Was zu Merz

Wahrscheinlich liegt es an Twitter. Aber wie ekelhaft das geworden ist, was man früher als „politische Diskussion“ bezeichnete, ließ sich jetzt am „Blitz“ gegen Friedrich Merz nachvollziehen.

Merz wurde in einem Interview gefragt, ob er Vorbehalte gegen einen schwulen Bundeskanzler habe. Schon diese Frage verrät ja viel über das Bild, das der Interviewer vom Befragten hat. Und Merz antwortete zunächst: „Nein.“

Halten wir mal fest: Die Antwort war schlicht „Nein“. Nicht „Nein, es sei denn…“ oder „Nein, unter der Voraussetzung, dass…“. Einfach nur „Nein“.

Doch danach redete Merz weiter: „Die sexuelle Orientierung geht die Öffentlichkeit nichts an. Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft – an der Stelle ist für mich allerdings eine absolute Grenze erreicht – ist das kein Thema für die öffentliche Diskussion.“

Nun gibt es Leute, sowohl bei Twitter als auch unter Journalisten, die Herrn Merz nicht besonders wohlgesonnen sind, um es vorsichtig auszudrücken. Diese wollen die Erwähnung von „im Rahmen der Gesetze“ und von „solange es nicht Kinder betrifft“ sozusagen über das vorherige klare „Nein“ hinweg wieder auf den „schwulen Bundeskanzler“ beziehen. Daraus speist sich dann die stante pede einsetzende Empörung, Merz bringe Homosexualität unmittelbar mit Gesetzeswidrigkeit und Pädophilie in Verbindung.

Spricht etwas dafür? Nun, das klare „Nein“ eher weniger. Wenn man nicht gerade so böswillig wie möglich interpretieren möchte, müsste man auch konstatieren, dass Merz mit der Angabe von „die sexuelle Orientierung“ ein weites Feld eröffnet hat, das nur auf Homosexualität zu begrenzen alles andere als unmittelbar logisch folgerichtig ist. Von der Nennung dieses Begriffs an geht es im Grunde um alle möglichen Vorlieben und Orientierungen, und Merz möchte hier offensichtlich klar stellen, dass es sinnlos wäre, ihn jetzt noch zu weiteren Ausprägungen davon zu befragen, indem er ein generelles Statement formuliert. Danach ginge es die Öffentlichkeit nichts an. Ist die Erwähnung von „im Rahmen der Gesetze“ und „solange es nicht Kinder betrifft“ hier verwerflich? Doch wohl eher nicht. Denken wir nur an die Missbrauchskandale der römisch-katholischen Kirche – gehen die eine Öffentlichkeit etwa nichts an?

Hätte Merz diese Einschränkung nicht gemacht, der Werwohlf wäre sich so gut wie sicher, die Empörten von eben würden ihm, dem Katholiken, genau das um die Ohren hauen – er wolle wohl diese Skandale vertuschen!

Nach Meinung des Werwohlfs ist die obige Interpretation der Merzschen Aussagen die sprachlogisch einzig vernünftige. Aber selbst, wenn sie es nicht wäre, so müsste sie doch mindestens als diejenige gelten können, die als wohlwollende sich aufdrängt.

Dass die Gegner von Herrn Merz versuchen, aus einer böswilligen Interpretation Kapital zu schlagen, ist verständlich. Einige fordern sogar, er solle sich für etwas entschuldigen, das er bei wohlmeinender Interpretation, und das ist aus Sicht des Werwohlfs die für Entschuldigungsforderungen maßgebliche, gar nicht gesagt hat. Interessant sind auch die Reaktionen einiger Partei“freunde“, die sich beeilen, der bekannten Steigerung „Feind – Todfeind – Parteifreund“ neue Beispiele hinzuzufügen. Ignorieren wir hier mal einige im wirklichen Leben völlig unmaßgebliche Twitterer, die ihre Bekanntheit vor allem dem Zusammentreffen von (angeblicher) CDU-Mitgliedschaft und Feindschaft gegenüber Konservativen verdanken, aber auch „Parteifreund“ Jens Spahn, der im Duo mit Armin Laschet gegen Herrn Merz im Wettbewerb um den CDU-Parteivorsitz antritt, macht sich offensichtlich die böswillige Interpretation zu eigen. Man müsste ihn fragen, warum.

