Zum Umgang mit postmodernen Linken

Das Problem mit der postmodernen, identitären Linken ist nicht, dass sie anderer Meinung sind als z.B. der Werwohlf. Das Problem ist, dass sie praktisch den demokratischen Konsens aufgekündigt haben.

Zu diesem Konsens gehört die Möglichkeit, Andersdenkende, auch grundlegend Andersdenkende könnten Recht haben. Dazu gehört, dem Andersdenkenden, auch dem grundsätzlich Andersdenkenden zuzugestehen, dass er seine Position auf ethisch vertretbaren Grundsätzen basiert. Dazu gehört auch, eine Diskussion zum Austausch von Argumenten zu nutzen, statt darin auf Stichworte zu lauern, mit denen man den Andersdenkenden, auch den grundsätzlich Andersdenkenden verwerflichen Gedankenguts überführen kann, und daraufhin aus der Diskussion schreiend wegzulaufen, um im eigenen Lager genügend Gleichgesinnte zusammenzutrommeln, die den Andersdenkenden, auch den grundsätzlich Andersdenkenden, niedermachen. Zu diesem Konsens gehört auch die universelle, d.h. personen- und gruppenunabhängige Akzeptanz von Prinzipien wie Vernunft und Logik. Und last but not least das Recht von jedermann, unter diesen Voraussetzungen an einer Diskussion teilzunehmen.

Will sagen: Der demokratische Konsens beruft sich auf gleichberechtigte, vernunftbegabte und anderen Meinungen gegenüber offene bis neugierige Individuen.

Wir können leider nicht mehr davon ausgehen, dass dies auf der Linken noch generell gilt. Große Teile davon haben, nicht zuletzt aufgrund des offensichtlichen Versagens der „wissenschaftlichen“, marxistisch-leninistischen Ideologie, einen weltanschaulichen Wandel durchgemacht oder sind schon in diesen hineingeboren worden. In dem neuen Weltbild gibt es keine gleichberechtigten Individuen mehr, sondern nur noch Angehörige von bestimmten Gruppen. Diese Gruppen werden unterteilt in privilegierte und mächtige auf der einen, und in unterdrückte und diskriminierte auf der anderen Seite. Den Angehörigen der Gruppen werden, abhängig von ihrer Zugehörigkeit, bestimmte Rollen zugestanden bzw. auferlegt.

Den „Diskriminierten“ muss immer geglaubt werden. Ihre Behauptungen sind als authentische Erfahrungen zu respektieren, und ihre Forderungen sind als legitimer Ausgleich vergangener oder aktuellen Unrechts umzusetzen. Meistens gipfeln das im Anspruch auf „Teilhabe“, der als quotierter Zugang zu einflussreichen und gut dotierten Positionen verstanden wird – natürlich in erster Linie wahrzunehmen von den wackeren und durch Gruppenzugehörigkeit automatisch legitimierten Streitern gegen das Unrecht[1].

Die „Privilegierten“ dagegen haben in erster Linie ihre moralisch verwerfliche Existenz zu reflektieren und Buße zu tun in Form von bedingungsloser Unterstützung der „Diskriminierten“ – aber nur nach deren Vorgaben. Ihnen ist die Teilnahme an den diversen Ismus-Diskussionen verwehrt, denn statt Empirie, Vernunft und Logik zählt allein eine durch Gruppenzugehörigkeit erworbene Legitimität[2].

Das mag dem einen oder anderen seltsam vorkommen, denn in der veröffentlichten, also vor allem durch die öffentlich-rechtlichen Medien vermittelten Meinung kommen solche Aussagen noch nicht vor. Man sieht nur deren Ableitungen, die – und das ist in gewisser Hinsicht perfide – unter dem Deckmantel alltäglicher Positionen daherkommen.

Als aktuelles Beispiel können wir das Thema „Rassismus“ heranziehen. Sie können in ihrem Umfeld lange suchen, aber jemanden, der stolz von sich behauptet, Rassist zu sein, werden sie wohl kaum finden. Das deutet schon darauf hin, dass „Rassismus“ etwas ist, das man nicht für sich in Anspruch nimmt, sondern das andere einem unterstellen. Dass jüngst viele Menschen an Demonstrationen „gegen Rassismus“ teilgenommen haben, lässt sich also nur so erklären, dass diese Menschen offensichtlich der Meinung sind, in dieser Gesellschaft herrsche ein Rassismus vor, zu dem sich niemand bekennt. Um den herauszufinden, kann man sich empirischer Methoden bedienen, oder man erklärt die „anekdotische Evidenz“, also die Erzählung von Betroffenen zum hinreichenden Beleg.

