Light schmeckt nie

Jetzt ist er also da: der „Lockdown“. Diesmal die kalorienarme „Light“-Variante. Die Kanzlerin nennt ihn „geeignet, erforderlich und verhältnismäßig“. Wenn wir da mal in der Mitte anfangen wollen: Ja, es ist höchste Zeit, dass etwas passiert. Offensichtlich haben die seit dem Sommer geltenden Schutzmaßnahmen nicht ausgereicht, um erst die Infektionszahlen und dann, mit etwas zeitlicher Verzögerung, auch die Zahl der schwer Kranken exponentiell zu treiben.

Das erinnert den Werwohlf natürlich an viele Diskussionen, die er Wochen vorher im Netz führte, und bei denen er z.T. auf Kontrahenten stieß, denen jedes Argument recht war, um zu dem Schluss kommen zu dürfen, dass kein Grund zum Handeln bestehe. Nacheinander wurden erst die Prognosen über die Zahl der Infizierten, dann der Erkrankten, dann der schwer Erkrankten und dann der Toten für übertrieben erklärt, je nachdem, welche argumentative Bastion gerade gefallen war. Die letzte besteht jetzt darin zu behaupten, dass alle Gegenmaßnahmen nichts bewirkten bzw. in Summe schädlicher (tödlicher) seien, als wenn man die Seuche laufen ließe. Nun – wenn man sich die kursierenden Faktoren hinsichtlich schwerer Verläufe und Todesfälle anschaut und diese auf die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland anwendet, dann wird man zu Zahlen kommen, bei denen sich der Werwohlf die Frage stellt, wie dieses Land das aushalten können soll. Und darin wäre dann die Dunkelziffer der Menschen mit großen Folgeschäden noch nicht einmal mit enthalten. Auf die berühmt-berüchtigte Herdenimmunität abzuzielen, ist schlicht „ethisch nicht vertretbar“, wie auch der gern herangezogene angebliche Leumundszeuge der „Laissez faire“-Fraktion findet.

Dass „auf die Bremse getreten“ wird, ist also nötig, wenn man das Mindestziel, nämlich eine Triage in deutschen Kliniken zu vermeiden, einhalten will. Aber sind die Maßnahmen, die ab dem 2. November gelten sollen, auch tatsächlich geeignet?

Der Werwohlf ist zwar kein Experte auf dem Gebiet, aber um die Grundlogik der Pandemie kommt man nicht herum: Wer sich nicht begegnet, kann sich nicht anstecken[1]. Es muss also darum gehen, Begegnungen von Menschen weitgehend zu verhindern. Das tut dieser „Lockdown light“ nicht, oder jedenfalls nur mit zwei bis drei Riesenlücken[2]. Denn wo begegnen sich Menschen in diesem Land am meisten? Am Arbeitsplatz, in der Schule, im öffentlichen Nahverkehr. Nicht etwa im Tätowierstudio oder in der Massagepraxis. Aber gerade diese Orte menschlicher Tuchfühlung sollen explizit unberührt bleiben[3]. Und wer genau hinhört, erfährt dies auch aus dem Mund der Politiker. Gerade weil man diese drei Bereiche nicht anpacken will, will man sozusagen „den Rest“ komplett dichtmachen. Mehr hat man einfach nicht. So unbefriedigend diese Erkenntnis ist, sie zerstört aber auch den beliebten Vorwurf, der Staat versuche hier, jedes einzelne Menschenleben zu retten, und das auf Kosten des Wohlergehens vieler anderer und entgegen seiner sonstigen Vorgehensweise. Eben das tut er offensichtlich nicht, wenn er die wahrscheinlichsten Ansteckungsherde nicht angeht.

Dass es beim „Lockdown light“ dann auch wieder zu schwer erklärbaren Ausnahmen kommt – nun ja, ein Skorpion ist ein Skorpion, und ein Politiker ein Politiker. Der eine muss stechen, der andere nach eigenem Gusto regulieren.

Aber selbst ohne diese Ausnahmen darf man das „geeignet“ hier bezweifeln. Im Wohnort des Werwohlfs gibt es Gastwirte, die sich bei Hygienekonzepten außergewöhnlich viel Mühe gemacht haben, bis hin zum Einbau moderner Lüftungsanlagen. Sich in deren Räumen anzustecken, dürfte um einiges schwieriger sein als in vielen Büros, von heruntergekommenen Klassenzimmern ganz zu schweigen. Dass diese jetzt schließen müssen, ist also alles andere als „erforderlich“. Aber der Grund dafür dürfte in einem anderen Problem zu suchen sein: Die Politik kann zwar für viele Gesetze und Verordnungen sorgen, aber sie kann sie nicht im erforderlichen Maß durchsetzen. Eine komplette Schließung ist viel einfacher zu kontrollieren als die Einhaltung von Konzepten. Die ohnehin gerade in den Großstädten überlastete Polizei ist mit der Aufgabe, die Einhaltung der bisher geltenden Regeln wirksam zu überwachen, überfordert. Für das erforderliches Personal kann weder bei den Überwachungsorganen noch z.B. in den Gesundheitsämtern, und letztlich auch nicht in den Krankenhäusern gesorgt werden. Nicht (nur), weil der Staat zu knauserig wäre, sondern weil es dieses Personal in dem vergreisenden Land einfach nicht in der nötigen Menge gibt. Leider aber ist es auch eine Tatsache, dass sich viele Menschen um die Auflagen nicht geschert haben und damit für die Anfänge dieser „2. Welle“ verantwortlich sind – der verantwortungsvolle Gastwirt am Wohnort der Werwohlfs büßt jetzt somit für das sorglose „Partyvolk“.

