Archiv der Kategorie: Qualitätsjournalismus

Zwielichtig und doppelbödig

In Deutschland hat man bekannterweise seit dem Ende der Naziherrschaft ein zwiespältiges Verhältnis zur eigenen Nation. Inbesondere unter den Eliten gilt Deutschsein eher als peinliche Angelegenheit, derer man sich durch häufigen Gebrauch des Englischen, Bevorzugung feiner italienischer Küche und offen bekannter Sehnsucht nach einem europäischen Zentralstaat gerne entledigen möchte. Im Pöbel allerdings hat spätestens seit der Fußball-WM 2006 eine Art Renaissance der Nation eingesetzt: Man verwendet, sehr zum Ärger der politischen Linken, ziemlich ungezwungen Symbole wie die schwarz-rot-goldene Fahne und singt hier und da auch mal „Einigkeit und Recht und Freiheit“ mit. Der politisch korrekte Reflex verlangt, hierin ein Aufkommen von Nationalismus zu sehen, der Menschen aus anderen Ländern auszugrenzen trachtet. 

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Bier gegen Rechts?

Der Traum aller aufrechten Bürger wird heute auf welt.de wahr: „Wer hier Bier trinkt, protestiert gegen Rechts“

Aber ach, wo Licht ist, ist auch Schatten, wie der Teaser leider mitzuteilen weiß:

Einerseits will man weltoffen sein auf der Biermeile in Berlin. Andererseits wird dort in diesem Jahr deutsche Reinheit verherrlicht.

Der Werwohlf kennt den Begriff „verherrlichen“ eigentlich nur aus dem Strafgesetzbuch im Zusammenhang mit unappetitlichen Erscheinungen. Also wie Nazi ist das deutsche Reinheitsgebot (bitte an dieser Stelle mit gutturaler Aussprache denken)?

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Umstritten!

In Deutschland ist die Empörung groß, dass die neue Premierministerin des Vereinigten Königreichs (vielleicht zur Freude mancher katholischer Nordiren auch gern zu „Großbritannien“ oder gar „England“ verkürzt) ausgrechnet Boris Johnson zum Außenminister ernannt hat. Tourette-Sabine von den Grünen pöbelt wieder mal los, kaum dass sie sich den Schaum wegen des jüngsten Kommentars zu Boris(!) Palmer vom Mund gewischt hat, andere erprobte Geiferer greifen – zwar etwas plump, aber immerhin – sogar entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit zum Stilmittel der Ironie. Auf die Kanzlerin ist aber Verlass. 

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Der Weg der AfD

Damals dachte der Werwohlf, mit der Spaltung sei die AfD erledigt. Aber da ahnte er – wahrscheinlich wider besseren Wissens – noch nicht, wozu eine von der CDU gestellte Bundeskanzlerin so alles fähig ist. 

Dennoch: die alte Prognose gilt. Petry hat sich der Spießgesellen der Höckes und Poggenburgs bedient, um in Essen gewählt zu werden, während Gauland als eigentliche Integrationsfigur der Partei und als „graue Eminenz“ im Hintergrund die Fäden zog. Das Schicksal des Zauberlehrlings ist Petry gewiss. Sie setzte damals gegen ihre eigene Überzeugung und aus reinem Machttrieb auf die Rechten in der Partei, und im Konflikt mit Meuthen versucht sie dieselbe Masche erneut. Es ist leicht, sich darüber zu empören, dass zu viele AfD-Abgeordnete sich mit dem Antisemiten Gedeon solidarisch erklärten, aber dahinter steckt keine politische Überzeugung, sondern ein Machtkalkül, das jederzeit bereit ist, mit den politischen Tabus Nachkriegsdeutschlands zu brechen, wenn das die eigenen Interessen bedient. Aus der Überzeugung, dass es der Tabus vielleicht gar zu viele sind, muss man nicht zwingend den Schluss ziehen, dass es keine mehr geben solle – aber genau das entspricht nun einmal Rolle und Popularität der AfD. Wer sich darauf beruft, hat die Sympathie der Basis fast sicher.

Petry könnte in Meuthen ihren Meister finden. Der scheint noch skrupelloser und in der bekundeten Überzeugung noch beliebiger als die derzeitige Vorsitzende und könnte damit Gauland & Co. als geeigneter erscheinen. Denn, falls der eine oder die andere das nicht mehr parat haben sollte, selbstverständlich wusste Meuthen schon lange von den Thesen Gedeons. Er wurde ja auch ständig darauf aufmerksam gemacht. Nur war es zu der Zeit anscheinend noch nicht opportun, diesen Konflikt vom Zaun zu brechen. Man brauchte schließlich Stimmen, gerne auch die der Antisemiten im Land. 

Aus Sicht des Werwohlfs ist der Trend nach rechts in der Partei strukturell verankert – Erfolg und parteiinterne Regularien bedingen das, auch wenn die ganz Rechten nicht begreifen, dass der Erfolg nur so lange da sein wird, wie sie sich noch nicht für alle erkennbar durchgesetzt haben werden. Solche Kleinigkeiten haben schon die Republikaner nicht vom Gang in die Bedeutungslosigkeit abgehalten. 

Um so höher ist die Leistung der „Grünen“ einzuschätzen, sich jenseits des inhärenten Drangs zum Extrem dauerhaft als nach allen Seiten hin koalitionsfähige Alternative zu etablieren. Aber vielleicht denken Linke taktisch auch nur weiter als Rechte.

