Was zur Vereinigung

Jetzt sind es 30 Jahre geworden. Was eine lange Zeit für ein vereinigtes Deutschland ist, schließlich hat es vorher insgesamt auch gerade mal nur 78 Jahre überdauert, mit zwei Kriegen dazwischen und einigem Gebiets-Hin-und-Her. Wobei eigentlich schon nach 73 Jahren die Teilung durch die Besatzungszonen schon vorgezeichnet war. Die Teilung kann stolze 41 Jahre für sich verbuchen.

Was man zu seinen Gunsten sagen kann, ist, dass das neue vereinte Deutschland keine Gebietsansprüche mehr hat, wegen denen sich Nachbarn fürchten müssten. Das gilt eigentlich spätestens nach den 2+4-Verträgen. Das mag sich für Menschen unter 31 Jahren heute seltsam anhören, aber der Werwohlf als Kind des Westens kann sich noch gut daran erinnern, dass viele westdeutsche Vertriebenen–Verbände bis dahin noch die Hoffnung hatten, dass die Gebiete östlich von Oder und Neiße wieder zu Deutschland gehören könnten, und die Bezeichnung der DDR als „Mitteldeutschland“ (denn „Ostdeutschland“ läge eben noch weiter östlich) war in konservativen Kreisen der Bundesrepublik auch durchaus üblich.

Die Nachbarn fanden lange Zeit auch die Rolle Deutschlands als reuiger Sünder ideal. Deutscher Pazifismus war im Westen gern gesehen, bis es zum Korea-Krieg kam. Dumm nur, dass die Erziehung von damals heute noch nachhält – 2% anyone? Und Politik nicht mehr als Vertretung nationaler Interessen zu verstehen, sondern als höhere Aufgabe Europas, wenn nicht gar der Weltgemeinschaft, wurde ebenfalls gern genommen – bis die moralischen Ansprüche des kontinentalen Störenfrieds sich negativ auf die Nachbarn auszuwirken begannen. Man behalf sich damit, die Flüchtlingspolitik Merkels so lauthals zu loben, dass keiner auf die Idee käme, man hätte sich daran irgendwie beteiligen müssen.

Inzwischen dürfte, von den üblichen Verdächtigen abgesehen, im benachbarten Ausland der Wunsch vorherrschen, die Deutschen könnten zu sowas wie europäischer Normalität zurückfinden. Okay, im Zweifel etwas mehr zahlen als die anderen, diesen Spleen dürften sie schon behalten, aber sonst? Der übersteigerte Nationalismus der Kaiserzeit, von der Nazi-Zeit ganz zu schweigen, der dürfte es natürlich keinesfalls sein, aber es würde ja schon reichen, wenn an die Existenz eigener Grenzen akzeptieren könnte. Und nicht ständig im Stile eines Oberlehrers (oder gar Möchtegern-Herrschers?) andere Länder belehren müsste, wie sie sich zu verhalten hätten.

Dass dies gerade in Polen und Ungarn unangenehm aufstoßen muss, ist für den Werwohlf offensichtlich. Mal ganz abgesehen von den wirklich unangenehmen Bestrebungen der dortigen Regierungen, ihrer Opposition das Leben so schwer wie möglich zu machen, gerne auch mittels manchmal mehr und manchmal weniger verschleierter Abschaffung demokratischer Rechte. Aber niemand in Deutschland sollte die Rolle der Polen und der Ungarn auf dem Weg zu deutschen Einheit vergessen, denn letztere war natürlich nur möglich im Zusammenhang mit der Befreiung auch der anderen mittel- und osteuropäischen Länder von sowjetischer (russischer) Vorherrschaft. Als sich in Deutschland die progressiven Kräfte an der Teilung geradezu erfreuen zu schienen (man denke nur an die Grasssche Konnotation von einem vereinigten Deutschland mit Auschwitz), waren es zunächst die Polen, die, gestärkt von einem Papst aus ihrem Land, gegen die Vorherrschaft der kommunistischen Partei und damit der UdSSR aufzubegehren begannen. Und trotz aller Rückschläge hatten sie am Ende Erfolg. Das Regime musste nachgeben und die Macht teilen. In der DDR blieb es weitgehend ruhig. Aber Polen wurde zum Zeichen, dass da etwas geht.