Aber vielleicht hat er auch nur die Zeitungdas Blatt mit den großen Buchstaben gelesen. Die hält bekanntlich nicht viel von genauem Zitieren, und so unterschlägt sie mal eben das nicht gänzlich unwichtige Wörtchen „Nein“, das als direkte Antwort fiel:

Das war passiert: Auf die Frage von BILD-Moderator Kai Weise, ob er denn Vorbehalte hätte, wenn heute ein Schwuler Bundeskanzler werden würde, hatte Merz am Sonntagabend geantwortet:

„Die sexuelle Orientierung geht die Öffentlichkeit nichts an. Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft – an der Stelle ist für mich allerdings eine absolute Grenze erreicht – ist das kein Thema für die öffentliche Diskussion.“

Manipulation übelster Sorte. Aber jeder muss eben wissen, mit wem er sich gemein macht, oder?

Nachtrag, 21.09.2020, 22:30 Uhr

Auf „The European“ ist das Interview ausführlicher erwähnt, und die dem Werwohlf vorher nicht bekannten Teile untermauern seine Ansicht noch. Der von der Merzschen Antwort offensichtlich etwas enttäuschte Journalist fragte nämlich nochmal nach:

Weise: „Aber schwuler Bundeskanzler? Kein Tabu?“ – Merz: „Überhaupt kein Thema für mich.“

„Nein“ und „überhaupt kein Thema“ – man muss schon gewaltige Klimmzüge der böswilligen Voreingenommenheit veranstalten, um daraus den oben genannten Vorwurf zu basteln.

11 Gedanken zu „Was zu Merz

  1. Pressepfarrerin

    Ach, Merz. Das Problem ist, dass er mit seinem Wording so sehr im 19. Jh. stehen geblieben ist. Wie vorhin schon getwittert und repliet kann er sich allen ab Jahrgang 1980 kaum mehr verständlich machen. Da fehlen einfach ein paar Umdrehungen im Diskurs, dahingestellt wohin sie ihn geführt hätten. Was durchaus schade ist, aber es hilft ja nichts, wenn man nicht andocken kann.

    Antwort
      1. Pressepfarrerin

        Immer mal wieder bin ich zu meinem Kommentar zurückgekehrt, weil er „merkwürdig“ aussah. Jetzt weiß ich endlich warum: Merz ist mit seinem Wording nicht im 19. Jh., sondern im 20. Jh. stehengeblieben, also da wo die Karosakkos mit Strickkrawatte herkommen. Und dann stimmt auch der Rest vom Text, weiterhin bedauerlicherweise.

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          1. Pressepfarrerin

            Es geht mir auch nicht um Sie. Es geht darum, dass Merz ehrlich gesagt hat, dass er nichts gegen Homoehen hat und ungefragt, aber grundsätzlich ergänzte, dass seine Grenze bei sex. Gewalt gegen Kinder liegt. Ich glaube wirklich, dass er das mit besten Absichten und ohne Hintergedanken geäußert hat. Nur, der Stand der Diskussion ist an solchen Generalisierungen schon lange vorbeigegangen.

            Ich darf das an einem anderen Beispiel verdeutlichen: Irgendwann im Jahr 2000 + x verkündete mein Vater meiner Mutter (beide nunmehr selig), die er nach ihrer Zwangskonversion 1969 heiratete, dass er noch einmal nachgedacht hätte und jetzt gegen konfessionsverschiedene Ehen nichts mehr einzuwenden hätte. Dass die Familie im Jahr 2000 + x darauf mit Kopfschütteln und Erheiterung reagierte, konnte er nicht verstehen.

            So sehe ich es mit Merz. Alles anständig und aller Ehren Wert, ich schätze ihn auch, aber er wirkt nicht nur bei diesem Thema häufig wie aus der Zeit gefallen. Und damit wird er eben nicht Kanzler oder Parteivorsitzender und deswegen wird er auch öfter missverstanden, als es bei einem Politiker seines Formats sonst üblich wäre. Zumal sich die Generationen nach uns seine Gedankenwege nicht mehr herleiten können. Denken Sie an den Bildvolontär (19), der sich kürzlich bei der Demo fragte, wer dieser „Harry Krishna“ sei. Diesen Mechanismus meine ich.

            Antwort
            1. Werwohlf Autor

              Ich könnte Ihren Aussagen vielleicht zustimmen, wenn ich denn die Reaktion auf Merz wirklich als spontane Reaktionen von Leuten verstehen würde, die mehr „auf dem Stand der Diskussion“ sind. Das fällt mir aber schwer, denn die ersten Reaktionen kamen von politischen Aktivisten, die Merz nicht gerade freundlich gesonnen sind, und die ein bewusstes „Framing“ betrieben haben, in böswilliger Absicht. Und von den Hyper-Woken, die als virtue signalling alle Aussagen darauf abklopfen, ob man ihren Urhebern daraus nicht irgendwie doch ein schweres Gedankenverbrechen andichten kann. In der Öffentlichkeit kam der Inhalt des Interviews dann nur noch durch diesen Filter an.

