Politische Gedanken zu Weihnachten 2017

Eigentlich müsste, so verlangt es die Jahreszeit, an dieser Stelle irgendetwas Frommes, Aufbauendes stehen. Etwas über die Bedeutung von Weihnachten aus christlicher Sicht, die Hoffnung auf Frieden und eine Welt ohne Armut und Unterdrückung. Das wird es auch, nur vielleicht etwas anders als üblich. 

Fangen wir doch mal mit der folgenden Meldung an:

 

Da nutzen Kirchen die Chance, zu Weihnachten endlich mal wieder volle Häuser zu haben, um ihrer Krise Ausdruck zu verleihen. Die Menschen wenden sich mehr und mehr von Gott ab, so scheint es. Dafür gibt es sicher viele Gründe. Die alten Sehnsüchte, auf die Religionen eine Antwort bieten, scheinen aber nicht gleichermaßen zu verschwinden. Es sind neue Götter entstanden. So lässt sich zum Beispiel kaum verhehlen, dass die Angst vor dem Sterben jetzt dazu führt, dass mit religiösem Eifer Fitness und gesunde Ernährung propagiert und Verbote gefordert werden für alles, was krank machen könnte – nach dem „Vorsorgeprinzip“ schon beim kleinsten Verdacht. Dass diese Ängste gerne ausgenutzt werden, indem der Eifer etwas willkürlich zuschlägt, hat dann auch seine Entsprechungen in der Kirchengeschichte. Aber vielleicht sind die Kirchen nicht nur Opfer einer gesellschaftlichen Entwicklung, sondern auch Teil des Problems?

Gestern twitterte der Chefredakteur der „Welt“ diese Frage:

 

 

Es sollte nicht allzu schwer fallen, sich vorzustellen, was er damit gemeint haben könnte. Und wenn doch, so lieferte der darauf folgende Sturm der Selbstgerechtigkeit die Erklärung dazu. Nur exemplarisch für diverse Stellungnahmen aus dem linken Spektrum sei hier der Tweet vom stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Stegner angeführt. Andere formulierten es noch drastischer.

 

Wer diese typische Twitter-Kette (eine Debatte kann man die übliche Mischung aus Ausgangstweet und Masse ähnlicher Entgegnungen nicht nennen) verfolgt, dem wird klar: Diese Leute glauben offensichtlich tatsächlich, die Forderungen von Jusos oder Grüner Jugend seien deckungsgleich mit praktiziertem Christentum. Anders lässt sich die Häme nicht verstehen, die Poschardt unterstellt, er wolle z.B. nichts von Nächstenliebe wissen. Das aber ist so falsch, dass es über den Umweg von „fast schon wieder richtig“ doch noch bei „komplett falsch“ landet. 

Ob der Einzelne angesprochen wird oder eine politische Einheit („Volk“ in allen denkbaren Abstufungen), macht in der Regel einen entscheidenden Unterschied. Erstens kann ein Volk keinen gemeinsamen Willen entwickeln. Was wir als solchen kennen, ist nur dessen Simulation (Ersetzung durch Mehrheitsabstimmung). Es sei denn, wir stellen uns das Volk doch so vor:

Aber auch da gibt es eben diesen einen Störenfried (ein Liberaler?). Und was muss man, wenn man den angeblichen Volkswillen durchsetzen möchte, mit diesen Störenfrieden tun? Richtig – man wendet Zwang an. Weil wir (im noch besten Fall: mehrheitlich, im schlechteren Fall: kraft überlegener Stellung) zu der Erkenntnis gekommen sind, diese oder jene Handlung sei im christlichen Sinn höchst erforderlich, müssen wir im Interesse des Großen und Ganzen die paar Störenfriede eben zum Mitmachen zwingen. Halleluja! Suchen Sie nicht erst nach den Stellen im NT, wo Jesus das fordert. Es gibt sie nicht. Sowas wird immer nur von denen propagiert, die vorgeben, in seinem Namen zu handeln, dahinter aber ihre ganz irdischen Vorstellungen von Macht über andere verbergen. Hingegen sollte einigen zu denken geben, wie Jesus mit Leuten umzugehen pflegen, die ihre eigene Rechtschaffenheit wie eine Monstranz vor sich hertragen.

Jesus war kein Prophet der Umverteilung, auch wenn uns heutzutage das viele, auch Kirchenfunktionäre glauben machen wollen. Der gewünschte Effekt, also Geld von den Reichen an die Armen fließen zu lassen, ergibt sich bei ihm nicht als Ziel, sondern als indirekte Konsequenz des Glaubens. An den Stellen, wo er explizit dazu aufruft, jemand möge sein Geld an die Armen verteilen, geschieht dies mit dem Blick auf diesen Einzelnen hin, den sein Streben nach materiellem Reichtum davon abhält, das wirklich Wichtige im Leben zu erkennen, also die Botschaft Gottes. Jesus lobt und preist die Armen, weil ihnen dies nicht geschehen kann, und wenn ein Reicher sein Geld an viele Arme verteilt, entsteht nicht etwa automatisch die „gerechte Gesellschaft“, wie man sich das als Linker wohl manchmal so vorstellt, sondern dann ist der Arme wohl auch nachher nicht einer völlig anderen Lage, obwohl er dann für eine gewisse Zeit Not lindern kann. In die „Gefahr“, durch zu viel Wohlstand gegen das erste Gebot zu verstoßen (denn darum geht es im Kern dabei – Jesus hat kein primär soziales Anliegen, sondern ein geistiges), gerät er aber trotzdem nicht. Um es krasser zu sagen: Folgt man Jesus, ist nicht Armut das Problem, sondern Reichtum. Und zwar kein gesellschaftliches (denn dann wären wir wieder bei den Linken), sondern ein individuelles, nämlich das des Reichen selbst, weil er ihn von Gott fern hält. 

