Lockdown – und ewig lockt die Lockerung

Nochmal: Der Werwohlf ist kein Virologe. Aber er argumentiert hier auch in dem Sinn, dass es nicht allein auf die Meinung der Virologen ankommen kann.

Die weitgehend abgestimmten Beschränkungen des Alltagslebens in Deutschland sind bis zum Ende der Osterferien befristet. Man hört, dass Mitte der kommenden Woche darüber entschieden werden soll, wie es weiter geht. Die Stimmen, die fordern, dass die bestehenden Maßnahmen endlich wieder gelockert werden sollen, mehren sich. Während in der FAZ noch eine Debatte darüber gefordert wird, ist FDP-Chef Lindner schon weiter und fordert getreu der neuen FDP-Devise „English first, Deutsch second“ eine „smarte“ Ermöglichung von Kontakten.

Meist wird propagiert, Zugänge zu Geschäften, Arbeitsplätzen und anderen Einrichtungen wieder zu ermöglichen, sofern gewisse Abstandsregeln eingehalten werden. Besonders gefährdete Personengruppen sollen aber besonders geschützt werden. Nun gibt es immer wieder neue Hinweise darauf, dass die bisher bekannten Abstandsregeln vielleicht nicht ausreichen, und wie man in einem Volk, in dem Diabetes, Bluthochdruck, Adipositas und sogar Asthma weit verbreitet sind, risikogruppenspezifisch schützen kann, weiß wohl im Moment auch keiner – nur fordern kann man es mal.

Auf der anderen Seite müssen wir uns bewusst werden, dass auch der Zusammenbruch einer Wirtschaft Menschenleben kosten kann und wird. Es ist im Moment dann nur eine Frage dessen, was man unmittelbar sieht (die COVID-19-Gefahr) und was nicht (die Gefahr durch wirtschaftlichen Niedergang später). Es geht hier nicht um Dividenden und „Bilanzen“, wie an dieser Stelle irgendwelche Polemiker schnell einzuwerfen bereit sind, sondern um das System, das privaten und öffentlichen Institutionen ihre Existenz ermöglicht, angefangen beim privaten Haushalt bis zum – ja, genau – öffentlichen Gesundheitswesen.

Heißt das etwa, man soll Menschenleben zu Gunsten von wirtschaftlichem Wohlstand opfern? Ja. Wie üblich. Ein Tempolimit von 30 km/h, das rigoros überwacht wird, würde viele Leben retten. Rettungshubschrauber in jedem Dorf plus einsatzbereiter Besatzung auch. Beides gibt es nicht. Warum? Weil wir zwischen konkreten und statistischen Leben unterscheiden. Für ein konkretes Leben tun wir alles, was in unserer Macht steht, aber was in unserer Macht steht, wird abstrakt jenseits aller konkreten Fälle pauschal festgelegt und entscheidet dadurch nicht zuletzt über die statistischen Leben.

Das Hauptprinzip, nach dem sich die bisherige Anti-COVID-19-Strategie in Deutschland ausrichtet, ist es, den Ärzten die Entscheidung zu ersparen, welcher Patient behandlungs“würdig“ ist und welcher nicht. Jeder, der Behandlung braucht, soll sie bekommen. Das ist zwar schon als Prinzip nicht unumstritten angesichts der Folgen und Umstände einer intensivmedizinischen Behandlung, aber moralisch wird es im Moment noch zur einzig zulässigen Richtschnur erhoben. Der Werwohlf findet das auch okay, vor allem deshalb, weil eine Gesellschaft, so lange sie es kann, solche Entscheidungen nicht dem Gewissen der Mediziner überlassen soll. Man muss diese Menschen, die eh schon physisch und psychisch an ihre Grenzen geführt werden, nicht auch noch zusätzlich mit solchen Entscheidungen belasten – eben so lange man es kann. Es kann der Fall eintreten, dass dieses Prinzip nicht mehr durchzuhalten ist. Wir kennen das aus Spanien und Italien, und womöglich wird auch in New York so vorgegangen. Man kann die Entscheidungen der Mediziner dann natürlich moralisch kritisieren, aber diese Kritik ist bigott, wenn sie den Entscheidern keine alternativen Kriterien an die Hand gibt.

