Entsetzen über ein Phänomen

Bei Trump muss man sich wohl entscheiden. Entweder man hält den Mann für einen Simpel, der nicht mehr ganz Herr seiner Sinne ist, oder für einen genialen Strategen. Wobei letztere Option in einer Verschwörungstheorie mündet.

Es gibt in der Twitter-TL des Werwohlfs einige Accounts, die man mit Fug und Recht als Trump-Anhänger bezeichnen kann. Bei den meisten davon ist das ein anti-linker Reflex, der als solcher beim Werwohlf durchaus Sympathien genießt, aber dennoch sollte man sich vielleicht, wenn man von den einen Deppen schon nicht viel hält, nicht gleich den nächsten an den Hals werfen. Zumal Trump, das muss man ihm zugute halten, selbst wohl kein Ideologe ist. Oder, wenn man es so wenden will: Seine Ideologie besteht in der Anbetung seiner selbst.

Er hat die politische Spaltung Amerikas nicht erfunden, aber erkennbar verschärft – so sehr verschärft, dass diese Welt Zeuge werden musste, wie nach einer Rede von Trump ein Mob von Durchgeknallten, unter ihnen Männer mit abscheulichen Nazi-Slogans auf ihren T-Shirts, das Kapitol stürmen konnte und die Abgeordneten in die Flucht schlug.

Ob seine Behauptung, die Präsidentenwahl sei manipuliert worden, wirklich innerer Überzeugung entspringt oder nur taktische Behauptung ist, lässt sich schwer sagen. Die Beantwortung dieser Frage hängt wohl auch davon ab, wie man die Alternativen im ersten Absatz dieses Beitrags bewertet.

Auf jeden Fall muss man auch die Folgen dieser Behauptung in den Blick nehmen. Dazu gehört nicht nur die Radikalisierung seiner Anhänger und die Manifestierung der politischen Spaltung im Land, sondern ganz simpel auch, dass zwei früher sichere Senatssitze der Republikaner nun an die Demokraten gegangen sind, was aufgrund der Bestimmungen bei Stimmengleichheit im Senat und der dadurch ausschlaggebenden Stimme der künftigen Vizepräsidentin auch demokratische Mehrheiten in dieser Kammer des Kongresses erwarten lässt[1]. Hält man Trump nun für einen genialen Strategen, so muss das selbstverständlich zum Plan gehören: Trump setzt demnach darauf, dass die Demokraten ihre dominierende Stellung erbarmunglos zugunsten einer (für amerikanische Verhältnisse, unsereins ist da schon viel üblere Dinge gewohnt) radikal linken Agenda ausnutzen werden, was ihm wiederum Gelegenheit geben würde, sich mit Hilfe sympathisierender Medien an die Spitze einer Protestbewegung zu setzen und so die Grundlage für eine Wiederwahl in vier Jahren zu schaffen.

Allerdings lassen die Reaktionen von Twitter und Facebook jetzt Zweifel an diesem Plan aufkommen, sollte es ihn je gegeben haben. Ob Trump künftig wirklich Gelegenheit haben wird, diese beiden populären Kanäle für seine Botschaften zu nutzen, ist aus heutiger Sicht eher unwahrscheinlich. Und dass sich Alternativen mit ähnlicher Reichweite bieten werden, auch. Vermutlich wird seine Anhängerschar deswegen an Menge ab- und an Radikalität zunehmen. Entscheidend wird dann sein, wie Demokraten und Republikaner darauf reagieren.

Der Werwohlf erklärt sich hiermit zu einem Verfechter der ersten oben genannten Alternative. Er hielt Trump schon immer für einen narzisstischen Simpel, der nur deswegen Erfolg hatte, weil er entweder für andere Simpel attraktiv erschien oder die Demokraten sich mit ihrem Personal und einigen radikalen Ideen in breiten Schichten unbeliebt machten. Seine fanatische Anhängerschaft, die ihn mit allem, was er anstellte, durchkommen ließ, sowie seine faktische Macht, die er offensichtlich nicht nur in ständigen Veränderungen seines Personals auskostete[2], haben ihn sich selbst für nahezu unfehl- und unbesiegbar erscheinen lassen[3]. Jetzt glaubt er wirklich daran, dass er eine Wahl nie und nimmer verlieren könnte, und dass beim Beweis des Gegenteils zwingend Betrug im Spiel sein muss, und wohl auch, dass sich fast die ganze Politik nun gegen ihn verschworen hat, weil sie eine demokratische Wahl anerkennen will. Der Nachteil dieser Variante ist: Einem solchen Mann ist noch viel mehr zuzutrauen, auch noch viel mehr Irrationales. Was nicht nur bedenklich ist, weil er auf den berühmt-berüchtigten Atomkoffer Zugriff hat. Und wir alle kennen das Patentrezept von Machthabern, um die eigene Position zu sichern. Hollywood hat sogar einen Film darüber gedreht.

