Bindenwerbung

Was findet da eigentlich gerade in Katar (oder neuerdings, weil nur englische Namen korrekte Namen sind: Qatar) statt? Folgt man den Medien, dann muss es sich wohl um eine gigantische Werbeveranstaltung handeln, obwohl auch noch hartnäckig behauptet wird, es ginge in erster Linie um eine Fußball-Weltmeisterschaft.

Unternehmen bezahlen z.B. eine ganze Menge Geld, um ihr Produkt möglichst stadion-nah oder in Verbindung mit einer der Mannschaften präsentieren zu können. Der Weltfußballverband FIFA inszeniert sich als Erlöser der Menschheit, und verschiedene nationale Verbände wollten sich bzw. ihre Spieler als Kämpfer für das Hehre, Wahre und Gute darstellen. Letzteres sollte durch eine bestimmte Binde geschehen, die der jeweilige Mannschaftskapitän zu tragen hätte. Auf dieser wäre ein Herz in Regenbogenfarben zu sehen gewesen und die Aufschrift „One Love“. Dazu die „Frankfurter Rundschau„:

Die „One Love“-Binde steht für Vielfalt, Offenheit und Toleranz. Damit wollten die Verbände ein Statement gegen Homophobie, Antisemitismus und Rassismus setzen.

Und, beinahe hätte man es vergessen:

Zudem sollte es ein Zeichen für Menschenrechte und Frauenrechte sein.

Bei Frauenrechten muss es sich dann wohl ebenso wenig um Menschenrechte handeln wie um das, wogegen Homophobie, Antisemitismus und Rassismus verstoßen. Aber seien wir gnädig: Der Verdacht, dieser letzte Satz sei etwas hastig nachgeschoben worden, weil es dem Schreiber des Artikels dann doch auffiel, wie exklusiv die Liste der protestwürdigen Vergehen sein soll, liegt jedenfalls sehr nahe. Und selbst mit dieser Ergänzung erscheint es dann fast so, als seien Religions- oder Redefreiheit eher Rechte zweiter Klasse, die nicht lohnt, sie mit einer besonderen Binde zu bedenken. Verwunderlich ist eher, dass die neuerdings vieldiskutierten „Transrechte“ nicht mitbedacht werden sollen. Aber gut: Die Liste der FR ist nicht auf der Binde als abschließende aufgedruckt, so dass letztlich jeder einbeziehen kann, was er oder sie möchte.

Also, wie dem auch sei, einige europäische Verbände wollten ihre Kapitäne mit einer solchen Binde auflaufen lassen. Angesichts des gewaltigen Erfolgs solcher Gesten bei der letzten EM, wo Binde plus Goretzka-Herz den verstockten Ungarn so sehr die Augen geöffnet hatten, dass sie daraufhin ihre nationalkonservative Regierung aus dem Amt jagten, erzitterte darob Katar und wies seinen Günstling FIFA an, sich rechtzeitig gegen das drohende Unheil zu stemmen[1]. Mit Erfolg: Die FIFA drohte wolkig mit Strafen, die den Spielausgang beeinflussen könnten, und schon stellten Fußballer wie Thomas Müller fest, wozu sie eigentlich in dieses undemokratische und freiheitsfeindliche Land gekommen waren:

Wer von uns Fußballern erwartet, dass wir unseren Pfad als Sportler komplett verlassen und unsere sportlichen Träume, für die wir ein Fußballerleben lang gearbeitet haben, aufgeben, um uns politisch noch deutlicher zu positionieren, der wird enttäuscht sein.

https://www.kicker.de/statement-von-mueller-kann-kritik-nachvollziehen-teile-diese-ansicht-aber-nicht-926825/artikel

So ein bisschen wohlfeiler Protest, der uns daheim ein positives Image zu verschaffen hilft: immer gerne. Aber wenn wir deswegen dort Abstriche machen müssten, wo es uns besonders wichtig ist: dann gehen uns Homophobie, Antisemitismus, Rassismus, Frauenrechte und dazu noch die Menschenrechte elegant am Allerwertesten vorbei. Wir dürfen dankbar sein, dass hier jetzt wenigstens Klarheit herrscht.

Nun also doch keine „One Love“-Binde. Statt dessen mit einer „No Woman No Cry“-Binde aufzulaufen, hätte die Fähigkeit der Öffentlichkeit zum „um die Ecke Denken“ vermutlich überschätzt, obwohl sie den Kataris vielleicht zunächst gefallen hätte.

Also worum geht es da in Katar wirklich? Ganz einfach: um Geld und Macht. Was die FIFA und Katar betrifft, ist das inzwischen allgemeiner Konsens. Aber auch die Millionarios da auf dem Spielfeld sind keine künftigen Friedensnobelpreisträger. Ein gelungener Auftritt bei der WM lässt sich danach in der Regel gut versilbern: Werbeverträge und/oder der Ruf in die Premier League locken. Selbst wenn aus Versehen einer der Kicker doch vor allem den sportlichen Wert im Blick hat – sein Berater wird ihm diese Flausen schon rechtzeitig austreiben.

Der Werwohlf hält das Gezerre um die Binde zwar für eine Farce aus Doppelmoral und übertriebener Angst vor Machtverlust, aber:

Wenn Neuer am Mittwoch doch mit dieser „One Love“-Binde auflaufen, irgendeine Repressalie der FIFA dann erhebliche Nachteile für das Abschneiden der deutschen Mannschaft mitbringen und der DFB das Ding bis zum Ausscheiden aus dem Turnier durchziehen sollte, dann wäre das für den Werwohlf letztlich doch noch eine gelungene WM geworden.

[1] Die Panik der katarischen Herrscher legte sich erst später, als ihnen bewusst wurde, dass man sie ohne Wahlen gar nicht abwählen kann. Und Gerüchten zufolge soll das in Ungarn auch nicht ganz so gelaufen sein.

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