Was zu Antisemitismus und seinen Quellen (75 Jahre Auschwitz-Befreiung)

Am 27. Januar wurde an vielen Orten, insbesondere natürlich in Israel und in Deutschland, der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 75 Jahren durch die Rote Armee gedacht[1].

Wellen schlug da nicht nur ein Kommentar in den „Tagesthemen“, der nach Ansicht vieler allzu oberlehrerhaft Gedenknoten verteilte, und zwar ausgerechnet auch noch zwischen „gut“ für den deutschen Bundespräsidenten und „mangelhaft“ für den Veranstalter Israel. Wellen schlug auch ein Kommentar des CDU-Nachwuchspolitikers Philipp Amthor, wonach „Antisemitismus, das darf man nicht vergessen, [ ] vor allem in muslimisch geprägten Kulturkreisen besonders stark vertreten“ sei, verbunden mit einer Aufforderung an Zuwanderer, sich an die hiesige Kultur zu halten. Dass diese Aussage sofort auf Protest stieß, ist nicht so sehr verwunderlich, gerade wenn man sie mit einem Tweet von Friedrich Merz vergleicht, den dieser anscheinend durch die so entstandene Debatte provoziert, am selben Tag veröffentlichte:

Der Unterschied besteht hier vor allem im Einschub „überwiegend von rechts“. Aber auch der wurde von den Kritikern übergangen, und so erntete Merz dieselbe Art Kritik, der sich auch Amthor aussetzen musste. Anscheinend ist die Erwähnung von anderen Antisemiten als Deutschen an einem solchen Gedenktag nicht angebracht[2]. Was den Werwohlf im Zusammenhang etwas verwundert. Um diese Verwunderung zu verdeutlichen, sei in Folge ein Twitter-Thread des Politikwissenschaftlers Carlo Masala zitiert und diskutiert. Der Thread beginnt mit diesem Tweet

und wird der besseren Lesbarkeit halber hier weiter als Text gebracht (Rechtschreibung wie im Original):

Es geht nicht um die Frage, ob es nicht auch muslimischen und linksextremen Antisemitismus gibt. Den gibt es und kaum ein vernünftiger Mensch würde dies leugnen. Es geht um die en passant Erwähnung des muslimischen Antisemitismus am 27. Januar in einem Zusammenhang mit dem Gedenktag der Befreiung des KZ Ausschwitz. Dadurch wird die Einzigartigkeit des Holocaust relativiert. Damit werden all jene Gemüter bedient, die ohnehin schon finden, dass es mal Schluß sein müsse mit dem deutschen „Schuldkomplex“, weil die 4 Generation nun wirklich nicht mehr für die Taten ihrer Urgroßväter und -mütter verantwortlich gemacht werden können. Sie schreiben: „Zum anderen dürfen wir aber auch nicht aus falsch verstandener Rücksichtnahme den Antisemitismus gewisser muslimischer Kreise leugnen.“ Das macht in Deutschland eine kleine Minderheit und definitiv nicht staatliche Stellen. Ihr Argument zielt doch vielmehr auf ein anderes, altbekanntes Narrativ ab, nämlich, dass wir in Deutschland politisch verordnete Redeverbote haben. Auch hier das Navigieren im Fahrwasser der #AfD Narrative. Die ausschließlich deutsche Verantwortung für den Holocaust wird in ihrem tweet relativiert. Hier geht es nicht um PC, hier geht es darum, einer bestimmten Klientel zu suggerieren, dass auch andere schlimm sind. Darüberhinaus wird der muslimische Antisemitismus dezidiert von ihnen in der Zeit nach 2015 verortet. Und damit sind wir beim Lieblingsthema der AfD Wähler, der Flüchtlingskrise. Wie anders kann ihr tweet eingeordnet werden, als der Versuch bestimmten Menschen zu suggerieren, dass sie mit ihrer Islamophobie und der Ablehnung der Flüchtlingspolitik ( weil seitdem ja Messermänner, Vergewaltiger, Terroristen und Judenhasser nach DEU geholt wurden) gar nicht mal so falsch liegen? Ich stimme ihrem Schlußsatz, dass jeder Antisemitismus bekämpft und ausgerottet werden muß, ausdrücklich zu. Aber der 27. Januar jeden Jahres ist dafür kein geeigneter Anlaß.

