Neutraler Journalismus, gute und böse Rechte

Beim „Spiegel“ hat man es ja neuerdings nicht so sehr mit „neutralem Journalismus“, also einem, der bei strittigen Fragen auch mal andere Stimmen zu Wort kommen lässt[1]. Man will eben den Leser nicht verschrecken, der seine permanente Rotlichtbestrahlung braucht. Das ist in den Zeiten, wo es den Medien wirklich nicht gut geht, und die durch Covid-19 nochmal verschlimmert wurden, durchaus verständlich: Bleib bei deinem Markenkern, bemühe dich um deine Kunden. Es ist ja auch so, dass bei der kleinsten liberalen oder konservativen Kontamination des stramm-linken Magazininhalts sich in den „sozialen“ Medien sofort ein Sturm der Entrüstung erhebt, der letztlich dazu führt, dass jedes Mal mehr Abo-Kündigungen mitgeteilt werden als der „Spiegel“ überhaupt Auflage hat. Das braucht wirklich keiner.

Nur, dass man diejenigen, die von dem Grundgedanken nicht lassen wollen, ein Leser brauche die Auseinandersetzung mit abweichenden Stimmen, um sich – welch häretischer Gedanke und welch Anschlag auf das Konsumverhalten – selbst ein Urteil bilden zu können bzw. um das bereits feststehende auf den Prüfstand zu stellen, es vielleicht sogar in Teilen zu revidieren oder auch zu festigen, reichlich plump ein eine (neu?-)rechte Ecke stellen möchte, wie uns dieser furchtbar raffinierte Tweet eines „Spiegel“-Journalisten zeigt:

Als erstes „Tichys Einblick“ genannt, damit die Richtung klar ist, dann die NZZ, die den wackeren deutschen Mehrheitsjournalisten wegen ihrer hartnäckig abweichenden Haltung längst ein Dorn im Auge ist, und am Schluss dann auch die „Welt“ – Sie wissen, Springer und so, und dann sind da auch noch so Gestalten wie Don Alphonso und Henryk Broder vertreten.

Also: Wer nicht darauf beharrt, Meinungen mit Schwefelgeruch durch eigenen Kommentar wieder zu neutralisieren, wer „jeden Mist“ (G. Restle) veröffentlicht, der muss natürlich böse rechts sein. Weil er links ja nicht sein kann. Denn die machen das.

So geht Journalismus heute. Raunen, unterstellen, etikettieren, Fronten herstellen – kurz: Haltung zeigen! Also Linientreue, denn Haltung ist selbstverständlich nicht mit Charakterfestigkeit zu verwechseln, sondern muss gewissen inhaltlichen, also ideologischen Kriterien entsprechen.

Das ging dann sogar einem FDP-Politiker zu weit, der rechter Umtriebe bisher eher unverdächtig ist und dies sogar in seinem Widerspruch unter Beweis stellen konnte:

Und auch diese Antwort ist wieder vielsagend. Natürlich hat Lambsdorff hier Recht, wenn er darauf besteht, dass man die drei genannten Publikation nicht über einen Kamm scheren kann. Oder besser: Er hat aus seiner Sicht Recht, denn für einen wackeren Linken ist alles, was nicht für ihn ist, eine braune Einheitssoße. Drunter geht es eben nicht, man muss ständig die Menschheit retten.

Aber wie er die Differenzierung begründet, ist dann schon noch interessant. Mit der Charakterisierung der „Welt“ könnte er noch grob Recht haben. Aber bei der „NZZ“ fängt es schon an: Libertär ist die garantiert nicht. Vermutlich möchte Lambsdorff den Begriff „liberal“ eher wie in der amerikanischen Politik verstanden wissen, also vor allem als links vom Konservatismus, so dass für die Richtung, die sich auf diesem Pfad gar nicht vertreten sieht, weil sie sowohl mit zentralen Positionen der Rechten als auch der Linken nichts anfangen kann und eigene Schwerpunkte setzt, ein eigener Begriff gesucht werden muss, und das ist in den USA dann eben „libertarian“. Aber hierzulande würde man die Position der „NZZ“ eher als „klassisch-liberal bis neoliberal“ einordnen, wobei „neoliberal“ da nicht als der linke Kampfbegriff zu verstehen ist, sondern im Sinn der eigentlichen historischen Einordnung die Liberalen meint, die von der absoluten Staatsferne des klassischen Liberalismus nichts mehr wissen wollten. Die „NZZ“ war lange intensiv mit der Schweizer FDP verbandelt, und wenn eine Partei dafür steht, jedem Radikalismus abhold zu sein, dann die. In jüngerer Zeit hat insbesondere die vermehrte Beschäftigung mit der deutschen Politik (und die Gewinnung deutscher Leser wie dem Werwohlf) dazu geführt, dass in dieser Zeitung Stimmen und Meinungen zu vernehmen waren, die aus dem Werwohlf nicht nachvollziehbaren Gründen in Deutschland kaum gehört werden konnten – und das hat natürlich diejenigen geärgert, die gerne allgemeingültig durchsetzen möchten, welcher „Mist“ publiziert gehört und welcher eben nicht. Das „(zu) konservativ“ ist vor diesem Hintergrund dann auch zu verstehen, obwohl der Werwohlf auf das „(zu)“  verzichten würde.

Und mit dem bahnt sich dann an, was dann schließlich in der Bewertung von „Tichys Einblick“ zum Ausdruck kommt. Ja, diese Website vertritt vor allem Meinungen aus dem rechten Spektrum. Sie kommt dem Werwohlf in der Regel auch viel zu undifferenziert, zu krawallig, und wenn man so will, auch zu populistisch vor. Davon abgesehen sind einzelne Artikel tatsächlich lesenswert. Aber dass die Richtung dieser Publikation in irgendeiner Form „antidemokratisch“ sei, ist ein so harter Vorwurf, dass er belegbar sein muss. Der Werwohlf hat den Eindruck jedenfalls nicht, aber vielleicht ist der Demokratiebegriff des FDP-Politikers auch ein anderer. Es wäre jedenfalls interessant zu erfahren, wie dieser seine Behauptung begründet. Trotz mehrfacher Nachfrage auf Twitter blieb das allerdings bislang aus.

Natürlich tickt der deutsche Mainstream mittlerweile so, dass man eine solche Behauptung einfach so aufstellen kann, ohne groß öffentlich an den Pranger gestellt zu werden. Geht ja gegen Rechts, und da ist sie dann wieder, die bewährte Haltung.

Nur Nostalgiker wie der Werwohlf hängen eben noch diesen überholten Maßstäben wie Fairness und argumentativer Auseinandersetzung auf Augenhöhe.

[1] Wer Fairness einfordert, muss sie praktizieren: Es gibt eine publizierte Gegenmeinung im selben Magazin. Der oben zitierte Tweet lässt aber daran zweifeln, ob diese in der Redaktion viele Freunde hat.

Platz für Senf.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.