              Wie gesagt: Ich verweise da nur auf den Missbrauchsskandal vor allem in der katholischen Kirche. Der ist in den Medien ständig präsent, und es ist anzunehmen, dass er auch den Katholiken Merz betroffen gemacht hat. Und an diese finstere Geschichte da auch irgendwo aus NRW, wo viele Kinder misshandelt wurden. Merz ist aus NRW. Der Bezug zu einer Sexualität, die vor Kindern nicht halt macht, ist also nicht irgendeine Sache von früher, sondern hochaktuell.

              Aber vielleicht dachte er auch die Grünen, von denen einige Pädophilie gerne straffrei gesehen hätten…

  2. Dr. Caligari

    Ich habe wohl nicht die richtigen Gene, aber mir fehlt für 99% der Empörung einfach das Verständnis.

    Es würde auch reichen, wenn ein Staatsmann oder ein Unternehmer einfach einen *** auf dden Shitstorm gibt. Das wäre ein Wellenbrecher, denn mehr Sanktionsmöglichkeiten haben diese Leute nicht.

    Dass Merz unbeliebt ist, versteht sich von selbst. Er ist gemäßigt Konservativer ist der letzte halbwegs legitime, „rechte“ Politiker. Sonst haben wir in Deutschland nur noch Gender-Aktivisten, Sozialisten, Realo-Linke usw., aber keine wählbaren Rechten mehr.
    Hier soll jemand zerstört werden, um eine politische Haltung zum Schweigen zu bringen… Es wird gelingen.

    Antwort
  3. n_s_n

    Als Felix Serrao in der NZZ in voller Kenntnis des Interviews, inklusive der Nachfrage an Merz durch den Interviewer, zu dem Urteil kam, Merz werde völlig zurecht kritisiert, lies mich das ratlos zurück. Was ich von Serrao bisher gelesen habe, erschien mir meist sachlich. Dieses Urteil über Merz ist es meines Erachtens – nach Sichtung – der Details nicht. Nicht annähernd.

    Das wesentliche Detail ist dabei in meinen Augen das, was du erst im Nachtrag erwähnst. Dass nämlich die in Rede stehende Äusserung von Merz erst auf eine Nachfrage hin enstand. Diese lautetete, wenn ich richtig erinnere, ob Merz einen homosexuellen Bundeskanzler wirklich „normal“ fände (was immer das heissen soll). Diese Nachfrage kann wohlwollend nur als Bitte um Erläuterung verstanden werden. Dieser Bitte kam Merz eindeutig nach und hat daher in einem weiteren Sinne als nur die Ursprungsfrage zu beantworten, seinen Standpunkt erläutert. Sachlich völiig korrekt und in Anbetracht der politischen Diskusssionen der letzten Jahre auch mit völlig nachvollziehbarer Bezugnahme auf die Grenzen bei Illegalität. Damit ist der harte Bezug seiner weiterführenden Antwort auf die Ursprungsfrage in besten Fall sprachlogisch fehlerhaft. Im schlimmeren Falle böswellig.

    Die Nachfrage des Interviewers kann man natürlich nicht nur wohlwohllend, sondern auch böswillig verstehen, nämlich als Versuch Merz zu entlarven – um eine Modewort derer, die nur das Gute wollen, zu verwenden -. Dann wäre die richtige Antwort seitens Merz gewesen: „Was genau an „Nein“ haben Sie nicht verstanden?“ – In meinen Augen hätte er das auf die Nachfrage antworten sollen.

    Das Merz den Interviewer wohlwollend und damit höflich interpretierte spricht für ihn. Über das was daraus gemacht wurde darf sich jeder sein Urteil bilden.

    Die Notwendigkeit des Aufrufs von Gunnar Kaiser und Milosz Matuschek für freie Debattenräume zeigt sich auch und gerade an solchen Beispielen. Es geht im Kern nicht um staatliche Sanktion, sondern dass Debatten heute Minenfeldern gleichen und keinen Veranstaltungen zum Erkenntnisgewinn. Ich bin sehr gespannt ob dieser Aufruf eine Wirkung zeitigt. Kann es aber derzeit nicht glauben.

    Herzlich

    n_s_n

    Antwort
    1. Werwohlf Autor

      Lieber n_s_n,

      ich kann dir hier nur wieder einmal komplett zustimmen. Logik ist in der öffentlichen Debatte schon weitgehend durch Gesinnung ersetzt worden, wie sonst nur in Diktaturen üblich. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass dieses Land eine wäre (das ist es bei weitem nicht), aber es sollte uns als Warnung dienen, welche Art Interessen mit solchen Einstellungen bedient werden.

