Gedanken zu Hanau

Disclaimer: Zu dem Zeitpunkt der Abfassung dieses Beitrags sind noch nicht alle Hintergründe der Hanauer Morde geklärt. Neue Fakten könnten eine neue Bewertung verlangen. Aber zum selben Zeitpunkt gehen alle Kommentare von derselben Sachlage aus, und auch darum geht es im Folgenden.

Kann man sich den Schrecken ausmalen, den die Bluttat von Hanau ausgelöst haben muss? Zunächst bei den Opfern, dann bei deren Angehörigen und Freunden? Kaum – zumindest der Werwohlf ist sich sicher, dass selbst ein Höchstmaß von seinem Einfühlungsvermögen dazu nicht ausreichen wird.

Menschen sitzen nichtsahnend und friedlich in einer Bar, als ein Mann hinein kommt, der keinen von ihnen kennt, aber fest überzeugt davon ist, sie hier und jetzt niedermetzeln zu müssen, weil sich bei ihm rassistische Vorstellungen mit einer Geisteskrankheit gepaart haben. Dieser Mann hat eine Schusswaffe dabei, die ihm dieser Staat erlaubt hat zu besitzen. Als er die Bar wieder verlässt, sind mehrere Menschen tot, einige verletzt. Er hat Väter getroffen, Brüder und wohl auch eine Mutter.  Das damit verbundene Leid, das so plötzlich über viele Familien hereinbricht, erinnert in seinem Ausmaß an den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz.

Es gehört zu den üblichen Methoden, solche Taten zu verarbeiten, dass man den oder die Schuldigen möglichst rasch gefasst und streng bestraft sehen will. Auch das hat der Hanauer Attentäter den Hinterbliebenen versagt. Er brachte zum Schluss nicht nur sich um, sondern auch seine Mutter, bei der er noch gewohnt hatte. Die Rolle des Vaters, der an diesem letzten Tatort ebenfalls angetroffen wurde, allerdings unverletzt, blieb bis zur Abfassung dieses Blogbeitrags dubios[1].

Medien und Politik fanden allerdings noch andere Schuldige, und zwar in Form der AfD. Sie wurde zum „geistigen Brandstifter“ erklärt und für die Tat mitverantwortlich gemacht. Der übliche Vorwurf lautet, sie schaffe mit ihren Aussagen ein „Klima“, das Täter wie den in Hanau zu ihren Taten ermutige. Wer auf die angesichts seiner wirren „Manifeste“ und deren Kommunikation an Behörden wohl kaum noch zu bezweifelnde Geisteskrankheit hinweist, wird in der Regel belehrt, er mache es sich damit „zu einfach“[2]. Die einzigen vernehmbaren Stimmen, die sich gegen diese Auffassungen wenden, kommen von der AfD selbst. Vielleicht auch aus Vorsicht, denn der eine oder andere für seine extremen Ansichten bekannte prominente Twitterer scheut sich nicht, gleich auch noch die Namen von maßgeblichen Kritikern der herrschenden Politik der letzten Jahre mit an den Pranger zu stellen.

Nun wäre es außerordentlich naiv, von Politikern zu verlangen, solche Taten nicht zu „Instrumentalisieren“. Die politische Bewertung und Einordnung gehört im Gegenteil geradezu zum Pflichtprogramm, und zwar als Voraussetzung etwaiger erforderlicher Konsequenzen. Heuchlerisch aber ist es, wenn diese Forderung selektiv erhoben wird, was leider mittlerweile zum Standard geworden zu sein scheint. Der Hanauer Anschlag war noch nicht sehr alt, da wussten AfDler schon, dass „Merkel“ und der „Multikulturalismus“ mitverantwortlich seien, was im einen Fall reichlich dämlich ist und im anderen einer Täter-Opfer-Umkehr zumindest nahe kommt. Auf der anderen Seite droschen auch jene binnen kurzem auf die AfD als angeblichem Mitschuldigen ein, die bei islamistischen Anschlägen sofort empörte Tweets abzusondern pflegen, man möge doch jetzt erst mal den Opfern gedenken und jedes politische Ausschlachten der grausamen Tat sei äußerst infam.

