Was zum Tempolimit

Sommerloch oder nicht – „Grüne“-Co-Chef Robert Habeck hat sich nach den Pferden jetzt den Pferdestärken zugewendet und kündigt im Gefühl der sicheren Koalitionsbeteiligung schon mal an, dass seine Partei nach der nächsten Wahl ein generelles Tempolimit auf Autobahnen von 130 km/h einführen lassen wird. Nun ist das nichts, was den Werwohlf überraschen würde, weiß er doch um die Beliebtheit dieses Symbols bei linken Verbotsfans und nicht weniger um die notorische Prinzipientreue der Union. Will sagen: Von den Parteien, die für Regierungsgbeteiligungen wahrscheinlich in Frage kommen, sind drei vehemente Fans von Tempolimits, und eine würde keinen großen Widerstand leisten, wenn sie dafür als Gegenleistung irgendwo wieder einen verdienten Parteifreund versorgen kann.

Wir tun also gut daran, uns darauf einzustellen. Der Werwohlf zum Beispiel erwarb sein Fahrzeug, das in der Spitze mindestens 100 km/h mehr als das angestrebte Limit auf die Bahn bringt, vor ein paar Jahren in dem Bewusstsein, damit noch das letzte bisschen Autobahnfreiheit auszukosten und sich dann irgendwann nur noch an den Newtonmetern erfreuen zu können. Ja, es macht Spaß, andere Autos hinter sich „stehen lassen“ zu können, erst recht, wenn deren Besitzer vom unscheinbaren Gefährt des Werwohlfs dergleichen nicht erwarten und eben noch auf der Strecke mit bereits existierendem Limit dicht auffuhren, um es auf die rechte Spur zu drängen.

Aber natürlich hat der Pferdefreund Recht: Es gibt weder ein Menschenrecht auf die Abwesenheit eines Tempolimits, noch ist ein solches im Grundgesetz festgelegt. Allerdings gibt es bereits faktische Limits, und damit sind nicht nur die gemeint, die uns in den beliebten Schildern im roten Kreis angezeigt werden: Wer schneller als die bisher gültige Richtgeschwindigkeit von 130 km/h fährt und dabei einen Unfall verursacht, muss damit rechnen, dass ihm[1] eine Mitschuld auferlegt wird. Das kann teuer werden.

Aber wie gesagt: Es geht um Symbolik. Aus des Werwohlfs Sicht: Man will ihm die vielleicht 10 km nehmen, die er auf seiner Haus-und-Hof-Strecke nach Norden schneller als 120 km/h fahren darf (und die maximal 10% der Gesamtstrecke ausmachen). Das ist jetzt nichts, was er für sein Leben als ungeheuer bedeutsam einstufen würde, es ist allerdings auch nicht bedeutsam im Sinn der Ziele, die immer gerne als Begründung für ein generelles Limit angeführt werden[2].

Begabte Ideologen, und Herrn Habeck dürfen wir getrost dazurechnen, haben keine Probleme, einen griffigen Begriff für Menschen zu finden, die lieber schneller als 130 km/h fahren wollen: „Raser“. Also: 130 km/h = vernünftig fahrender Mitbürger, 140 km/h = „Raser“. Nicht nur der Werwohlf dürfte sich unter „rasen“ etwas anderes vorstellen, aber genau diese Vorstellung mit höheren Geschwindigkeiten als der gewünschten zu verbinden, ist natürlich der Sinn solchen „Framings“. Aber nehmen wir das mit dem „Rasen“ doch mal ernst. Welche Geschwindigkeiten würden Sie damit verbinden? Der Werwohlf findet, solche über 200 km/h könnte man durchaus so bezeichnen. Vergessen wir nicht, dass mit jedem Stundenkilometer mehr das eingegangene Risiko steigt, und zwar nicht nur für einen selbst, sondern auch für andere. Die Reaktionsgeschwindigkeiten werden bei so hohen Geschwindigkeiten verdammt kurz, und es ist nie auszuschließen, dass irgendwo auf der rechten Spur ein Depp unterwegs ist, der ohne nachvollziehbaren Anlass plötzlich nach links wechselt. Vielleicht könnte man sogar alles über 180 km/h als „Rasen“ betiteln. Nehmen wir also mal diesen unteren Wert: Warum das Limit nicht hier ansetzen? „Rasen“ wäre dann ausgeschlossen.