      Der Interviewer hatte von Anfang nur die Absicht, Merz „zu entlarven“, um die Klischees seiner Peer Group zu bedienen, und da es auf intellektuelles Niveau im postmodernen Deutschland nicht mehr ankommt, reichten ihm die Merzschen Selbstverständlichkeiten dazu völlig aus.

      Ich sehe das Problem auch weniger im Geschrei von links. Das kommt berechenbar und zuverlässig da, wo man es von Anfang an erwarten kann (und bleibt in den anderen Fällen ebenso berechenbar und zuverlässig aus). Das Problem liegt bei den „Bürgerlichen“, die es ernst nehmen und sich danach richten. Es scheint in diesen Kreisen noch nicht richtig angekommen zu sein, dass die Linke längst den Bürgerkrieg ausgerufen hat – keinen brutal-physischen, aber einen nachhaltig-geistigen. Sie fallen immer noch auf den Trick herein, auch von ihnen vertretenen Werten Gehorsam leisten zu müssen, obwohl diese von links längst entkernt und mit anderen, radikaleren Inhalten aufgeladen wurden. Wenn als „homophob“ gilt, wer die Binsenwahrheit verkündet, sexuelle Vorlieben hätten ihre Grenzen in den geltenden Gesetzen und vor allem, wenn Kinder involviert sind, spricht das weniger gegen ihren Verkünder als gegen die Empörten, denn im Grunde sind ja sie es, die den Zusammenhang erst herstellen – und da müsste man zunächst sie fragen, warum sie das tun.

      Der von dir genannte Aufruf wird nichts bringen. Die einen sehen in ihm den Feind, der danach trachtet, sie an ihrem Treiben zu hindern, und die anderen begreifen schlicht die Lage nicht. Man nehme als Beispiel nur den FDP-Vorsitzenden Lindner, der bei einem wirklich erwartbaren Shitstorm, dessen Quelle und Organisation so schwer auch nicht zu erkennen sind, in kürzester Zeit den Schwanz einzieht (gegen sexuelle Anspielungen hat er ja nichts) und sich in Sachen Anbiederung nicht mehr übertreffen lassen will. Kurzfassung: Die Bürgerlichen leiden an unerwiderter Liebe zum linken Model, während sie das gar nicht so üble Girl-next-door, nämlich ihr Wählerpotenzial, zunehmend ignorieren, oft auch in der trügerischen Gewissheit, dass dieses Girl sowieso keinen anderen Liebhaber finden würde.

      Dem Nebenbuhler AfD konnte man noch mit Verweis auf unvorteilhafte Körpermerkmale das Leben schwer machen, aber wenn die einen verschmähen und die anderen die Lust verlieren, wird es für den besten Gigolo kritisch.

      Antwort
      1. n_s_n

        Zitat: „Das Problem liegt bei den „Bürgerlichen““
        Genau deswegen hat mich der Kommentar von Serrao so schockiert: Er ist Ausdruck des Umstandes, dass sich selbst die Bürgerlichen in solchen „progressiven“ Kategorien des Denkes wiederfinden.

        Mir fällt dazu wieder ein altes Diktum Zettels ein. „Wann hat eine Ideologie vollständig gesiegt? Wenn sich selbst ihre Kritiker in ihrem Rahem bewegen.“
        Dieser Satz hat tiefe Wahrheit und ist für mich eine Variation von Poppers Aussage in seinem Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“: Wo Dogmen in der Kritik herrschen, ist die Gesellschaft nicht mehr frei.

        Zitat: „die Empörten, […], die den Zusammenhang erst herstellen“
        Du berührst hier den Kern der Begründung, warum mich diese Entwicklung so „anfasst“ und beunruhigt, frei nach dem Motto: „Fritzchen pfeift unanständige Lieder.“

        Die unanständigen Kategorien sitzen in den Köpfen der Empörten. Wer nicht anders kann, als ständig ostentativ die Unterschiede zu thematisieren zeigt damit, dass er der Unvoreingenommenheit, der die offene Gesellschaft im Kern bedarf, unfähig ist. Gleich bei welchem der aktullen Modethemen mit irgedwelchen Opfergruppen: Das identitäre Bewußtsein, welches einer freien und offenen Gesellschaft widerspricht, scheint mir in der Regel sehr deutlich bei dem Empörten und nur selten bei den Kritisierten zu sitzen. Jemand anderen strukturell als Opfer zu sehen, setzt die vermeintliche Einsicht voraus, dass dieser jemand strukturell unterlegen ist. Das ist nicht die Verneinung einer auf dem Überlegenheitsgefühl basierenden identitätspolitik, sondern deren inverse Implementierung.