Huch? Ist das nicht genau unsere Situation? Lebt nicht die große Mehrheit von uns ein einem früher nie erahnten Wohlstand? Und der Glaube nimmt mehr und mehr ab…

Wollen wir das mal an einem kleinen Beispiel (Lukas 21,1 – 4) illustrieren:

 

Jesus blickte auf und sah, wie reiche Leute ihre Geldspenden in den Opferkasten warfen. Er sah auch eine arme Witwe, die steckte zwei kleine Kupfermünzen hinein. Da sagte er: »Ich versichere euch: Diese arme Witwe hat mehr gegeben als alle anderen. Die haben alle nur etwas von ihrem Überfluss abgegeben. Sie aber hat alles hergegeben, was sie selbst dringend zum Leben gebraucht hätte.« 
Offensichtlich funktioniert hier Umverteilung. Die Reichen geben mehr als die arme Witwe. Aber sie geben nicht genug, denn sie geben nur von ihrem Überfluss – und mehr als das verlangt eigentlich selbst die heute als „Die Linke“ firmierende SED nicht. Doch für Jesus ist es nicht genug. Er will, wie üblich, alles, den ganzen Menschen mit Haut und Haar, für Gott. Wohlgemerkt: Er ist nicht etwa entsetzt, lässt seine Jünger der armen Witwe Geld spenden oder fordert gar nach einer Steuer für die Reichen. Nein, er bewundert die arme Witwe und stellt ihr Verhalten als vorbildhaft hin. Wer fordert das nochmal in der Politik?
 
Wir haben da auch noch ein ganz anderes Problem, wenn wir versuchen, christliche Grundsätze in die Politik zu übertragen. Wir können es Komplexität nennen oder den Fluch der Zielkonflikte. Nehmen wir das Lieblingsbeispiel der letzten Jahre und auch der Poschardt-Basher gerade, die Migrations- oder Flüchtlingspolitik. Nehmen wir an, sie sind ein christlich beeinflusster Mensch, und Sie entscheiden sich, einen Menschen bei sich aufzunehmen, der um Aufnahme nachsucht. Sehr weihnachtlich passend, obwohl all die Mahner heute typischerweise auch keine Lösung für überfüllte Herbergen parat haben… Das ist sehr lobenswert. Aber was, wenn dieser Mensch einige Angewohnheiten hat, die zwar Sie mit ihrer Hilfsbereitschaft zu ertragen bereit sind, die Ihren Nachbarn aber einige Probleme bereiten? Vielleicht liebt er es, jede Nacht laut Trash Metal zu hören? Vielleicht kocht er sich gerne stark duftende Speisen, deren Gerüche durchs ganze Treppenhaus wabern? Vielleicht ist es ein junger Mann, der lange keine Frau mehr gesehen hat und der alle Töchter der Nachbarn auf dem Flur anmacht? Vielleicht hat er ein übersteigertes Ehrgefühl und sucht bei jedem kleinen Konflikt den Weg der körperlichen Gewalt? Schon wahr, so einen Typ zu erwischen, bei dem all das zusammenkommt, dazu muss man schon viel Pech haben, aber um diese Wahrscheinlichkeit soll es hier gar nicht gehen, sondern darum, dass die eigene Entscheidung nicht nur Konsequenzen für einen selbst hat, sondern auch für andere. Haben die Nachbarn, denen jetzt Unbill widerfährt, etwa kein Recht auf Nächstenliebe? Wie geht man mit diesem Konflikt um? Stellt man eine Liebesbedürftigkeitshierarchie auf nach dem Motto: Der, den ich aufnahm, dem ging es viel dreckiger, und ihr habt das jetzt im Interesse der guten Sache gefälligst zu ertragen? Meinen Sie, damit würden Sie christlich handeln?
 
Das Problem vergrößert sich um ein Vielfaches, wenn wir die Entscheidungen auf gesellschaftliche ausdehnen. Wer das christliche Gebot der Nächstenliebe so übersetzt, dass der deutsche Staat seine Grenzen für ausnahmslos alle zu öffnen habe, die das wollen, der nimmt damit, wie nach anfänglichem vehementen Abstreiten (Politik à la Strauß – Franz Josef mag tot sein, aber der Vogel ist noch politisch aktiv) mittlerweile offensichtlich, hohe finanzielle Belastungen für die Allgemeinheit, ein höheres Risiko auch von Gewaltkriminalität und vielfach erhebliche Belastungen einzelner Menschen in Kauf, die mit den Folgen ungesteuerter Einwanderung konkret und vor Ort umgehen müssen. Wäre hier ein Vorgehen nach dem Motto „ein bisschen Abfall ist immer“ etwa christlich? Einwanderer verfügen nicht über das nötige Bildungsniveau, um hier für ihren eigenen Lebensunterhalt zu sorgen. Neue Forderung: Dann müsssen wir sie eben ausbilden! Wir haben aber nicht genug Lehrer und andere Ausbilder. Neue Forderung: Dann müssen wir eben die ausbilden! Wir bekommen aber nicht genug Bewerber. Neue Forderung: Dann müssen wir die Jobs attraktiver machen! Und jetzt das Ganze nochmal durchdeklinieren für Polizeibeamte, Sozialarbeiter, Kita-Betreuer…
Was ist christlich daran, eine Forderung nach der anderen zu stellen, aber die Existenz von Zielkonflikten zu verleugnen? 
 
Äußerst praktisch für alle, die sich in den Tweets auf der Seite des Hehren und Guten wähnen und zur Tat schreiten, um den Pferdehuf-Poschardt zu verjagen: Sie fordern im Namen der christlichen Gebote, und zahlen, machen und die Konsequenzen tragen dürfen überwiegend andere. So hat sich Jesus das also vorgestellt? Da dürfte dann doch ein anderer Lukas einschlägig sein, und zwar Lk 18, 9-14 [1].
 
Gute Politik geht anders. Sie setzt zwar auf moralischen Grundüberzeugungen auf, die gerne vom Christentum herrühren dürfen, aber sie erkennt, dass es vor allem auf die Kunst der Balance ankommt. Eine Gesellschaft ist ein komplexes System, in dem selbst die mit den besten Absichten erfolgten Eingriffe negative Konsequenzen an anderer Stelle haben[2]. Immer. Gute Politik muss sich hier in der Kunst des Abwägens üben. Und genau da, beim Aushalten der Zielkonflikte und dem Umgang mit ihnen, hilft wohlfeiles Moralisieren eben nicht mehr weiter. Weswegen sich die Moralisten auch meistens darin befleißigen, die Existenz von Zielkonflikten abzustreiten: Nein, mit den Migranten kommen keine Terroristen. Nein, die Migranten sind überwiegend hoch qualifiziert. Nein, es gibt keine gestiegene Kriminalität aufgrund der Migration. Und das alles dann abgerundet durch die Aussage, wer diesen Glaubenssätzen widerspreche, sei ein [beliebige herabwürdigende ideologische Bezeichnung eines Andersdenkenden]. Früher hätte man Häretiker gesagt, aber da gibt es heute ja andere Begriffe.
 
