Erziehung im Windschatten

Politiker hätten ihren Beruf verfehlt, wenn sie eine Krise nicht zu nutzen wüssten. So ließen sich auch in einer Zeit, in der alle vor allem die Corona-Pandemie beschäftigt, mal eben schnell Änderungen am Straßenverkehrsrecht vornehmen, die in normalen Zeiten nicht ohne Diskussion geblieben wären, jetzt aber ohne nennenswerte Debatte hingenommen wurden.

Die Verschärfungen der Parkregeln treffen vor allem den innerstädtischen Einzelhandel. Was die Politik also mit der einen Hand aufrichten möchte (Hilfen in der Pandemie), reißt sie mit der anderen wieder ein (Erschwerung von Lieferungen und Kundenbesuchen).

Besondere Aufmerksamkeit aber verdienen die neuen Grenzen für Fahrverbote aufgrund zu schnellen Fahrens.  Mit einem einmonatigen Fahrverbot wird belegt, wer innerorts mehr als 20 km/h und außerorts mehr als 25 km/h unterwegs ist. Bisher lagen diese Grenzen bei 30 km/h bzw. 40 km/h, wobei ein wiederholtes Reißen der 25-km/h-Grenze außerorts ebenfalls mit einem einmonatigen Fahrverbot geahndet wurde.

Aus seiner Lektüre der Stellungnahmen zu diesen Maßnahmen in diversen Online-Foren muss der Werwohlf wohl schließen, dass er zu den wenigen Menschen gehört, die hin und wieder Fehler machen. Offenbar ist die Mehrzahl der Diskutanten in der Lage, in jeder Lebens- und Gemütslage stets mit der korrekten Geschwindigkeit unterwegs zu sein und kann daher mit Verachtung auf die „Raser“ herabsehen, die wie der Werwohlf nicht oft, aber eben manchmal doch mit dieser Aufgabe überfordert sind. Man muss ja schon dankbar sein, wenn einem nicht, wie sonst eigentlich üblich, nur Absicht unterstellt wird.

In den letzten Jahren konnte man den Werwohlf mit seinen 30.000 km im Jahr zur Spezies der gemäßigten Vielfahrer zählen. Nicht wenige dieser Kilometer musste er in ihm unbekannten Städten absolvieren, während er bei dichtem Verkehr und unübersichtlicher Verkehrsführung den weiteren Weg zum Ziel auszumachen versuchte, während sein Navi darauf bestand, ihn in den nächsten Stau zu schicken. Ja, in solchen Situationen kann es durchaus passieren, dass man in einer 30er-Zone mehr als 20 km/h zu schnell unterwegs ist. Weil man das Schild übersehen hat, weil hinten gedrängelt wird und weil einem keine besonderen Umstände auffallen, die sonst auch ohne offizielle Begrenzung zu einer entsprechenden Verminderung der Geschwindigkeit geführt hätten.

Man kann dem Werwohlf auch nicht vorwerfen, den erforderlichen Gruß der zahlreich aufgestellten Gesslerhüte verweigert, also auf gut ausgebauten innerstädtischen Strecken ohne Fußgänger- oder Radfahrerverkehr (gibt es in Großstädten durchaus) eine reichlich willkürlich eingerichtete Beschränkung willentlich nicht beachtet zu haben. Aber er kann es nicht für jedes Prozent seiner Fahrleistung garantieren. Dasselbe gilt für den außerstädtischen Verkehr. Dabei sind Landstraßen das geringste Problem: Dort trifft man immer auf einen Lkw, der das Tempo vorgibt. Und auf den Autobahnen war der Werwohlf schon bisher bemüht, sich kein Ticket einzufangen – so er denn die Begrenzungen immer rechtzeitig wahrnahm. Sein aktuelles Gefährt hat zwar eigentlich eine ganz gut funktionierende Erkennung von Geschwindigkeitsbegrenzungen, aber letztlich ist diese doch nicht perfekt und wer schaut schon alle fünf Sekunden dort hin?