Ein Argument sowohl für als auch gegen die Annahme des Werwohlfs ist natürlich das notorische Telefonat mit dem Secretary of State von Georgia, in dem seine Auslassungen von vielen Beobachtern nicht nur als dreister Betrugsversuch (genialer Stratege!), sondern insgesamt auch als reichlich wirr (Simpel!) bewertet wurden. Aber wenn man sich auch die Aussagen einiger ehemaliger Mitarbeiter Trumps vor Augen führt, ergibt sich ein schlüssiges Bild: Amerika hat für vier Jahre sein Schicksal in die Hände eines ebenso machtgierigen wie dummen Narzissten gelegt. Und mehr Amerikaner, als vorher je einen Präsidenten wählten, waren bereit, es wieder zu tun.

Hoffnung macht das nicht.

[1] Obwohl in den letzten Jahren immer mehr entlang von Parteilinien abgestimmt wird, kann man sich gerade bei Senatoren nie sicher sein, dass nicht mindestens einer bei bestimmten Themen doch ausschert.
[2] Hier schien er sich an das Drehbuch seiner erfolgreichen „Apprentice-„Serie zu halten („You are fired!“), 
[3] Deutsche Bundeskanzler pflegen dafür mindestens sieben Jahre zu brauchen, in der Regel so um die 16.

2 Gedanken zu „Entsetzen über ein Phänomen

  1. Martin

    Tja. Aber das eigentliche Problem ist doch, daß Trump, der narzisstische Irre, in seiner Amtszeit wesentlich besser regiert hat, als der Blender vor ihm. Und zwar sowohl für Afroamerikaner als auch für „normale Amerikaner“. Vielleicht sind „die Amis“ mit narzisstischen Blendern letzlich doch besser bedient, als mit eloquenten Ideologen.
    Die Zahl schwarzer Mordopfer ging vom All-Time-High in den letzten beiden Jahren Obamas wenigstens etwas zurück, die unter Obama aufgegangene Wohlstandsschere schloß sich wieder. Der grauenhaft üble Iran Deal wurde rückgängig gemacht usw. etc.
    Es ist schon ein bischen blind, die Zeit der Aufstachelung zum Rassenhaß durch die hanebüchenen Lügen von BLM und der Democrats einfach auszublenden. Hetze und Aufstachelung ging hier zuerst und massiv von der „anderen Seite“ aus. Basierend auf eigentlich ganz einfach widerlegbaren Lügen, wie der das die US-Polizei aus rassistischen Gründen mehr Schwarze töten würde (mal ganz abgesehen von der Identitätspolitik der Jahre vorher). Das Massenmedien in dem Zuge bei weiten Teilen der Bevölkerung durch ihre Einseitigkeit auch den letzten Rest Vertrauen verspielt haben, trägt natürlich auch dazu bei. Wer -ausser dem ideologisch eh schon übereinstimmenden- soll denn z.B. einer durchideologisierten durchgewoketen NYT oder einer Washington Post noch glauben, wenn Sie -auch wenn es zutrifft- Vorwürfe widerlegen? Wie sollte man denn der „guten“ Seite glauben, wenn noch die albernsten Vorwürfe gegen Trump massiv medial breitgetreten werden, recht gut belegte Vorwürfe gegen die andere Seite aber sogar aggressiv zensiert (wie im Fall Hunter Biden’s Laptops)?

