Sprachmagie

An zwei Meldungen möchte der Werwohlf diesmal seine Gedanken festmachen. Da wäre zum einen die, dass der Online-Duden das generische Maskulinum abgeschafft hat. Zum anderen die, dass ein Journalist der New York Times seinen Job verlor, weil er nicht-öffentlich das „N-Wort“[1] benutzt hat.

Beide Meldungen haben mit Sprache zu tun, und beide offenbaren ein Sprachverständnis, das Bezüge zu Magie ausweist. Die Protagonisten, die in beiden Fällen für die dann eingetretene Entwicklung sorgten, eint die Vorstellung, dass Sprache Bewusstsein und Handeln präge. Wiewohl ein solcher Einfluss sicher besteht, wird er von ihnen aber offenbar nicht nur maßlos überschätzt, sondern führt in seiner Überhöhung auch zu quasi-religiösen Auswüchsen.

Das Gendern ist hier schon mehrfach für unsinnig erklärt worden. Aber da seine(!) Freunde(!) sich bei der Wiederholung ihrer Thesen von Gegenargumenten stoisch unbeeindruckt zeigen, sieht auch er nicht ein, warum er es nicht gleichermaßen halten soll. Deswegen: Die deutsche Sprache hat mit ihren grammatikalischen „Geschlechtern“ gar nicht den Anspruch, Sexualität und Ableitungen davon abbilden zu wollen. Die Zuordnung von grammatikalischen Geschlechtern zu abstrakten Begriffen zeugt davon. „Die Person“ z.B. ist nicht immer eine Frau. Selbst, wenn in einer dieser simplen „Studiem“, mit denen das Gendern begründet wird, Menschen befragt werden, welches Geschlecht sie sich vorstellen, wenn sie diesen Begriff hören oder lesen. Und dann, wie der Werwohlf vermutet, die Mehrzahl auf „Frau“ tippen würde. Denn die Geschlechtszuordnung wird überhaupt erst durch die Fragestellung eingeführt[1]. Normalerweise dürfte der Leser solcher Begriffe sich nämlich diese Mühe gar nicht machen und das Abstraktum als solches verstehen. Wenn es heißt „Retten Sie die Bewohner!“ wird keiner innehalten, um sich zu überlegen, ob Frauen „mitgemeint“ seien, weil er gar nicht erst nur an Männer denkt, sondern lediglich an die sex- und genderlose Eigenschaft „Bewohner“.

Die Dudenredaktion behauptet nun, sie gebe ja gar nichts vor, sondern bilde nur ab. Das mag sein – nur wessen Sprachgebrauch? Offensichtlich den der labernden Klasse, und innerhalb derer auch noch den ihrer radikalsten Elemente  – „Gästin“ sagt nur, wer auf einer Mission ist. Und das sind nicht so furchtbar viele. Sie haben aber die Gelegenheit, ihre Religion unter die Menschen zu bringen, z.B. als Gastgeber(!) einer Talkshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Dem Volk aufs Maul zu schauen wie weiland Luther, ist nun mal nicht woke. Es gilt nicht mehr, nur abzubilden. Es gilt, zu formen.

Einen Eindruck vom Endergebnis dieser Bestrebungen bekommt man, wenn man sich den Fall des Journalisten der NY Times betrachtet. Dieser verwendete das „N-Wort“ in einem privaten Gespräch und nicht in der Absicht, es als Herabsetzung zu verwenden, sondern im Gegenteil mit dem Ziel, die sprachliche Untat eines anderen aufzudecken. Genutzt hat es ihm nichts. Er tat in stalinistisch-maoistischer Tradition öffentliche Abbitte[2], wurde aber trotzdem gefeuert. Nur, weil er ein Wort benutzte, dessen Aussprache allein und kontextunabhängig jemanden traumatisieren könnte. Wen das nicht an mittelalterliche Tabus erinnert (oder wenigstens an Harry Potter), der hebe die Hand. Wenn nicht mal mehr der Gegenstand oder der Anlasse einer Ablehnung benannt und ausgesprochen werden dürfen, befinden wir uns in einer Zeit, die keine Aufklärung erlebt hat. Wir sind dann im Reich der Magie, wo schon die Nennung des Begriffs das mit ihm verbundene Unheil herauf beschwört. Und im Reich des Wokeism, wo man sich stalinistisch-maoistischer Methoden beim Umgang mit Abweichlern bedient.

Auf der anderen Seite möchte der Werwohlf auch nicht zum provokativen Gebrauch von Ausdrücken auffordern, die andere Menschen treffen. Im Gegenteil – es ist ein Gebot nicht zuletzt der Höflichkeit, anderen Menschen mit dem Respekt zu begegnen, den sie verdienen. Als jemand mit liberalen Einschlägen, der sein Gegenüber sowieso eher nicht als Teil einer Gruppe, sondern als Individuum wahrnimmt, sollte man damit keine Probleme bekommen. Aber es geht um die Fälle, wo einem etwas „rausrutscht“, sei es in Unkenntnis oder aus nicht-provokativer Absicht rein nachlässig.  Kritik ist dann berechtigt, aber wenn sich der Lapsus in „Cancel Culture“ äußert, wird der Bogen überspannt. Dann erweisen sich die Woken als getreue Anhänger der Postmoderne, indem sie den Fall zur Machtfrage erklären und sich nur noch durch den (noch rein symbolischen) Kopf des Sünders besänftigen lassen.

Deswegen verkündet der Werwohlf an dieser Stelle, dass er sich auf keinen Fall das Maul verbieten lassen wird. Als anonymer Werwohlf nicht, und auch nicht als die Person, die er im echten Leben darstellt. Er wird weiter nur da „gendern“, wo es ansonsten Missverständnisse gäbe, und er wird vermutlich weiter Worte benutzen, die bei anderen auf dem Index stehen. Was situationsbedingte Rücksichtnahmen nicht ausschließt – die mittlerweile berühmte „Zigeunersoße“ z.B. steht in der Regel nicht nur für ein ungenießbares Gericht, sondern kann konkreter auch anders bezeichnet werden.

[1] Kleine Reminiszenz an die Quantenmechanik…
[2] Vergleichbares widerfuhr jüngst den Teilnehmern einer Talkshow des WDR. Immerhin wurde noch niemand gefeuert.

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