Über linken und rechten Antisemitismus

Neulich twitterte ein äußerst intelligenter User Folgendes: „Bin ja der Meinung, dass der Antisemitismus der Linken nicht originär gewollt, sondern eine dumme Konsequenz ihres simplen Weltbilds ist.“

Daraufhin entspann sich zwischen diesem, wie gesagt, äußerst intelligenten Twitterer und dem Twitterer „Patriarchator“ eine kleine Diskussion über den Inhalt dieses Tweets, der die Welt aufhorchen ließ. Da dieser äußerst intelligente Twitterer zufällig identisch mit dem Werwohlf ist, nutzt dieser nun die Chance, seine Gedanken über 140 Zeichen hinaus etwas auszuführen. 

Nach Meinung des Werwohlfs neigt linke – okay, nennen wir sie mal so – Theorie nicht dazu, Menschen aufgrund ihrer Abstammung oder Religion einzuordnen. 

Die jüngsten Verirrungen von selbsternannten Minderheiten-Vertretern, die alle darin gipfeln, dass irgendwie alte, weiße und heterosexuelle Männer die Bösen sind, erscheinen dem Werwohlf aufgrund seiner Erfahrung auch alles andere als wirklich „links“ – allerdings will er nicht ausschließen, dass bei diversen Linken die Lust an totalitärer Macht die Oberhand über alle rest-marxistischen Einflüsse gewinnt. Es gab ja auch mal eine Zeit, da war Israel der Liebling der Linken. Da gab es nicht nur die offensichtliche Tatsache, dass der Genozid an den Juden der negative Höhepunkt der Nazi-Schreckensherrschaft über „Nicht-Arier“ war, sondern Israel stand auch für eine gewisse sozialistische Aufbruchstimmung mit seinen Kibbuzen als vielversprechende Form des Zusammenlebens. Einen „linken Antisemitismus“ wird man damals wohl kaum irgendwo festmachen haben können. 

Aber die Haltung von Linken gegenüber Israel änderte sich. Nach Meinung des Werwohlfs geschah das parallel zu den militärischen Erfolgen Israels. Als Opfer und als Teilnehmer sozíalistischer Experimente waren Juden gern gesehen, aber als sie anfingen, aus eigener Kraft über Angreifer zu dominieren, reduzierte das ihren Charme doch erheblich. Noch schlimmer: Die USA unterstützten das Land. Und die standen nun einmal, spätestens nach den 68ern, wegen „Vietnam und so“ als das abgrundtief Üble fest, als das sie auch heute noch gesehen werden, z.B. von der umbenannten SED, die selbst nach Zusammenbruch der Sowjetunion lieber mit russischen Autokraten kuschelt als mit demokratisch gewählten amerikanischen Politikern. Die Rolle des unterstützenswerten Opfers nahm nunmehr eine Gruppe von Arabern ein, die sich erst durch die Erfolge Israels konstituierte, nämlich die „Palästinenser“. 

Die „Antideutschen“ haben einen Punkt, wenn sie Kapitalismuskritik, Anti-Amerikanismus und – nennen wir es mal so – „Anti-Zionismus“ als Einheit analysieren, aber sie gehen natürlich fehl dabei, diesem als Antagonisten „das Deutsche“ gegenüberzustellen, auch wenn es nicht zu leugnen ist, dass bei Deutschen exklusiv noch das – mehr oder weniger bewusste – Exkulpationsstreben dazu kommt. Die entsprechende Zielrichtung der linken Kritik ist jedoch universal. Israel wurde zum Bösen als Folge einer Assoziationskette von Kapitalismus über USA, verbunden mit einer Vorliebe für „Opfer“, nicht als Konsequenz eines grundlegenden Antisemitismus. Das ist gemeint mit „dumme Konsequenz eines simplem Weltbilds“.