Der Werwohlf versteht aber das mit dem angeblich von der AfD geschaffenen Klima nicht so richtig. Zu dessen Beleg werden gerne Äußerungen herangezogen wie dem Dritten Reich als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte, dass man Jerome Boateng „nicht als Nachbarn“ haben wolle (Gauland), oder dass das Holocaust-Denkmal in Berlin ein „Denkmal der Schande“ sei und eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ erforderlich sei. Alles Aussagen, die zu Recht Kritik auf sich gezogen haben, aber wie hat man von ihnen auch anders erfahren als eben im Zusammenhang mit heftiger Kritik? Das meiste davon wäre in einem kleinen Kreis untergegangen, der vermutlich schon vorher ähnlich gedacht haben dürfte[3], aber an die Öffentlichkeit kam es, weil diverse Journalisten und Politiker es aufgriffen und scharf verurteilten. Zur Schaffung eines „Klimas“ hat doch offensichtlich nur das die nötige Durchschlagskraft – das „Klima“ müsste also eins sein, dass der AfD und ihren Positionen feindlich gegenüber eingestellt ist.

Was sich irgendwelche Deppen in Hinterzimmern oder geschlossenen Chatrooms zurechtreimen, dürfte wohl kaum als „Klima“ bezeichnet werden können. Von daher sind die vielen Aufrufe, jetzt öffentlich einzustehen gegen „alles, was rechts ist“ (wo man schon mal dabei ist), reichlich unverständlich, denn öffentlich findet schon lange nichts anderes mehr statt. Aber das Gerede vom „Klima“ hat einen großen Vorteil: Der Zusammenhang Aussage-Klima-Tat ist nicht widerlegbar und kann daher beliebig behauptet werden, Das erklärt seine Beliebtheit. Würde man behaupten, bestimmte Aussagen hätten den Täter zur Tat getrieben, ließe sich dies noch in Zweifel ziehen, indem man keinerlei Indizien dafür findet, dass der Täter diese Aussagen in irgendeiner Form rezipiert hätte. Aber das von diesen geschaffene „Klima“, das wabert eben irgendwie so durch die Gegend und erwischt dann auch diejenigen, die von ihnen selbst nie etwas gehört haben.

Es kommt noch eins hinzu. Der Hanauer Täter hat mit hoher Wahrscheinlichkeit die AfD überhaupt nicht zu seiner Tat gebraucht. Er hat, neben anderen Wahnvorstellungen, schon rassistische Weltbilder vertreten, bevor es die Partei überhaupt gab. Und es wird wohl auch keiner behaupten wollen, für den Mord an der Mutter sei die AfD ebenfalls mitverantwortlich.

Es gibt bei vielen Journalisten und Politikern offensichtlich das große Verlangen, die Tat von Hanau in einen großen Zusammenhang zu stellen, um als Gegenreaktion die gewünschten umfassenden Maßnahmen gehen „rechts“ (also zunächst die AfD, aber wenn es nach dem Willen prominenter SPD-Mitglieder geht, gleich auch noch die „Werteunion“ in der CDU) zu legitimieren. Es gibt aber auch keinen schlechteren Anlass dazu als ausgerechnet diesen Geistesgestörten.

