Marktversagen, Verbraucherschutz oder was?

Zwei Fälle, einer aus der Blogosphäre, einer über die üblichen Medien verbreitet, und in beidem geht es darum, dass Verbraucher (oder vielleicht besser: Kunden) von Anbietern getäuscht werden. 

Michael Klein von „Sciencefiles“ beklagt „Marktversagen“ aufgrund von Fällen, in denen technische Geräte einfach nicht das tun, was sie eigentlich sollen. Zwar funktionieren die Ersatzansprüche gegenüber dem Anbieter, aber der Autor kritisiert, dass darüber hinaus „Transferkosten“ anfielen, und zwar eben genau die Zeit, die insgesamt für die Beschäftigung mit den schadhaften Geräten aufgewendet werden muss, vom Ausprobieren über die Fehlerdiagnose bis hin zur Rückabwicklung. Gut, solche Kosten können zwar rein rechtlich-theoretisch gegenüber dem Verkäufer geltend gemacht werden, aber da dafür eher keine Externen beauftragt werden und sich der Aufwand im Einzelfall meist in Grenzen hält, dürfte man meistens darauf verzichten, deswegen einen Rechtsstreit anzustrengen. In der Summe könnte, über alle Geräte und Anbieter hinweg, dann aber doch eine relevante Summe zusammenkommen, für die einen niemand entschädigt. 

Solche Beobachtungen sind natürlich korrekt. 

Aber sie haben mit „Marktversagen“ nichts zu tun – außer vielleicht, man lebte auch im Alltag in einer neo-klassischen Modellwelt, und dann auch nicht nur in irgendeiner, sondern in einer idealen. Das wiederum muss man sich wohl insgesamt als sehr lustig vorstellen. Realiter wird es natürlich immer Anbieter geben, die einem Schrott verkaufen. Und wenn man immer das Neueste und Angesagteste aus der Welt der Elektronik haben möchte, wird man immer wieder mal in die Rolle des unfreiwilligen Produkttesters geraten oder das Pech haben, mit den Folgen einer unzureichenden Qualitätskontrolle Bekanntschaft zu machen. Ein Vulgär-Neoklassiker mag sich zwar der Illusion hingeben, durch „vollkommene“ Konkurrenz und Information dürfe es zu solchen Fällen erst gar nicht kommen, aber der hätte wahrscheinlich schon genug mit dem Problem zu tun, dass unterschiedliche Anbieter für das gleiche Produkt unterschiedliche Preise verlangen. Schuld daran sind wahrscheinlich diese schönen Diagramme mit Angebots- und Nachfragekurven, die den ständigen Prozess des „trial and error“, der in Wirklichkeit abläuft, nicht gerade intuitiv abzubilden vermögen. Das wunderschöne Gleichgewicht, das in solchen Modellen abgebildet wird, existiert in der Regel nicht – die Realität mäandert eher wild darum herum. 

Es ist allerdings ein Vorzug einer Marktwirtschaft, dass auch für solche Probleme Lösungen angeboten werden. Keine perfekten, weil es im echten Leben keine perfekten Lösungen gibt, aber wenigstens problemverringernde. Es gibt Leute, die es auf sich nehmen, Produkte zu testen und die Ergebnisse dann potenziellen Kunden zu verkaufen. Es gibt tatsächliche Kunden, die gratis über ihre Erfahrungen berichten. Natürlich stößt man dann wieder auf das Problem, wie vertrauenswürdig und kompetent solche Berichte sind, aber mit etwas Erfahrung lässt sich auch das minimieren. Und wer auf Nummer Sicher gehen will, der fragt eben Freunde und Bekannte, was sie so nutzen, oder er erwirbt ein Gerät, das schon eine Weile auf dem Markt ist. Das schränkt dann zwar die Menge der in Frage kommenden Produkte ein, aber der kluge Ökonom weiß, dass es auch die beste Lösung immer nur ein „trade off“  ist. 