Das Problem des Werwohlfs beginnt schon mit der Behauptung, die Bemerkung Merz‘ relativiere die „Einzigartigkeit des Holocaust“. Um das zu verhindern, dürfte man aktuellen Antisemitismus erst gar nicht erwähnen, denn dessen Folgen sind in der Tat vom Holocaust noch weit entfernt. Aber genau das Gegenteil wurde in allen Gedenkreden getan. Man verstand den Holocaust, einzigartig wie er war, als Mahnung, um nicht nur gegen heutigen Antisemitismus, sondern auch gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit oder gar Islamophobie vorzugehen. Kann man das, wenn man damit nicht auch z.B. alle Formen des Antisemitismus adressiert?

Den Holocaust relativiert doch nicht, wer den heutigen Antisemitismus durch Motive befeuert sieht, die es zur damaligen Zeit noch gar nicht gab, oder zumindest nicht in dem Umfang und nicht so weit in der Welt verbreitet. Die Einzigartigkeit des Holocausts besteht nicht darin, dass Deutsche die Täter waren, sondern in seinem Ausmaß und der heute unvorstellbar kalten und rationellen Art und Weise seiner Durchführung. Die Erwähnung moderner Quellen des Antisemitismus ändert daran überhaupt nichts.

Warum der Tweet Merz‘ dazu taugen soll, die Befürworter eines „Schlussstrichs“ zu ermutigen, erschließt sich dem Werwohlf ebenfalls nicht. Diese nervt ja vor allem die Erwähnung der historischen Tatsache an sich und weniger der Appell an heutige Tugenden. Dass es keine vererbbare Schuld gibt, ist wohl Konsens. Aber eine interessante Frage angesichts des immer „bunter“ werdenden Deutschlands wäre ja schon, inwieweit Zuwanderer überhaupt diese besondere Verantwortung für sich annehmen können, die man als Deutscher statt der Schuld mitbekommen hat. Deren Vorfahren waren schließlich im Zweifel nicht die Täter. Und das wiederum wirft die weitere Frage auf, ob es in diesem Land einen Teil der Bürger geben kann, der eine besondere Verantwortung kraft Abstammung empfindet und einen Teil, der das nicht tut[3]. Und was das für politische Implikationen hat.

Das Schema, man „bediene“ mit einer bestimmten Meinung oder Äußerung „AfD Narrative“ ist in dieser oder ähnlichen Varianten aus Sicht des Werwohlfs intellektuelles Discounter-Niveau. Dieses „Argument“ nimmt nicht zur Sache Stellung, sondern soll über die Herstellung von Verwandtschaft moralisch diskreditieren. Man braucht daher nicht darauf einzugehen, an dieser Stelle passiert es dann aber doch noch mal: Merz erwähnt keine Redeverbote. Vielmehr dürfte er sich an dieser Stelle auf das Echo beziehen, dass sein Parteifreund Amthor wegen seiner Äußerungen geerntet hat. Der inhaltliche und zeitliche Zusammenhang jedenfalls machen diese Interpretation aus Sicht des Werwohlfs wahrscheinlicher als die zu sehr auf Standard-Reflexe zurückgreifende Kritik Masalas.

Was die Kritik an Merz‘ Bezug auf den Flüchtlingsstrom 2015/16 betrifft, so kann der Werwohlf auch darin nichts besonders Verwerfliches erkennen. Wäre es besser, wenn Merz konstatiert hätte, in der einheimischen muslimischen Bevölkerung wäre der Antisemitismus schon vorher gewachsen? Hätte das der AfD ihre Argumentation aus der Hand geschlagen? Man kann natürlich in all seinem Abscheu vor der AfD die Meinung vertreten, dass deren Positionen mit der Wirklichkeit überhaupt nichts zu tun hätten. Ob das dabei hilfreich wäre, Erfolge dieser Partei zu verhindern, darf man aber bezweifeln.