Mit dieser Meinung hat der Werwohlf sich jetzt natürlich verdächtig gemacht. Er wolle damit den Rechtsextremismus „relativieren“ oder „verharmlosen“. Damit muss er leben – die Differenzierer der einen sind die Relativierer der anderen. Der Werwohlf hat aber auch keinen Grund dazu. Dennoch ist aus seiner Sicht die Gruppe, die vor kurzem ausgehoben wurde und die durch Anschläge u.a. gegen Migranten bürgerkriegsähnliche Zustände heraufbeschwören wollte[4], das viel passendere Exempel. Diese Leute gingen planvoll vor. Sie hatten eine Ideologie sowie ein konkretes Ziel, sie sprachen sich ab und sie beschafften sich organisiert die Mittel, um ihre Taten begehen zu können. Dass jetzt Tote auf das Konto eines Irren gehen, lenkt die Aufmerksamkeit von dieser Gruppe den Mediengesetzen zufolge ab, aber wenn diese Leute hätten losschlagen können, wären ihnen vermutlich noch viel mehr Menschen zum Opfer gefallen. Dass die Gruppe zerschlagen wurde, zeigt übrigens auch, dass der Rechtsstaat diese Bedrohung ernst nimmt. Man weiß aber von den islamistischen Tätern, dass die isolierten unter ihnen mit unseren rechtsstaatlichen Mitteln kaum zu greifen sind. Wo keine Strukturen da sind, kann man auch keine erkennen – höchstens hinterher von ihnen raunen, um die eigene Agenda voran zu treiben. Und wenn der spätere Täter vorher nicht zu erkennen gibt, was in ihm vorgeht und was er vorhat, dann kann auch niemand gewarnt sein. Wenn die Polizei also Glück hat, kann sie durch die Überwachung von Websites, Chatrooms oder Foren auf solche Täter aufmerksam werden – aber wie weit soll sie da gehen dürfen?

Erschreckend ist aus Sicht des Werwohlfs vor allem, dass der Mörder[5] von Hanau legal eine Schusswaffe besaß, obwohl er vorher mindestens einer Behörde einige seiner wirren Gedanken mitteilte. Die hohe Zahl der Opfer ist wesentlich diesem Umstand geschuldet.

Es ist völlig klar, dass unter den in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund jetzt Angst herrscht. Sie wissen, dass da draußen zwei Arten von potenziellen Tätern herumlaufen, die es auf ihr Leben abgesehen haben: Wahnsinnige und Extremisten. Gegen letztere kann der Staat etwas tun, mit polizeilichen Mitteln. Aber wie bei den Islamisten ist dort keine Vorsorgequote von 100% garantiert. Den Irren sollte man zumindest die Schusswaffen aus der Hand nehmen, z.B. durch regelmäßige Überprüfungen der Besitzer solche Waffen.

Es wird die Angst nicht zum Verschwinden bringen, aber es ist richtig und angemessen, wenn jetzt möglichst viele zeigen, dass Mitmenschen vor allem Mitmenschen sind, und dass, auch wenn sich die Bedrohung eben nicht gegen „uns alle“ richtet, sie uns alle angeht und entsprechend ernst genommen wird. Und wenn es jetzt erstmal darum geht, Nachahmungstäter zu verhindern.

[1] In die Twitter-Timeline des Werwohlfs werden jetzt immer wieder Berichte gespült, nach denen die offizielle Darstellung der Vorgänge falsch sei. Zum Beispiel habe es sich um mehrere Täter gehandelt, und die Polizei habe vorher Bescheid gewusst. Der Werwohlf rechnet sowas zum üblichen Werfen von Nebelkerzen, das aus einer Mischung aus politischem Interesse und Gier nach Aufmerksamkeit herrührt.
[2] Besonders kompliziert muss es demnach sein, die AfD verantwortlich zu machen, ohne einen konkreten Bezug herstellen zu können.
[3] Um dem Affen Zucker geben zu können, muss erstmal ein Affe da sein…
[4] Dieses Ziel dürfte unrealistisch gewesen sein, aber Opfer hätte es gegeben.
[5] Morde im strafrechtlichen Sinn dürften wir hier wegen Schuldunfähigkeit des Täters nicht haben, aber das ist auch kein Juristenblog hier…

P.S.: Es geht übrigens auch nicht darum, die AfD zu verharmlosen. Aber Kritik wird unglaubwürdig, wenn sie den falschen Anlass wählt. Der Werwohlf liest übrigens gerade in Höckes Interview-Buch, um ein besseres Bild von diesem Mann zu gewinnen. Aber das wird ein anderer Blogbeitrag.

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