Anonym?

Schon einmal schrieb der Werwohlf etwas dazu, warum er hier nicht unter dem Namen auftritt, den er im echten Leben verwendet.

Im damaligen Beitrag begründete er es nur damit, dass er keine Lust habe, von irgendwelchen „Aktivisten“, denen seine Meinung nicht passt, bei Auftraggebern verleumdet zu werden. Das stimmt zwar, ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Es kommt noch der Aspekt dazu, dass einem die Anonymität gestattet, Argumente, die man eben nicht unbedingt selbst im echten Leben teilt, in der Diskussion mit Andersdenkenden zu testen. In einem früheren Netzleben war der Werwohlf mal mit anderem Nick als Hardcore-Liberaler unterwegs, eine Einstellung, die ihm rein intellektuell zwar enorm sympathisch ist, die aber letztlich nicht seine eigentliche Überzeugung abbildet. Oder vielleicht auch nicht mehr, man wird ja älter. Die Erfahrungen aus dieser Zeit mag der Werwohlf nicht mehr missen. Diese Phase klärte vieles, und sie ist letztlich dafür verantwortlich, dass der Werwohlf zu seinen konservativen Grundüberzeugungen stehen kann, sie aber auf die Politik großteils nur in liberaler Übersetzung loslassen möchte. Beispiel „Ehe für alle“: Für den Werwohlf besteht die Ehe aus Mann und Frau, aber er sieht es liberaler, wenn es darum geht, was der Staat daraus macht. Der kann seine eigenen Kriterien anlegen, und die werden demokratisch entschieden.

Interessant ist aber, wer Accounts wie dem Werwohlf spätestens beim zweiten Tweet vorwirft, anonym unterwegs zu sein. Es handelt sich dabei ausnahmslos entweder um Politiker, politiknahe Berater oder Journalisten. Also Menschen, für die ihr politisches Bekenntnis keinen beruflichen Nachteil darstellen kann, weil sie ihre Karriere eben genau darauf aufbauen. Als Journalist bei der „taz“ schadet einem eine linke Einstellung nicht, im Gegenteil. Als Politiker der Union schadet es einem zunächst (wenn der störrische Wähler nicht wäre) auch nicht, wenn man sich als Fan der Kanzlerin zeigt. Und als Berater einer der großen Parteien wird einem sein Bekenntnis zu einem gemäßigt sozialdemokratischem Kurs nie und nimmer übel genommen. In all diesen Fällen lebt man davon, dass man sich politisch so positioniert, wie man es tut.

Jetzt ist die Frage: Können sich diese Menschen es nicht mehr vorstellen, auf welche Probleme man im normalen Wirtschaftsleben stoßen kann, wenn man sich politisch prononciert äußert[1]? Oder wollen sie es nicht? Oder steckt gar etwas anderes hinter ihrer Forderung? Nämlich eben genau die Chance, einen unbequemen Widersacher dadurch zu erledigen, dass man ihm im echten Leben Schwierigkeiten bereitet? Schwierigkeiten wohlgemerkt, die dem wackeren Streiter wider die Anonymität nie begegnen werden, weil sein Umfeld auf seine Überzeugung bereits eingeschworen ist. Manche Versuche deuten darauf hin. 

Nun wird der Werwohlf weiter relativ anonym bleiben. Aber dass gerade unter den angesprochenen Gruppen so viele Leute nichts mehr von der Kraft des besseren Arguments halten, sondern nur noch darauf abzielen, Andersdenkenden Probleme zu bereiten, stimmt auch ihn traurig. Es gibt haufenweise Gegenbeispiele, das lässt immerhin hoffen. 

Nachtrag:

Der als Abwehrreflex dienende Vorwurf der Anonymität ist schon von daher lächerlich, als derjenige, der ihn äußert, unmöglich nachprüfen kann, ob eine beliebige Kombination aus Vor- und Nachnamen zusammen mit irgendeinem Bild einer Person eine Entsprechung im „echten Leben“ hat, also für ihn 95% aller Twitter-Nutzer im Grunde als Anonyme auftreten müssen (alle bis auf die Verifizierten und die ihm Bekannten). 

[1] Es ist in den meisten Fällen noch nicht einmal so, dass der Auftraggeber wegen seiner anderen Einstellung den Kontakt abbricht. Es reicht schon, dass er sein Unternehmen überhaupt nicht mit irgendwelchen politischen Auseinandersetzungen in Verbindung bringen will.

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Ein Gedanke zu “Anonym?

  1. Ich teile den Verdacht.

    Dass das öffentliche Bekenntnis gewisse Hürden setzt, die sonst nicht da wären, ist allgemein bekannt und wird auch von Denkern schon lange diskutiert.

Platz für Senf.

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