        Zitat: „wird es für den besten Gigolo kritisch“
        Das hängt davon ab, wie wirkmächtig die relevanten Dogmen in der Gesellschaft wirken.

        Jemand der frei denkt, auch dort wo es ihm selbst unwohl wird, weil er das als Voraussetzung für seine eigene, im Handeln begründete Ethik sieht, verzweifelt in einem solchen Umfeld. Diese Menschen sind selten. Das bestätigt mir zumindest meine in der persönlichen Erfahrung, empirisch belegte, geistige Einsamkeit.

        Wer die Dogmen akzeptiert, fühlt möglicher Weise ein indifferentes Bedrücken, kann es aber nicht artikulieren. Was meinst du, warum die „äußeren Feindbilder“ heutzutage in solch schillernden Farben gemalt werden? Von der AfD über diverse Leugner bis hin zu Trump. Nur weil sie die Kohäsion derer stärken, die sich im Dogma bewegen. Identitätspolitik, gleich welche, ist im Kern lediglich geistige Kohäsion zur Verhinderung freien Denkens.

        Solange der Einfluß des Dogmas gesellschaftlich groß genug ist, bemerkt man das Dogma innerhalb der Gesellschaft kaum. Gesellschaftlich sichtbar wird es erst, wenn sich ein zweites, dazu inverses Dogma in gleicher Stärke etabliert. Man schaue in die USA wie das dann aussieht.

        Ob Deutschland dieser Entwicklung der USA folgt, bleibt abzuwarten. Es gibt Gründe dafür und welche dagegen. Jemandem der ein inniges Verhältnis zur Freiheit hat, vor allem zur negativen, ist weder der Status Quo, noch diese Entwicklung eine Hoffnung.

        Ich weiß nicht wie es in anderen Ländern ist, aber in Deutschland hat der Gedanke der (negativen) Freiheit keine organisierte, parlametarische Stimme mehr. Das bedrückt mich.

        Herzlich

        n_s_n

        Antwort
        1. Werwohlf Autor

          Lieber n_s_n,

          auch mit diesem Text wirst du bei mir nicht auf viel Widerspruch stoßen.

          Genau deswegen hat mich der Kommentar von Serrao so schockiert: Er ist Ausdruck des Umstandes, dass sich selbst die Bürgerlichen in solchen „progressiven“ Kategorien des Denkes wiederfinden.

          Da kann mir dir leider wirklich nicht widersprechen. Dieser Wunsch der „Rechten“, von Linken gemocht oder wenigstens nicht verdammt zu werden, dieser Wunsch ist offensichtlich völlig real.

          Jemand der frei denkt, auch dort wo es ihm selbst unwohl wird, weil er das als Voraussetzung für seine eigene, im Handeln begründete Ethik sieht, verzweifelt in einem solchen Umfeld. Diese Menschen sind selten. Das bestätigt mir zumindest meine in der persönlichen Erfahrung, empirisch belegte, geistige Einsamkeit.

          Ja, im Westen sind sie selten. Zumindest als Wessis. Ich kenne eine Handvoll Ossis, die sich dem vorgegebenen Denken verweigern, ohne sich ein anderen von anderen borgen zu müssen. Gerade am Tag der Deutschen Einheit erscheint es mir sinnvoll, das Bewusstsein dafür zu schärfen.

          Solange der Einfluß des Dogmas gesellschaftlich groß genug ist, bemerkt man das Dogma innerhalb der Gesellschaft kaum. Gesellschaftlich sichtbar wird es erst, wenn sich ein zweites, dazu inverses Dogma in gleicher Stärke etabliert. Man schaue in die USA wie das dann aussieht.

          Das ist ein wichtiger Punkt. Während hierzulande die Neo-Linke damit beschäftigt ist, ihre Machtposition zu verabsolutieren, ist ihr in den USA eine ebenso mächtige Gegenbewegung erwachsen, nicht in den akademischen Kreisen, aber dafür eben um so überraschender in Form eines Wahlsiegs von Trump. Ich glaube nicht, dass es längerfristig hier anders laufen würde, insofern ist deine Mahnung durchaus berechtigt.
          Wir müssen ansonsten wohl damit leben, dass die „negative“ Freiheit, also die vor Unterdrückung, so lange gering geschätzt werden wird, bis die Segnungen eines Nanny-Staats nicht mehr ausreichen, die latente Unzufriedenheit auszuhalten.

          Antwort

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