Der Rassismus, gegen den es hier geht, unterscheidet sich wohl in zwei Kategorien, den „Alltagsrassismus“ und den „strukturellen Rassismus“. „Alltagsrassismus“ umfasst als rassistisch eingestufte Handlungen von einzelnen Personen gegenüber Betroffenen[3]. Zum Beispiel ein Vermieter, der einem Schwarzen eine Wohnung nicht vermietet, eben weil dieser ein Schwarzer ist. „Struktureller Rassismus“ hingegen ist eine Art Steigerung des „Alltagsrassismus“. Wer ihn unterstellt, behauptet, rassistische Handlungen seien durch ein, besser noch: *das*, System bedingt und könnten daher eben nicht als individuelles Fehlverhalten bezeichnet werden.  Bei solchen Demos wie jenen jüngst ist es natürlich im Sinn der Sache, solche Differenzierungen nicht vorzunehmen und zum Wohl der Wirkung alles über einen Kamm zu scheren.

Der Witz der Sache, zumindest soweit es den „Alltagsrassismus“ betrifft, ist natürlich, dass dieselbe Vorgehensweise der einen Seite, nämlich der „Diskriminierer“, praktisch identisch ist mit der Vorgehensweise der oben geschilderten ideologischen Kämpfer dagegen. Beide Seiten verstehen die individuelle Person, also z.B. die, die gerne Mieter werden möchte, nicht als solche, sondern sehen sie allein als Angehörige einer Gruppe. Nur, dass im einen Fall diese Gruppe negativ besetzt ist und um anderen positiv. Aber das zu monieren, hieße, sich auf eine Logik zu berufen, die gleiche Phänomene gleich beurteilen möchte – und eben sowas ist unter postmodernen Linken nicht zulässig, denn aus deren Sicht sind die Phänomene nicht gleich, weil sie als unterschiedliche Machtverhältnisse zu interpretieren sind. Und die Machtverhältnisse sind durch Gruppenzugehörigkeit festgelegt. Quod licet iovi, non licet bovi. Die Gruppe hat Recht, nicht die Sachlage.

Daher kann es nach Meinung dieser Ideologen auch keinen „Rassismus gegen Weiße“ geben. Denn „Weiße“, das sind die per se Mächtigen, und Rassismus kann immer nur von Mächtigen ausgehen, sie aber nie betreffen. Das ist unzweifelhaft ein Postulat und keine Erkenntnis. Getreu der Devise „all business is local“ ließe sich auch schwer begründen, warum die paar „Kartoffeln“, die auf einer Brennpunktschule von ihren türkisch-arabischen Mitschülern gemobbt werden, keine Opfer von Rassismus sein sollen – als ob die was davon hätten, dass Angela Merkel aus Hamburg stammt und nicht aus Ankara. Dass es einige Länder gibt, in denen „Weiße“ nicht die Mächtigen sind, wird meist unter Hinweis auf koloniale Vergangenheit und andere diese Länder angeblich unter die Fuchtel westlicher Staaten stellende Mechanismen weggewischt. Dass eine solche Auffassung diese Länder, ihre Führer und letztlich auch die Einwohner damit zu Unmündigen erklärt, die für ihr Schicksal unmöglich selbst verantwortlich sein können, ist eine weitere Inkonsequenz des „woken“[4] Antirassismus.

Nehmen wir als weiteres Beispiel die Diskussion um die Berliner „Mohrenstraße“. Es ist nicht klar, woher diese Straße ihren Namen hat, aber klar ist – wenn man den Ideologen folgt – dass allein der Name bei Menschen, die sich selbst offensichtlich mit dem Begriff „Mohren“ identifizieren, so starke negative Gefühle auslöst, dass eine Umbenennung als unausweichlich erscheint. Da könnte der Werwohlf als Norddeutscher noch so sehr darauf verweisen, dass ihm z.B. eine „Fischkopp“-Straße in München schnurzpiepegal wäre – darauf darf es nicht ankommen, denn er wurde als Norddeutscher ja nie diskriminiert, Schwarze in Deutschland hingegen schon. Das mag stimmen (obwohl man sich da nie so sicher sein kann, was die Diskriminierung Norddeutscher in Bayern angeht), aber was das wiederum mit dem Namen „Mohrenstraße“ unmittelbar zu tun haben soll, bleibt nicht ersichtlich. Auch nicht, wenn behauptet wird, der Name ginge auf eine mit Sklaverei verbundene brandenburgische Vergangenheit zurück – warum sollten sich heutige, mit allen Bürgerrechten ausgestattete Schwarze aufgrund eines Hinweises auf diese Vergangenheit übel beeinträchtigt fühlen? Der Straßenname könnte genau so gut als Anstoß herhalten, diese Vergangenheit zur Kenntnis zu nehmen und einzuordnen. Es ist auch kaum vorstellbar, dass ahnungslose Bürger, die mit dem Straßennamen konfrontiert werden, plötzlich rassistische Ressentiments entwickeln. Oder am Straßennamen festhalten wollen, nur weil der ihre rassistischen Ressentiments angeblich bedient. Aber auch da zählt allein die Meinung derer, die sich „als Betroffene“ lautstark zu Wort melden, und andere, erst recht nicht die des alten, weißen Werwohlfs, hätten keine Legitimation, an der Debatte teilzuhaben.