„Wenn die Katze ein Pferd wäre, könnte man mit ihr die Bäume hinauf reiten.“ (Wahlspruch der Moralisten)
„Angenommen, wir hätten einen Dosenöffner!“ (VWL-Insider)

Was also tun? Es gibt mehrere Kriterien, anhand derer man Lockerungen erwägen kann. Da wäre zum einen die Reproduktionsrate, also wie viele andere steckt ein Infizierter an? Die bewegt sich wohl momentan um die 1, aber ein Wert unter 1 wäre eine erfolgversprechendere Situation für Lockerungen. Dann wäre da die Zahl der „Netto-Infizierten“, also Infizierte abzüglich Genesene. Problem dabei: Die Zahl der Genesenen wird nicht richtig erhoben, und jüngere Berichte suggerieren, dass „genesen“ nicht gleich „genesen“ sei, weil sich das Virus manchmal „reaktiviere“. Die viel beschworenen Antikörpertests taugen im Moment nicht viel wegen ihrer zwar geringen, aber auch auf eine geringe Durchseuchung treffende Zahl von „false positives“, also von Menschen, die als immun getestet werden, es in Wirklichkeit aber nicht sind. Interessant wäre auch die Summe von neu in Krankenhäusern aufgenommenen Menschen abzüglich derer, die sie wieder verlassen. Und nach Meinung des Werwohlfs sollte auch klarer herausgestellt werden, wer sich in welchem Umfeld infiziert hat. Viele Infizierte und Tote in Krankenhäusern und Heimen sind schlimm, aber bedeuten andererseits auch weniger in der „freien Wildbahn“.

Letztlich müssen wir so ehrlich sein und uns eingestehen: Wir wissen noch viel zu wenig über das Virus. Es gibt auch noch keine anerkannte Medikation dagegen, von einem Impfstoff einmal ganz abgesehen. Nach Meinung des Werwohlfs würde eine zu rasche und zu umfangreiche Lockerung das oben genannte Ziel gefährden. Es würde zur berüchtigten „Triage“ gegriffen werden müssen – Mediziner entscheiden, wer behandelt werden kann und wer nicht. Das kann man wollen, zum Wohle der Volkswirtschaft, mit sehr berechtigten Argumenten. Aber die Gegenargumente muss man dann aushalten können.

Wie üblich, stehen sich die Lager hier unversöhnlich gegenüber. Jedes bezichtigt das andere der Menschenverachtung und Gefühllosigkeit. Dabei werden beide nicht umhin kommen, dass sie sich bei Befolgung ihrer Forderungen schuldig machen müssen, auf die eine oder andere Art und Weise. Den Königsweg aus der Krise gibt es eben nicht, auch wenn die Seite der Restriktionsfans die momentane Sichtbarkeit auf ihrer Seite hat, mit der dann auch zur Genüge argumentiert wird, was sie aber nicht valider macht.

Der Werwohlf würde von einer reifen Gesellschaft erwarten, dass sie sich dieser Konflikte bewusst ist, statt dass ihre Mitglieder blind vor Eifer nur den eigenen Ausschnitt der Wirklichkeit zu verteidigen. Demut ist angesagt, und das Aushalten von Unreinheit. Diese Forderung muss Teilen der Gesellschaft, die sich eben gerade dazu aufgeworfen hatte, klar Böse und Gut voneinander scheiden zu können, als Zumutung erscheinen, aber nicht zuletzt Ostern lehrt uns, dass die Welt nicht nur gut ist.

Schaffen wir das?

2 Gedanken zu „Lockdown – und ewig lockt die Lockerung

  1. Dr. Caligari

    Die Sache ist letztlich doch relativ einfach:
    Die Debatte wird sehr emotional geführt, weil es diesmal wirklich um die Werte geht, die unsere Gesellschaft vertritt.

    Antwort
  2. Pingback: To unlock or not to unlock? | Der letzte Biss

Platz für Senf.

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