Was zum Gasembargo

Wenn man ein politisch interessierter Mensch (oder auch nur ein politisch interessierter Wohlf) ist, kann man in der Regel zu jeder aktuellen Frage eine vorherrschende Meinung ausmachen. Die muss keineswegs gleich der Meinung der Mehrheit der Bürger entsprechen, wird aber nach einiger Zeit meistens dazu, weil sie von vielen Stimmen, die öffentlich Gehör finden, permanent wiederholt wird, sehr gerne gestützt auf eine vorwiegend moralische Begründung, die alle Andersdenkenden zu Menschen niederer Gesinnung verkommen lässt.

Der Werwohlf muss aber mittlerweile leider feststellen, dass er dazu verdammt ist, mit erstaunlicher Prognosesicherheit fast immer dieser Mehrheitsmeinung zu widersprechen. Wobei die Corona-Krise eine Sonderstellung einnahm: Hier entsprach die Position des Werwohlfs meist der seiner sonstigen politischen Gegner und der Mehrheit der Bevölkerung, während die sich in langen Twitterjahren um seinen Account gebildete Blase die Gegenmeinung vertrat, zwar als Minderheitsposition, dafür aber um so lautstärker und dramatischer.

Während des Kriegs in der Ukraine kommen beide Erfahrungen jetzt zusammen. Die Meinung seiner Blase, die russischen Gaslieferungen nach Deutschland müssten sofort beendet werden, scheint mittlerweile auch schon die herrschende Meinung in den Medien zu sein, während nur noch die Politik eine ablehnende Haltung vertritt. Und der Werwohlf.

Nun sehen sich die Freunde des Boykotts moralisch ja so unzweifelbar im Recht, dass sie mit den drastischsten Schwarz-Weiß-Kontrasten arbeiten. Überspitzt gesagt: Nach dem Boykott hört der Krieg auf, und wer dagegen ist, hat Massaker wie im mittlerweile zu trauriger Berühmtheit gelangten Butscha mitzuverantworten. Derart angeklagt muss man schon ein sehr hartgesottener Typ sein, um sich nicht dem allgemeinen Geheule anzuschließen.

Allerdings sieht der Werwohlf wenig Anlass, sich einen der diversen Schuhe anzuziehen, die ihm bei solchen Gelegenheiten vor die Nase gehalten werden. Er hielt die massive Dekonstruktion der Bundeswehr seit den 90er Jahren schon immer für so falsch wie das Gequatsche von den Freunden dämlich, die angeblich Deutschland nur noch umgaben. Entsprechend war der Werwohlf seit jeher gegen einen zu schnellen Atomausstieg (erst die alternative Kapazität aufbauen bitte, und dann abschalten) und gegen Nordstream 2 (vor allem wegen der Stimmen der Osteuropäer). Regime und politische Konstellationen können sich ändern, und zwar sehr schnell. Viel schneller, als sich Armeen neu aufbauen und Infrastrukturen umgestalten lassen, wie man jetzt bemerkt. Die deutsche Politik hat hier schwere Fehler begangen, wie die deutsche Wirtschaft nebenbei gesagt auch: Die Hatz auf die nächsten Quartalszahlen hat hier jegliche langfristige und vor allem realistische Sicht vernebelt, in Sachen China übrigens ebenfalls, aber das ist ein zwar verwandtes, konkret aber anderes Thema. Nur korrigiert man begangene Fehler nicht, indem man vor lauter Eifer, diese irgendwie wiedergutzumachen, neue begeht.

Welche Auswirkungen z.B. ein Ende der russischen Gaslieferungen insgesamt haben wird, ist eine Prognose unter gewaltigen Unsicherheiten. Makroökonomische Gutachten mögen im Rahmen ihrer Modelle dazu einen Diskussionsbeitrag liefern, nur ist makro eben makro. Man kann als Zweimetermensch auf der Hälfte des Weges auch in einem Fluss ersaufen, der im Durchschnitt nur 1m tief ist. Will sagen: Keiner kann ausschließen, dass nicht ein oder zwei Pfade in den berüchtigten Lieferketten zu Folgen führen, die entweder indirekt massive Folgen auf einen Großteil der Versorgung haben oder z.B. (vielleicht auch nur regional) politisch nicht mehr zu ignorierende Massenarbeitslosigkeit mit sich bringen[1]. Partiell kann Quantität in Qualität umschlagen und dann über Rückkopplung auch die Kalküle für den Rest erledigen. Und das schlimmste Szenario wäre wirklich, wenn der eben noch eifrig Boykottierende seinen Heiligenschein wieder einholen und beim Kriegsverbrecher um weitere Lieferungen bitten muss.

