Was zu Verdächtigungen

Über die vom ARD-Magazin „Panorama“ vorgetragenen Verdächtigungen gegen einen Oberstleutnant der Bundeswehr aus deren „Social Media Team“ ist im Netz schon mehr als genug gesagt wurden, auch vom Werwohlf auf Twitter.

Aber in einem Rechtfertigungstweet einer Autorin des Beitrags taucht dann eine Formulierung auf, die exemplarisch steht für die „Cancel Culture“, die jüngst in Mode kam und der mittlerweile nicht nur Universitäten oder andere öffentliche Einrichtungen folgen, sondern auch große Unternehmen – nach der Logik, dass jeder ersetzbar ist und man sich einem wochenlangen medialen Belagerungszustand nur ungern aussetzen möchte, zumal ja auch immer die Gefahr besteht, dass dabei andere Sachen ans Licht kommen, die man auch nicht unbedingt publiziert haben möchte.

Und das hat sie getwittert[1]:

Es geht nicht um eine Kampagne! Es gibt viele Soldaten, die es so sehen wie wir und solche Kameraden nicht in den eigenen Reihen wollen. Herr Bohnert liked noch im April das Buch vom Antaios Verlag, „Der letzte Franzose“, ein Kultbuch der Identitären.

Gut, lassen wir mal den Umstand beiseite, dass sie beim letzten Satz vielleicht doch besser ihre „Rechtsextremismus-Expertin“ gefragt hätte, aber vielleicht hat sie das ja, und die „Expertin“ musste einräumen, dass Haltung Wissen nicht ersetzen kann. Ja, der Autor des fraglichen Buches hat Kultstatus, nicht nur bei den „Identitären“, sondern bei so ziemlich allen spätestens rechts von der Union. Aber nicht wegen des Werkes auf dem Foto, sondern eines ganz bestimmten anderen. Und lassen wir auch mal beiseite, dass, wer solche Vorwürfe erhebt, sie nicht auf so schwachen Fakten basieren lassen sollte.

Konzentrieren wir uns auf diesen Satz:

Es gibt viele Soldaten, die es so sehen wie wir und solche Kameraden nicht in den eigenen Reihen wollen.

Wir wissen nicht, wer die vielen Soldaten und wie viele. Solche „Mengenangaben“ haben den Reiz, immer belegbar zu sein oder auch gar nicht, je nachdem, was man sich so als „viel“ vorstellt. Aber „solche Kameraden“?

Sehen Sie, was hier geschehen ist? Man warf dem Soldaten verschiedene Handlungen vor. Zum Zeitpunkt des oben zitierten Tweets waren das weniger als eine Handvoll „Likes“ für einen Instagram-Account eines anderen ehemaligen Afghanistan-Veterans. In ihrer jüngsten Reaktion erklärt die „Panorama“-Redaktion ihren Beitrag als „Verdachtsberichterstattung“ – man sei also quasi etwas Unziemlichen auf die Spur gekommen und präsentiert deswegen jetzt seine Beweise, damit andere Stellen dem nachgehen. Wenn man sich dem Vorwurf der Unsachlichkeit aussetzen wollte, könnte man auch sagen: „damit sich eine ganze Meute von Journalisten an die Spur des angeschossenen Wilds heftet und dabei hoffentlich noch mehr entdeckt“. Wenn man sich dem Vorwurf der Unsachlichkeit aussetzen wollte. Obwohl: Wäre das wirklich so unsachlich, vom Begriff „Meute“ vielleicht, aber auch nur vielleicht abgesehen? Denn das Urteil steht ja schon fest. Man ist über den angeblichen Verdacht am 23. Juli schon längst hinaus. Man weiß, was für ein Pappenheimer der Beschuldigte ist. Ein „solcher Kamerad“ nämlich: Es geht nicht mehr um Handlungen, die man vielleicht erklären, verschieden bewerten, u.U. auch als solche ahnden kann, nein, es geht längst um die Person selbst, um Eigenschaften, die sie aufweist.

Nach ein paar „Likes“ steht das Urteil über einen ganzen Menschen so sehr fest, dass man ihn aus der Bundeswehr entfernt haben möchte. Was sagt so etwas über die Journalisten aus, die so mit Menschen umgehen? Und was würde das über die „vielen Soldaten“ aussagen angesichts der Bedeutung, die „Kameradschaft“ in der Truppe hat. Das halten Sie für leeres Gerede? Nee, das ist Gesetz (§ 12 Soldatengesetz):

Der Zusammenhalt der Bundeswehr beruht wesentlich auf Kameradschaft. Sie verpflichtet alle Soldaten, die Würde, die Ehre und die Rechte des Kameraden zu achten und ihm in Not und Gefahr beizustehen. Das schließt gegenseitige Anerkennung, Rücksicht und Achtung fremder Anschauungen ein.

Sollte sich die „vielen Soldaten“ vielleicht noch einmal durchlesen.

