Sternstunde der Dialektik?

Es musste so kommen. Der Werwohlf kann Jan Böhmermann nicht leiden. Warum nicht, das hat Antonia Baum in der FAS schon ganz schön zusammengefasst, obwohl ihr Beitrag keinesfalls darauf schließen lässt, sie selbst stehe zu diesem – nun ja – Unterhalter genau so: „Spießbürger oder Nervensäge?“

Kurzgefasst: Böhmermann geriert sich als Rebell, ist aber in Wirklichkeit nichts anderes als eine Bestätigung der herrschenden Meinung und funktioniert auch genau deshalb. Was der herrschenden Meinung kein gutes Zeugnis ausstellt, denn auch in der FAS wird treffend die Trivialisierung von Politik durch vermeintliche Satiresendungen beschrieben.

Aber gut, der Mann hat sein Ziel erreicht. Er hat Erdogan beleidigt, und seine Majestät ist not amused. Wie der das von zu Hause gewohnt ist, strebt er nach Bestrafung des Frechlings. Dieser aber wusste vorher ganz genau: Auch wenn in Talkshows mit schreckgeweiteten Augen das maximale Strafmaß eines § 185 StGB zitiert wird – mehr als eine Geldstrafe hat der wackere Kämpfer für Meinungsfreiheit eh nicht zu befürchten. Und die zahlt ihm womöglich auch noch sein von mit staatlicher Gewalt eingetriebenen Zwangsgeldern finanzierter Sender. Kein Vergleich zum Schicksal seiner türkischen Kollegen, die sich keinesfalls auf das unterirdische Niveau herablassen, das hierzulande gern mit Satire verwechselt wird. sondern ganz sachlich Missstände im türkischen Staat aufdecken und kritisieren. 

Es ist in diesem Zusammenhang also wirklich absurd, dass so ein Clown dann die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Aber da Böhmermann ja von den Kulturschaffenden dieses Landes jede dialektische Volte zugestanden wird: Vielleicht wollte er genau diese Bigotterie aufzeigen?

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5 Kommentare on “Sternstunde der Dialektik?”

  1. Paul sagt:

    Hallo Werwohlf,
    anscheinend lebe ich auf einem anderen Stern. Erst jetzt habe ich mitbekommen, dass Böhmermann existiert.

    Zunächst habe nur das „Gedicht“ gelesen und war entsetzt. Im TSP hat ein User den Link der kompletten Sendung eingestellt und der TSP hat das erlaubt. Nachdem ich die Einbettung des „Gedichtes“ gesehen habe, wurde mir klar, dass Böhmermann eine Satire über die Satire gemacht hat. Er zeigte auf, dass der extra3-Song, der auch schon für diplomatische Aktivitäten gesorgt hat, eine völlig harmlose Satire ist. Nach dem Motto ich vermittle mal, was keine Satire mehr ist, hat er Beispiele genannt, die durch die Satire nicht gedeckt werden, sondern nicht zugelassene Schmähkritik sind. Immer wieder betonte er, dass er dies natürlich nie sagen würde.
    Er bediente sich also des Stilmittels der Praeteritio.
    Das wurde auch durch die Kommunikation mit seinem „Echo“ immer wieder vertieft.

    Erdogans Aktivitäten haben das Ganze hoch geschaukelt. Hätte er geschwiegen, hätte ich jedenfalls von der ganzen Sache nichts mitbekommen.

    Das Gericht soll entscheiden. Wir werden ein Stück Rechtsgeschichte erleben.

    Hoffnungsvoll erwarte ich, dass Erdogan zum Schluss als der Depp dastehen wird.

    Herzlich, Paul

    • Werwohlf sagt:

      Immer wieder betonte er, dass er dies natürlich nie sagen würde.
      Er bediente sich also des Stilmittels der Praeteritio.
      Das wurde auch durch die Kommunikation mit seinem “Echo” immer wieder vertieft.

      Wenn man das unbedingt so sehen *will*, sieht man es vielleicht so. In meinen Augen wäre es aber lächerlich, angesichts der Ausführlichkeit der „Schmähkritik“ irgendetwas anderes hinter der Aktion zu vermuten als die Absicht, Erdogan einmal so richtig gründlich zu beleidigen.

      Und wie gesagt: Ob Böhmermann dafür eine Geldstrafe bekommt oder nicht, ist mir kürbisegal.

  2. Walter Stein sagt:

    Interessanter Ansatz, aber ab dem „mit staatlicher Gewalt“ eingetriebenen Geld hab ich dann doch abgeschaltet. Ist mir zu platt. Next Stop „Lügenpresse“ oder wie? Nein danke.

    • Werwohlf sagt:

      aber ab dem „mit staatlicher Gewalt“ eingetriebenen Geld hab ich dann doch abgeschaltet. Ist mir zu platt.

      Geschmäcker sind unterschiedlich. Aber die Formulierung ist objektiv richtig. Nur, weil wir uns daran gewöhnt haben, dass es so ist, und es vielleicht sogar befürworten. ändern sich die Tatsachen nicht. Mein Ausflug in die libertäre Welt hat mir zumindest den Blick dafür geschärft.

      Was das mit „Lügenpresse“ zu tun haben soll, vermag ich nicht nachzuvollziehen.


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