Vermutlich dürfte mit einem solchen Limit schon das größte Unfallrisiko aufgrund zu hoher Geschwindigkeit ausgeschlossen sein. Die beliebten Vergleiche von Strecken, die von Richtgeschwindigkeit auf 130-km/h-Limits gewechselt sind, sagen nämlich nichts über die Wirkung der konkreten Grenze aus, sondern nur über die einer Begrenzung überhaupt. Und dass niedrigere Geschwindigkeit niedrigere Unfallzahlen mit sich bringen, erst recht weniger Unfalltote, dürfte ziemlich unstrittig sein. Nur: Das gilt für ausnahmslos jede Absenkung des Tempolimits, bis hin zu Limit 0 km/h. Das „Leichentuchwedeln“, das Befürworter eines 100-km/h- oder 130-km/h-Limits gerne praktizieren, könnte man als Anhänger eines 80-km/h-Limits wiederum gegen diese einsetzen, und die Fans von Limit 60 wiederum gegen diese und so weiter und so fort.

Aus Sicht des Werwohlfs gibt es also durchaus nachvollziehbare Gründe für ein generelles Tempolimit. Nur wenn es um dessen Höhe geht, werden die Argumente dünn. Warum 130 km/h so viel besser sein soll als 180 km/h, lässt sich dann kaum noch erkennen.

Interessant sind in diesem Zusammenhang nur noch Meldungen der Presse wie die der ehemals konservativen FAZ[3], die sogar einen mutigen, parteiergreifenden Schluss wagt:

Das von Verkehrsministerium und Autoverbänden häufig vorgebrachte Argument, deutsche Autobahnen seien auch ohne generelles Tempolimit sicherer als Autobahnen in anderen Ländern mit Beschränkung, lässt sich nicht halten. Aktuelle Zahlen zeigen, dass es in Deutschland pro Fahrzeugkilometer nicht weniger Unfalltote auf Autobahnen gibt als in Frankreich – aber mehr als etwa in Großbritannien, Dänemark, Österreich, den Niederlanden, der Schweiz oder Finnland.

Dem Werwohlf würde da schon mal ein Unterschied zwischen diesen Ländern einfallen: Deutschland ist *das* Transitland in Europa, und wenn er sich an Unfälle auf Autobahnen mit vielen Toten erinnert, handelte es sich bei den Auslösern fast immer um Lkws, die auf Stauenden auffuhren. Oder um Busse, die aus diversen Gründen von der Fahrbahn abkamen oder mit anderen Fahrzeugen kollidierten, und dann auch gleich mit mehreren Toten aufwarten konnten. Das heißt nicht, dass eine Korrektur um die oben genannten Faktoren zu anderen Ergebnissen führen würde. Aber es heißt, dass man ohne solche Korrekturen auch zu keinen sinnvollen Ergebnissen kommt. Was übrigens auch für die beliebte Unfallursache „zu hohe“ oder korrekter „nicht angepasste“ Geschwindigkeit gilt: Das können z.B. bei Nebel auch schon 80 km/h sein.

Eine Partei wurde hier übrigens noch nicht berücksichtigt: die FDP. Vielleicht, weil man diesen Pudding neuerdings nur so schwer an die Wand nageln kann. Aber die bisherigen Äußerungen der FDP zur Frage von Autobahn-Geschwindigkeitsbegrenzungen vertraten eine Position, wie sie der Wirtschaftswissenschaftler Jan Schnellenbach bei „Wirtschaftliche Freiheit“ vertreten hat: flexible Regelungen. Ideologen auf der Jagd nach dem nächsten symbolischen Opfer wird das aber kaum besänftigen.

[1] Wenn man Verfechtern „gendergerechter“ Sprache folgt, glauben jetzt die Leser dieses Beitrags, das Risiko bestünde nur für Männer.
[2] Abgesehen vom Argument „Aber die anderen machen es doch auch anders!“. Das dann allerdings nur hier gilt, nicht hingegen z.B. bei der Aufnahme von Migranten.
[3] Es kann natürlich sein, dass hier nur wieder AFP wiedergegeben wurde. Aber zurechnen lassen muss die FAZ es sich dann natürlich trotzdem – wozu hat man bezahlte Redakteure?

5 Gedanken zu „Was zum Tempolimit

  1. n_s_n

    Letztendlich ist das Tempolimit lediglich eine Facette des derzeit tobenden gesellschaftlichen Kampfes gegen die Selbstbestimmung.

    Individualverkehr ist eine wesentliche Komponente ebendieser und als solcher ein Dorn im Auge eines jeden Ideologen. Ob E-Autos, Tempolimit, SUVs: Das sind alles nur Hebel zur Unterminierung der Selbstbestimmung. Am Ende steht der betreute und durch die höhere Einsicht von Ideologen gesteuerte Bürger.

