Was Sport mit Gerechtigkeit zu tun hat

Im relaunchten „Zettels Raum“ beschäftigte sich Autor Noricus mit der sportlichen Ungerechtigkeit am Beispiel des Fußballs. Seine These: „Mehr Gerechtigkeit führt zu weniger Reiz.“ Um dann hinzuzufügen, das gelte „natürlich“ nur im Fußball. Nun, Ort des Beitrags und der darauffolgende Satz, der mit „ein Schelm, wer“ beginnt, mögen ausreichen, um anzunehmen, dass der Autor diesen Beitrag nicht geschrieben hätte, sähe er das wirklich so.

Als äußerst interessierter Beobachter des Profi-Fußballs muss der Werwohlf hierzu natürlich Stellung nehmen. Er stimmt Noricus zu, dass es im Fußball meist nicht nur wenig vorhersehbar ist, wer gewinnt, sondern dass es auch genug Fälle gibt, in denen die ansonsten in jeder Hinsicht bessere Mannschaft am Ende verliert. Schon das unfehlbare Orakel Herberger meinte ja, die Leute gingen vor allem deswegen zum Fußball, weil sie vorher nicht wüssten, wie das Spiel ausgeht. Aber ist der Sieg einer nach einhelliger Meinung ansonsten schlechteren Mannschaft tatsächlich eine Ungerechtigkeit? Der Werwohlf sieht das anders. 

Denn die Fähigkeit, das „Runde ins Eckige“ zu befördern, gehört nunmal zu den Grundvoraussetzungen dieses Spiels. Wenn z.B. Bayern München am Ende 99% Ballbesitz hatte, der Gegner aber in seinem Prozent das einzige Tor der Begegnung erzielte, dann muss man diesen wegen seiner Effizienz loben und die Bayern tadeln: „Thema verfehlt!“ Die einzigen Noten, die im Fußball vergeben werden, kommen immer von Captain Hindsight. Für das Ergebnis aber spielen sie keine Rolle: Es gibt noch nicht mal eine A-Note, von ihrer B-Gefährtin ganz zu schweigen. „Entscheidend ist aufm Platz“, so schon Herbergers Schüler Rehagel. Mit Fußball ist es ein bisschen so wie mit Englisch: Sprache wie Spiel machen es dem Anfänger leicht, sie bzw. es auf unterstem Niveau auszuüben. Aber um darin zum Könner aufzusteigen, gehört viel mehr, als man auf den ersten Blick annimmt. Das gilt vor allem für das Zusammenwirken in einer Mannschaft. Da sollte es niemanden verwundern, dass die sogenannte Chancenverwertung eine ganz wichtige Komponente darstellt. Ein Team, dem dieses Puzzleteilchen fehlt, verliert daher völlig zu Recht. 

Noch eine andere Bemerkung Noricus‘ provoziert Widerspruch, nicht nur weil der Werwohlf die betreffende Sportart im Gegensatz zum Fußball auch aktiv betrieb: 

In anderen Sportarten ist ein Triumph des leistungsmäßig Unterlegenen hingegen ausgeschlossen: Angelique Kerber war an jenem denkwürdigen Tag in Sydney ungeachtet ihrer Weltranglistenposition einfach besser als Serena Williams, weil sie mehr Punkte respektive weniger Fehler machte als die Amerikanerin.

Dabei ist es verwunderlich, dass überhaupt noch jemand diesem Irrtum unterliegt, haben doch praktisch alle Tennisreporter seit Boris und Steffi immer wieder darauf hingewiesen, dass nicht die Gesamtzahl der gewonnenen Punkte zählt, sondern es vor allem darauf ankommt, die „Big Points“ zu machen, also ein Spiel bei knappem Punktestand und möglichst zum richtigen Zeitpunkt für sich zu entscheiden. Es ist völlig egal, ob der Aufschlagriese vorher alle seine Services zu Null durchbrachte, wenn er in seinem vierten Aufschlagspiel (dem berühmt-berüchtigten siebten des Satzes) beim Stand von 30:30 zwei Punkte nacheinander verliert. Die Tennisweisheiten sind, da es sich um einen Einzelsport handelt, in dem offensichtlich auch das Timing eine in jeder Hinsicht wichtige Rolle spielt, etwas anders gestrickt als die Fußballweisheiten. Zu ihnen gehört, von „unserem Bobbele“ immer wieder betont, dass die Matches vor allem im Kopf entschieden werden. Nervenstärke ist hier gerade wegen der Zählweise besonders wichtig. Man hat im Tennis im Grunde bis zum Verwandeln des Matchballs immer die Chance, das Ganze noch umzudrehen – und tatsächlich macht es einen großen Teil der Faszination dieses Sports aus, dass dies immer wieder gelingt. 

Wenn im besagten Match Kerber den Matchball nicht verwandelt hätte, hätte Williams eine gute Chance besessen, die Partie für sich zu entscheiden. Der entscheidende Satz war schon vorher äußerst eng, Aufschlagspiele gingen auf beiden Seiten verloren. Dass eine verdiente Siegerin hier unvermeidlich auch als solche vom Platz gehen würde, konnte selbst zu diesem Zeitpunkt noch keiner behaupten.

Und zu guter Letzt muss an dieser Stelle vehement protestiert werden, wenn wieder einmal die Behauptung aufgestellt wird, eklatante Fehlentscheidungen trügen zum Reiz des Fußballs bei. Das sagen höchstens die Sportjournalisten, weil sie von dem Gerede hinterher sehr gut leben. Bei den Spielern selbst hingegen dürften sich praktisch keine Fürsprecher dieser These finden, und auch die meisten Zuschauer würden es begrüßen, wenn ein Spiel durch die Fußballer und nicht durch den Schiedsrichter entschieden wird (siehe dazu auch Punkt 2 in „Vier unzureichende Argumente gegen den Videobeweis“). 

„Gerechtigkeit“ ist im übrigen ein viel zu schillernder Begriff, als dass man über ihre Auswirkung auf Reize eine sinnvolle Aussage treffen könnte. Richtig wäre hingegen, dass zu viel korrigierende Eingriffe von außen einem Sport viel von seinem Reiz nehmen. Abschreckend wäre da die Formel 1 zu nennen, wo sich die Teilnehmer und Fans fast jedes Jahr mit neuen Regeln vertraut machen müssen, bis irgendwann niemand mehr begreift, was eigentlich wirklich den Unterschied zwischen dem Sieger und dem Letzten ausmacht. 

Oder, um dann doch wieder den Weg ins philosophisch-politische zu finden: Sport ist dann reizvoll, wenn der Ausgang eines Wettbewerbs das Ergebnis menschlichen Handelns ist und nicht menschlicher Absicht.

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One Comment on “Was Sport mit Gerechtigkeit zu tun hat”

  1. alphachamber sagt:

    Mein liebstes Zitat vom Sepp: „Der Ball ist Rund!“ (als er einmal einen Spielausgang vorhersagen sollte) 🙂


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