Zur Geschichte eines Tweets

Diese Woche wurde der Werwohlf auf Twitter geadelt. Ein Tweet von ihm lag bei (Stand bei Abfassung dieses Blogbeitrags) über 1.700 Likes und 300 Retweets, was für Twitter-Prominenz natürlich lachhaft, für den kleinen Account des Werwohlfs hingegen so ungefähr ein Hundertfaches der durchschnittlichen Reaktionen darstellt. Und prompt handelte er sich auch noch eine Meldung an Twitter ein. Um diesen Tweet ging es:

Die Vermutung, dass die Zustimmung bei Grünen und allgemein Linken eher gering gewesen sein dürfte, ist wohl so abenteuerlich nicht. Tatsächlich scheinen Twitter-User aus dem rechten Spektrum sich vor allem darüber gefreut zu haben, dass da einer Robert Habeck als Frau – ja was? Bezeichnete, entlarvte, diffamierte? Mit etwas Einfühlungsvermögen in die entsprechende Szene kann man diesen Gedanken auch folgen: Habecks Bild ist das eines Softies, der hoch-kompatibel ist zum feministischen Anspruch seiner Partei. Damit wäre er dann kein „richtiger Mann“ mehr, und der Typ, der das als erster ausspricht, kann mit Beifall rechnen.

Nun sind das allerdings keine Kategorien, die für den Werwohlf relevant wären. Unter Männern und Frauen gibt es solche und solche, und er wäre ein sehr inkonsequenter Gegner von Geschlechterquoten, nähme er etwas anderes an.

Die Motivation für den Tweet war daher auch eine entsprechende. In einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ behauptete die stellvertretende SPD-Vorsitzende Klara Geywitz:

Als Frau in der Politik reagiere ich sensibel darauf, wenn Frauen mit anderen Maßstäben gemessen werden als Männer. Ich beobachte, dass vor allem an Saskia Esken sehr harte und hämische Kritik geübt wird. Weil sie eine Frau ist, wird sie in den Medien negativer beurteilt als Norbert Walter-Borjans. Das ist unfair.

Das wurde von der Zeitung in der Überschrift verkürzt zu:

Saskia Esken wird negativer beurteilt, weil sie eine Frau ist

Nun hat der Werwohlf selbstverständlich mitbekommen, welche Häme sich über Frau Eskens z.B. auf Twitter ergossen hat. Aber diese bezog sich fast ausschließlich auf konkrete Tweets der SPD-Vorsitzenden –  ihr Ko-Vorsitzender wurde vor allem deswegen weniger heftig angegangen, weil er sich auf diesem Medium nicht äußerte. Und ein Alleinstellungsmerkmal hat Frau Eskens damit auch nicht: Die ähnlich eifrigen Twitterer und SPD-Politiker Ralf Stegner und Karl Lauterbach können sich in der Regel vergleichbarer Reaktionen „erfreuen“. Damit muss die Behauptung Geywitz‘ als Versuch gewertet werden, vom Anlass der Kritik abzulenken und diese moralisch zu entwerten.

Es ist nicht das erste Mal, dass Kritik an den Äußerungen einer Person mit Ressentiments gegen eine Gruppe „erklärt“ wird, der diese Person angehört. Wer die Aussagen eines Menschen kritisiert, der zufällig auch Jude, Frau, Nicht-Weißer, Muslim oder Homosexueller ist oder sonst einer Gruppe angehört, für deren Herabsetzung es einen Begriff gibt, muss meist nicht lange warten,  um als Antisemit, Chauvinist, Rassist, Islamo-, Homo- oder XY-phober angegangen zu werden – diese Taktik ist so beliebt, dass sie quer durch das politische Spektrum angewendet wird.

Den Werwohlf nervt das. Und als er dann mitbekam, wie sich ein Kritikhagel über Robert Habeck ergoss, weil er als unpassend empfundene Bemerkungen über den amerikanischen Präsidenten nach dessen Davos-Rede machte, dachte sich der Werwohlf, man könne die Bemerkung von Frau Geywitz oder besser die verkürzende Überschrift des „Tagesspiegel“ ins Lächerliche ziehen, indem man sie auf diesen neuen Tatbestand anwendet.

Dass das Ganze dann auch nicht beabsichtigt, aber wohl unvermeidlich auch als Spitze gegen die auf Twitter immer wieder hochkochenden Empörungsschlachten um Menschen verstanden werden konnte, die sich im falschen Geschlecht fühlen, nahm der Werwohlf billigend in Kauf.

Twitter ist schon ein eigener Planet.

Platz für Senf.

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