Die von Michael Klein gestellte Frage, warum namhafte Anbieter durch schadhafte Produkte keinen nachhaltigen Reputationsschaden erleiden, kann auf vielfache Weise beantwortet werden. Vielleicht ist nur ein kleiner Anteil der Produkte des Anbieters defekt und man gehörte dann zu den Pechvögeln. Oder das Produkt ist noch sehr neu auf dem Markt, und es dauert eine Weile, bis aus den Erlebnissen Einzelner ein allgemeines Problem werden kann. Oder auf dem Markt hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass man bei bestimmten Produkten mit solchen Problemen rechnen muss, weil z.B. die Technik dahinter nicht allzu trivial ist (so scheint z.B. die neue Prozessorgeneration „Skylake“ von Intel reichlich „buggy“ zu sein). Oder man hat die Erfahrung gemacht, dass die Konkurrenz auch nicht viel Besseres anzubieten hat – z.B. weil die meisten Konsumenten einen geringeren Preis oder die Menge bzw. Leistung der Features höher gewichten als weniger Ärger mit Reklamationen (viele Menschen haben weitaus weniger Geld als Zeit…). Und noch jede Menge andere Gründe. „Marktversagen“ ist all das jedoch nicht – auch schon deswegen nicht, weil sich kaum ein Mechanismus vorstellen lässt, der hier „korrigierend“ eingreifen könnte. Jedenfalls so lange nicht, wie der Anspruch, Ressourcen und Präferenzen der Menschen in Einklang zu bringen, nicht zugunsten von Willkür aufgegeben werden soll. 

Es gibt ja Leute, die sehen einen Kunden als unmündiges Wesen an, das staatlicherseits gar nicht genug vor falschen Entscheidungen geschützt werden kann. Es gibt sogar Institutionen, die darin ihre Hauptaufgabe sehen. Sie nennen sich „Verbraucherzentralen“. Eine davon, nämlich die aus Hamburg, hat sich jetzt dadurch in Erinnerung gebracht, dass sie wieder einen Preis für die „Mogelpackung des Jahres“ verleihen möchte. Das verschafft Publicity (und dann hoffentlich über Folgeberatungen und den stetigen Zufluss von Staatsknete die erwünschten Einnahmen), jetzt zunächst mit der Vorstellung einer Auswahl von fünf „Kandidaten“, dann mit einer öffentlichen Abstimmung darüber und letztlich mit der Kür des „Gewinners“. „Mogelpackungen“ sind ein altes Phänomen: Anbieter packen ihre Produkte da z.B. in einen überdimensionierten Karton, der eine größere Menge des zu erwerbenden Guts suggeriert als in ihm tatsächlich enthalten ist. In den von der Verbraucherzentrale Hamburg vorgestellten Fällen geht es überwiegend darum, dass Hersteller die Verpackungsgröße und vor allem den geforderten Preis ihrer Produkte beibehalten, sich darin aber eine geringere Menge als in früheren Abfüllungen befindet, so dass sich am Ende eine Preiserhöhung ergibt. Die Verbraucherzentrale prangert dies an – das ist doch eine noble Geste, die dem Verbraucher („Verbraucher“ muss irgendwie die unmündige Ausgabe von „Kunde“ sein) dient, oder?

Zunächst mal: ja. Die im Zuge der Kampagne übermittelten Informationen haben sicher einen Nutzen für Kunden dieser Produkte. Die Frage ist nur, wie groß dieser Nutzen denn wirklich ausfällt. Und ob die Bedeutung solcher Warnungen es wirklich erfordert, in der Tagespresse verbreitet zu werden. Und ob sich daraus eine Existenzberechtigung für mit Steuermitteln finanzierten „Verbraucherschutz“ ergibt. Und letztlich, warum die Kampagne sich vor allem auf die Hersteller bezieht. Arbeiten wir alles mal ab.