    Trump wird sicher nicht noch einmal Präsident werden. Aber relativ wahrscheinlich ist, das die identitätsbesessene „Linke“ Biden und die Democrats vor sich her treibt. Es wird ein noch deutlich übleres „Gesinnungsregime“ aufgebaut, als bisher schon. Die großen „Plattformen“ und Medien sind natürlich voll dabei. Ob es „Reparationen“ in irgendwelcher Form geben wird, kann ich nicht sagen, vermutlich nicht so offen. Afroamerikaner und andere angeblich „benachteiligte“ Gruppen, werden auf Kosten der anderen massiv bevorzugt und mit Posten versorgt. Die Erniedrigungen, Entrechtungen und Demütigungen durch „Bekenntniszwang etc.“ anderer Gruppen nimmt ständig zu.
    Die Lage der „benachteiligten“ Gruppen wird aber nicht besser, sondern -so wie auch die Besetzung von Posten durch Afroamerikaner die Lage der Afroamerikaner nicht verbessert hat- schlechter, da die Probleme ganz anders liegen. Würde dazu Jason Riley’s „False Black Power“ und „Please stop helping us“ empfehlen.
    Ob das Ganze dann am Ende in jemand, der deutlich übler ist als Trump endet, in einer technokratischen Diktatur chinesischen Anstrichs oder sogar in einem Bürgerkrieg und Massenmord, kann ich nicht beurteilen.
    Da ich es aber für absolut unwahrscheinlich halte, das die Democrats tatsächlich die Behebung der Spaltung anstreben -was zuallererst erfordern würde, das sie selbst zugeben, schwere Fehler gemacht zu haben- sehe ich tatsächlich derzeit keine andere, realistisch scheinende Möglichkeit.

    Zum Thema der „rassistischen“ US-Polizei: Der Fall George Floyd wurde zum Anlaß genommen -wieder mal- die Behauptung aufzustellen, die US Polizei würde aus rassistischen Gründen Schwarze töten.
    Für die Beantwortung dieser Frage ist ein Einzelfall natürlich ungeeignet. Wie sieht es also insgesamt aus? 2018 wurden 209 Schwarze und 399 Weiße von der Polizei erschossen. Bezogen auf die jeweiligen Bevölkerungsanteile bedeutet daß, das Schwarze etwa 2.6 mal sooft von der Polizei erschossen wurden, wie Weiße. Nun ist der Bevölkerungsanteil natürlich ein unsinniges Kriterium, schließlich sollen Polizisten nicht nach statistischer Häufigkeit Menschen erschießen. Wir klagen ja auch nicht über Männerdiskriminierung, weil ein Dutzend mal so oft Männer erschossen werden, wie Frauen….
    In einer Gesellschaft mit einer nicht-rassistischen, keine Gruppe diskriminierenden Polizei würde ich erwarten das, egal welche Gruppe betrachtet wird, der Anteil der durch die Polizei Erschossenen dieser Gruppe mit dem Anteil der durch diese Gruppe begangenen Schwerstverbrechen korreliert. Schließlich *sollten* Polizisten nur schießen, um ein solches Schwerstverbrechen, bei akuter eigener Gefahr oder potentiell zukünftige (bei Flucht) zu verhindern. Das Kriterium funktioniert tatsächlich auch hierzulande ganz gut, schaut man sich verschiedene Gruppen, nach Alter, Geschlecht usw. an.
    Und wie sieht es nun aus? Da kann man beispielsweise Tötungsdelikte als Schwerstverbrechen nehmen. Erfreulicherweise gibt es Zahlen, die auch von Democrats verwendet werden/wurden um zu widerlegen das Schwarze signifikant öfter Weiße töten würden als umgekehrt. Tatsächlich finden die meisten Tötungsdelikte -unabhängig von der Ethnie- innerhalb derselben statt. So wurden ca. 84% der Weißen von anderen Weißen und mehr als 90% der Schwarzen von anderen Schwarzen getötet (die Zahlen schwanken je nach Jahr etwas, aber nur um ein paar Prozentpunkte, also hierfür irrelevant).
    Und dann braucht man ja nur noch zu schauen, wieviele Weiße und Schwarze denn Opfer eines Tötungsdelikts wurden. 2018 waren das 6088 Weiße. Bezogen auf den Bevölkerungsanteil sollte man also annehmen, daß ca. 1200 Schwarze Opfer wurden. Es sind aber 7407. Also mehr als das 6-fache, von denen 90% durch andere Schwarze umgebracht wurden.

    Der Sinn der langen Rede: Wenn Polizei 2.6 x sooft Mitglieder einer Gruppe tötet, wie die einer Anderen, Mitglieder dieser Gruppe aber mehr als 6x sooft potentiell gerechtfertigten Anlaß dafür geben, dann werden Mitglieder dieser Gruppe nicht aus diskriminierenden, rassistischen Gründen öfter getötet. Und das ist auch der Grund, warum der Einzelfall George Floyd derart gehyped, ein derartiges Bohei gemacht wurde. Weil die Realität nicht dafür taugt.

