Was Likes kosten

Die Diskussion über die Antworten der Politik auf das SARS-COV-2-Virus hat manch wundersame Aspekte. Da wäre zum einen die Scheidung der Argumente entlang politischer Präferenzen zu beobachten, was an sich vielleicht nicht ganz so interessant wäre (was wird heute nicht als Gesinnungsausweis diskutiert?), wenn sich die Richtungen nicht simultan gedreht hätten.

Als es losging mit den ersten Meldungen über das neue Virus, da überschlugen sich eher rechts orientierte (denen man mit der Bezeichnung als „AfD-nah“ wohl kein großes Unrecht zufügt) Nutzer sozialer Medien vor lauter Warnungen und Forderungen an den Staat, endlich hart durchzugreifen. Gut, an erster Stelle stand damals der Wunsch nach Schließung der Grenzen, was die zeitweise Popularität einer Anti-Corona-Politik in diesen Kreisen womöglich erklärt, aber dieser Wunsch ist heute, weil nicht zur Öffnungs-Rhetorik passend, in diesem Zusammenhang kaum noch zu vernehmen, während aus linker Sicht zwar wohl weiter „kein Mensch illegal“ ist, aber durchaus infiziert sein kann, was das „no borders“ dann schwer argumentierbar macht.

Und während von rechts die Gefahr beschworen wurde, übte man sich links im Abwiegeln. Alles nur Hirngespinste der durchgeknallten Rechten, nichts dran etc. Kleinode der damaligen Frontverläufe lassen sich mit etwas Mühe im Netz auch heute noch finden. Mittlerweile hat die große Polumkehr stattgefunden: Als Rechter hat man gefälligst vor einer Merkel-Diktatur zu warnen und so gut wie alle Anti-COVID-19-Maßnahmen ins Lächerliche zu ziehen, wenn man die Gefährlichkeit des Virus denn überhaupt akzeptiert. Und als Linker muss man sich nach einer Art DDR 2.0 sehnen, die aus Gründen des Gesundheitsschutzes an allen Ecken und Enden ins Privatleben der Bürger eingreift und Fehlverhalten spürbar maßregelt. Das hat sich jetzt so eingependelt, und im Grunde passt das wohl auch besser so insgesamt.

Die deutsche Rechte, wie sie sich z.B. in Form der AfD manifestiert hat, ist viel zu heterogen und hat viel zu viel Probleme mit der Moderne, um konstruktive Politikziele zu formulieren. Einig ist man sich vor allem in der Kritik an der herrschenden Politik, wie sie von der Bundeskanzlerin personifiziert wird. Warum bei den Handlungen gegen das Virus eine Ausnahme machen?

Und auf Seiten der Linken passt die Gängelung des Privaten wie die Wurst aufs Butterbrot bzw. – mit Rücksicht auf die dortige Beliebtheit veganer Ernährung – wie Arsch auf Eimer. Verbunden mit der Hoffnung, quasi aus der Bewegung die Einschränkungen individueller Freiheiten mit in den Klimaschutz zu übernehmen.

Zwischen diesen Polen gibt es in den sozialen Medien kaum noch etwas, außer hier und da den offiziellen Accounts Regierungsnaher, die sich bemühen, dilettantisches Stückwerk, das allerdings wenig Vertrauen in die Gestaltungsmacht dieses Staates zu verschaffen in der Lage ist, als durchdachte Strategie zu verkaufen. Und weil sich da zwei Seiten unversöhnlich gegenüber stehen, wird auch kein Pardon mehr gegeben. Hier „Covidioten“, dort „Schergen eines diktatorischen Regimes“, beide aus Sicht des jeweils anderen nicht im geringsten satisfaktionsfähig, weil aus moralischer Verdorbenheit für Tausende von Toten verantwortlich – zumindest als „slippery slope“. Die Gefahr, auf Gegenargumente eingehen zu müssen, wird gekonnt dadurch umschifft, dass nicht das eigentlich Gesagte zum Gegenstand des Urteils wird, sondern was man möchte, dass es das Gesagte wäre, weil es die eigene Empörung so wunderbar anspringen lässt. Und je empörter, desto mehr Likes für das ansonsten armselige Leben.