Es scheint, als hätten die Kirchen aus der wiederholt vorgetragenen Forderung, sie müssten sich „einmischen“, den Fehlschluss gezogen, Politik machen zu wollen, indem sie von einer Darlegung der christlichen Grundlagen als Konsequenz des Glaubens zur Erhebung konkreter politischer Forderungen übergehen, und zwar von einer vermeintlich höheren Warte aus. Das ist für Menschen, die niemals für die Konsequenzen ihrer Forderungen Verantwortung übernehmen müssen, etwas dreist. Schlimmer für die Kirchen ist aber, dass sie auf diese Art und Weise verwechselbar werden. Um es mal im Marketing-Sprech zu sagen: Ihr USP ist nicht das hier
 
 
sondern der hier:
 
 
Wenn es den Kirchen nicht gelingt, den Unterschied zu verdeutlichen, haben sie verloren. Aber womöglich sitzt das Problem sogar tiefer. Dem Werwohlf fällt auf, dass Geistliche und Theologen sich darin überschlagen, alle Bibelstellen, in denen aus heutiger Sicht Übernatürliches beschrieben wird, mit blumigen Worten wegzuerklären[3] – bis hin zum entscheidenden Moment des Christentums, Ostern. Wenn im eigenen Beritt auf diese Weise Gott als personal existierendes Wesen nach und nach verschwindet und letztlich nur noch als aus den Menschen wirkende Kraft beschrieben wird, ist es mit dem USP vorbei. Dann sind die Unterschiede zu anderen Wohlmeinenden auf der Welt minimal, dann braucht es Kirche nicht mehr. 
 
Aber wir wollen nicht zu pessimistisch schließen, schließlich kam mit Jesus doch die Hoffnung in die Welt. 
 
Wenn denn mal alle von ihren hohen Rössern herunter kämen, könnte man sich vielleicht sogar verständigen, so das denn gewollt ist und nicht das Virtue Signalling unter den eigenen Peers Vorrang genießt. Es finge damit an, dem Anderen nicht zu unterstellen, dass er das Böse anbetet, sondern auch ihm zugute zu halten, dass er nach Wegen sucht, die er mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Es ginge weiter damit, die eigene Überzeugung als eine fehlbare zuzulassen, also die Möglichkeit, dass man selbst falsch liegt und der andere richtig, nicht felsenfest auszuschließen. Und am Ende stünde vielleicht noch die Einsicht, dass die klarsten und reinsten Handlungsempfehlungen eine starke Korrelation mit den größten Katastrophen aufweisen. Wenn von „politischen Lösungen“ die Rede ist, wird doch auch sonst nicht moralisch überlegenes Handeln gefordert, sondern der Fokus auf Pragmatismus und Machbarkeit gerichtet.
 
Des Werwohlfs frommer Weihnachtswunsch wäre diesmal der bescheidene, dass uns dies gelingen möge. Den drei Lesern dieses Blogs wünscht er auf jeden Fall ein frohes Weihnachtsfest!
 
 
[1] Es hat übrigens etwas Komisches, wenn Leute, die eben noch mit den übelsten Beleidigungen über AfD-Politiker und -Anhänger herzogen, jetzt plötzlich das hohe Lied des Friedens und der Nächstenliebe singen. Als ob man sich den Nächsten à la carte aussuchen dürfte. Ich fürchte, Jesus würde sagen: Es ist eher der, der euch am unsympathischsten ist. 
 
[2] An dieser Stelle soll übrigens gar nicht erst darauf eingegangen werden, dass linke Politik, wenn man sie konsequent zu Ende denkt, am Ende oft nicht einmal ihr angestrebtes Ziel erreicht, eben weil sie Komplexität und menschliche Reaktionsketten ausblendet. Nur mit diesem festen Halbwissen lässt sich dann auch die moralische Verurteilung Andersdenkender aufrechterhalten, die Kritik an der Wirkung linker Politik sei nur eine der hehren Absichten linker Politik. 
 
[3] Ein Beispiel, gerade heute im ZDF. Eine Sendung begleitet Markus Lanz (ja, der!) auf einer Reise durch das Heilige Land. An seiner Seite ist ein Ordensbruder, der ihm (zufällig in diese Stelle zappte der Werwohlf hinein) das Wunder der Brotvermehrung so erklärt: Es bestünde darin, dass, nachdem Jesus seine Jünger aufforderte, die fünf Brote und zwei Fische unter den Anwesenden zu verteilen, diese wiederum begannen, ihr selbst Mitgebrachtes ebenfalls zu verteilen, so dass die Logik der Geschichte lautet: Wenn alle teilen, werden alle satt. Nun muss man diese Erzählung nicht wörtlich nehmen, aber sie auf eine Frage ökonomischer Verteilung zu reduzieren, führt genau zu dem genannten Problem, dass der Bezug zu Gott völlig verloren geht und nur noch Guildo Horn übrig bleibt. 
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18 Gedanken zu “Politische Gedanken zu Weihnachten 2017

  1. Pingback: Der Anfang vom Ende – Der letzte Biss

  2. Zitat:
    „Erstens kann ein Volk keinen gemeinsamen Willen entwickeln.“

    Zweitens kommt ja nicht, aber egal, wenn das stimmt, gibt es jedenfalls keine Völker. Kann ja sein, anarchischerseits zum Beispiel, womöglich auch radikal-liberalerseits, wird das ja auch so gesehen. Falls man jedoch der Ansicht sein sollte, dass es das „Volk“ in irgendeiner Weise „gibt“, fragt es sich, wo dessen Existenz eigentlich herkommt. Wenn „gemeinsamer Wille“ nicht in Frage kommt, was kommt dann stattdessen als konstituierendes Merkmal in Frage?