Aber das ist leider die Quintessenz dessen, was uns als „Cancel Culture“ begegnet. Von den entsprechenden Protagonisten (zu finden unter Politikern, Journalisten, Geisteswissenschaftlern) wird jede Abweichung des von ihnen aufgestellten, mit jedem Tag enger werdenden Regelwerks als Beweis für die Verwerflichkeit der Person hingestellt, auf die sie zurückzuführen ist. Völlig ungeachtet dessen, was diese Person sonst so den ganzen Tag anstellte, gerne auch über Jahre hinweg. Die einzelne Tat ist das Sakrileg, und für die gibt es „keine Entschuldigung“, wie ein weiterer öffentlich-rechtlicher Richter urteilte[2].

Dem historisch Bewanderten kommen da vielleicht einige Parallelen in den Sinn. Nein, nicht wieder die übliche Referenz. Etwas früher… Bei den Hexenprozessen reichten auch ein paar Gerüchte aus, um das Urteil über einen Menschen zu präjudizieren. Heutzutage erspart man sich das Brimborium mit der Folter, weil ein Geständnis ja auch nicht mehr erforderlich ist. Und die vollstreckten Strafen sind auch subtiler, man hat ja die Aufklärung hinter sich (die Frage ist, wie lange noch, aber das ist eben eine andere), und als Ankläger hält sich der Staat da raus. Er wird nur als Arbeitgeber aktiv. Aber die Logik erscheint einem doch sehr vertraut: Du hast dies oder das getan, deshalb bist du nicht nur einer, der dies oder das getan hat, sondern einer, dem kraft der Eigenschaft, die wir in dir entdeckt haben, noch viel mehr Verfehlungen zugetraut werden müssen.

Der Werwohlf hält das für inhuman. Es ist erst recht nicht eines Mediums würdig, das seine Finanzierung über per Zwang erhobene Abgaben mit seiner Rolle für das Gemeinwohl rechtfertigt. Und um zu zeigen, was der Werwohlf meint, hier das, was er fordert, und das, was er nicht fordert:

Auch Journalisten mit Sendungsbewusstsein sollten sich an grundlegende Standards halten. Menschliche, aber erst recht auch journalistische. Es geht nicht darum, jemanden zu entlassen, und auch nicht darum, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abzuschaffen, sondern allein darum, für eine künftig bessere Berichterstattung zu sorgen. Natürlich kämen die eben verworfenen Maßnahmen als ultimative Lösung hinzu, sollte es nicht nur keinen Erfolg zeitigen, sondern sollten auch entsprechende Bemühungen nicht erkennbar sein. Aber das vermag sich der Werwohlf nicht vorzustellen.

[1] Kein direkter Link. Es geht nicht um die Autorin selbst. Auf sie einzuschlagen, hieße, das grundsätzliche Problem zu einem persönlichen zu machen. Und das ist es nicht.
[2] In diesem Beitrag belassen wir es beim Zitat, ohne den Autor zu nennen. Auch der hat schon genug Beef jetzt.

3 Gedanken zu „Was zu Verdächtigungen

  1. Frank

    Natürlich steht es Ihnen frei, die Hetzer nicht zu nennen. Aber damit sind Sie „Teil des Systems“: Wer als „konservativ“ bzw „rechts“ verleumdet wird, dessen Privatleben und Person wird vollständig zerstört.

    Wer „links“ ist und auf böswillige Weise Menschenleben zerstört, sich komplett von den demokratischen Prinzipien verabschiedet hat und dabei sogar noch so arrogant ist zu glauben, er/sie/es/multipel hätten das ultimative Recht, Menschen zu vernichten, der/die/das hat selbst nichts zu befürchten.

    Deutschland 2020 ist ein Albtraum, in dem eine linke Clique mittels Zivilterror herrscht. Immerhin reden wir von einem MENSCHENLEBEN, der Oberleutnant hat nur ein paar Likes gesetzt und wird jetzt von hunderten, wenn nicht tausenden Linken verfolgt – als ob er „Mein Kampf 2.0“ geschrieben oder das Blut von Babys getrunken hätte.

    Für. ein. paar. Likes.

    Und außer ein paar üblichen konservativen Bloggern gibt es niemanden, den das stört. Ich nenne das Terror.

    Antwort
    1. Werwohlf Autor

      Wenn die Maßstäbe, die ich selbst an mein Handeln anlege, mich zum „Teil des Systems“ machen, dann ist das eben so. Und „when they go low…“
      Dass es da draußen Typen mit miesem Charakter gibt, die glauben, im Sinn der Sache, die sie für gut, wahr, hehr und gerecht erachten, zu allen erdenklichen Mitteln greifen zu dürfen, wozu in vorderster Linie die soziale Auslöschung anderer Menschen gehört, ist das eine. Das andere ist, wie wenig Rückgrat die Institutionen aufbringen, die bei solchen Angriffen oft indirekt mitgemeint sind. Die Reaktionen der Bundeswehr zeigen ja vor allem große Angst, wieder mal als Ganzes in die rechte Ecke gestellt zu werden (mit Dank an UvdL), eine Angst, hinter der auch die Fürsorgepflicht für die eigenen Leute zurückstehen muss.
      So definiert sich „gesellschaftliches Klima“, und das ist keinesfalls „nach rechts“ gerückt. Im Gegenteil, dieser Vorwurf dient auch nur dazu, das wirklich herrschende Klima zu untermauern.

      Antwort
  2. Pingback: Es geht weiter | Der letzte Biss

Platz für Senf.

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