Kapitulieren?

Jüngst ist in der Diskussion um den Krieg in der Ukraine die Idee vertreten worden[1], es sei für die Menschen in der Ukraine besser, das Land kapituliere. Die Argumente, so sie von den Falken in den Medien überhaupt genehmigt werden (in der Regel wird der Gedanke bei der ersten Erwähnung mit maximaler Empörung weggewischt – was einen immer misstrauisch machen sollte), haben etwas für sich:

Kriegshandlungen würden eingestellt, die Städte würden nicht mehr beschossen, militärische und zivile Opfer wären (zunächst) nicht mehr zu beklagen, Versorgungswege könnten wieder geöffnet werden, und auch die drohende Hungerkatastrophe in Teilen der Welt ließe sich womöglich abwenden. Das addiert sich zu vielen Todesopfern, die dann keine mehr sein müssten. Denn klar ist auch: Geht der Krieg weiter, wozu auch die Waffenlieferungen an die Ukraine führen, geht das Töten weiter, auch das von Zivilisten und eben z.B. auch Kindern.

Es wird zwar nicht gern gehört, aber es ist nicht nur Putin, der es in der Hand hat, ob der Krieg weiter andauert. Zu einem Krieg gehören immer zwei: ein Aggressor und ein Verteidiger. Und letzterer hat immer die Möglichkeit zur Kapitulation. Sicher, populäre Kunst und Unterhaltung verherrlichen genau das Gegenteil: Durchhalten, niemals aufgeben! Das ist auch lobenswert, aber nur dann, wenn man selbst der einzige ist, der den Preis dafür zahlen muss. Das steht in einem Krieg zwischen Staaten nicht zur Debatte. Da zahlen den Preis auch die, die gar nicht mitmachen.

Aus reiner Vernunft sollte ein Staat dann kapitulieren, wenn die Folgen des weiter laufenden Krieges für ihn schlimmer wären als die Folgen der Niederlage. Das lässt sich natürlich einfacher schreiben als operationalisieren, sieht man sich in beiden Fällen doch mit einer Vielzahl von Ergebnissen konfrontiert. Und niemand weiß heute so genau, wie die Folgen eines russischen Sieges aussehen würden. Aber man wird es wohl irgendwann doch zu sehen bekommen… Spekulieren lässt sich schon jetzt. Sagen wir mal, Putin würde aus der Ukraine ein zweites Belarus machen. An der Spitze eine diktatorische Führung mit Ohr am Kreml, Opposition brutal unterdrückt, und wegen Korruption, Vetternwirtschaft und auch sonst widrigem Investitionsklimas eine mehr schlecht als recht dahinsiechende Wirtschaft. Der Werwohlf wagt die These: Auf dem Land ändert sich nicht viel, während in die urbanen Gesellschaften der Blitz einschlagen würde. Viele Menschen dort würden den Verlust an Freiheit unmittelbar spüren, und die alte Führungsschicht würde wohl „ausgeschaltet“ – man möge sich hier beliebige Grausamkeiten vorstellen. Aber: Die Zahl der Toten bliebe begrenzt. Und man hätte die Hoffnung, dass sich der Wind noch einigen Jahren auch mal wieder dreht, z.B. wenn Putin aus welchem Grund auch immer das Zeitliche segnen sollte (und, seien wir ehrlich, besonders vital sieht er nicht mehr aus…).

Der Nutzen der Gegenwehr der Ukrainer ist überwiegend so sehr ein externer, dass man sich wundern könnte, warum sie sich überhaupt verteidigen. Denn natürlich verliert Putin mit jedem Tag, den seine Truppen verlustreich nicht weit vorankommen, die Lust, dieses Abenteuer woanders nochmal zu versuchen. Und vielleicht veranlasst ihn das zum Nachdenken, ob den Speichelleckern in seiner Umgebung, die vielleicht auch einen Blumenempfang in Riga vorhergesagt haben, wirklich noch zu trauen ist. Und er lernt etwas über die Kosten ähnlicher Vorhaben. Es geht eben viel verloren: teures Material, kostbare Menschenleben unter den Soldaten. Nicht auszudenken, wenn er das nicht gegen einen Staat ausprobiert, der überwiegend alleine steht, sondern gegen einen, der die ganze NATO-Kapazität hinter sich hat. Insofern hat Recht, wer den Schluss zieht: Die Ukraine kämpft für die gesamte freie Welt. Aber auch für sich?