    Zitat:
     „Es sei denn, wir stellen uns das Volk doch so vor:…….“

    Nu ja, wie sollte man sich datt denn so vorstellen, wenn überhaupt?

    Zitat:
    „Richtig – man wendet Zwang an“

    Genau. Sämtliche GESETZE, inklusive Grundgesetz, tun das. Daher der Name Gesetz. Kommt von Setzen. „Des hat gesessen“ hieß es früher, also ganz früher, zum Beispiel, wenn’s mal ’ne Ohrfeige gab. Etymologisch also ein klarer Fall 🙂

    Zitat:
    „Der gewünschte Effekt, also Geld von den Reichen an die Armen fließen zu lassen, ergibt sich bei ihm nicht als Ziel, sondern als indirekte Konsequenz des Glaubens“…….und, und, und

    Uuuiii, der Wooohhhlff im Theologenpelz, gut so, passt ja auch zum Termin.

    Als notorischer Böser würde ich indessen mal einwenden, dass Theologie im Grunde nur ein anderer Ausdruck für Rosinenpicken ist. Was die Rosinen in diesem Zusammenhang sind, muss man natürlich vorher festlegen, sodann kann man loslegen mit alledem, was „tatsächlich“,“eigentlich“ oder „in Wahrheit“ gemeint sei, bezüglich Jesus oder diesem und jenem, was als biblisch/kanonisch/heilig in Frage kommt. Rein zufällig führt das dann regelmäßig zur Übereinstimmung mit dem, was man sich eh schon so gedacht hat, was wiederum angenehmes Selbstschulterklopfen zu Folge hat. Vielleicht kommen da nicht alle immer und überall auf ihre Kosten, was wiederum offenbar offenbar Poschardts Problem ist.

    Aber gemach, Poschardt müsste nur ’n bissle länger suchen. Ein passender Pfaffe für alles Erdenkliche findet sich immer, die ganz persönliche Echokirche sozusagen.

    Aufmerksamkeitsökonomisch (der eigentliche Zweck der Übung) ist Poschardts Ding ja nicht schlecht. Mal ’n bissle was Fetziges statt des üblichen „Besinnlichen“.

    Zitat:
    „Nehmen wir an, sie sind ein christlich beeinflusster Mensch, und Sie entscheiden sich, einen Menschen bei sich aufzunehmen, der um Aufnahme nachsucht.“

    Klarer Fall: Das kann nur ein vollständiger Idiot sein, wie sich aus den nachfolgenden nicht bedachten Konsequenzen ergibt. Jede Nacht Trash Metal und all so was, von unseren Frauen und Töchtern ganz zu schweigen. Weiß man doch, klarer Fall. Eine Analyse auf höchstem Niveau.

    Zitat:
    „Den drei Lesern dieses Blogs wünscht er auf jeden Fall ein frohes Weihnachtsfest!“

    Danke. Leider kann ich mich am 26.12. kurz vor Mitternacht nitt mehr adäquat revanchieren, aber der Jahreswechsel naht ja. 🙂

    Und falls die Gemeinde tatsächlich so klein ist, bietet Matthäus 18,20 Trost:
    „Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“
    Sprich: Auf die Masse kommt’s nitt an

    p.S.:
    Mal ne andere Frage, lieber Wewo: Gibt’s hier, also im Rahmen des Senfs, eigentlich ’ne richtige Zitierfunktion oder so was?

     

    • Zweitens kommt ja nicht, aber egal, wenn das stimmt, gibt es jedenfalls keine Völker.

      Zweitens ist der Zwang als Folge – kam nicht gut raus, sorry. Aber nur, weil ein Volk keinen gemeinsamen Willen entwickeln kann, folgt daraus nun wirklich nicht die Nichtexistenz als Volk. Bei einer größeren Familie wird man auch Probleme haben, zu diversen Problemen einen gemeinsamen Willen zu artikulieren, und doch gibt es sie noch als solche.

      Wenn „gemeinsamer Wille“ nicht in Frage kommt, was kommt dann stattdessen als konstituierendes Merkmal in Frage?

      Wenn wir realistisch sind: in der Regel die auf eine Geburt folgende Sozialisation in dieses Volk hinein. Zwar redet man gerne von sog. „Willensnationen“ und nimmt dann gerne die Schweiz oder die USA in Anspruch, aber selbst bei denen, die auf Basis eines gemeinsam ausgedrückten Willens mehrerer Menschen entstanden, wird es damals mindestens einen gegeben haben, der gesagt hat: „Ich nicht!“, und der dann trotzdem dazu gehörte. Was aber entscheidender ist: Von denen, die damals so entschieden haben, existiert keiner mehr. Jetzt wird man in ein Volk hineingeboren, übernimmt dessen Kultur und erkennt sich dadurch als Angehöriger – spätestens, wenn man auf Andere trifft. Bevor der vorhersehbare Einwand kommt: Ja, es gibt auch Menschen, die durch Zuwanderung zu einem Teil eines Volkes werden. Aber die sind nicht konstituierendes Element.

      Nu ja, wie sollte man sich datt denn so vorstellen, wenn überhaupt?

      Vielleicht sich weniger im Chor artikulierend?

      Genau. Sämtliche GESETZE, inklusive Grundgesetz, tun das. Daher der Name Gesetz. Kommt von Setzen. „Des hat gesessen“ hieß es früher, also ganz früher, zum Beispiel, wenn’s mal ’ne Ohrfeige gab. Etymologisch also ein klarer Fall 🙂

