Nochmal was zu Anonymität

Auf seinem Blog „culturewars“ ist ein Plädoyer gegen die Anonymität im Netz zu finden. Der Autor argumentiert, dass anonym geäußerte Meinungen nur die eine Seite der Medaille seien, auf deren anderer eine real existierende Personen stünden, die zu feige seien, ihre wahre Meinung öffentlich zu vertreten. Der so offenbarte Mangel an eigener Integrität führe letztlich zu einer korrumpierten Gesellschaft, in der die Wahrheit kaum noch eine Chance hat. Das Doppelleben des im Netz Anonymen entwerte auch seine dort formulierten Positionen, weil man nicht wisse, ob die reale Person im realen Leben auch dazu stehen würde. Hinzu käme, dass der anonyme Schreiber dazu verleitet würde, bei seinen Aussagen über die Stränge zu schlagen, was dann insgesamt die Diskussionskultur beschädige. 

Der Autor betont zwar, dass es ihm auf Freiwilligkeit ankomme, aber letztlich ähneln seine Argumente sehr stark denen derjenigen, die einen Klarnamenzwang im Internet fordern. Die Position ist im Kern: Ein Argument ist nichts wert, wenn man die Person dahinter nicht kennt. 

Dem ist zu widersprechen. Weiterlesen

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Was zu Wissenschaft und Politik

In den Debatten der Klimapolitik wird gerne von den Radikalen das Argument eingebracht, es sei wissenschaftlich erwiesen, dass die Erde in drölfzig Jahren untergehe, wenn in Deutschland jetzt nicht sofort [setze beliebige Forderung nach Abschaltung von Energieträgern und Verbot von Energieverbräuchen ein]. Es ist auch das, was man zu hören bekommt, wenn Teilnehmer der „Fridays for Future“-Demos oder auch beliebige andere Kinder befragt werden. Da wurde offensichtlich von Politik, Journalisten und Pädagogen eine erfolgreiche Arbeit geleistet. 

Nun könnte man anfangen, das „wissenschaftlich erwiesen“ in Frage zu stellen. Weiterlesen

Was zum neuen Medien-Darling

Es war zu erwarten. Spätestens, als in Deutschland die „Grünen“ zu Siegern der Europawahl erklärt wurden, setzte sich eine Eigendynamik in Gang, die diese Partei auf Augenhöhe mit der bislang einsam führenden Union katapultierte. Übrigens so ziemlich gegen den sonstigen europäischen Trend – deutscher Sonderweg galore, sozusagen[1]. Jetzt hat natürlich die Stunde der spin doctors geschlagen, und ihr Urteil steht fest: Der deutsche Wähler wollte mehr Klimaschutz, die Grünen stehen für Klimaschutz, und deswegen müssen alle anderen Parteien jetzt auch „was mit mehr Klimaschutz“ machen. Was sich, nebenbei bemerkt, signifikant von den Ratschlägen zum Umgang mit AfD-Wahlerfolgen unterscheidet, wo dieselben spin doctors nicht müde wurden zu warnen, dass Anpassung an die Positionen des Bösen den Wähler nur dazu verführen würde, eben diesem seine Stimme zu geben. Quod licet iovi („Grüne“), non licet bovi (AfD) – die ollen Römer wussten eben Bescheid[2].

Für die FAS, das Sonntagsblatt der einstmals konservativen FAZ, schreibt Volker Zastrow apodiktisch: „Die CDU zerstört sich selbst“. Und natürlich kennt er auch den Grund: 

Annegret Kramp-Karrenbauer hat nach ihrem knappen Sieg über Merz versucht, die Partei wieder zu einen, indem sie auf den rechten Parteiflügel zuging. Sie muss das tun, denn sie kann ohne die Unterstützung der Konservativen nicht Kanzlerin werden; selbst Angela Merkel mit ihrem gewichtigen Amtsbonus konnte es zuletzt ja kaum bleiben. Aber die Wähler laufen weg. Sie fühlen sich durch diese Politik nicht angesprochen, sogar abgestoßen.

Wobei besagte Wähler enorme Schwierigkeiten haben könnten, genau aufzuzeigen, welche Politik sie da so abstößt. Weiterlesen

Was Schnelles zur Reaktion auf ein Video

Hämisch wird die Reaktion der CDU auf das Video eines Bewerbers um den Karl-Eduard-von-Schnitzler-Gedächtnispreis diskutiert. Die Partei habe ja viel zu spät und dann auch noch mit einer 11-seitigen(!) PDF-Datei(!). Und alle, wirklich alle, sind sie am Ablästern ob dieses wahnsinnig hinterwäldlerischen Handelns der Partei. Jetzt wird diese Reaktion auch noch der Vorsitzenden Kramp-Karrenbauer als Malus angerechnet, weil es gerade so gut in die Erzählung passt – oder besser auf die Sau, die mal wieder twitter-getrieben durchs Mediendorf gehetzt wird. 