Auch die vier Wochen sind einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Reichen sie aus? Man will ja quasi zur Halbzeit den Erfolg kontrollieren – aber auch das ist fragwürdig, wenn man an die Verzögerungen denkt, die zwischen einer Infektion, der Meldung an das RKI und dann später der Registrierung als Kranker auf der Intensivstation oder Beatmeter eintreten. In zwei Wochen wird man frühestens die Anfänge der Wirkung erkennen, wenn es denn eine geben wird. Bis dahin aber werden die Zahlen erstmal weiter schnell steigen. Man muss kein Prophet sein, um zu prognostizieren, dass die Ministerpräsidenten und die Kanzlerin Mitte November mit todernsten Gesichtern vor die Kameras treten werden, um dann mit Grabesstimme eine Verlängerung um weitere Wochen zu beschließen.

Dann muss die Frage erlaubt sein: Was soll nach dem „Lockdown“ kommen, selbst wenn er wirken sollte? Geht es dann wieder von vorne los? Denn an der Ausgangslage hat sich dann nur wenig verändert. Man setzt die Figuren nur um ein paar Felder wieder zurück, aber die Dynamik bleibt. Weder hat sich die Einstellung der Partywütigen verändert, noch haben es die Rahmenbedingungen in den Räumen, die angesichts des Winters verstärkt aufgesucht werden. Bayern Ministerpräsident erwähnte die Hoffnung auf einen Impfstoff. Aber kaum jemand rechnet damit, dass dieser schon im Winter so zur Verfügung stehen wird, dass er eine große Wirkung in der Bevölkerung entfalten könnte.

Kommen wir nun zum wirklichen Problem: Wie sehen die Alternativen aus? Wenn Herdenimmunität eine ethisch unverantwortliche Fata Morgana bleibt? Wenn man die schweren Folgen von Schul- und Betriebsschließungen nicht haben will? Wenn man die übrigen Bereiche mangels Überwachungsmöglichkeiten nicht differenziert behandeln kann?

Es gibt Leute, die nach wie vor auf die Corona-App setzen. Aber die wurde zu Gunsten des Datenschutzes zum zahnlosen Tiger gemacht. Auf den Grabsteinen vieler Bürger könnte da jetzt auch stehen: „Aber seine Daten blieben sicher!“ Es ist zwar etwas erstaunlich, dass wir damit jetzt sogar ein oberstes Grundrecht haben, das über alle anderen Artikel des Grundgesetzes dominiert, die wegen der Pandemie jetzt beschränkt werden, aber eine Änderung zeichnet sich nicht ab.

Auch der vielzitierte „Schutz der Risikogruppen“ dürfte als Schlagwort mehr taugen denn als durchsetzbare Maßnahme. Wissen diejenigen, die es im Munde führen, eigentlich, von wie vielen Menschen da geredet werden müsste? Es geht ja keinesfalls nur um die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, und selbst da gelingt es eben nicht, das Virus draußen zu halten. Oder vielleicht nur unter Inkaufnahme anderer Tragödien. Leider nehmen die Folgeschäden offenbar auch keine Rücksicht auf die Nichtzugehörigkeit zu einer Risikogruppe.

Wie man es auch dreht und wendet: Das Land bewegt sich zwischen Skylla und Charybdis. Das erlösende Rezept existiert nicht. Also werden es weiter schwere Zeiten werden, existenzbedrohende gar für Berufe, die auf Begegnungen von Menschen angewiesen sind, egal, ob diese Begegnungen durch Politik untersagt werden oder einfach aus Angst vor Ansteckung nicht mehr stattfinden.

Der Werwohlf ist zuversichtlich, dass es einen Impfstoff und Medikamente gegen COVID-19 geben wird. Aber das wird wohl dauern. Zu lange für viele von uns.

[1] Man muss hier wohl auch „zeitversetzte Begegnungen“ mit einbeziehen. Eine infektiöse Person hält sich lange im Raum auf, verlässt ihn dann wieder, eine weitere Person kommt hinzu und atmet die Aerosole ein.
[2] „Zwei bis drei“ – weil der ÖPNV sozusagen eine abgeleitete Gefahr von Arbeit und Schule ist.
[3] Unterstützend: Der Werwohlf kann den Verlauf der Infektionen in seinem Landkreis verfolgen. Charakteristisch ist die flächendeckende Ausbreitung in der jüngeren Zeit, und die kann nur darauf zurückzuführen sein, dass von zentralen Ansteckungsherden ausgehend das Virus im Kreis verbreitet wird (und dann in der Folge natürlich lokal). Auch das verweist auf die genannten Ausgangspunkte.

Ein Gedanke zu „Light schmeckt nie

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