Nicht ihr Land

Wahrscheinlich ungewollt hat Angela Merkel mit ihrem „Dann ist das nicht mehr mein Land“ eine Konstante deutscher Politik offen gelegt. Und es fällt wirklich sehr schwer, sich dabei nicht an den oft zitierten wie dadurch dann letztlich reichlich abgedroschenen Satz aus Brechts Gedicht „Die Lösung“ zu erinnern, warum sich die Führung denn kein neues Volk wähle.

Es ist anscheinend sehr oft nicht mehr so, dass Politiker es als ihre Aufgabe verstünden, als Beauftragte ihrer Wähler zu agieren, sondern sie werden von denen zwar nun mal gewählt, fangen dann aber an, sich den von ihnen gewünschten Souverän selbst zu basteln, wobei ihnen der mediale Klerus – eh schon häufig bis zur Unkenntlichkeit mit der Politik verwoben – hilfreich zur Seite steht. Dieser „gewünschte Bundesbürger“ ist Kosmopolit, hat ein grünes Gewissen, wünscht sich nichts sehnlicher als einen europäischen Bundesstaat, in dem Deutschland verschwinden könnte, hat aus Auschwitz die Lehre gezogen, in allen Belangen der Moral den Vorrang zu geben, und fühlt sich nur wohl, wenn ein Staat für ihn sorgt und über ihn wacht.

So sehen die vollwertigen Mitglieder unserer Gesellschaft aus. Aber, diese traurige Botschaft wird vielen dieser Musterexemplare und ihrer Vorreiter immer wieder bewusst, es gibt leider auch Menschen in diesem, unseren Lande, die in einigen oder gar (an dieser Stelle religiöse Schutzzeichen einbauen) allen Fällen von diesem Idealbild abweichen. Menschen, die außer ihrem Dorf und dessen Umgebung nicht viel gesehen haben. Menschen, die es nicht verstehen wollen, wenn „zugunsten der Umwelt“ ihr Handeln mehr und mehr reglementiert wird. Menschen, die sich in einem deutschen Nationalstaat besser repräsentiert fühlen als in einem europäischen Superstaat von Lissabon bis Kiew und von Hammerfest bis Palermo.  Menschen, die der Moral die Vernunft an die Seite stellen. Menschen, die meinen, besser für sich sorgen zu können als Staatsbeamte. Für all diese Menschen gibt es ja jetzt einen Begriff: Dunkeldeutschland. 

Dieses Dunkeldeutschland stört. Und Politiker, die auf Menschen in diesem Dunkeldeutschland Rücksicht nehmen, weil sie auf deren Stimmen nicht meinen verzichten zu können, stören auch. Und was soll die arme Frau Merkel auch machen? Da feuern schon seit Wochen die Medien aus allen Rohren, wie gut und nützlich ungeregelte Einwanderung für dieses Land ist, und das ungeachtet aller inhärenten Widersprüche, da hat – piep, piep, piep – das Ausland die Deutschen wieder lieb, der Friedensnobelpreis ist zum Greifen nahe, und dennoch wagen es dunkle Gestalten immer noch, auf die Schattenseiten der so entfachten Euphorie hinzuweisen. Da ist nur zu verständlich, dass der gutmeinenden Kanzlerin dieser Seufzer entfährt. Wenn denn auch die Verstocktheit dieser Dunkeldeutschen alttestamentarische Ausmaße annimmt. 

Einer ihrer wackeren Mitstreiter hat die Kanzlerin mit diesen Worten zu trösten versucht:

Eine laute Mehrheit der Deutschen hat in den vergangenen Wochen eine schrille Minderheit in der Frage überstimmt, was es bedeutet, europäisch zu sein.

Aber das ist natürlich nicht genug. Wie auch zig Kommentatoren in den „sozialen“ und den „unsozialen“ (so muss man die anderen dann doch nennen, oder?) Medien immer wieder feststellen, den Bundesjustizminister an ihrer Seite wissend, reicht es nicht, die Dunklen in der Minderheit zu wissen. Echter Friede auf Erden in Deutschland kann erst einkehren, wenn diese Stimmen sich nicht mehr zu Wort melden können. Nirgends. Und diesen Gefallen verweigern die Deutschen ihrer gütigen Kanzlerin, der Mutter aller Gläubigen. „Ich gucke dich jetzt nicht mehr an, du existierst nicht mehr für mich“ – das ist doch dann die angemessene Strafe für bockige Untertanen. All die Tapferen und Wackeren, die da so aufopfernd Beifall klatschten, als der Zug mit den Migranten in München einfuhr, die träfe der Bann unserer Mutter dann zwar vordergründig auch, aber das ist selbstverständlich nur eine weise List, die alle Aufrechten dazu bewegen soll, die Dunklen in ihren Ecken ausfindig zu machen und der verdienten gesellschaftlichen Ächtung auszuliefern. 

„Wir schaffen das“ hat die Kanzlerin befohlen. Und wenn Deutschland das doch nicht schaffen sollte (der Track Record gibt nicht zu riesigen Hoffnungen Anlass…), dann war es eben nicht ihr Land. Es sollen auch schon andere deutsche Staatslenker gegen Lebensende diesen Schluss gezogen haben. 

 

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2 Kommentare on “Nicht ihr Land”

  1. Werwohlf sagt:

    Sorry für den Godwin, aber er drängte sich – bei aller übrigen monströsen Unvergleichbarkeit – geradezu auf…

    • adder sagt:

      Lieber Werwohlf, trotz des Godwin Laws drängte sich mir dieser Vergleich auch im ersten Moment auf, als ich zum ersten Mal diese Worte von ihr las. Im Zweiten Moment dachte ich eher an „Ich liebe – Ich liebe doch alle – alle Menschen – Na ich liebe doch…“
      Und dann dachte ich, dass ich der ersten Frau der Republik damit wohl Unrecht tue. Sie meinte ihre Einlassung wahrscheinlich eher im Brecht’schen Sinn als im Hitlerschen oder Mielkeschen.


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