Recht auf Home Office?

Wenn man sich als Liberalen sieht, also jetzt nicht im Sinn „ich verzichte bei der nötigen Revolution auf Erschießungen“, was in einigen Medien als konkludente Definition zu dienen scheint, sondern mehr so in der „klassischen“ oder historisch „neoliberalen“ Bedeutung, der ist es gewohnt, sich von der einzigen Partei Deutschlands mit signifikant liberalem Flügel einige Zumutungen gefallen lassen zu müssen. Der Werwohlf gehört als zwischen liberalen und konservativen Ansichten mäandernder Individualist nicht zum Glück nicht dazu, doch hegt auch er den Wunsch, der liberale Flügel möge in dieser Partei, und natürlich reden wir hier von der FDP, deutlich größer werden. Allein schon deshalb, weil diese Positionen sonst in diesem Land, das sich zu Recht vieler Tugenden zu rühmen vermag, zu denen aber eine liberale Grundeinstellung ganz sicher nicht gehört, komplett ausgerottet wären.

Aber diese Hoffnung wird immer wieder enttäuscht. Jüngst durch ein Thema, das im Zuge der COVID-19-Krise viel Relevanz erfahren hat: das „Home Office“.

FDP-Politiker Johannes Vogel wird in den Medien zitiert, dass er sich einem „Recht auf Home Office“  anschließen würde. Genauer betrachtet, ist dies nicht komplett der Fall, sondern er fordert (schon länger) eine Gesetzeslage analog der in den Niederlanden, nach der da, wo Home Office möglich ist, eine Verweigerung durch den Arbeitgeber begründet sein muss. Im Prinzip läuft das aber dann doch auf eine Regelung „Home Office als Standard“ hinaus, und dass von diesem Standard nur begründet abgewichen werden darf.

An dieser Stelle sei darauf verwiesen, dass die Forderung von Herrn Vogel zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung anscheinend nicht Beschlusslage der FDP war – siehe z.B. hier: https://www.facebook.com/lindner.christian/posts/2555975034417051

Die Firma, deren Angestellter der Werwohlf z.Zt. ist, hat das Problem nicht. Hier kann von zu Hause aus arbeiten, wer es will und wann er es will, außer er muss zu Kundenterminen. Letztere fallen im Moment weg, aber das ist nicht der Punkt, sondern dass dieses grundsätzliche Recht, das Herr Vogel da mit Staatsgewalt etablieren will, von Firmen schon freiwillig umgesetzt wird. Warum? Weil sie ihre Angestellten pampern wollen? Nein. Es wird aus zwei Gründen so umgesetzt: Erstens geht es bei ihrem Produkt um Software, Die ist nicht ortsgebunden und hat auch keine physische Präsenz.  Und zweitens: Es gibt einen Wettbewerb um fähige Köpfe in der Branche. Wer also seine Kunden zufriedenstellen möchte, tut gut daran, den Leuten entgegen zu kommen, die das bewerkstelligen können.

Interessanterweise ist für die meisten Menschen nicht 100% Home Office die gewünschte Alternative, sondern ein Mix aus Präsenz im gemeinsamen Büro und im Home Office. Das hat sich auch beim Arbeitgeber des Werwohlfs so eingependelt, jedenfalls in Vor-Corona-Zeiten. Für den Arbeitgeber bedeutet das: Er muss beides vorhalten. Platz und Gimmicks für die, die kommen wollen. Und Home-Office-Equipment für alle, also leistungsfähige Hard- und Software. Und eine Infrastruktur, die auf „remote access“ vorbereitet ist (VPN, Citrix…).  Natürlich muss auch die Infrastruktur im Home Office mitspielen. Bei der „helfen“ uns klare Vorgaben, wie so ein Arbeitsplatz einzurichten ist, und gewährleisten muss das beim unmündigen Arbeitnehmer, dem Leitbild deutscher Gesetzgebung, natürlich der fürsorgliche Arbeitgeber[1].  Wie der Stuhl aussieht, welche Abstände einzuhalten sind etc. Wofür er nicht sorgen muss und auch nicht sorgen kann, ist ein schneller und stabiler Internetanschluss mit hoher Bandbreite. Gehört zu den zulässigen Ablehnungen also auch der Hinweis, dass der Arbeitnehmer leider an einer schwachbrüstigen Leitung hängt?