Dann erkannte zunächst die lustigste  Baracke des Ostblocks, wie Ungarn wegen der diesem Land oft gewährten Freiheiten[1] gerne genannt wurde, dass das eigene Geschäftsmodell gescheitert war, und suchte sein Heil mehr und mehr im Westen. Der Höhepunkt bestand in der faktischen Weigerung, DDR-Bürger an der Ausreise nach Österreich zu hindern. Und genau ab dann begann der Zusammenbruch der DDR. Es bedurfte nur einer undichten Stelle, und die gab es jetzt. Später kam mit der damaligen CSSR noch eine weitere hinzu. Damit war das Ende des Staates, der eigentlich erst am 13. August 1961 begann, praktisch besiegelt. Die inländische Opposition bekam mit dem Verweis auf diese undichte Stelle zusätzliche Macht als Kraft, die eben nicht „abhauen“, sondern im Land Veränderungen mitgestalten wollte. Und aus dem Veränderungswillen wurde dann mehr und mehr ein Vereinigungswille.

Sicher war der mit vielen Illusionen verbunden, und die übelste darunter, die Übernahme der D-Mark als Zahlungsmittel, wurde dann zum Grund für eine viel zu hohe Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern[2], aber der damit eingeleitete Prozess erwies sich im Nachhinein als weise auch aus Sicht der Kräfte, die vor allem eine reformierte DDR wollten, denn spätestens mit dem Putsch gegen Gorbatschow musste jedem klar werden, dass eine weiter selbständige DDR einer ungewissen Zukunft entgegengesehen hätte, sowohl wirtschaftlich als auch vor allem in Sachen Freiheit und Bürgerrechte.

Und wenn man das Schicksal der Ex-DDR mit dem ihrer ehemaligen Bruderländer aus Ungarn und Polen vergleicht, dann wäre auch für den ach so benachteiligten und über den Tisch gezogenen Ostalgiker ein wenig Demut angebracht – und Dankbarkeit gegenüber jenen, die ihm den Zugang zu westdeutschen Renten und Sozialsystemen erst ermöglichten, während sie selbst sich nicht in derart gemachte Nester setzen konnten.

Als egoistischer Wessi gibt es für den Werwohlf nur wenig Gründe, den 3. Oktober zu bejubeln. Er ist keiner, der sich an patriotischem Taumel erfreuen kann. Gut, es gab da noch diesen Feind, wegen dem man ein paar Monate zur Bundeswehr musste[3] und die etwas abstrakte atomare Bedrohung, aber sonst lebte es sich verdammt gut westlich der Mauer.

Aber der Werwohlf ist vielleicht ein Wessi, wie er im Buche steht[4], aber er ist überraschenderweise nicht egoistisch. Oder vielleicht schon irgendwie, aber nicht auf so eine platte Art und Weise. Als Niedersachse, der nicht allzu weit von der innerdeutschen Grenze entfernt wohnte, konnte er als Jugendlicher und junger Erwachsener DDR-Fernsehen schauen. Gerade das Bemühen der Machthaber, ihren Staat im besten Licht erscheinen zu lassen, wurde da zum Offenbarungseid. Und die wenigen Besuche „drüben“ aus verschiedenen Anlässen brachten ihn in Kontakt zu Menschen, die ihre eigene Lage völlig illusionslos sahen, aber auf verschiedene Art und Weise ihrem Drang zur Freiheit Ausdruck verliehen, sei es z.B. durch Kleidung, die Verweigerung bestimmter Rituale oder offene Opposition im Kreise vieler.

Nicht, um Deutschland größer zu machen, war diese Einheit notwendig, sondern um den Menschen, die im historischen Vergleich die A-Karte gezogen hatten, eine neue Chance zu geben.  Und um vor allem auch ihre Nachkommen nicht mehr mit dem anderen Besatzungsschicksal zu belasten. Natürlich kann man sich am Reißbrett ideale Staaten und Systeme erstellen, aber welche dann wirklich funktionieren, ist eine andere Sache, und das mit den Reißbrettern geht auch meisten nicht gut aus. Die westlichen Alliierten haben wohl damals einen recht guten Job gemacht, und dem Land standen auch genug hervorragende Persönlichkeiten zur Verfügung, um aus der Bundesrepublik Deutschland den freiheitlichsten und reichsten Staat der deutschen Geschichte zu machen. Da versucht man nichts Neues, da tritt man einfach bei. Was nicht heißt, dass im Nachhinein keine Veränderungen erforderlich wären. Das waren sie und das werden sie auch immer wieder sein – es ist ja gerade ein Vorzug einer demokratisch organisierten Gesellschaft, dass sie diese Prozesse zulässt und moderieren kann.