Aber egal, wie man zu „AKK“ generell steht – dieser Vorwurf ist in zweierlei Hinsicht entlarvend: Er zeigt erstens, wie wenig gewisse Oberschlaue tatsächlich vom Netz verstehen, und er stellt zweitens der Zielgruppe „Jugend“ ein vernichtendes Zeugnis aus. 

Fangen wir mit letzterem an: Der Werwohlf kannte aus seiner beruflichen Praxis bisher nur eine Gruppe, der man Informationen nur mit bunten Bildchen und möglichst wenigen Schlagworten vermitteln darf: Topmanager. Weiterlesen

Noch mal was zu Ibizagate

Scheint fast, als habe die Sau das Ende des Dorfes schon erreicht und Platz gemacht für das übliche parteipolitische Geplänkel, aber inzwischen ist ausgerechnet beim „Freitag“ ein Artikel erschienen, dessen Autor Wolfgang Michal eine aus des Werwohlfs Sicht äußerst plausible Spekulation zu den Urhebern des peinlichen Videos bietet. Die Version Michals überzeugt aus zwei Gründen: Sie basiert auf ähnlichen Geschehnissen der Vergangenheit, und sie erklärt, warum diese Bombe erst zwei Jahre nach der Aufzeichnung der Aufnahmen platzt.

Als Nicht-Ösi war dem Werwohlf die Schmutzkampagne nicht so präsent, die damals im Namen der SPÖ inszeniert wurde. Als Kanzler Kurz, gegen den sich ein Teil der Kampagne richtete, jetzt in einem Interview den Namen des damaligen Strippenziehers Tal Silberstein erwähnte, wurde ihm natürlich gleich vorgeworfen, mit antisemitischen Topoi wieder die Nähe zur FPÖ zu suchen, aber besagter Herr war es damals nun mal, die Affäre trägt seinen Namen[1], auch wenn Michal versucht, sich durch Nichtnennung der Antisemitismus-Keule zu entziehen. Es ist wohl auch gar nicht mal wahrscheinlich, dass Silberstein selbst wieder hinter der Sache steckt, aber wenn solche Methoden im alten Wahlkampf angewendet wurden, waren auch mehr Leute beteiligt, vielleicht sogar unabhängig voneinander. Es wird interessant sein zu beobachten, wie sich jetzt die SPÖ verhält, die sicher kein Interesse hat, wieder mit schmutzigen Tricks in Verbindung gebracht zu werden. 

Es könnte also sein, dass das Drehen dieses Videos einer anderen Partei schadet als sein Inhalt.

P.S.: In einem Kommentar zum ersten Ibizagate-Blogeintrag geht der Werwohlf auch auf den Mossad und George Soros als mögliche Quellen des Videos ein. Spoiler: Er hält es für unwahrscheinlich. 

[1] Was nicht ganz fair ist, denn z.B. die Machenschaften des Herrn Pfeiffer gingen als „Barschel-Affäre“ in die deutsche Geschichte ein, wurden also mit dem (ersten?) Auftraggeber verbunden und nicht mit dem in dessen Auftrag Handelnden. Aber so war eben die SPÖ  (mit ihrer ganz eigenen antisemitischen Vergangenheit…) raus aus der Nummer.

Was zu Ibizagate

Das sog. „Ibizagate“ ist gleich in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Man weiß ja kaum, wo man anfangen soll. Da wäre erstens die bewundernswerte Mischung aus Skrupellosigkeit, Größenwahn und anscheinend auch Dummheit, die von den FPÖ-Granden da offenbart wurde. Und da wäre zweitens der Hinweis auf „schwarze Kassen“ zur Parteienfinanzierung in Österreich. Allein diese beiden Aspekte sind selbstverständlich schon Grund genug für Rücktritte der Beteiligten. Aber musste deswegen auch notwendigerweise die Koalition beendet werden?

Das sofort einsetzende Echo aus Medien und deutscher Politik ließ daran keinen Zweifel. Dabei vergisst man aber gerne, dass dieses in erster Linie von Leuten kam, denen diese Koalition sowieso nie gefiel. Wenn in den Medien z.B. eine Demonstration von ein paar Tausend Leuten in Wien zur Stimme des empörten Volkes hochgejazzt wurde, erscheint das schon vor dem Hintergrund seltsam, dass die Gegner der Regierung Ende letzten Jahres schon mal über 15.000 Protestierende auf die Straße brachten – abgesehen mal vom äußerst zweifelhaften Repräsentationscharakter solcher Demos. Um es einfach zu sagen: Dass die Gegner der ÖVP-FPÖ-Koalition auch diese Gelegenheit nutzten, um Stimmung gegen ihr Feindbild zu machen, hatte nicht so den berauschenden Nachrichtenwert und begründete für sich rein gar nichts. 

