Was zu Silvesterausschreitungen

Die Sau ist fast schon durch’s Dorf, und alles ist gesagt, nur noch nicht von jedem (oder jeder), aber dennoch beschäftigt den Werwohlf die Debatte um die Silvester-Krawalle noch. Oder besser: wie darüber diskutiert wird.

Wer als Politiker eher rechts steht (und noch nicht als Nazi entlarvt wurde und deswegen weiter Zugang zu öffentlichen Kanälen hat), macht stante pede „die gescheiterte Integration“ der Zuwanderer verantwortlich. Wogegen sich prompt der linke Widerstand meldet, wonach nichts mit Herkunft oder Religion zu tun haben kann (wohl besser: darf), sondern allein mit sozialen Missständen. Und so „diskutieren“ sie dann ewig weiter, bis dass der Tod sie scheidet. Getan wird natürlich nichts, jedenfalls nichts Zielführendes. Vielleicht gibt es härtere Strafen für Angriffe auf Polizei und Rettungsdienste, vielleicht wird vorsichtshalber gleich mal für alle das Böllern[1] verboten, und vielleicht gibt es mehr Geld für linke Vorfeldorganisationen aus den üblichen Töpfen, weil in Wirklichkeit nur der Rassismus der Mehrheitsgesellschaft verantwortlich war, den es dieser auszutreiben gilt.

Sehen wir mal davon ab, dass letzteres sowieso etwas putinesk daher kommt („Die haben uns diskriminiert, deswegen mussten wir Gewalt anwenden!“), berührt nach Ansicht des Werwohlfs nichts von allem das eigentliche Problem.

Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Die Täter waren durchweg junge Männer. Sie waren besonders aktiv in den Gegenden, die man gerne als „soziale Brennpunkte“ bezeichnet. Nach Medienberichten hatte ein weit überproportionaler Teil von ihnen einen Migrationshintergrund, prominent aus dem arabischen Raum. Obwohl man als Linker diese letzte Information anscheinend nur gelten lassen kann, um die Täter als Rassismus-Opfer bezeichnen (und entschuldigen) zu können, schafft es auch die SPD-Bundesinnenministerin nicht mehr, die Lage schönzureden, schließt daraus aber wieder nur die Notwendigkeit einer Einschränkung, die alle betreffen würde und nicht nur die Täter.

Ansonsten werden wieder die alten Schützengräben ausgehoben. Der taz-Schreiber meint, „weite Teile unserer Gesellschaft“ müssten nur anerkennen, dass die unter den Tätern überrepräsentierten Gruppen „Teil dieser Gesellschaft“ sind, dann gäbe es kein Integrationsproblem mehr. Die Sprache, die Wertevermittlung in der Familie und – gerade in Großstädten, worauf dieser Schweizer Experte hinweist – durch die Peers oder durch andere von den jungen Männern akzeptierte Autoritätspersonen (z.B., aber längst nicht nur Imame) – das alles soll ursächlich keine Rolle spielen? Es fängt ja schon damit an, dass wir hier über eine sehr spezifische Gruppe reden und keinesfalls über „die Migranten“ oder gar „die Ausländer“. Im Gegenteil: Ein Großteil dieser generalisierten Gruppen hat keinerlei Sympathien für die Ausschreitungen der Silvesternacht und leidet darunter u.U. auch direkt selbst, z.B. eben als Polizeibeamter oder Sanitäter oder Feuerwehrmann.

Es geht um junge Männer, die sich in der Realität der Bundesrepublik Deutschland nicht zurechtfinden, und die keine anderen Möglichkeiten sehen, ihrem Testosteron-Level genüge zu tun. Es sind wohl welche, die in keinem Sportverein Mitglied sind, die in der Schule, so sie denn überhaupt hingehen, am untersten Level dahin dümpeln und deswegen keine Aussicht auf das haben, womit sich auch der „Bio-Deutsche“ erst seine Anerkennung in der Gesellschaft verschafft, nämlich einen Job, mit dem er sich selbst und möglichst noch seine Familie ernähren kann. Sie haben dann andere Rollenvorbilder aus ihrem Viertel, die großspurigen Macker, die das große Wort führen und einen jungen Mann beeindrucken können. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft hat unter diesen keine Chance – ihre Werte werden wahlweise als schwach oder verderblich angesehen. Die Identifikation erfolgt über die eigene „Posse“, und alles draußen ist Feind. Es ist auch sehr fraglich, ob die Betreffenden tatsächlich die entschuldigenden Rassismuserfahrungen haben konnten, wenn sie aus ihrem eigenen Viertel nie heraus kamen. Die Eltern dieser Jungs sind in der Regel komplett überfordert. Sie haben als Flüchtlinge selbst Probleme, mit dieser ihnen völlig fremden Welt auf einmal zurechtzukommen. und der Umgang mit den Werten dieser Gesellschaft löst in den Familien so manchen Konflikt mit der überlieferten Tradition aus und trägt damit zur Entfremdung von Kindern und Eltern bei. Packen wir noch ein wenig „Social-Media“-Dynamik oben drauf, wo nur das „Krasseste“ gefeiert wird, und die Saat ist draußen.

Für die Lösung des Problems ist die Herkunft der Täter also nur ein erster Hinweis, wo weiter zu bohren ist. Wie Experte Ahmed Mansour nicht müde wird zu betonen, wird es vor allem darauf ankommen, die Nachkommen von Einwandererfamilien möglichst früh einzubinden in eine dieser Republik entsprechende Wertevermittlung, und vor allem braucht es jede Menge positiv besetzter Rollenbilder.

In dem Trubel ging vielleicht noch ein anderer Fakt unter: Wo waren die (Deutsch-)Türken? Bei diesen Ausschreitungen jedenfalls wohl eher nicht dabei. Als Deutscher mit türkischem Hintergrund hätte ich mittlerweile tatsächlich wohl viele Vorbilder vor Augen, von Sport bis Politik, und ich wüsste, dass ich es genau so packen kann. Offenbar kann dieses Land Integration, nur hat es unterschätzt, wie lange das dauern kann.

Das hier Gesagte ließe sich übrigens fast 1:1 auf irgendwelche Neonazis anwenden, vor allem aus den „Neuen Bundesländern“. Neue Welt, Wertekonflikte, Rückgriff auf falsche Vorbilder, Feindbild, männlich, jung. Der Weg zur Lösung wäre ziemlich derselbe.

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