      Danke für die Ergänzung. Allerdings sind weniger die Gesetze Zwang – die stehen nur irgendwo auf Papier, sondern deren Durchsetzung ist es, wenn also Menschen im Auftrag der Mehrheit anderen Menschen gegenüber Gewalt anwenden. Gewöhnlicherweise regen sich Leute, die in diesem Land gut und gerne leben, über solche Formulierungen auf, weil sie es nicht ertragen können, dass ihr hehres Ideal, der demokratische Rechtsstaat, mit solch negativ besetzten Begriffen bedacht wird, und sie vermuten dann, messerscharf von ihren eigenen Reflexen auf die anderer geschlossen, dass der Sprecher damit automatisch eine Ablehnung zum Ausdruck bringen möchte. Überhaupt werden Aussagen über das, was ist, heutzutage ja mehr und mehr nach ihrer moralischen Nützlichkeit bewertet – und da sind Bemerkungen wie die obigen natürlich nicht hilfreich. Was nichts daran ändert, dass sie wahr sind. Dass jemand, wie z.B. meiner einer, das so zu sehen vermag und trotzdem kein grundsätzlich anderes System anstrebt, will wohl nicht in jedermanns Kopf. Dabei sind die Anhänger, die nicht auch zu den Schwächen des von ihnen Präferierten stehen können, auch die unzuverlässigsten… Ich halte es mit Richard Schröder, der auf Vorwürfe, bei den Auseinandersetzungen um den G20-Gipfel sei von der Polizei Gewalt ausgeübt worden, gesagt hat: „Ich hoffe doch!“ Aber all das ist eben Staat. Auf der Ebene müssen Entscheidungen für alle getroffen werden, auch wenn sie nicht von allen befürwortet werden, und diese Entscheidungen müssen dann auch durchgesetzt werden. Die hier von mir gestellte Frag ist jedoch: Das soll auch christlich sein?

      Uuuiii, der Wooohhhlff im Theologenpelz, gut so, passt ja auch zum Termin.

      Ich wende mich zu diesen Terminen des öfteren solchen Fragen zu… Aber es hat nichts mit Theologie zu tun. Ich lese die biblischen Texte, wie ich auch andere Texte lese: Romane, Sachbücher, Gesetze. Und dann denke ich darüber nach. Wenn mich ein Thema mehr interessiert, lese ich dann auch noch andere Literatur dazu. Wenn ich dann meine Gedanken dazu wiedergebe, schlüpfe ich allerdings nicht automatisch in eine professionelle Rolle. Mit der würde ich hier auch alle zu Tode langweilen, bei denen mir das noch nicht gelungen ist.

      Als notorischer Böser würde ich indessen mal einwenden, dass Theologie im Grunde nur ein anderer Ausdruck für Rosinenpicken ist.

      Solche Sprüche sind weniger böse als ignorant (pardon my French). Sie werden auch durch ständige Wiederholung nicht besser. Aber ich muss zugeben: Die Haltung ist bequem. „Ist doch eh alles beliebig, was soll ich also die Anstrengung unternehmen und das Risiko eingehen, zu einem Textverständnis zu gelangen.“ Mensch, dann lese doch aus meinem Beitrag oben auch einfach das heraus, was dir gefällt, statt hier in Kommentaren Kritik zu üben! Nee, da liest du und interpretierst du und kommst danach zu Aussagen über Inhalt und Absicht meines Textes – hey, Postmoderne rulez, anything goes! (Natürlich freue ich mich, dass du das alles machst, aber du erkennst, was ich meine… 🙂 )

      Was die Rosinen in diesem Zusammenhang sind, muss man natürlich vorher festlegen, sodann kann man loslegen mit alledem, was „tatsächlich“,“eigentlich“ oder „in Wahrheit“ gemeint sei, bezüglich Jesus oder diesem und jenem, was als biblisch/kanonisch/heilig in Frage kommt.

      Ja nun, dass man, wenn man zu einer Auffassung gelangt, diese dann auch für richtig hält, würde mich jetzt nicht so verblüffen. Problematisch wird sowas erst, wenn es mit Autorität gekoppelt ist und andere Auffassungen unterbunden werden sollen. Ich aber lade jeden ein, meine Behauptungen zu widerlegen. Wenn das mit den Rosinen so einfach ist, sollte das ja ein Kinderspiel sein. Ich kenne bislang nur eine Gegenargumentation, die aber einen für meinen Geschmack künstlichen Umweg über das AT nehmen und dort auch sehr, sehr lange verweilen muss, was die Berufung auf Jesus Christus dann etwas mühsam macht, vor allem wenn all die Passagen, in denen er selbst mit solchen Fragen konfrontiert ist, das nicht hergeben.

      Rein zufällig führt das dann regelmäßig zur Übereinstimmung mit dem, was man sich eh schon so gedacht hat, was wiederum angenehmes Selbstschulterklopfen zu Folge hat.

      Es ist nicht immer klug, den Anderen so zu unterschätzen. Erst recht nicht, wenn ich das bin 😉 Es könnte Einsicht blockieren. Nur fürs Protokoll: Erstens würde es mich überhaupt nicht stören, wenn Jesus tatsächlich z.B. das Teilen mit den Armen zu einer primär zu befolgenden Tugend erhoben hätte – es bliebe eine individualethische Forderung und keine politische. Zweitens(!) halte ich die von mir hier vertretene Sicht für weitaus radikaler, was die Anforderungen an den Einzelnen angeht und auch die Konsequenzen für dessen materielle Ausstattung (siehe oben der Verweis auf die vergleichsweise „milden“ Forderungen der SED) – wer meine politische Einstellung zu solchen Themen kennt, wird kaum auf die Idee kommen, mein Verständnis Jesu sei eine Folge dieser.
      Und drittens ist mein Jesus-Verständnis die Folge aus einer vermehrten Beschäftigung mit ihm und der Lektüre diverser Literatur dazu (böse Neoliberale waren nicht darunter). Wenn dann der Aha-Effekt einmal eingetreten ist und sich dadurch auch plötzlich scheinbare Widersprüche auflösen lassen (wohl nicht alle, aber sehr bekannte), sollte man auch in den sauren Apfel beißen und die Nummer durchziehen, ob die Konsequenz einem passt oder nicht. Ich muss gestehen: Das vorherige Bild fand ich für mich bequemer, das heutige ist viel unangenehmer.

      Klarer Fall: Das kann nur ein vollständiger Idiot sein, wie sich aus den nachfolgenden nicht bedachten Konsequenzen ergibt. Jede Nacht Trash Metal und all so was, von unseren Frauen und Töchtern ganz zu schweigen. Weiß man doch, klarer Fall. Eine Analyse auf höchstem Niveau.