Noch ein Wort zu Merz‘ Einschub, der Antisemitismus komme heute „überwiegend von rechts“. Es scheint leider vielmehr so zu sein, dass man solche Aussagen gar nicht sinnvoll treffen kann, weil das zugrunde liegende Datenmaterial nicht trennscharf ist. Es ist nicht unüblich, dass antisemitische Delikte pauschal als „von rechts“ in den Statistiken erfasst werden, auch wenn dahinter linke „Israelkritik“ oder muslimischer Judenhass stecken. Umfragen unter europäischen Juden lassen die angebliche Dominanz rechten Antisemitismus als fraglich erscheinen. Aber wie Masala selbst auch erwähnt: Es gibt mehrere Quellen für Antisemitismus. Das ist schon deshalb wichtig, weil sie jeweils eine unterschiedliche Vorgehensweise erfordern, wenn es um ihre Eindämmung geht.

Antisemitismus wird man wohl nicht abschaffen können. So wie viele andere üble Triebe und Hirngespinste auch nicht. Aber das Mindeste, was ein Staat leisten muss, sollte sein, seine jüdischen Bürger und Gäste vor antisemitischer Gewalt zu schützen und Täter konsequent zu verfolgen. Darüber hinaus ist in diesen Tagen auch ein klares Bekenntnis zum Staat Israel erforderlich – und da kann man den deutschen Außenminister schon mal fragen, wie sich sein wie eine Monstranz vorgetragenes Bekenntnis, „wegen Auschwitz“ in die Politik gegangen zu sein, in den UN-Abstimmungen zu Israel niederschlägt.

Man kann sich den Pelz nicht waschen, ohne sich nass zu machen. Wenn wir nur über den Holocaust reden wollen, dann reden wir über jüdische Opfer und deutsche Täter. Wenn wir uns aber mit heutigem Antisemitismus auseinandersetzen, dann sollten wir das auch so tun, dass die Diskussion und die Maßnahmen der Materie auch gerecht werden. Die „Relativierung“, die da als Vorwurf aufscheint, wäre schon da, sobald wir das eine mit dem anderen verbinden. Nicht erst, wenn wir in beiden Fällen aufrichtig sind.

[1] Der Werwohlf hat es schon mal erzählt, aber weil es oberflächlich passt: Er sah den Film „Schindlers Liste“ zum ersten Mal in einem Kino in Budapest, in Englisch mit wenig hilfreichen ungarischen Untertiteln. Gegen Ende des Films erreichen russische Soldaten die zurückgelassenen „Schindler-Juden“ und teilen ihnen mit: „You are liberated by the Soviet Army!“ Das Kino brach daraufhin in Gelächter aus. Aber natürlich kann kein Zweifel bestehen, dass es sich bei der Befreiung von Auschwitz unabhängig von den späteren Regimen im Osten Europas um eine solche handelte – die Ungarn haben das damals (war in den frühen 90ern) nur zu sehr auf sich bezogen.
Der Einfluss von „Schindlers Liste“ auf den Werwohlf kann übrigens nicht hoch genug eingeschätzt werden. Anscheinend hat Spielberg genau die passenden Rezeptoren erwischt, um ihm das Grauen des Holocaust emotional so nah wie möglich zu bringen (was im Vergleich immer die Mickey-Mouse-Version sein muss).

[2] Man darf den Gedenktag aber selbstverständlich dazu verwenden, die AfD in dessen Zusammenhang zu bringen. Dass Söder daraufhin eine Relativierung des Holocaust vorgeworfen worden wäre, konnte der Werwohlf seltsamerweise bisher nicht feststellen.
[3] Ganz ohne Antisemitismus zu unterstellen.

Ein Gedanke zu „Was zu Antisemitismus und seinen Quellen (75 Jahre Auschwitz-Befreiung)

  1. Eloman

    Es wäre in diesem Zusammenhang vielleicht erwähnenswert dass nicht nur der damslige Großmufti von Jerusalem größer Hitler‘ und Naziverehrer war sondern dass er sehr an den deutschen Methoden der Judenvernichtung interessiert war und diese gerne auf orientalische Art adaptiert bei den Juden Palästinas und des weiteren Vorderen Orients angewendet hätte.

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