Allerdings: Damit ist nicht auszuschließen, dass sich sozusagen im Fahrwasser dieser Kette tatsächlicher Antisemitismus breit macht. Wer z.B. die Kolumnen Jakob Augsteins, der sich selbst zum Musterlinken ernennt, auf SPON verfolgt, kann sich die immer neuen Versuche des Autors, jedwedes Übel dieser Welt mit Israel in Verbindung zu bringen, nur schwer nicht mit Antisemitismus erklären. Und es ist wohl auch so, dass die einseitige „Israel-Kritik“ diverse linke Zeitgenossen auch gegen Juden generell voreingenommen sein lässt. 

Dennoch sieht der Werwohlf weiterhin einen Unterschied. Von Linken müssen in Deutschland lebende Juden wohl eher keine Angriffe befürchten. Selbst wenn wir denen Recht geben, die einen „linken Antisemitismus“ am Werk sehen, wird sich dieser nicht darin äußern, Menschen nur deswegen zu attackieren, weil sie Juden sind. Auch die stets zu jeder Gewalt bereite Antifa wird für solche Taten nicht zu haben sein. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Vorliebe für „andere Opfer“ Linke dazu verleitet, antisemitische Übergriffe zu verharmlosen, um ihr Narrativ nicht zu gefährden. Im Endeffekt können die Folgen für die hier lebenden Juden sogar ähnlich bis gleich sein.

Deswegen muss an dieser Stelle als Fazit auch festgehalten werden, dass das Motiv die Tat nicht entschuldigt[1]. Antisemitismus ist eine Pest, und alles, was in Konsequenz dieselben Folgen und Begleiterscheinungen wie Antisemitismus hat, ist auch eine Pest, selbst wenn man es anders bezeichnet. 

[1] Wer auch immer auf die Idee käme, der Werwohlf sei Linken gegenüber gnädiger als anderen, müsste angesichts von dessen Blogposts ein veritabler Depp sondergleichen sein…

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3 Kommentare on “Über linken und rechten Antisemitismus”

  1. Paul sagt:

    Die Grundlage für den Antisemitismus haben die Christen gesetzt.
    Juden = Christusmörder.
    Er war also religiös motiviert.
    Auch wenn die kath. Kirche sich inzwischen davon distanziert und auch dafür entschuldigt hat, wirkt die über zwei Jahrtausende verinnerlichte Haltung auch heute noch unter den Gläubigen nach.
    Bei der ev. Kirche haben in Deutschland sogar einige Autoritäten „die Kurve immer noch nicht gekriegt“.

    Bei den „Kommunisten“, das konnte ich in der DDR erleben, gab es einen merkwürdigen Spagat zwischen Shoa und Antisemitismus, der dann auch schon als Kritik an der Politik Israels (Antizionismus) „verkauft“ wurde.
    Das war politisch motiviert. Für die Tschechen und die Sowjets galt das ebenso. Nach 1945 bekam Israel wesentliche Teile seiner Waffen durch/über die Tschechoslovakei. Aus strategischen Gründen wandten sich die Sowjets den arabischen Staaten zu. Daraus folgte zwangsläufig der Antisemitismus. Der war politisch, strategisch/taktisch motiviert. Der christliche Judenhass wurde als Basis gerne benutzt.

    Herzlich Paul

  2. Dirk sagt:

    Die Frage aber ist doch, ob Antisemtiswimus oder nicht, die linke Abneigung gg Juden von der der Rechten unterscheidet. Die Nazis haben zwar damals ethnisch und damit rassisch argumentiert, aber ob man damit die Zustimmung so grosser Teile der Bevolkerung bekommt? Parallel dazu wurde ja (deswegen) auch die Position und das vermeintliche Handeln von Juden angegriffen, e.g. a la „Wucherer“ oder in Vershwoerungstheorien.

    Und das kommt wiederum der linken „Abneigung“ gegen Juden etc ziemlich nahe. Natuerlich wurden sie sich nie selbst die Finger schmutzig machen, aber so ein bisschen klammheimliche Freude,…

    Anderseits stimme ich zu, wenn ich Deinen Beitrag mal ueberspitzt so Zusammenfasse: Linke haben Doppelstandards. Fast immer und fast ueberall, nicht nur was Israel angeht. Deswegen kann die linke Abneigung ggu letzterem nicht allein mit Antisemitismus erklart werden.


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