Der Werwohlf hat seitdem viele interessante Menschen aus der ehemaligen DDR kennen gelernt, bei denen er vor allem eins beobachten konnte: eine Unabhängigkeit im Denken. Das Verlangen, vorgegebenen Klischees und Parolen nachzubeten, war bei diesen Menschen äußerst gering ausgeprägt. Vielmehr hatten sie ihren eigenen Kopf und keine Scheu, Altbekanntes in Frage zu stellen. Der Werwohlf fand das immer erfrischend und intellektuell anregend – und tatsächlich kennt er auch keinen „Ossi“, mit dem er nicht ausnehmend gut zurecht käme, was sich von vielen Wessis nicht behaupten ließe. Allerdings, und das ist vielleicht eine maßgebliche Einschränkung, kennt er diese Menschen vor allem aus Begegnungen in Westdeutschland oder in Berlin, wo die Grenze so scharf nicht zu ziehen ist. Sie alle haben gemein, dass sie sich problemlos in der Marktwirtschaft zurecht fanden und dort zu begehrten Mitarbeitern wurden. Aber sie blieben dennoch „Ossis“ – eben weil sie nicht so vorhersehbar denken und handeln wie der Werwohlf es von seinen Co-Wessis meist gewohnt ist[5],

Aber diese Menschen haben auch etwas anderes gemeinsam: Es sind keine Ostalgiker. Selbstverständlich finden sie auch Kritikpunkte im vereinigten Deutschland, aber es sind nicht die, die gerne in den Medien transportiert werden, weil alte SEDler wie Genosse Gysi stets bereit sind, sie zum Besten zu geben. Ihrer alten DDR weinen diese Menschen keine Träne nach. Sie haben die angeblichen „Errungenschaften“ meist als Versuche des Systems begriffen, irgendwie über die Runden zu kommen. So war z.B. die angebliche bessere Stellung der Frau vor allem dem Bedarf an Arbeitskräften in einem unproduktiven Wirtschaftssystem geschuldet, und der so hoch gelobte Zusammenhalt der DDR-Bürger entpuppte sich als Solidarität des Schützengrabens, wo man im Angesicht des gemeinsamen Elends alles miteinander zu teilen bereit ist – nicht zuletzt in der Hoffnung auf Reziprozität. Beides schafft ein Markt effizienter, aber natürlich nur entlang der vorgegebenen Rollenverständnisse.

Eine Variante dieses Strebens nach Unabhängigkeit von vorgelebten Schemata ist die Bereitschaft im Osten des Landes, Parteien wie der Ex-SED oder der AfD ihre Stimme zu geben. Während ein Wessi wie der Werwohlf voller Dankbarkeit sehr viel Geduld mit dem System hat, auch wenn er darin viele Fehlentwicklungen erkennt, haben Ossis anscheinend weniger Skrupel, das Kind gleich mit dem Bade auszuschütten. Das mag bei Menschen, die einen Systemsturz gerade erlebt hatten, vielleicht eine ganz verständliche Reaktion sein, klug erscheint sie dem Werwohlf aber nicht. Auch das vereinigte Deutschland ist noch offen genug, Widerspruch produktiv zu verarbeiten und Veränderungen anzunehmen. Aber zugegeben: Es ist schwieriger geworden. Auch, weil es im (weltweit so definierbaren) Westen allgemein schwieriger geworden zu sein scheint.

Es gibt ein vereintes Deutschland, warum nicht auch eine vereinte Kritik. Aber auch für die gilt: Die künftige Herausforderung liegt nicht in der Vergangenheitsbewältigung, wie man uns auch heute noch glauben lassen möchte. Sie liegt vielmehr darin, sich nicht von extremistischen Verführern blenden zu lassen, wenn man einfach sein Bürgerrecht wahrzunehmen gedenkt. Hart in der Sache, gemäßigt in der Art und Weise. Man wird auf Widerstand stoßen, aber man wird auch Unterstützer finden. Die Welt des Internets offeriert da viele Möglichkeiten an den herkömmlichen „Gate Keepern“ vorbei. Aber man muss immer noch überzeugen können, und wenn die Mehrheit etwas ganz anderes will als man selbst, dann ist das eben die Normalität in der Demokratie.

Auch wenn man selbst die originelleren Gedanken zu haben meint.

 

[1] Insofern lohnte sich die 1956 bewiesene Aufmüpfigkeit. Und dann noch diese komische Sprache – denen konnte man nicht trauen…
[2] Dass bei Treuhand auch viel Mist gemacht wurde, gehört dazu.
[3] Oder verweigern durfte, was immer leichter wurde. Der Ersatzdienst fiel dann extrem unterschiedlich aus. In der DDR ging das nicht, nur mal so nebenbei…
[4] Das betrifft vor allem seine angenehme Erinnerung an den politischen Streit, der in den 70ern und 80ern noch ohne moralische Verurteilung möglich war.

[5] Mit sehr, sehr vielen Ausnahmen auf beiden Seiten. Es geht hier darum, vor allem die auftretenden Unterschiede zu betonen, und die gab es.

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