Die Stimmen wichtiger Menschen, also von Angehörigen der labernden Klasse aus Politik, Medien und Gesellschaftswissenschaften, fanden eine genial einfache Sprachregelung: So seien sie eben, die Rechtspopulisten. Weiterlesen

Was zu Fake Facts

Der Werwohlf ist ja noch mehr als hier auf Twitter unterwegs. Auf Twitter braucht man nichts von dem, was er hier versucht zu machen, also die mehr oder weniger mühsame Herleitung eines Arguments oder die ausführliche Darstellung eines Problems, sondern da sind vor allem ein paar starke Sprüche gefragt. Daran hat auch die Erweiterung auf 280 Zeichen nicht viel geändert, vor allem nicht für in deutscher Sprache verfasste Tweets[1]… Mitunter findet man ein paar Gleichgesinnte, denen es auf Kommunikation ankommt und die tatsächlich an einem Meinungsaustausch interessiert sind, aber die sind die Ausnahme. Darunter sei hier noch nicht einmal die Kritik an blockenden Promis erfasst: Die kriegen so viele Tweets, die müssen einfach filtern. Gut, man kann noch fragen, ob es Blocken sein muss, wo es Muten auch getan hätte, aber das sind Feinheiten. 

Einer, der nicht blockt, wenn man ihn kritisiert, ist anscheinend Richard Grenell, der amerikanische Botschafter in Deutschland. Als er wieder einmal mehr oder weniger bestimmt sein Gastland aufforderte, doch endlich das berühmt-berüchtigte 2%-NATO-Ziel zu erfüllen, haute ihn der Werwohlf von der Seite mit der Frage an, ob er denn nun amerikanischer Botschafter oder Gouverneur sei. Er selbst antwortete damit, dass er Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika sei, was wohl betonen sollte, dass Anwürfe wie die vom Werwohlf kritisierten zu seiner Job-Beschreibung gehörten. Interessanter war darauf aber die Begegnung mit Twitterern aus den USA. Und die lehrte den Werwohlf, dass die Polarisierung in den USA wirklich ein demokratischen Problem darstellt, eins, das sich leider auch in Deutschland abzuzeichnen beginnt. Ein Teil der Antworten, die der Werwohlf erhielt, war schnell dabei, die Trump-Regierung zu verdammen. Ein anderer jedoch versuchte, die Angriffe ihres Botschafters zu verteidigen. Das wäre für sich genommen nicht verwunderlich, aber erschreckend war die dabei auftretende Renitenz gegen Fakten. Offensichtlich hat Trump es mit einer Art „Framing“ geschafft, in einigen Köpfen die Sicht zu verankern, bei diesen 2% handele es sich um eine Art Beitrag, der von den Mitgliedstaaten an die NATO zu entrichten wäre. Dazu tragen dann u.a. Sprüche wie „Pay your bills“ bei.Der Punkt ist natürlich, dass es sich bei den 2% um die Anteile an den nationalen Haushalten handelt, die für die eigenen Streitkräfte aufgewendet werden.  Aber das war diesen Leuten einfach nicht beizubringen[2], obwohl sich sogar unter den US-Twitterern welche fanden, die das klarstellen wollten, und irgendwann lugte dann auch noch Godwin um die Ecke, was für den Werwohlf der Anlass war, die Scheindiskussion durch Muten zu beenden. Zur besonderen Ironie der Geschichte gehört, dass der Werwohlf durchaus ein Freund des 2%-Ziels ist, es nur nicht für besonders hilfreich hält, wenn sich der amerikanische Botschafter im Stil eines Gouverneurs in diese Debatte einmischt.

Dass eine solche Unkenntnis dazu beiträgt, Konflikte zu verstärken, steht wohl außer Frage. Wir wollen das Phänomen auch nicht unbedingt auf amerikanische Twitterer beschränken – ähnliche Erlebnisse kann man auch mit deutschen haben, z.B. wenn es um eins der deutschen Lieblingsthemen, die Besteuerung, geht. 

Und das ist dann die Frage an die Medien: Wie wäre es mit etwas weniger Haltung und etwas mehr Information?

[1] Es ist einfach so: Für dieselbe Äußerung braucht man im Deutschen ca. dreimal so viel wie im Englischen, erst recht, wenn es um politische Themen geht.
[2] Wohl kein Wunder, wenn selbst Herr Grenell ähnliche Ausdrücke bei jüngeren Interviews verwendet.