Was zum Abschied aus Twitter

Nun war der Werwohlf nie ein besonders aktiver, eher so eine Art Quartals-Twitterer, der an manchen Abenden immer wieder Tweets absetzte, an den meisten Tagen allerdings keine oder höchstens mal einen oder zwei. Aber jetzt gerade wurde es ihm dennoch zu viel. Es ist einfach diese permanente Erregung, die durch die Timeline gepustet wird. Der Werwohlf hat ja vollstes Verständnis dafür, dass sich der eine oder die andere über irgendwelche Dinge ärgern, gerade auch politisch relevante. Vieles, was wir so den lieben, langen Tag zu hören, ist kritikwürdig, und der Werwohlf würde sogar jenen zustimmen, die der Meinung sind, es sei in den letzten Jahren immer schlimmer geworden. Aber Twitter ist Teil des Problems. Denn hier findet keine Kritik statt, sondern maßlose Verurteilung. Es bilden sich Fronten, wobei die eine Seite immer der Meinung ist, sie selbst sei vernünftig und selbstverständlich im Recht, während die andere aus emotional verkrüppelten Dummköpfen bestehe, die wahlweise auf extremistische Propaganda hereinfielen oder sie selbst betrieben. Und es bilden sich virtuelle Rudel, deren Angehörige sich gegenseitig auf die Schulter klopfen. 

Der Werwohlf meint zwar, sich daran im Wesentlichen nicht beteiligt zu haben, aber er war viel zu oft zu gutmütig und ist deswegen Twitterern gefolgt, die ihm selbst gefolgt sind. Manchmal basierte seine Entscheidung auch durchaus auf aus seiner Sicht originellen Tweets, aber leider schien es sich dabei in einer nicht unerheblichen Zahl von Fällen um seltene Preziosen ansonsten recht mediokrer Accounts gehandelt zu haben. Und das „Entfolgen“ trifft manchen, der das irgendwie feststellt oder sich über Tools auf dem Laufenden hält, als eine Art persönlicher Misstrauensbeweis, als virtuelles Herunterreißen von Schulterklappen, und ist damit geeignet, Wutreflexe auszulösen. Sind doch Follower die Währung, die auch bei Twitter den Maßstab für die erzielte Aufmerksamkeit eines Accounts darstellt. Auch wenn der Werwohlf damit keine „Strafaktion“ beabsichtigte, sondern nur eine etwas gechilltere (sagt man das so?) Timeline, wird die Botschaft bei den Empfängern wohl leider ganz anders ankommen.

Uns wenn es ihm gelungen wäre, so nach und nach die „Erreger“ (interessanterweise hat schon die Corona-Krise zu diversen Entfolgungen führen müssen – wenn zur Erregung auch noch stolz herausgestellte Dummheit kommt, wird selbst ein Werwohlf rücksichtslos) aus der Timeline zu streichen, hätte er vermutlich fast nur noch Selbstgespräche geführt. Die Accounts, mit denen sich ein Austausch lohnt, gehen über eine niedrige zweistellige Zahl nicht hinaus und sind selbst in der Regel keine Aktivitätsmonster bzw. ihrerseits so ins Geschehen verwickelt, dass sie dem Affen weiter Zucker geben müssen und deswegen dann doch mit diversen Schwachsinns-Tweets als Zitate Anderer seine Timeline kontaminieren.

Die bevorstehende „Ampel“ wird der Versuchung, sich an den eigenen Klischees aufzugeilen, vermutlich weiter Vorschub leisten. Der Werwohlf braucht das nicht. Er genießt es schon, sich sämtliche Nachrichtensendungen, Politmagazine, „Satire“sendungen und Talkshows des Fernsehens zu ersparen – das bisschen Erwähnenswerte, das es dort abzugreifen gibt, bekommt er sowieso in den Besprechungen der Online-Ausgaben von Tageszeitungen geliefert. Wenn Twitter schon eine Nacht und einen Morgen höchster Erregung eben deswegen hinter sich hat… Dennoch: Der Werwohlf ist ein politisch interessierter Mensch, und der Unsinn der heutigen Zeit lässt ihn nicht kalt. Für einige Zeit wird er deswegen nur hier weiter Dampf ablassen. Man erwarte also keine ausgewogenen Beiträge hier, sondern der kostbaren Freizeit abgerungene Gelassenheitsdurchbrüche.

Und irgendwann wird es dann vielleicht doch wieder Twitter sein.

Platz für Senf.

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