Die Verantwortung liegt bei der Politik. Als verbeamteter oder im Ausland beschäftigter Ökonom ist man, wenn die braune Masse den Ventilator erreicht hat, vergleichsweise fein raus. Man sagt einmal „Ooops!“ und zählt dann all die Annahmen auf, die selbstverständlich bei der Interpretation der eigenen Studien zu beachten waren – und natürlich hat man selbst ja nur eine Zahl geliefert, entschieden hat die Politik. Den Industriearbeitern, die da womöglich auf lange Sicht arbeitslos werden, hält man dann vor, dass es ihnen ja noch viel besser ginge als den Menschen in Butscha. So bleibt man moralisch sauber. Wenn das eigene Gewissen mal wieder Pause macht.

Auf der anderen Seite steht keinesfalls fest, dass ein Gasembargo den Krieg vorzeitig beendet, auch wenn das von den Trommlern immer suggeriert wird. Richtig ist: Sie wissen es nicht. Die Politik, die dafür jetzt in unfairster Weise angegangen wird, kann aber nicht mal so eben die Existenzen zigtausender Deutscher aufs Spiel setzen, nur damit einigen ein wohliger, moralischer Schauer über den Rücken läuft oder der ukrainische Botschafter aufhört, Deutschland zu verfluchen.

Schon die Methodik des radikalen, kompromiss- und alternativlosen Schnitts aufgrund höherer Moral ist für den gelernten Konservativen hinreichend Anlass zur Verdächtigung. Die historischen Beispiele, in denen sich das als eine gute Idee erwiesen hätte, sind nicht gerade Legion, gerade und vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet. Es gibt immerhin auch Alternativvorschläge, denen diese gefährliche Sauberkeit fehlt, z.B. die Erhebung von Zöllen auf russisches Gas.

Es ist wohl auch angebracht, sich vor Augen zu halten, in welche Gesamtlage sich ein neuer Schock, den ein sofortiges Gasembargo auslöste, einfügen würde. Die Wirtschaft hat sich gerade mühsam von den Corona-Folgen erholt, aber die Industrie rund um das Automobil steht vor einer politisch getriebenen Technikwende, die für sich genommen schon Tausende Arbeitsplätze kosten wird, mit entsprechenden Folgen für die Wirtschaft in den betroffenen Standorten. Gleichzeitig steigen – ebenfalls politisch getrieben – die Energiekosten auf breiter Front, damit Deutschland einen „Beitrag“ leistet, den Klimawandel aufzuhalten, was jetzt schon für einige Betriebe das „Aus“ bedeutet. Nun kann man diese ganze Wandelei (Zeit) und Nichtwandelei (Klima) für berechtigt halten, nur alles zugleich und alles sofort – wer meint, das könne funktionieren, muss ein Zeug rauchen, das der Werwohlf vielleicht auch mal probieren sollte. Um irgendetwas ganz schnell auf die Beine zu stellen (also zum Beispiel notwendige Investitionen) hat Deutschland zu wenige Ressourcen und ein denkbar ungeeignetes legales Umfeld, das in erster Linie auf Verhinderung und Verzögerung ausgelegt ist, wie es einem wohlstandssatten Land geziemt. Nur das mit dem Wohlstand, das könnte sich schneller ändern als die Rechtslage. Mit dem Ausbleiben von Nachwuchs aka Arbeitskraft aka Humankapital ist besser generell zu rechnen. Und der, der noch kommt, wird nicht mehr so gut ausgebildet sein wie der, der diesem Land seinen Ruf eingetragen hat.

Wenn der Werwohlf es sich also so richtig überlegt: Dieses Land ist sowieso auf dem Weg in die Grütze. Wenn das Gasembargo das Leiden verkürzen kann – warum nicht.

[1] Was auch gerne übersehen wird: Wenn westliche Staaten im Bemühen, russische Energie zu ersetzen, vermehrt auf dem Weltmarkt als Nachfrager auftreten, verteuert sich Energie auch für alle anderen, also z.B. auch für weit ärmere Staaten. Denen kann man dann kaum entgegenhalten, sie müssten für ihr „Nie wieder!“ gefälligst Opfer bringen.

Ein Gedanke zu „Was zum Gasembargo

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