Wie lässt sich der Tausch von Demokratie, Recht und Freiheit gegen Leben bewerten? Das ist schwierig. So schwierig, dass man sich in der Regel auf ein Kalkül nicht einlassen möchte und zur stets bereitliegenden Emotion greift. Wie gesagt: So lange das jeder für sich beantwortet, wird es einfacher, aber wenn die Entscheidung für einen gesamten Staat steht, nahezu unmöglich. Wer an dieser Stelle eine Antwort des Werwohlfs erwartet hat, muss leider enttäuscht werden. Eine solche kann universell nicht gegeben werden.

Wobei der Werwohlf sie schon mal gegeben hat, zumindest indirekt. In den frühen 80ern des letzten Jahrhunderts entspann sich in Deutschland eine Friedensdebatte, befeuert durch die Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen und die Antwort der NATO darauf. Nicht zuletzt durch umfangreiche Unterstützung der DDR formierte sich in der Bundesrepublik eine starke „Friedensbewegung“, deren Forderungen vor allem darauf abzielten, die NATO-Nachrüstung zu verhindern. Wer heutige Protestbriefe gegen „Aufrüstung“ liest und sich an damals erinnert, wird einige Parallelen feststellen.

Der Werwohlf stand damals wie fast alle seine männlichen Altersgenossen im westlichen Teil Deutschlands vor der Entscheidung, seinen Wehrdienst anzutreten oder zu verweigern. Es blieb natürlich nicht aus, dass diese Entscheidung in seinem Jahrgang an der Schule in einem größeren Kontext diskutiert wurde. Ein großes Thema war damals die sogenannte „Soziale Verteidigung„. Diese sah vor, einem Aggressor keinen militärischen Widerstand entgegenzusetzen, sondern durch konsequente Verweigerung ziviler Kooperation als besetztes Land den Preis der Aggression so hochzutreiben, dass von ihr Abstand genommen werden würde, entweder erst im Nachhinein, oder idealerweise auch antizipativ. Aus Sicht des Werwohlfs war dieses Konzept bestenfalls naiv, und wenn er sich anschaut, wie in Belarus oder Russland selbst jede Art von Widerstand konsequent niedergeknüppelt wird, maßt er sich die Vermutung an, dass Menschen, die dem Feind nicht mit der Waffe gegenübertreten wollen, vermutlich auch keine großen Helden im alltäglichen Widerstand sind – zumindest nicht in hinreichend großer Zahl. Deswegen leistete er seinen Wehrdienst, vor allem in der Hoffnung, schon dadurch ein kleines Stück dazu beizutragen, dass es zu keinem Krieg kommen möge. Aus seiner individuellen Sicht würde der Werwohlf tatsächlich lieber sterben, als sich der Willkür fremder Besatzer auszuliefern. Aber okay, der Mensch dahinter ist ein alter weißer Mann ohne große Zukunft – soll er etwa für alle sprechen können, die ihr Leben noch vor sich haben?

Natürlich gibt es Situationen, wo die Wahl relativ leicht fällt. Gerne wird der Idee der Kapitulation der Eroberungsfeldzug der Nazis im Zweiten Weltkrieg entgegengehalten – keine Frage, dass Kapitulation die betroffenen Menschen damals vor gar nichts wirklich bewahrt hat. Aber die Angreifer standen eben auch für eine Ideologie, die ihre Feinde zu Untermenschen machte, deren Leben nichts wert und im Zweifel (insbesondere im Fall der Juden sogar zwingend) zu beenden war. Putin ist ein übler Kerl, aber dass er davon träumte, unter den von seinen Truppen unterworfenen Bevölkerungen ein Massaker anzurichten, kann man ihm kaum vorwerfen. Im Fall der Ukraine geht seine Erzählung gerade in die andere Richtung, denn in der wird angeblich die Masse des eigentlich von den Russen kaum zu unterscheidenden Volks nur von einer kleinen Clique von Nazis fehlgeleitet. Kein Grund, gewöhnliche Bürger des Landes zu behelligen, sofern sie nicht Lust an der Politik entwickeln.

Wie sieht es nun im Fall der Ukraine aus? Wirklich schwer zu beurteilen, denn selbstverständlich ist die ukrainische Regierungspropaganda bei uns sehr stark. Aber es sieht zumindest so aus, als gebe es in der ukrainischen Bevölkerung keinen Zweifel daran, dass man das bisher Erreichte und künftig noch Erhoffte unter Einsatz allen Lebens, nicht nur das der Kämpfer, verteidigen wolle. In diesem Fall wäre die Abwägung eindeutig ausgefallen.

[1] Zum Beispiel von Richard David Precht im „Stern“ oder Alexander Grau im „Cicero“.