      Analyse? Aha, jetzt doch Rosinenpicken. Dass ich an dieser Stelle mit dem Mittel der Übertreibung arbeite, sage ich oben selbst, und ich sage auch, warum ich das tue. Es ist ja eben meistens so, dass man durch Handeln im eigenen persönlichen Umfeld relativ wenig Konsequenzen für Dritte auslöst, deswegen lässt sich die Problematik nur im auf die Spitze getriebenen Beispiel anschaulich machen. Für dich nochmal das tl;dr:

      Christlich: Ich handele in eigener Verantwortung. Nicht christlich: Bei meinem Handeln kommt es nur auf die gute Absicht an, die Folgen für andere sind mir egal. Schon mal überhaupt nicht christlich: Ich beschränke mich auf das moralisch überlegene Fordern und lasse andere die Konsequenzen tragen.

      Dazu noch ein nach-weihnachtlicher Rat: Manchmal hilft es, einen Text erstmal verstehen zu wollen, statt beim Lesen nur die Punkte zu suchen, zu denen man eine Kritik griffbereit hat. Nicht nur bei der Bibel 😉

      Sprich: Auf die Masse kommt’s nitt an

      Vielen Dank. Zwar weiß ich nicht, in wessen Namen wir uns hier versammeln, aber diese Maxime war schon immer meine. Man sollte bitte auch kein Bedauern aus meiner Bemerkung heraus lesen. Als erzkonservativ-neoliberaler Egoist ist das Bloggen für mich vor allem Selbsttherapie. Angesichts des Unfugs in der Welt muss ich mein Unverständnis irgendwo loswerden, und ich will, wenn ich mit meiner Liebsten zusammen bin, uns nicht die gute Stimmung verderben. Dann lieber hier… Im Übrigen halte ich es mit Mark Twain: „Immer, wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, ist es Zeit, sich zu besinnen.“ Wäre schön, wenn Besinnlichkeit von noch mehr Menschen so verstanden wird. Natürlich nicht von der Mehrheit 😉

      Mal ne andere Frage, lieber Wewo: Gibt’s hier, also im Rahmen des Senfs, eigentlich ’ne richtige Zitierfunktion oder so was?

      Ja, lieber Dennis: HTML. Nee, hier ist wordpress.com, hier wird gegessen, was auf den Tisch kommt. Themes kann ich wechseln, aber keine Erweiterungen einbauen. Solltest du Chrome nutzen: Da gibt es immerhin eine Erweiterung namens „bbCode Insert“. Zitat in Kommentar reinkopieren, markieren und dann mit rechter Maustaste „HTML –
      blockquote“ suchen. Das viel bequemere „bbCode Xtra“, eine Firefox-Erweiterung, ist mit der neuen Engine leider nicht mehr zu verwenden.

      • Zitat:
        „Solche Sprüche sind weniger böse als ignorant (pardon my French). Sie werden auch durch ständige Wiederholung nicht besser. Aber ich muss zugeben: Die Haltung ist bequem. „Ist doch eh alles beliebig, was soll ich also die Anstrengung unternehmen und das Risiko eingehen, zu einem Textverständnis zu gelangen.“ “

        Hab ja gar nix dagegen, obwohl ich mir diese Anstrengung als Nichtchrist erspare, aber das ist natürlich kein Verdienst, sondern womöglich ein Mangel.

        Wie dem auch sei: Indem allerdings die Kirchengeschichte eine komplexe unübersichtliche Abfolge von theologischen Streitereien ist mit Schismen, der Bildung von verschiedenen Konfessionen, Subkonfessionen und Subsubkonfessionen ohne Ende, bis zum heutigen Tag, folgert ein schlichtes Gemüt wie ich, dass da offenbar VIELDEUTIGKEIT vorliegen MUSS. Ne gute Erklärung für Religionskriege gibt’s eigentlich auch nicht, wenn von der/den heiligen Schrift(en) eine autoritative Logik ausginge. Aus den historischen Umständen kann mal also rein empirisch entnehmen, dass der Begriff „beliebig“ alles andere als eine bösartige Unterstellung ist; okay, „theologischer Pluralismus“ könnte man auch sagen, klingt etwas netter, zumal Diversity heutzutage ja in ist. Hab NIX dagegen, ganz im Gegenteil.

        Verwunderlich ist das eh nicht, erst recht nicht skandalös, da Glauben wesentlich eine Projektion von Erwartungen und Hoffnungen ist; insofern dem, was auf dem Politikmarkt so kreucht und fleucht, durchaus ähnlich. In beiden Fällen isses mit supraindividueller Übereinstimmung halt nitt so weit her, so ist das Leben.

        • Wie dem auch sei: Indem allerdings die Kirchengeschichte eine komplexe unübersichtliche Abfolge von theologischen Streitereien ist mit Schismen, der Bildung von verschiedenen Konfessionen, Subkonfessionen und Subsubkonfessionen ohne Ende, bis zum heutigen Tag, folgert ein schlichtes Gemüt wie ich, dass da offenbar VIELDEUTIGKEIT vorliegen MUSS. Ne gute Erklärung für Religionskriege gibt’s eigentlich auch nicht, wenn von der/den heiligen Schrift(en) eine autoritative Logik ausginge.

          Ja, aber ich kann auch nichts dafür, dass es hier im Grunde nie um die Interpretation von Textstellen ging, sondern entweder um Spekulationen, die sich längst darüber erhoben hatten („filioque“, Gnostiker) oder sogar um – verdammte Axt, auch Kirchen sind Organisationen, auf denen Menschen ihre Macht basieren – den krassen Gegensatz zwischen Schrift und Lehre. Was möglich wurde, weil die Schrift lange Zeit den Gläubigen gar nicht zugänglich war – erst das Zusammentreffen von Luther und dem Buchdruck haben hier für die Revolution gesorgt. Kein Mensch kann heute Bibelstellen nennen, an denen z.B. die Trennung von katholischer und evangelischer Kirche deutlich würde. Das spielt sich alles jenseits davon ab und ist für den einzelnen Gläubigen auch eher irrelevant. Wenn es heute noch Streit um die Schrift gibt, dann darum, welche Stellen nun „original Jesus“ seien und welche eher nachträglich hineinredigiert. Aber diesen Streit ignoriere ich – mir kommt es auf die Texte selbst an, das Bild, das von ihnen vermittelt wird, unter Berücksichtigung der Tatsache, dass mehr vor allem bildhaft zu verstehen ist als man auf den ersten Blick meint. Immerhin handelt es sich hier um orientalische Erzählungen…

          Wir haben nun mal diese Texte, und im historischen Maßstab betrachtet sind sie sogar ziemlich gut als Quelle. Auf deren Basis zu argumentieren, ist kaum möglich, wenn man a priori eine beliebige Interpretation verfolgen würde.

