Der Fluch des Schlusses

In einem Artikel wird auf FAZ.net (Bezahlschranke) berichtet, wie schwer es Frauen haben, sich in den oberen Regionen der Jungen Union zu behaupten. Es geht um Sexismus und um Anmache, auch um Handgreiflichkeiten.

Nun war der Werwohlf mal in der Jungen Union, aber erstens ist das hundert Jahre her, und zweitens bewegte er sich dort auch nicht in diesen Sphären, sondern auf Orts- und Kreisebene, wo es wohl auch dem Artikel zufolge noch weitestgehend „normal“ zugehen soll. Dennoch könnte er sich gut vorstellen, dass die im Artikel berichteten Fakten überwiegend wahr sind. Das hat dann auch was mit den charakterlichen Grundzügen eines (Nachwuchs-)Politikers zu tun – ohne übersteigertes Selbstbewusstsein wird so einer es kaum weit bringen. Und in einer Nachwuchsorganisation der Union wird sich das dann eher zum Nachteil anwesender Frauen auswirken als in einer, in der Frauen auf diversen Ebenen bevorzugte Behandlungen erfahren. Nichtsdestotrotz scheint die Führung das Problem als solches erkannt zu haben, und es gibt bereits Institutionen, die geeignet sind, den Betroffenen als Anlaufstelle zu dienen und ihre Erfahrungen als Feedback in die Organisation zurückzugeben.

So weit, so gut (oder noch nicht so gut).

Aber dann kommen die  letzten beiden Absätze, vom Umfang her eine Kleinigkeit im Vergleich zum Artikel, aber diesen gründlich kontaminierend.

Mehrere ranghohe CDU-Politiker bezeichnen die Vorwürfe der jungen Frauen im Gespräch mit der F.A.Z. als glaubwürdig. Das seien vermutlich keine Einzelfälle, heißt es. Entscheidend seien Strukturen, die ein Bewusstsein dafür schafften, dass Anfeindungen und Sexismus kein Kavaliersdelikt seien – und die fehlten in der JU. Darin spiegelt sich auch grundsätzliche Kritik aus dem liberalen Flügel der CDU an der Jugendorganisation.

Als Symptom einer Absetzbewegung der JU von der liberalen Linie der Bundespartei wird die starke Parteinahme der JU für Friedrich Merz gesehen. Ein CDU-Bundestagsabgeordneter sagt, die JU begreife sich heute als „neoliberale Kaderschmiede“. Problematisch für die Partei sei die fehlende „Anschlussfähigkeit“ der JU etwa zur Klimaschutzbewegung Fridays for Future. Die JU gehe „völlig an der Lebenswelt ihrer Generation vorbei“, sagt der CDU-Mann. Unter liberalen CDU-Politikern heißt es außerdem, die JU habe sich in den vergangenen Jahren „radikalisiert“. Eine CDU-Bundestagsabgeordnete nennt es eine Gegenbewegung, nach dem Motto: „Zurück in die gute alte Zeit“. Das gelte in vielerlei Hinsicht, vor allem aber beim Thema Frauenemanzipation.

Hier werden sexistische Handlungen und Belästigungen von Frauen in einen Topf geworfen mit allem, was der herrschenden „liberalen“ Linie der CDU nicht passt. Also wer eine „neoliberale“ Ausrichtung befürwortet, begrapscht auch Frauen. Oder hat wenigstens ein Problem mit der Emanzipation.

Rein in den Topf kommt dann auch noch die grundsätzliche, aber natürlich anonyme[1] Kritik, die JU ginge programmatisch „völlig an der Lebenswelt ihrer Generation vorbei“, weil sie sich nicht der Bewegung „Fridays for Future“ anschließe. Warum diese für eine ganze Generation stehen soll statt nur für einen PR-technisch gut organisierten weiteren Versuch radikaler Linker, ihre ideologischen Ladenhüter in neuem Gewand zu verkaufen, verrät uns dieser „Liberale“ leider nicht – dabei spricht mit etwas Abstand sehr viel für letzteres.

Mit diesen beiden Absätzen wird ein Artikel, den man eben noch als Thematisierung eines wirklichen Problems verstehen konnte, dann doch nur zu einem erbärmlichen Versuch, der innerparteilichen Konkurrenz mit Unterstellungen ans Bein zu pinkeln. Und die FAZ gibt sich dafür her.

Zwar erwartbar angesichts der Ausrichtung der letzten Jahre, aber dennoch schade eigentlich.

[1] Hätte sich dieser CDUler, der nebenbei gesagt wahrscheinlich zu 100% für eine Klarnamenpflicht im Netz sein wird, mit seinem Namen hinter die Anschuldigung gestellt, wäre offensichtlich geworden, woher der Wind weht. Aber Raunen funktioniert anonym eben besser.

Ein Gedanke zu „Der Fluch des Schlusses

  1. Eloman

    Mal abgesehen von dem Blödsinn in den beiden letzten Absätzen des Gejammers im zitierten Artikel mal ne Frage. Sind nicht die Jugendorganisationen der bekannten Parteien immer radikaler als die Mutterpartei? Wenn ich da an die Jusos, die Grüne Jugend oder die Linksjugend, ja auch an die Junge Alternative denke sollte mich wundern, wenn es bei der Union anders wäre.

    Antwort

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