher muss der Leitung der Hochschule jetzt dieser Faux Pas sein. 

Aber es gibt noch einen anderen Schurken in diesem Stück. Den, der dem Übeltäter den Weg zur Promotion ermöglich hat. Der Doktorvater des Delinquenten ist nämlich bereits durch schwere Vergehen aufgefallen:

Im Umfeld der Landratswahlen im Jahr 2008 hatte er kritisiert, dass zwei NPD-Kandidaten von der Wahl ausgeschlossen worden waren. 
Kurz darauf erließ die Universität Greifswald ein Verbot von Kleidung der Marke „Thor Steinar“, die bei Rechtsradikalen beliebt ist. Weber hatte die Kleidung demonstrativ in der Universität getragen. Im Jahr 2008 gab der Professor der „Jungen Freiheit“ ein Interview zum Thema „Brauchen wir eine neue Rechtspartei?“. Vier Jahre später hielt er am Festkommers der Deutschen Burschenschaften einen Festvortrag mit dem Titel „Brauchen wir eine neue Partei rechts der CDU?“

Dass all das nicht schon zur Entfernung aus dem Beamtendienst und zur Versetzung in die Produktion geführt hat, ist anscheinend ein riesiger Skandal. Aber es kommt noch viel, viel schlimmer:

Bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern im Herbst kandidiert er für die AfD.

Wir stellen mit gebührendem Entsetzen fest: Dieser Professor sieht sich im politischen Spektrum rechts von der CDU. So gut wie Nazi eben. Klar, dass er einem (So-richtig-genau-wissen-wir-es-nicht-) Nazi auf subversivem Weg einen Berufseinstieg ermöglichen will. Schlimm.

Was bleibt hier an wirklich Handfestem außer dem von einer Universitätsleitung geteilten Wunsch eines Qualitätsjournalisten nach lebenslanger Brandmarkung und sozialer Ausgrenzung politisch Andersdenkender? Richtig: Nichts. Willkommen im modernen Deutschland. 

P.S.: Gerade weil auch in diesem üblen Artikel wieder einmal der dämliche Fehlschluss präsentiert wird, das Eintreten für die demokratischen Rechte einer bestimmten Partei und für die Rechte ihrer Anhänger ließe sich nur durch Sympathien für diese erklären, erklärt der Werwohlf hier noch einmal, dass er die NPD für eine Ansammlung geistig gestörter Deppen hält und nach dem Essener Parteitag voller Ekel aus der AfD austrat. 

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2 Kommentare on “Ein Meisterstück der Denunziation”

  1. Paul sagt:

    Ja, lieber Werwohlf, ein guter Artikel, aber ich komme auf das PS zurück: Ihr Herz schlägt immer noch rechts.

    LG, Paul

    • Werwohlf sagt:

      Das sieht nur so aus, weil vor allem immer die herrschende Meinung Kritik verdient, und die ist in diesem Land eben linkslich, wie der Karlsruher sagen würde.


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