  3. Lieber Werwohlf,
    die Weihnachtstage haben mir viel „Zeit gestohlen“. Deshalb lese ich das erst jetzt.
    Vielen Dank für den Beitrag und die guten Weihnachtswünsche, die ich gerne erwidere indem ich Ihnen eine gesegnete Weihnachtszeit wünsche.

    Herzlich, Paul

  4. „Christlich: Ich handele in eigener Verantwortung. Nicht christlich: Bei meinem Handeln kommt es nur auf die gute Absicht an, die Folgen für andere sind mir egal. Schon mal überhaupt nicht christlich: Ich beschränke mich auf das moralisch überlegene Fordern und lasse andere die Konsequenzen tragen.“

    Das wäre mal eine kurze, knackige Sonntagspredigt, die mich glatt wieder zum regelmäßigen Kirchgänger mutieren liese. Was Herr Poschardt wohl dazu sagen würde?

    Ich habe ja, damals von dir so etwas wie „semi-widersprochen“, einmal den Gedanken geäußerst, Christus sei ein liberaler Lehrer gewesen. Diesen Schluß zog ich aus einem persönlichen Empfinden über Christus Formulierungen, welches du in deinen drei zitierten Sätzen wunderbar treffsicher auf den Punkt gebracht hast.

    Ich verstehe mittlerweile, dass für dich die Göttlichkeit Jesu weitaus wichtiger ist, als weltlicher Tand und das Vergessen dieser Göttlichkeit im Strom des Zeigeistes begräbt viel unter sich. Immerhin: Wenn man die Göttlichkeit Jesu weglassen „möchte“, bleibt eben mitnichten ein „Herz Jesu Sozialist“, sondern eher ein kalter Neo Liberaler.

    Und wie das so ist mit den Neo Liberalen: Die haben für das Individuum nur ziemlich unbequeme und unangenehme Botschaften parat. Ich empfinde das ähnlich wie du. Mit dieser Position hat mir persönlich Christus auch schon immer Angst gemacht. Wohl auch, weil ich die Göttlichkeit nicht richtig begreifen kann, welche diese Botschaft mit unbedingter Liebe ummantelt.

    Immerhin macht es so gesehen auch Sinn, wenn die Lord Siegel Bewahrer der grünen Jugend, wie Ricarda Lang, nicht (mehr) gläubig sind: Neo Liberal geht gar nicht. Ob göttlich oder nicht. 🙂

    • Nee, sorry, den Weg gehe ich immer noch nicht mit. Jesus ein Liberaler, ein Neoliberaler gar? Der Punkt ist doch nicht, dass mir die göttliche Perspektive Jesu wichtig wäre, sondern dass sie IHM das war! Nicht direkt seine Göttlichkeit (die entsprechenden Zitate sind umstritten), aber zumindest der Bezug, den er bei allem zu Gott herstellt. Für Jesus sind diese Begrifflichkeiten, also Linker, Liberaler oder sonstwas einfach komplett irrelevant. Nicht sein Ding, dazu ist er nicht da. Ihn in diese Kategorien zu pressen, muss immer künstlich enden. Come on, wir reden hier über Göttliches. Etwas, das sich eigentlich schon per definitione unseren auf das weltliche Überleben hin ausgerichteten Wahrnehmungen entziehen sollte – Jesus würde vielleicht Whiskas kaufen, wenn er eine Katze hätte, aber wählen? Wozu? Ändert doch nichts an den wirklich wichtigen Fragen, die UNS angehen.

      Dieser evangelische Pfarrer, der Poschardt wohl die Christmette vermiest hat, predigte anscheinend ziemlich wirr, wenn wir dem auf bento veröffentlichten Text glauben können. Aber in einem hat er Recht: Ohne Ostern taugt auch Weihnachten nichts. Es geht um die Fragen: Woher kommen wir, was ist der Sinn unserer Existenz, wohin gehen wir? Davor verblasst alles andere zu Pipifax. Und Jesus geht genau an dieses Eingemachte. Da kommt manches heute moralisch hoch geschätzte Verhalten als Konsequenz raus, aber es trifft nie den Kern. Mit Jesus trat Gott in unser Leben, und der hatte Wichtigeres zu tun.

      • „Jesus ein Liberaler, ein Neoliberaler gar? “

        Das wollte ich so nicht sagen, bzw. meine ich nicht.

        Ich glaube nur festzustellen, dass der Umgang der Menschen untereinander, den Christus einfordert, Züge trägt, welche für mich persönlich liberales Denken und Verhalten ausmacht.

        Zunächst einmal wäre da die Tatsache, dass sowohl Christus wie auch der Liberalismus das Individuum im Zentrum der Verantwortung sehen und überhaupt individuelle Verantwortung für das Handeln als wichtig erachten. Zumindest soweit das Weltliche betrachtet wird.

        Dann wäre da die Tatsache, dass sowohl Christus wie auch der Liberalismus, dem Menschen falsche Entscheidungen zugestehen.

        Wie du auch weißt, steht für mich Mäßigung und Wunsch nach Ausgleich im Zentrum einer liberalen Weltsicht. Sie leitet sich dabei für mich persönlich aus der Empathie für den anderen, sprich meinen Nächsten ab und aus dem Wissen um die eigene Unvollkommenheit, welche immer mit (potentieller) Schuld einhergeht. Ein Menschenbild, welches ich auch in den Texten Christus wahrnehme, welche ich kenne.

        Christus dachte nicht in weltlichen und politischen Kategorien. Davon mußt du mich nicht überzeugen. Er trat aber für ein Miteinander der Menschen ein, welches in meinen Augen das Ideal des Liberalismus ist.