    Zur Definition von Rasen:
    Das erscheint mir als keine eindimensionale Funktion. Rasen ist mindestens abhängig von Geschwindigkeit, äußeren Bedingungen, Fahrzeug und der Involvierung anderer.

    Während Tempo 200 tagsüber, auf einer völlig leeren, trocknen, dreispurigen Autobahn mit einer modernen Limousine durchaus als zügiges Fahren durchgehen könnte, könnte man Tempo 120 nachts bei Regen, in einem klapprigen Kleinwagen, im dichten Verkehr durchaus als unverantwortliches Rasen bezeichnen.

    Herzlich

    nachdenken_schmerzt_nicht

    Antwort
    1. Werwohlf Autor

      Lieber n_s_n,

      was mich ein wenig davon abhält, das Thema Tempolimit zum rein ideologischen zu erheben, ist, dass Deutschland nun wirklich das einzige Land auf der Welt ist (irgendwelche Exoten, von denen ich wenig weiß, nicht eingerechnet), in dem keine Geschwindigkeitsbegrenzung gilt. Dass die ganze Restwelt links-ideologischer unterwegs sein soll als wir, würde ich als sehr mutige These einordnen. Deswegen gestehe ich den Befürwortern des Limits auch ein, dass sie nachvollziehbare Gründe ins Feld führen, und beschränke mich darauf, die Maßnahme an den erwünschten Folgen zu testen.

      Natürlich ist „Rasen“ auch eine Funktion der gerade herrschenden Bedingungen, daher auch mein Verweis auf die „nicht angepasste Geschwindigkeit“. Aber es gibt auch eine Art absolute Definition von „Rasen“, bzw. es muss sie geben, wenn sie gegen das Tempolimit vorgebracht wird, also eine, die bei völlig freier Strecke und bestem Wetter, in einem modernen Boliden absolviert, gilt. Und da kann man Geschwindigkeiten über 200 km/h durchaus als „Rasen“ bezeichnen, denn dass „Rasen“ zwingend Gefährdung bedeutet, sehe ich bisher nirgendwo vorausgesetzt, auch wenn natürlich eine solche Nähe hergestellt werden soll. Wobei man sagen muss, dass „völlig leer“ bei solchem Tempo auch eine Beschreibung ist, die sich in Sekunden ändern kann, was der Argumentation der Begrenzer auch wieder ein gewisses Gewicht verleiht.

      Antwort
  2. n_s_n

    Was die Restwelt tut sagt nicht notwendig etwas über die Motivation der Debatte in Deutschland.

    Dass der grünen Ideologie Selbstbestimmung ein Dorn im Auge ist, erscheint mir offensichtlich. Dass weniger Selbstbestimmung, auch im Straßenverkehr, für sie eine starke Motivation darstellt ebenfalls.

    Es gibt bereits etliche Tempolimits auf deutschen Straßen, die ich nur als Gängelung empfinden kann. Und ich bin alles, nur kein Raser. Schon alleine aus ökonomischen Gründen.

    Wenn wir uns des Weiteren darauf einigen können, das das was der Rest der ganzen Welt (im Gegensatz zu Deutschland) noch so alles als sinnvoll einordnet, in Deutschland zukünftig ebenfalls zu erwägen, soll Deutschland gerne sein Tempolimit haben. Wäre wohl ein guter Deal.

    Herzlich

    n_s_n

    Antwort
  3. n_s_n

    Sorry für meinen schnoddrigen, launischen Post. Um Mißverständnisse zu vermeiden:

    Natürlich gibt es rationale Gründe für eine Tempobeschränkung. Ich denke aber, dass diese Debatte in Deutschland im wesentlichen ideologisch motiviert ist. Wie viele andere Debatten dieser Tage auch (hierzulande).

    Das geht mir persönlich gehörig auf den Geist. Vor allem dort wo mich die dadurch entstehende Übergriffigkeit persönlich gängelt oder mein Verhalten (am besten noch in der Motivation) moralisch werten möchte.

    Herzlich

    n_s_n

    Antwort
    1. Werwohlf Autor

      Lieber n_s_n,

      ich glaube, dass ich deine Motivation nachvollziehen kann. Allerdings gönne ich den herrschsüchtigen Verbotsaposteln noch nicht mal, meine Meinung grundsätzlich als deren Gegenposition zu formulieren. Auch das wäre zu viel der Ehre. Das heißt, wenn ich erkenne, dass die zwar hinter einer Forderung stehen, diese Forderung aber vermutlich auch anders vernünftig begründet werden kann, dann lasse ich meine Abneigung gegen diese Missionare nicht auf meine Argumentation einwirken. Jedenfalls versuche ich es…

      Antwort

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