Manchmal eben doch

Ein Beitrag für das Ökonomen-Blog „Wirtschaftliche Freiheit“ argumentiert nur wenig verhohlen in Richtung des ersten, bei EMMA erschienenen „offenen Briefs“ an Kanzler Scholz, indem er das sog. „Trade-Off-Denken“ einer „orthogonalen Positionierung“ gegenüberstellt.

„Trade-Off-Denken“, das dürfte die in den Medien (und insbesondere auch auf Twitter), und bei Union, Grünen und FDP sowie Teilen der SPD vorherrschende Sicht beschreiben, wonach es im Ukraine-Krieg einen eindeutig „Bösen“ gibt (Putin), weil Aggressor, und einen eindeutig „Guten“ (Ukraine), weil Opfer, und man letzterem unbedingt gegen ersteren zu helfen habe, mit möglichst allem, was geht – wobei das „möglichst“ auch noch zwischen „Auf ihn mit Gebrüll!“ und „Vorsicht, der hat Atomwaffen!“ changiert. Diese Einstellung wird vom Autor mit den üblichen, relativierenden Einwänden zurückgewiesen: Es seien an einem Konflikt ja immer beide Seiten irgendwie schuld, aber das dürfe man unter der Herrschaft dieses Denkens ebenso wenig noch sagen wie darauf hinweisen, dass vielleicht nicht die Kooperation mit dem Bösen, sondern vielmehr die mit dem Opfer mitursächlich für den Krieg gewesen sein könnte.

Dies gelte es zu überwinden, und zwar mit Hilfe der Überlegung, dass in einem Krieg immer beide Seiten verlieren und den Blick auf gemeinsame Interessen verlieren, die durch einen Frieden wieder bevorzugt in den Blick treten. Man kann das alles natürlich noch viel umständlicher (= wissenschaftlicher!) formulieren – wer darauf Wert legt, lese den Originalbeitrag.

Für den aktuellen Fall des Ukraine-Kriegs leitet der Autor aus seiner Argumentation zwei Empfehlungen ab: Nur gewählte Politiker sollten die nötigen Entscheidungen treffen, und zwar auf rationaler Basis unter Hinzuziehung möglichst vieler Informationen. Und das Handeln der Politik sollte von einer kontrovers geführten öffentlichen Diskussion begleitet werden. Dem Werwohlf ist zwar nicht klar, warum man für diese beiden Empfehlungen erst umständlich und unter Hinzuziehung von Grafiken zwei Ansätze diskutieren muss, aber sinnvoll sind sie natürlich. Vermutlich sind sie aber auch eher als zwischen den Zeilen geäußerte Kritik des Autors an den seiner Meinung nach vorherrschenden Diskussion gedacht, die er als in Talkshows weitgehend emotional geführt wahrnimmt und in der die Gegenseite nur noch als Strohmann vorkommt. Womit er auch nach Meinung des Werwohlfs nicht 100% falsch liegt.

Ein Beispiel für eine „orthogonale Positionierung“ folgt dann aber noch, und zwar anhand der Zielrichtung von Sanktionen gegen Russland. Seien diese nur auf eine gründliche Schwächung Russlands ausgerichtet, oder dienten sie vor allem dazu, Russland zu Friedensverhandlungen zu bewegen. Während der erstere Ansatz nur der Eskalation diene, biete letzterer die Chance, „die Friedensbedingungen zugunsten der Ukraine zu verbessern“.

Der zitierte Blogbeitrag lebt von zwei Irrtümern und einer fatalen Wertung. Fangen wir mit letzterer an, weil sie direkt im gerade vorher diskutierten Teil sichtbar wird. Für den Autor muss eine Friedenslösung darin bestehen, dass sich die Bedingungen zugunsten der Ukraine „verbessern“. Russland soll „Zugeständnisse“ machen, die „der Ukraine zugute kommen“. Das kann man beim besten Willen nur so lesen, dass die Forderung einer Rückkehr zum „status quo ante“ lediglich „Trade-Off-Denken“ entspreche und es der Ukraine im Sinn des Friedens nur darauf ankommen könne, möglichst wenig eigenes Territorium aufzugeben. Das würde allerdings diesen Angriff belohnen und damit spätere geradezu herausfordern. Der Fehler besteht hier in der Annahme, mit einem solchen „Frieden“ sei der Konflikt beseitigt. Ganz abgesehen von der Frage, ob Putin nicht auf anderen, viel weitreichenderen Zielen besteht.