Schließlich wird der Begriff „Rassismus“ auch inflationär verwendet. Und das durchaus mit Absicht, um Handlungen und Haltungen zu delegitimieren, die ohne bösen Hintersinn üblich sind. Der Begriff kann aus Sicht derer, die dieses Vergehen überall wittern, gar nicht weit genug gefasst sein – so ist die Geschäftsgrundlage. Otto Normalrezipient würde als „Rassismus“ definieren, wenn jemand die Existenz von Rassen und deren Ungleichwertigkeit behauptet. Diese Definition soll man nach Absicht der „Woken“ auch annehmen, wenn deren inflationärer Gebrauch ins Spiel kommt, einfach weil jeder vernünftige Mensch dadurch automatisch auf der richtigen Seite stehen würde, denn diese Art Rassismus könnte er niemals akzeptieren, für Deutsche schon allein als Konsequenz aus Artikel 1 des Grundgesetzes. Aber wer „Rassismus“ schreit, meint gerne auch etwas anderes. Kritik an islamistischen Vorstellungen beispielsweise. Oder Analysen, die bei ethnisch unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen signifikant unterschiedliche Ergebnisse zeigen. Da kann dann nicht sein, was nicht sein darf. Für die Art Linke darf es in solchen Fällen nur einen Unterschied geben: den durch Diskriminierung erzeugten. Maximal den durch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse erzeugten, wenn so viel Marx noch sein darf. So wird Erkenntnis eine Grenze gesetzt, die nicht überschritten werden darf.

Rainer Zitelmann nennt auf „Tichys Einblick“ ein paar instruktive Beispiele, wie inflationär der „Rassismus“-Begriff verwendet wird. Des Werwohlfs liebstes Beispiel setzt an der Frage an: „Woher kommst du?“ Für „Woke“ dient sie als Beleg von „Rassismus“, denn der Fragende unterstelle damit, dass der Befragte kein Deutscher wie alle anderen auch sein könne. Also spätestens dann, wenn auf die Antwort „aus Essen“ als nächste Frage „woher eigentlich“ kommt. Wohlwollende Interpretation ist in solchen Fällen höchst verwerflich, würde aber zu der Annahme führen, dass es dem Fragenden auf die Abstammung seines Gegenüber ankommt, und zwar aus reiner Neugier. Das eigentliche Problem beginnt schon damit, dass es keinen Deutschen gibt, der „wie alle anderen auch“ ist. Neugierige Fragen nach spezifischer Herkunft sind also eher zu erwarten als zu verurteilen. Der Werwohlf z.B. arbeitet für eine Schweizer Firma, ist aber aufgrund seiner Aussprache leicht als Nicht-Schweizer zu entlarven, was meist unweigerlich die eben genannte Frage provoziert. Er hat diese Neugier aber bisher noch nie als Diskriminierung empfunden und fragt sich, was im Kopf von Menschen vorgehen muss, die das anders sehen. Zumal es unter den „woken“ Linken auch als fatal gilt, für sich „Farbenblindheit“ anzunehmen. Das heißt, wer als anti-rassistisches Ideal empfindet, bei Individuen keine Unterschied zu machen, egal welcher Gruppe sie angehören, ist dann doch wieder ein Rassist, weil er kein Anti-Rassist ist[4]. Denn ein Anti-Rassist muss unterschiedliche Gruppenzugehörigkeiten unbedingt wahrnehmen, um den jeweiligen Protagonisten die gebührenden Sonderrechte zuzugestehen.

Wenn dieser kleine Exkurs genügt hat, um Sie skeptisch zu stimmen gegenüber Initiativen, gegen die eigentlich niemand etwas haben dürfte, dann hat er schon seinen Zweck erfüllt. Aber schon die Tatsache, dass es solche Initiativen in einer pluralen Welt eigentlich nie geben kann, sollte schon dazu führen.

Auch das wäre eine Folge des demokratischen Grundkonsens.

[1] Wenigstens hier gibt es eine Parallele zu „old school“-Linken: Auch dort beanspruchte eine Avantgarde wichtige Positionen für sich, natürlich immer im Namen der unterdrückten Klasse.
[2] Problematisch wird es, wenn es um „Opferhierarchien“ geht. Wer darf reden, wenn es um die Rolle von Frauen unter Schwarzen geht? Bei allem Intersektionalismus führt das immer wieder zu leidenschaftlichen Debatten bei den üblichen Verdächtigen.
[3] Für die Uneingeweihten ist es schon ein Minenfeld, wie man die „Betroffenen“ denn nennen soll. Total politisch korrekt ist der Begriff „Person of Color“ (PoC). Es sei denn, Ellen DeGeneres verwendet ihn im Zusammenhang mit „Black Lives Matter“. Auch hier gilt: Wer sich zuerst empört, hat Recht.
[4] Das meint auch der Bundespräsident.

Platz für Senf.

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