Es braucht wohl die Lebenserfahrung eines ergrauten Wohlfes, um den Platzzuweiser hier zu ignorieren und einen eigenen Weg durch den Informationsdschungel zu finden. So ist der Werwohlf im Zweifel eher auf Seiten der Befürworter einer NoCovid-Strategie[1] zu finden, weil er sie einerseits für überzeugend hält und er andererseits die meisten negativen Folgen nicht etwa ignoriert (eher im Gegenteil, denn er ist da wenig optimistisch), sondern sie auch ohne eine solche eintreten sieht, so dass für NoCovid der Vorteil der kürzeren Dauer den Ausschlag gibt. „Im Zweifel eher“, weil er fürchtet, dass beim gewohnten Öffnungsgrad der Grenzen und der weltweiten Freizügigkeit, an die wir uns gewöhnt haben, auch diese Strategie keine allzu hohen Erfolgschancen hat, wenn wir dahin wieder zurück wollen.

Aber er vermag andererseits nicht den Furor nachzuvollziehen, der diversen Schauspielern entgegen schlug, als sie kurze, satirisch gemeinte Filmchen drehten, mit denen sie die Anti-Corona-Maßnahmen und ihre Begründungen auf die Schippe nahmen. Wie es aussieht, hat die Freiheit, auch in Form von Meinungsfreiheit, entschiedene Gegner in diesem Land, und sie haben sich dann auch gleich alle zu Wort gemeldet. Zaghafte Versuche von Rundfunkräten, den Aufrührern die Einnahmequelle abzudrehen, fruchteten zwar nicht wie gewünscht, aber es dauerte nicht lange, bis die konträr zu eigenen Meinung geäußerte endlich da eingeordnet war, wo man über sie nicht mehr nachdenken musste, also bei den Nazis. Der Werwohlf hält diese Filmchen nicht gerade, wie so mancher sich offenkundig als Aktivist gerierender Virologe, für Meisterwerke. Seiner Meinung nach zielen sie am Thema oft vorbei und richten sich weit überwiegend auch nur gegen Strohmänner. Man mag die Filmchen läppisch finden, unsinnig oder gar dämlich. Aber es gibt keinen einzigen Grund, sich über sie zu empören. Außer, man hat es nicht so mit einer pluralistischen Demokratie, in der eben nicht alles per Quote „auf seinen Platz verwiesen“ (K. Kinski) ist.

Und wo wir schon mal so nett zusammensitzen und über das übliche Thema plaudern: Was ist jetzt mit den „Privilegien“ oder „Freiheiten“ für Geimpfte? Wie steht der Werwohlf denn dazu? Leider auch eher auf Seiten der Skeptiker. Er folgt weitgehend den Argumenten, die zwei Ökonomen und eine Physikerin in der FAZ vorbringen. Demnach ist auch für Geimpfte die Rückkehr zur gewohnten Freiheit nur dann sinnvoll, wenn sie mit niedrigen Inzidenzen einher geht. Das liegt vor allem am Risiko durch Mutationen, die – Darwin lässt grüßen – gerade beim Zusammentreffen von vielen Geimpften mit einer hohen Inzidenz als solche zu erwarten sind, die bisherigen Immunantworten des Körpers aus dem Weg gehen können. Wenn die ganze Impfchose also nicht noch einmal von vorne beginnen soll, sollte man sich tunlichst zurückhalten. Aber die Politik macht keine Anstalten in dieser Hinsicht und schlägt, wie üblich, alle Warnungen in den Wind. Damit wagt der Werwohlf hier die Prognose, dass uns die Pandemie auch noch weit ins nächste Jahr begleiten wird. Welche Auswirkungen das auf kleine Händler und Gaststätten haben wird, kann man sich vorstellen. Will man zwar nicht, aber das ist eben die Crux, die dem Ökonomen nur allzu vertraut vorkommt: Die vordergründig gute Tat ist leider sehr oft die schlechteste.

Schon wegen der Seltenheit solcher Folgenabschätzungen können einen die üblichen „Diskussionen“ in den sozialen Medien, die vor allem aus einer Abfolge von Verunglimpfungen bestehen, nur abstoßen. Der Gewinn an Likes wird durch einen Verlust an Erkenntnis erkauft.

Gute Chancen für die Grünen, btw.

[1] „No Covid“ != „Zero Covid“. Wir wollen doch Maßnahmen gegen das Virus nicht mit Maßnahmen für den Sozialismus verwechseln.

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