Und das bringt uns zum ersten Irrtum. Dieser entsteht durch die Voraussetzung, beide Seiten hätten Interessen, die sich auf eine „Win-Win“-Situation hinführen ließen. Das dürfte vermutlich auf die große Mehrzahl aller Konflikte zutreffen. Es hat aber immer schon solche gegeben, die dafür eben keinen Spielraum boten. Hitlers Vernichtungsfeldzug gegen die Juden, das Ziel vieler Araber, die „Juden ins Meer“ zu treiben, oder eben auch die Negierung der Existenz einer Nation wie der Ukraine – bei solchen „Alles oder nichts“-Vorhaben gibt es für das Ziel der Aggression keinen Frieden, ohne dass der Aggressor seine Absichten aufgibt bzw. zu deren Aufgeben gezwungen wird – und zwar für immer. Bei allen anderen Beendigungen von Kriegshandlungen, bei denen der Angegriffene dann womöglich gegenüber dem Stand vor der Aggression schlechter gestellt wird, handelt es sich dann im Prinzip nur um Waffenstillstände. Der nächste Angriff wird kommen, wenn es dem Aggressor opportun erscheint.

Dieser Irrtum ist übrigens jenseits von Krieg und Frieden weit verbreitet. Viele friedfertige Menschen im Westen gehen aus lauter Idealismus davon aus, dass alle anderen Menschen im Prinzip genau so denken und fühlen wie sie selbst, und dass also Konflikte nur durch Missverständnisse oder böswillige äußere Einflüsse entstehen können. Das ist leider falsch. Es gibt z.B. Menschen, die dir den Hals umdrehen, ohne mit der Wimper zu zucken, und die das für sich gut begründen können. Es gibt Menschen, die für Dinge töten, die dir nur lächerlich erscheinen. Es gibt Menschen, die dich für ein unwürdiges Nichts halten. Da nutzt dir kein Lächeln, keine Umarmung, oft noch nicht einmal Unterwerfung.

Der zweite Irrtum besteht darin, von einem homogenen und rationalen Interesse des Angreifers auszugehen. Trotz der hohen, durch heftige Propaganda-Anstrengungen geförderten Zustimmungswerte für Putin im eigenen Land ist es nicht Russland, das da Krieg führt, sondern es ist in erster Linie Putin bzw. die Kamarilla um ihn. Und die Interessen Putins sind durchaus andere als die seiner Untertanen, zumindest, wenn man sie aus einer neutralen und rationalen Position heraus bewerten müsste. Für das russische Volk gäbe es sehr wahrscheinlich einen Punkt, wo das konkrete persönliche Wohlergehen durch die Einstellung der Sanktionen erstrebenswerter erscheint als die abstrakte Idee eines Großrussland – auf so eine „Win-Win“-Situation hin könnte man verhandeln, aber es ist eben keine, die relevant für den Entscheider wäre. Was diesen angeht, so hat er doch öffentlich formuliert, worauf es ihm ankommt, und er hat wiederholt die deutlichste Absage an „Win-Win“-Szenarien erwähnt, die man sich vorstellen kann, nämlich den Einsatz von Atomwaffen.

„Trade Off“ ist eben nicht nur ein fataler Denkansatz, sondern oft einfach auch tatsächlich eine konkrete Situation, in der erst eine Seite gründlich verlieren muss, bevor eine echte Verhandlungslösung tatsächlich in den Bereich des Möglichen rückt. Und manchmal ist eben sogar ein totaler Sieg erforderlich.

Platz für Senf.

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