Was zu Stadtplanungen

Wie heißt es doch so schön? „Wer nur einen Hammer in der Hand hat, für den besteht die Welt aus lauter Nägeln.“

Selten traf dieser Spruch besser zu als auf diesen Artikel auf FAZ.net: „ÖFFENTLICHER RAUM:
Warum unsere Stadtplanung diskriminierend ist“

Hier werden städtische Strukturen kritisiert, und für alle Kritikpunkte hat der Autor nur eine Erklärung: identitätspolitische Diskriminierung. Weil Männer im Schnitt doppelt so lang fahren wie Frauen, diskriminiert eine Umgebung, in der weite Wege zur Arbeit zurückgelegt werden müssen, Frauen. Warum? Weil diese sich „statistisch häufiger um Haushalt und Pflegebedürftige kümmern“. Wozu sie in der Regel weniger Kilometer zurücklegen müssen…

Der Autor folgt mit einer neuen grandiosen Ungerechtigkeit: Pro Quadratmeter urinieren mehr Männer als Frauen. Deswegen seien Toiletten, die beiden Geschlechtern dieselben Größen zuweisen, eine Diskriminierung. Nun hat der Werwohlf vor der weiblichen Körperbeherrschung einen enormen Respekt und kann sich daher nicht vorstellen, dass etwas Vergleichbares zu Urinalen auf Frauen-Klos nicht möglich sein soll. Aber wenn das wirklich der Gipfel der Geschlechterungerechtigkeit sein soll, dann mag man seinetwegen die Erleichterungseinrichtungen räumlich auf 2/3 für Frauen und 1/3 für Männer konzipieren, oder 75:25. Wir Kerle müssen ja eh immer warten, bis unsere Liebsten zurück sind – die Zeit können wir auch in Schlangen verbringen. Wenn die unserer Angebeteten dadurch kürzer werden, ist das eine Win-Win-Situation.

Aber dann wird es interessant.

Viele gesellschaftliche Gruppen wie etwa Frauen oder Homosexuelle würden in der Planung schlichtweg ignoriert.

Dieser Satz steht da einfach so vor sich hin. Er wird nicht begründet. Und jetzt fragt sich der Werwohlf unweigerlich: Welche besonderen Bedürfnisse haben Homosexuelle an eine Stadtplanung, die sich nicht mit den Bedürfnissen Heterosexueller decken[1]? Was ist das Übel des „heteronormativen Bildes von Menschen und ihren Lebensverläufen“? Klar musste man als „Forscherin“ von „Gender und Queer Studies“ unbedingt diese Diagnose stellen, aber ihre Herleitung lässt dann doch arg zu wünschen übrig.

Schön auch das hier:

Dass Frauen oder gesellschaftliche Minderheiten öffentliche Orte anders nutzen, sie manchmal sogar meiden und sich deshalb selbst einschränken, liegt unter anderem auch am subjektiven Angstempfinden. Dunkle Unterführungen, Tiefgaragen oder Parkplätze werden deshalb häufig als sogenannte Angsträume empfunden.

Vor allem in neuerer Zeit, wie man hört. Das könnte durchaus auch mit der „anderen Nutzung“ durch „gesellschaftliche Minderheiten“ zusammenhängen, wie zahlreiche Medienberichte nahe legen. Aber die Feindlinien sind in dem Beitrag klar gezogen. Klar anders.

Was wäre also z.B. ein großer Erfolg dieser diskriminierungsfreien Stadtplanung?

Ein Beispiel: Ältere Frauen sind diejenigen, die Friedhöfe zu einem großen Anteil besuchen und pflegen. In Wien wurden darum nun Friedhöfe besser beleuchtet und mit niedrigeren Wasserentnahmestellen, mehr Sitzgelegenheiten und befestigten Wegen ausgestattet. Für ältere Frauen waren die Wege vorher zu unsicher, die Hähne zu hoch.

Der Grund, warum vor allem ältere Frauen die Friedhöfe besuchen, liegt auf der Hand: Ihre Männer sterben vor ihnen. Eine himmelschreiendere Diskriminierung als das vorzeitige Ableben vermag sich der Werwohlf gar nicht vorzustellen, aber den Autor des Artikels kümmert es nicht. Er scheint auch den wenigen Männern, die ihrem zugedachten Schicksal trotzen und ihre Frauen überleben konnten, Superkräfte zuzugestehen, die es ihnen ermöglichen, sich auf unbefestigten Wegen problemlos zu bewegen, die höchsten Wasserentnahmestellen zu erreichen und niemals erschöpft Platz nehmen zu müssen. Nur wegen der Frauen müsste sich also etwas ändern.

Und was ist die Quintessenz?

Wie aber kann man Projekte von vornherein so planen, dass sie allen zugute kommen? „Während des Prozesses und vor der Umsetzung eines Projekts suchen wir vor Ort nach Stellvertreterinnen und Stellvertretern aus der Bevölkerung“, sagt Barbara Willecke. Ihr Team sei in der Anfangsphase eines Projekts, also bevor überhaupt ein Entwurf angefertigt werde, vor Ort, spreche mit den Bewohnerinnen und Bewohnern – und suche dabei nach Menschen jeden Alters, Geschlechts und jeder Herkunft: „Wir sehen die Bewohner als Expertinnen und Experten ihres Alltags und lassen sie mitgestalten.“

[Loriot]Ach was![/Loriot], ist man da versucht zu sagen. Wenn es also darum geht, Menschen schlechthin einzubinden, also „jeden Alters, Geschlechts und jeder Herkunft“[2], wozu eben noch die identitätspolitische Differenzierung? Wo zum Henker wird denn heute noch irgend etwas initiiert, an dem nur heterosexuelle Männer ohne Migrationshintergrund beteiligt sein dürfen?

Ja, unterschiedliche Menschen(!) haben unterschiedliche Bedürfnisse, ob Mann oder Frau, ob Heterosexuelle(r) oder Homosexuelle(r). Die in Stadtplanungen zu berücksichtigen, kann so falsch nicht sein – den Umweg über künstliche Frontstellungen hätte man sich dazu aber sparen können.

[1] Der Werwohlf ist bereit, angesichts der Pissoir-Ungerechtigkeit immerhin den Frauen gegenüber eine Ungerechtigkeit auszumachen.
[2] Wo sind die Schwulen und Lesben geblieben? Spielen die jetzt keine besondere Rolle mehr? Wohl nicht. Dürften sie mehrheitlich auch nicht wollen.

Platz für Senf.

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