        Wenn ich mit Begriffen wie „neoliberal“ polemisiere, dann geschieht das in der Traurigkeit darüber, dass keiner mehr die Moral erkennt, welche in dem Übernehmen individueller Verantwortung liegt und dass die Sozialsierung der Verantwortung (welche heute faktisch überall „gepredigt“ wird) zum Verfall der Moral oder besser zur Entwertung des „Nächsten“ führt. Für mich fordert Jesus eben genau diese Moral, welche sich aus der Verantwortung des Individuums für sein Handeln ergibt, ein.

        In meiner Kindheit habe ich Thomas immer verachtet. Heute weiß ich, dass er das Bild meiner selbst ist. Ich möchte an Christus als göttlich glauben und schaffe es nicht richtig, ohne die Finger in seine Wunden zu legen. Da schlägt wohl ein bisschen die Empirie Fixierung des Naturwissenschaftlers durch und vor allem der mit spärlich Selbstwertgefühl ausgestattete Materialist, dem es schwer fällt eine frohe Botschaft einfach zu akzeptieren, ohne etwas dafür getan zu haben.

        • Okay, verstanden. Die Ähnlichkeit hinsichtlich des Individuums ist allerdings logisch: Der Liberalismus brauchte eine das Individuum in den Mittelpunkt stellende Religion als Voraussetzung (über den „Umweg“ der Aufklärung).

          • “Die Ähnlichkeit hinsichtlich des Individuums ist allerdings logisch: Der Liberalismus brauchte eine das Individuum in den Mittelpunkt stellende Religion als Voraussetzung.”

            Vielleicht ist es genau das, was mich in gewisser Weise fasziniert: Wir leben in einem Kulturkreis, welcher zentral durch eine Religion geprägt wurde, die das Individuum samt seiner Entscheidungsfreiheit in den Mittelpunkt stellt. Gleichzeitig empfidet unsere Gesellschaft das Individuum in seiner Entscheidungsfreiheit als große Bedrohung und fordert gewisser Maßen die Einhegung des Individuums durch einen übergeordneten Willen, um einen (gesellschaftlichen) „Heilszustand“ zu erreichen. Mit anderen Worten: Obwohl unsere prägende Religion dem Liberalismus eigentlich in die Karten spielen sollte, hat er bei uns keine Chance.

            Christentum und unsere Gesellschaft passen in diesem Sinne nicht zusammen. Sozialismus und Christentum passen in diesem Sinne nicht zusammen. Das könnte viele „komische“ Predigten, genauso wie die politische Verweltlichung der Kirchen erklären: Die Religion verändert nicht die Gesellschaft, sondern die Gesellschaft die Religion.

            • Die Religion verändert nicht die Gesellschaft, sondern die Gesellschaft die Religion.

              Ein Atheist würde vermutlich sagen: Was sonst? Und da ist natürlich auch etwas dran: Jede Gesellschaft schafft sich die Institutionen, die ihr gerecht werden. So wie bei uns mit der linksliberal-korrekten Religion. Aber die spirituellen Bedürfnisse verschwinden deswegen nicht. Sie werden entweder in anderen Religionen befriedigt (z.B. Überhöhung der „Natur“ als Gesetzgeber des Menschen) oder versucht zu kompensieren (Konsum, Arbeit, vor allem: Unterhaltung). Aus meiner Sicht ist ersteres auf lange Sicht unzureichend, weil zu viele grundlegende Fragen offen bleiben, und letzteres nichts als Betäubung, bei der das Erwachen um so unangenehmer sein wird.

              Aber unsere Gesellschaft ist ja nicht nur von der Religion geprägt. Die deutsche Nationalgeschichte hat wohl ein starkes Bedürfnis nach Gemeinschaft aufkommen lassen, dass im Extrem vor allem von Nazis und Kommunisten bedient, von den Erben dieser Regime aber nicht als eigentliches Problem erkannt wurde, während der auf den Einzelnen setzende Liberalismus, der zumindest für unseren materiellen Wohlstand wesentlich mitverantwortlich ist, als Teufelszeug herhalten muss. Der Deutsche strebt immer nach dem Höheren, Edlen. Das schnöde Hier und Jetzt ist ihm nie Ziel genug. Und der Rest der Welt muss drunter leiden…

  5. Lieber Werwohlf,

    Danke für den wunderbaren Artikel.

    Ich denke das zentrale Missverständnis bzgl. der Lehren Christi zur Nächstenliebe besteht darin, dass die meißten daraus eine Gesellschaftliche Pflicht ableiten, also der Adressat eben nicht ein Individuum ist. Meines erachtens aber bezieht sich Jesus immer auf das Verhältnis zwischen zwei Individuen. Und hier hier bezieht er sich auch nicht darauf was jemand gewillt ist zu geben, sondern dass man, wenn man jemand begegnet, der Hilfe braucht, diesem geholfen wird. Es kommt also auf das Ergebnis an, nicht auf den frommen Wunsch.

    Diese Sicht ist problemlos mit einer liberalen Weltanschauung und politischen Richtung vereinbar. Denn nicht die Gemeinschaft fordert „Umverteilung“, sondern ein jeder selbst entscheidet was und wie viel/wie weit. Und diese Sicht ist auch wünschenswert, denn man kann nicht mittels Abgabe von Geld (Steuern) an eine Einrichtung(Staat/Kirche) sich von der täglichen Pflicht zur Nächstenliebe, zur Hilfe frei kaufen. Indiesem Sinne begreife ich den modernen Sozialstaat auch als einen Ablasshandel des 21 Jahrhunderts.

    Aus meiner Sicht ist das Kern Problem insbesondere linker Politik, dass man eben nicht Individuen betrachtet sondern nur Gemeinschaften oder Kollektive.

    Guten Rutsch

    Rapsack

    • Denn nicht die Gemeinschaft fordert „Umverteilung“, sondern ein jeder selbst entscheidet was und wie viel/wie weit.

      Ja, denn wenn das, was man gibt, von anderen erzwungen wurde, ist es ja gerade kein bewusstes Sich-Gott-Hingeben, wie von Jesus gerne mal verlangt. Wäre man böse, könnte man sagen, dass Enteignung eine Art Zwangsumkehr ist, denn wer frei von der Abhängigkeit materieller Güter ist, dem steht das Himmelreich bekanntlich offener. Aber die Ausbreitung des Glaubens mit Zwang war eben nicht Jesu Sache.

  6. Pingback: Florilegium | Pressepfarrerin

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