    Natürlich werden nicht etwa deswegen -in Bezug auf den Anlaß Schwerstverbrechen- unverhältnismäßig viele Weiße (oder Asiaten) durch die Polizei getötet, weil diese gegenüber Weißen rassistisch wäre. Sondern die Polizei greift bei Schwarzen weniger oft ein, kommt weniger oft, kontrolliert weniger, als sie eigentlich müsste (wird auch zumindest subjektiv bestätigt durch Aussagen das die Polizei eh nicht käme usw. durch Schwarze während der BLM Proteste). Und das liegt zu einem großen Teil eben an denen, die sofort Rassismus schreien, sich über „racial profiling“ beklagen etc. usw. Und hier kommt nun der wirklich perfide Teil: Im Fall Baltimore, nach den Unruhen nach dem Tod Freddie Grays hatte sich recht gut gezeigt, das ein Rückzug der Polizei, das Nachlassen von Kontrollen etc. zu einem massiven Kriminalitätsanstieg führte. Nachlesbar u.a. in einem Interview im Guardian mit einem ehemaligen Reporter der Baltimore Sun. Der Anstieg lag gegenüber dem Vorjahr bei -aus der Erinnerung- bei 67%.
    Die BLM-Quaker, die „Rassismus“ und „Defund the Police“ Kreischer haben so jedes Jahr über 1000, wahrscheinlich weit mehr Afroamerikaner, die Opfer von Gewaltverbrechen werden, auf dem Gewissen. Und das seit Jahrzehnten. Anstatt das Problem zu adressieren, wird es verschlimmert. Egal, wieviele Unschuldige draufgehen, Hauptsache die Ideologie steht.

    Antwort
    1. Werwohlf Autor

      Die Zahl schwarzer Mordopfer ging vom All-Time-High in den letzten beiden Jahren Obamas wenigstens etwas zurück, die unter Obama aufgegangene Wohlstandsschere schloß sich wieder. Der grauenhaft üble Iran Deal wurde rückgängig gemacht usw. etc.

      Die Zahl schwarzer Mordopfer ist bestimmt nichts, was irgendwie mit dem Präsidenten der USA in Verbindung zu bringen wäre. Es sei denn natürlich, er hätte zu ihrer Ermordung aufgerufen. Was er nicht hat.
      Wie fast immer, ist auch hier die Zuschreibung der wirtschaftlichen Entwicklung zu Regierungsperioden nicht so einfach, wie man es gerne hätte (als Fan der Regierung bei guter, als Kritiker bei schlechter Entwicklung):
      https://www.wiwo.de/politik/konjunktur/welt-wirtschaft-die-wirtschaftsbilanz-des-donald-trump/25603736.html
      Dass aber ein Irrer, der mit einer Schrotflinte um sich ballert, auch mal Treffer landet, will ich gar nicht bestreiten. Nur weiß bei ihm niemand, was als Nächstes passieren wird.

      Es ist schon ein bischen blind, die Zeit der Aufstachelung zum Rassenhaß durch die hanebüchenen Lügen von BLM und der Democrats einfach auszublenden. Hetze und Aufstachelung ging hier zuerst und massiv von der „anderen Seite“ aus.

      War dieser Kommentar ursprünglich auf einen anderen Text bezogen? Von Rassenhass war hier jedenfalls nicht die Rede.

      Aber relativ wahrscheinlich ist, das die identitätsbesessene „Linke“ Biden und die Democrats vor sich her treibt.

      Wenn, dann weil Trump ihr das ermöglicht hat. Hätte er sich nur ein wenig mehr wie ein Demokrat (nicht: Democrat) verhalten, wäre mindestens einer der beiden Senatssitze aus Georgia an die Republikaner gegangen und Biden bzw. die Democrats hätten sich für alles Wesentliche mit einem republikanischen Senat einigen müssen. Jetzt bietet sich in der Tat die Chance zum „Durchregieren“. Trump, der Stratege….

      Wie immer, wenn man von Fanboys und -girls mit dem Motto „Wer nicht für mich ist, ist für die da!“ konfrontiert wird, bevorzuge ich die Wahl eines eigenen Standpunktes. Aus meiner Sicht sind weitere vier Jahre mit einem unberechenbaren Narzissten mit autokratischen Gelüsten am Atomkoffer deutlich inakzeptabler als mögliche zwei Jahre Linkswende, die, wenn sie den Menschen in den USA nicht gefallen sollte, in den Mid-Term-Elections korrigiert werden könnte. Aber auch das hängt eben davon ab, was Trump und die Republikaner so zu treiben gedenken.

      Antwort

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