2 Gedanken zu „Kapitulieren?

  1. caligari

    Sehr geehrter Herr WerWohlf,

    ich zitiere mal auszugsweise aus Ihren Essay:
    „Jüngst ist in der Diskussion um den Krieg in der Ukraine die Idee vertreten worden[1], es sei für die Menschen in der Ukraine besser, das Land kapituliere.“

    Man muss hier allerdings auch insbesondere die Begründung auf der Zunge zergehen lassen.
    Letztlich ist es eine Art utilitaristisch, zweckrationale Argumentation.
    Schon das steht gegen die Gesinnungsethik unserer Medienwelt!

    Zitat:
    „Das ist auch lobenswert, aber nur dann, wenn man selbst der einzige ist, der den Preis dafür zahlen muss.“

    Jain.

    Ich sehe das wie der alte Aristoteles, der goldene Mittelweg.
    Der Mensch neigt von Natur aus eher zur Feigheit und dazu, zu früh aufzugeben. Deshalb spornt ihn Kunst und Unterhaltung an, durchzuhalten.

    Es ist aber wichtig zu erkennen, ob man sein Ziel noch erreichen kann und ob Kosten und Nutzen in einem Verhältnis stehen.

    Zitat:
    „Das steht in einem Krieg zwischen Staaten nicht zur Debatte.“

    Wer nicht fähig ist, sich zu verteidigen, der macht sich zur leichten Beute, die ein Raubtier im Vorbeigehen greift.

    Zitat:
    „(…) Führungsschicht würde wohl ‚ausgeschaltet‘ – man möge sich hier beliebige Grausamkeiten vorstellen“

    Genau das ist das Problem! Die Führungsschicht trifft die Entscheidungen.
    Die ukrainischen Politiker mögen wie die tapferen Helden erscheinen und sind es womöglich auch, aber vielleicht wären sie die größeren Helden, wenn sie sich ergeben würden. Wohlwissend, was das für sie bedeuten könnte.

    Nach der Logik eines Hollywoodfilmes wäre das natürlich unsinnig. Nach der realen Logik der Welt… Vielleicht durchaus sinnvoll.

    Zitat:
    „Diese sah vor, einem Aggressor keinen militärischen Widerstand entgegenzusetzen, sondern durch konsequente Verweigerung ziviler Kooperation als besetztes Land den Preis der Aggression so hochzutreiben, dass von ihr Abstand genommen werden würde, entweder erst im Nachhinein, oder idealerweise auch antizipativ.“

    Das hat gleich zwei Probleme:
    1.) Kann das nur dann abschreckend wirken, wenn man das Land auch real erobern will. Deutschland würde da wahrscheinlich eh zur nuklearen Höllenlandschaft gefeuert. Abgesehen davon könnte eine Besatzungsstreitmacht auch rustikalere Methoden einsetzen.
    2.) Macht man das dann wirklich? Ich glaube nicht daran.

    Zitat:
    „Kein Grund, gewöhnliche Bürger des Landes zu behelligen, sofern sie nicht Lust an der Politik entwickeln.“

    Zumindest denken wir das heute.

    Niemand kann 100% sicher sagen, was passieren würde, wenn die Ukraine kapituliert.
    Ich sehe da jede Menge „Wunschdenken“, an allen Seiten.

    Zitat:
    „In diesem Fall wäre die Abwägung eindeutig ausgefallen. “

    Die Fragt ist dann, was eine solche Meinungsäußerung uns dann noch bringt?
    Die Frage, ob man der Ukraine helfen sollte oder nicht scheint mir eine andere zu sein als jene, ob die Ukraine nicht eigentlich lieber kapitulieren sollte.

    Man kann ja sehr wohl gegen jeden Krieg sein, aber seine Absicht bekunden, seinen Land im Falle eines Kriegs beizustehen.

    Es wäre wahrscheinlich zumindest kurzfristig gesehen besser, wenn die Ukraine kapituliert hätte. Mit jedem Tag wird das aber dann auch wieder anders.
    Wenn das Land sowieso schon zerstört, die Mensche schont tot usw. sind, dann scheint es immer naheliegender, auch siegen zu wollen.

    Das Problem sit natürlich, dass wir eine satte Generation sind. Solche Fragen habe wir uns niemals gestellt.

    Und die dämliche Gesinnungsethik und Mentalität der sozialen Medien macht es nicht besser. Eher im Gegenteil.

    Antwort
  2. Pingback: Zwischen den Briefen | Der letzte Biss

Platz für Senf.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.