Aber jede dieser Verfehlungen soll jetzt mit einem Fahrverbot belegt werden, das sich für viele existenzgefährdend (gerade in diesen Zeiten) auswirken kann und auch dem Werwohlf erhebliche berufliche Probleme verschaffen könnte. Ihm erschließt sich nicht, warum das noch verhältnismäßig sein sollte. Dass man Autofahrer, die bewusst zu schnell fahren, bestrafen muss, ist einzusehen, und auch für sorglose Zeitgenossen muss es eine Grenze geben. Aber was sollte dem Werwohlf der „Denkzettel“, der von den Unfehlbaren als Mittel der Wahl so gelobt wird, nutzen? Sollte er sich entscheiden, in der Stadt nur noch mit weniger als 50 km/h unterwegs zu sein? Ist das die Absicht? Und wie sollte er sein Verhalten außerorts ändern, wo praktisch alles an Begrenzungen vorkommen kann? „Pass halt besser auf!“ wäre da ein wenig hilfreicher Vorschlag – also ob es an einem irgendwo einen Schalter gäbe, mit dem sich das regeln ließe. Bei Menschen muss man aber leider damit rechnen, dass sie nicht allen Situationen hundertprozentig gerecht werden können.

Eine Ausbildung zum Navy-SEAL oder Minentaucher der Bundeswehr kommt für den Werwohlf auch nicht mehr in Betracht – selbst wenn sie das je getan hätte…

Mit solchen Gesetzen trägt der deutsche Staat nicht gerade zur Akzeptanz von Regelungen bei, die wirklich sinnvoll sind – da hat die Lust am Maßregeln der Bürger wohl leider mal wieder die Oberhand bekommen. Bei aller Merkel-Mania: Auch Unionswähler sollten das bedenken.

2 Gedanken zu „Erziehung im Windschatten

  1. Frank

    Werter Werwolf,
    wie ich in einem anderen Forum schon schrieb:
    „Für mich steht und fällt eine menschenwürdige Gesellschaft damit, dass Gesetze „atmen“. Entweder, in dem im Gesetz selbst ein Spielraum vorgesehen ist. Oder in dem bei der Durchsetzung mit Augenmaß gehandelt wird.“

    Für mich ist offensichtlich, dass im Zusammenhang mit dem motorisierten Individualverkehr inzwischen sehr regide staatliche Maßnahmen stattfinden. Genau die staatliche Autorität, die ansonsten wahlweise „nicht möglich ist“ oder „unmenschlich wäre“, wird bei den PKWs und LKWs maximal ausgeschöpft.
    Wie steht es denn mit der staatlichen Autorität (= strenge Gesetze gepaart mit tatsächlicher Durchsetzung) bei so Themen wie:
    – Drogenhandel
    – Kleinkriminaliät
    – Illegale Grenzübertritte
    – „Zivilem Ungehorsam“ und Sachbeschädigung gegenüber bestimmten Unternehmen
    – „Aktivistischen Maßnahmen“ wie das Abfackeln von Autos von unerwünschten Mitmietern („Gentrifizierung“ in Berlin)

    Ich kann aus dem Stegreif noch ein Dutzend weitere Bereiche aufzählen, bei denen der Staat entweder die Gesetze bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen hat oder Gesetze schlicht nicht mehr angewendet werden. Aber beim motorisierten Verkehr… da kann der „moderne“ Politiker im Auftrag seiner Latte Machiato-Wähler noch zeigen, wo der Hammer hängt.
    Gruß
    Frank2000

    Antwort
    1. Werwohlf Autor

      Ich will es mal so sagen: Es ist schwer, diesen Eindruck zu widerlegen. Der Staat, oder besser: die Vertreter der Parteien, die in diesem Staat die wichtigsten Positionen besetzen, geht gerne den Weg des geringsten Widerstands. Und die Medien tragen dazu bei, indem sie steuern, wogegen in diesem Land quasi offiziell Widerstand geleistet werden darf und wogegen nicht.

      Antwort

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