Es kommt natürlich auch immer darauf an, wie dämlich man sich die Menschen vorstellt. Und wie man ihre Präferenzen einschätzt. In der Regel sollte es doch so sein, dass der Kunde es beim Verbrauch der entsprechenden Produkte merkt, dass ihm dort eine kleinere Menge zu einem geringeren Preis verkauft wurde. Ist das der Fall, hält sich zum einen der finanzielle Verlust in einem wirklich lächerlich geringen Rahmen, während die dadurch hinzugewonnene Kritikfähigkeit gar nicht hoch genug einzuschätzen ist. Unter Umständen kommt der Kunde ja auf die Idee, mal wieder einen Blick auf die Mengenangabe in der Packung zu werfen. Oder sich gar über die auch den Opfern des deutschen Bildungssystems zur Verfügung stehenden Preis-pro-Menge-Angaben zu informieren, die bei der Preisauszeichnung mittlerweile Pflicht sind. Mit anderen Worten: Wem es wichtig ist, beim Kauf der jeweiligen Ware nicht mit versteckten Preiserhöhungen konfrontiert zu werden, der kann es auch heutzutage relativ einfach vermeiden. Ja, es erfordert etwas mehr Mühe, als nur ins Regal zu greifen und die Ware in den Einkaufswagen zu feuern. Aber genau das, nämlich der bewusste Konsum, der ja immer wieder gerne gefordert wird, ist eben nicht ohne eigene Anstrengung zu haben. Warum Verbraucherzentralen hier nach dem Staat rufen, der wiederum den Herstellern zusätzliche Bürokratie aufnötigt, die dann doch wieder auf das Desinteresse des Verbrauchers stößt, ist mit reiner Benevolenz nicht mehr zu erklären. Wer nicht wenigstens hin und wieder einen Blick auf die Mengenangaben der Verpackung oder die Preis-pro-Menge-Angabe im Regal wirft, dem ist die Folge seiner Ignoranz offensichtlich nicht besonders wichtig. Besonders unnötig sind daher mit Zwangsgeldern bezahlte Organisationen, die gerne staatlicherseits das Gegenteil simuliert hätten – was natürlich auch wieder Geld kosten würde. Die besagte Ignoranz kann übrigens rational sein, denn die Mühe, die man sich bei der Informationsbeschaffung macht, sollte sinnvollerweise auch immer in Relation zur Bedeutung des Kaufakts bleiben. Wenn es sich z.B. wie im Text Michael Kleins um ein Smartphone handelt, wäre eine längere Informationsbeschaffungsphase vor dem Erwerb wohl eine sehr sinnvolle Sache. Wenn einem aber nur der Verlust von ein paar Cents droht, wird man die Ansprüche an die eigene Informiertheit wohl nicht so hoch schrauben, so dass hier eher stichprobenweise Überprüfungen vernünftig wären. Die beste Strategie gegen solche „Mogelpackungen“ ist es also, ab und zu mal die verfügbaren Informationen zu nutzen und dann, wenn man sich von einem Produktanbieter hereingelegt fühlt, diesem auf längere Zeit den Rücken zu kehren. Zumindest bei den von der Verbraucherzentrale genannten Produkten sollte dies problemlos möglich sein. In Marktwirtschaften pflegt an der nächsten Lampe schon die nächste Anbieterschlampe für einen bereit zu stehen.

Letzte Frage: Warum schimpft die Verbraucherzentrale Hamburg nur auf die Hersteller? Klar, die haben die Verpackung so konstruiert und die Füllmenge reduziert. Aber der Punkt ist: Sie entscheiden nicht über den Preis. Über den Preis entscheidet der Händler. In dem Artikel wird die Entscheidung der Drogeriekette „dm“ erwähnt, einen der betreffenden Hersteller öffentlich an den Pranger zu stellen und das betreffende Produkt nicht mehr zu führen. Auf die Idee, diese Ware dann eben zu einem angemessenen Preis zu verkaufen, ist der Händler aber – nach wie heftigem Nachdenken auch immer – anscheinend nicht gekommen. Bei manchen Leuten scheinen noch frühere Preisbindungen der Hersteller in den Köpfen herumzuspuken, aber wer auch immer Erfahrungen in den Beziehungen zwischen deutschen Einzelhandelsketten und Markenherstellern hat, der wird bei diesen Vorstellungen nur in höhnisches Gelächter ausbrechen können. Die Idee, einer dieser Ketten eine versteckte Preiserhöhung aufnötigen zu wollen, die diese nicht akzeptiert, wäre vor diesem Hintergrund absolut abenteuerlich, und der Vertriebler, der diesen Versuch unternähme, dürfte dafür zunächst seine Lebensqualität (gegen die Einkäufer der Einzelhandelsketten sähe die spanische Inquisition wie eine sozialpädagogische Einrichtung aus) und dann seinen Job einbüßen.

Und wenn man all das mal etwas böswillig zusammenfassen will, ergibt sich eine bei Nerds immer hochwillkommene Rekursion: Der ausgelobte Preis der Verbraucherzentrale wäre der beste Kandidat für sich selbst. 

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One Comment on “Marktversagen, Verbraucherschutz oder was?”

  1. alphachamber sagt:

    Gutes Essay. Unsere Zustimmung.


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