Die eigentliche Frage ist aber: Was geht den Staat das an? Warum soll der sich in die Frage einmischen, von welchem Ort Arbeitsleistungen erbracht werden?

Vermutlich spielt in der Antwort auf diese Frage der Wunsch eine Rolle, den Hund zum Jagen tragen zu können. Will sagen, man hat kraft eigener Leberwurst erkannt, dass Home Office besonders produktiv ist und muss jetzt unbedingt noch diese störrischen Arbeitgeber überzeugen, die partout weiter auf Lösungen setzen wollen, mit denen sie Geld verlieren. Der Werwohlf versagt sich, voller Zuversicht hinsichtlich seiner Leser, hier eines Kommentars.

Und sonst steckt dahinter vermutlich der Wunsch, die Position des Arbeitnehmers gegenüber dem Arbeitgeber zu stärken. De facto soll der Arbeitnehmer frei sein, ins Home Office zu wechseln, wenn die Gründe dagegen nicht überzeugend sind. Was überzeugend ist, muss dann natürlich der Staat festlegen. Damit greift er noch mehr permanent in das Vertragsverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ein. Mit welcher Begründung letztlich? Nice to have?

Es gibt genug Gründe anzunehmen, dass es aus Arbeitgebersicht wenig sinnvoll ist, ständig alle Mitarbeiter in eine Präsenz zu zwingen. In der heutigen Zeit, und gerade auch mit zunehmender, die Messbarkeit erhöhender Digitalisierung, werden Inputs wie die Arbeitszeit in den Hintergrund treten gegenüber Outputs wie z.B. Umsatzzahlen. Damit reduziert sich auch die Notwendigkeit, Anwesenheit zu überwachen. Das ist so ähnlich wie mit dem genialen Stürmer. Dem kann man nach dem Spiel seine miese Laufleistung vorwerfen, aber wenn er ein paar Tore geschossen hat, interessiert sich für diese Korinthenkackerei kein Mensch.

Das hat auch der Arbeitgeber des Werwohlfs so gesehen. Und er hält an seiner Politik fest, weil er sich sicher ist, dass sie ihm Vorteile verschafft. Lassen wir doch also einfach den Wettbewerb entscheiden. Wer will sich schon Vorteile entgehen lassen? Wer meint, darauf verzichten zu können, wird eben irgendwann nicht mehr da sein. Spätestens, wenn die Corona-Hilfen verfrühstückt sind. Und für die anderen, die dann immer noch da sind, ist es vielleicht nicht sinnvoll, die Mitarbeiter ins „Home Office“ gehen zu lassen. Warum auch immer – das Schöne an Marktwirtschaften ist, dass man, um ihre Freiheiten zu verteidigen, selbst kein Prophet sein muss, sondern sich auf den Erfindungsreichtum der Vielen verlassen kann.

Was also kann die Politik sinnvoll tun? Vielleicht den Breitband-Ausbau fördern. „Infrastruktur schaffen“ ist geradezu eine klassische Staatsaufgabe. Und vielleicht bevorzugt OSS-Software einsetzen, die sinnvolles, verteiltes Arbeiten ermöglicht. Denn wenn uns die Corona-Krise eins gelehrt hat, dann dass man sich nicht allein auf weltweit verteilte Ressourcen und international angebotene Produkte verlassen sollte.

[1] Der Werwohlf will keine fürsorglichen Arbeitgeber. Er will welche, die seine Leistung möglichst weit in Anspruch nehmen, wobei „möglichst“ durch den Wettbewerb bestimmt wird.

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