Fremd im eigenen Land

Natürlich: Das Verwenden der Redewendung „fremd in eigenen Land“ ist irgendwie voll Nazi. Aber wie auch immer: Genau so fühlt sich der Werwohlf manchmal. Zum Beispiel dann, wenn er abends in einer Großstadt in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist. Die lautesten Stimmen sprechen nicht Deutsch. Menschen, die anders aussehen als die, die man als Kind kannte, reden in fremden Sprachen miteinander. Einige davon haben sich islamischen Kleidungsvorschriften unterworfen. Wo man hinschaut: Menschen „mit Migrationshintergrund“.

Szenenwechsel: das nächste Schnellrestaurant. An der Kasse: Eine nette, aber radebrechende Angestellte. Die Kunden: Junge Männer mit kurz geschorenen Haaren an den Seiten, aber einem üppigen Kamm auf dem Schädel. Sie tragen Bärte. Und sie reden, wenn nicht Türkisch oder Arabisch, „Kiezdeutsch“ – rudimentäre Grammatik, Ersatz des „ch“ durch „sch“. Sie sind Teil einer Gemeinschaft, die Urdeutsche wie den Werwohlf ausschließt.
Es soll hier nicht darum gehen, ob das alles gut oder schlecht ist.

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Was zu Nachbarn

Es gab ja einige Tage kein wichtigeres Thema als die Gauland-Äußerung zur Frage, wer Jerome Boateng vielleicht nicht als Nachbarn haben möchte. 

Anscheinend hatte die FAS, die das Interview mit Gauland führte, den ominösen Satz geradezu begeistert aufgegriffen, um damit folgende Story zu erzählen:

  1. Gauland beleidigt Boateng.
  2. Es handelt sich hierbei um eine bewusste Provokation mit dem Ziel, rechte Ressentiments wahlweise zu „bedienen“ oder zu „schüren“.

Die Absicht der FAS wird sehr gut deutlich in einem Kommentar von Richard Wagner. Wagner lässt keinen Zweifel daran, dass die Aussage Gaulands nur auf niedrigsten Motiven basieren kann. 

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Mei, san mia guad!

Kannten Sie „Pegida BW – Bodensee“? Vielleicht ein lokales Phänomen, aber noch nicht mal der Werwohlf als Beute-Badener hat jemals von diesem Haufen gehört. Sind das mehr als drei? Oder weniger?

Egal. Denn jetzt sind sie berühmt. Auf der entsprechenden Facebook-Seite entrüstete man sich darüber, dass Kinderfotos von Mitgliedern der deutschen Fußballnationalmannschaft mit offensichtlich ausländischen Vorfahren die Packungen einer bekannten Schokoladensorte zieren. Und fiel dabei zunächst auf eine Provokation herein, denn die Bilder des Anstoßes waren so raffinierte Ausschnitte, dass der Begleittext nicht mit auftauchte, aus dem man den Zusammenhang entnehmen konnte. 

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AfD: nicht Partei, sondern Depot

Jetzt, wo die AfD in manchen Umfragen zur bundesweit drittsärksten Partei aufgestiegen ist, beschäftigen sich auch Stimmen mit der Partei, die sich nicht auf den Reflex „alles Nazis außer Mutti“ beschränken. Aber nach des Werwohlfs Einschätzung liegen die meisten davon immer noch falsch. Es ist sogar zu bezweifeln, ob die Parteiführung immer so genau weiß, welche Rolle ihre eigene Partei eigentlich spielt. Zum Beispiel, wenn Teile von ihr über „Regierungsverantwortung“ nachdenken. Und auch die meisten Beobachter legen völlig falsche Maßstäbe an, wenn sie auf Differenzen innerhalb der Partei hinweisen oder wenn sie empört besonders absurde oder radikale Stimmen heranziehen. 

Die AfD ist nämlich nur der Form halber eine Partei. Sie ist noch nicht einmal eine Protestpartei. 

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AfD: Radikaler Umbau?

Die AfD will „Deutschland umbauen“, am liebsten „radikal“. Soweit stimmt der Titel des Artikels auf FAZ.net vielleicht mit der Aufgabe überein, die die AfD sich selbst gegeben hat. Aber dass nach Umsetzung der AfD-Forderungen tatsächlich „das Land nicht wiederzuerkennen wäre“, hält der Werwohlf für weit übertrieben. Gehen wir die Punkte mal durch. Und lassen wir bei allen zunächst mal ganz außer Acht, was wir von ihnen jeweils halten:

1. Strafmündigkeit schon ab 12 Jahren

Warum würde eine Umsetzung mithelfen, das Land bis zur Unkenntlichkeit zu verändern? 

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Richtige Aufregung, falsches Beispiel

Zunächst einmal hält der Werwohlf es für lächerlich, dass die „Schmähkritik“ Böhmermanns und die Reaktion des türkischen Staatspräsidenten darauf überhaupt so lange die Schlagzeilen beherrschen. Er vermutet den Grund dafür darin, dass Journalisten am liebsten über sich selbst berichten – über ihre Sicht auf die Welt allgemein, und noch lieber über ihre Sicht auf ihre eigene Welt. Nur so lange konnte das außerhalb der „Irgendwas-mit-Medien“-Welt völlig irrelevante Thema „Generation Praktikum“ so hochgespielt werden, deshalb wurde das Urteil über Pegida erst nach dem „Lügenpresse“-Geschrei so richtig unerbittlich, und eben deshalb passiert auf dieser Welt jetzt nicht Wichtigeres mehr als die Reaktionen auf eine mehr oder weniger satirisch kaschierte Beleidigungsorgie eines Staatskomödianten auf einem Sender, den üblicherweise keine Sau guckt. 

So schnell, wie ihm aufgrund einer gegen den politisch-medialen verordneten Gutwillen gerichteten Meinung sein Account auf Facebook oder Twitter gesperrt wird, kann Kevin Normaluser gar nicht klicken. 

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