Das Imperium schlägt zurück

Erst der „Welt“-Autor Alan Posener, jetzt Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble: We proudly present the return of the Klarnamenpflicht. Sowohl der Journalist als auch der Politiker ertragen „Hass und Hetze“ im Netz nicht länger und verlangen, dass das Gegenüber „Gesicht zeigt“ – damit man seiner bei Bedarf leichter habhaft werden kann, natürlich. An anderer Stelle verwies der Werwohlf schon einmal darauf, dass es kein Zufall ist, wenn diese Forderungen von „Meinungsprofis“ kommen. Ihre Durchsetzung hätte für sie auch wirklich ein Gutes. Zwar verschwänden natürlich „Hass und Hetze“ nicht aus dem Netz, wie zahlreiche unter „Klarnamen“ veröffentlichten Kommentare in den sozialen Netzen zeigen, aber sie bekämen wieder ein kräftiges Stück Diskurshoheit zurück, weil viele Meinungen der vielen „Amateure“ da draußen, also aller, die nicht der labernden Klasse angehören, dann öffentlich ungeäußert bleiben werden, die Mehrzahl von ihnen auch frei von „Hass und Hetze“ (es sei denn, man folgt dem üblichen „Snowflake“-Sprech und bezeichnet so jede Gegenmeinung zur eigenen). Ob das der Demokratie wirklich dient, darf man gerne bezweifeln. Man merke: Nicht alles, was der labernden Klasse nutzt, ist auch gut für den Rest.

Abgesehen vom durchschaubaren Eigennutz hinter diesen Forderungen ist auch noch darauf hinzuweisen, dass die Befürworter falsche Analogien anführen. Das Netz bildet nicht nur Gesprächs- und vielleicht auch Demonstrationssituationen ab – es protokolliert sie und stellt sie weltweit bis in alle Ewigkeit jedermann zur Verfügung.  Einen Meinungsprofi der labernden Klasse stört das nicht: Bei ihm sind politisches Engagement und Beruf eins geworden. Aber es war vor den Zeiten des Internets eben nicht üblich, dass jemand, mit dem man vorher noch nie in Kontakt trat, in Minutenschnelle ermitteln kann, welche politische Einstellung man hat und was andere davon halten. Im Gegensatz zu den Meinungsprofis sind die Rollen von politischem Engagement, Beruf und Privatleben bei uns Normalos in der Regel getrennt. Selbst wenn jemand als prononcierter Leserbriefschreiber bei seiner Lokalzeitung berühmt-berüchtigt war, bekam dessen Geschäftspartner aus einem anderen Landkreis davon in der Regel nichts mit. Und wenn man später an einen Ort innerhalb des Landes umzog, erst recht nicht. Nicht nur das: Auch die Lebensphasen ließen sich relativ gut isolieren. Den Mist, den man als – Vorrecht der Jugend – Radikalinski mal irgendwo irgendwann verzapft hat, sähe man als Meinungsamateur ohne Internet in der Regel nie wieder. Das Netz aber bewahrt es für alle auf, und es wird einen sein Leben lang begleiten. 

Es geht auch gar nicht mal um besonders radikale Meinungen. Aus gutem Grund muss niemand in Einstellungsgesprächen seine politische Präferenz angeben, selbst wenn er Mitglied einer Partei ist, gerne abends in der Kneipe seine Meinung äußert oder hier und da an Demonstrationen teilnimmt, auch wenn das alles unter Klarnamen und ohne Vermummung geschieht. Es ist aber für jede Personalabteilung ein Leichtes, sich ein umfangreiches Bild von der politischen Richtung eines Kandidaten zu verschaffen, wenn dieser nur noch unter seinem echten Namen Kommentare veröffentlichen dürfte. Unter Geschäftspartnern gilt Ähnliches. Der Werwohlf hätte keine Probleme, jemandem, den er als Geschäftspartner gewinnen will, seine politische Präferenz zu offenbaren, aber er fände die Frage schon seltsam. Und wenn jemand dann noch die Schwefelpartei nennte, müsste er befürchten, dass es mit dem Geschäftskontakt vorbei wäre. Eine Situation, wie sie in Vor-Netz-Zeiten wohl nie eingetreten wäre. 

Oder nehmen wir die „Shitstorms“. Wie wäre es einem „Don Alphonso“ nach seinem „Quittungs-„Tweet wohl ergangen, wäre er nicht Mitglied der labernden Klasse und bei einem Unternehmen beschäftigt, das schon deutlich heftigerem politischen Widerstand standhielt? Sein Klarname ist bekannt, sein Arbeitgeber ist es – und es hat demzufolge nicht an Versuchen gemangelt, dieses Arbeitsverhältnis zu beenden. Siemens‘ Joe Kaeser hätte, so schnell wie er mit Aufsichtsratsposten um sich wirft, wenn er auf Kritik stößt, einen derartigen Störenfried wohl längst entsorgt. Allein schon, um „Schaden vom Unternehmen abzuwenden“, dürften sich Mitarbeiter, deren Meinungen zu Shitstorms führen und deren Arbeitgeber bekannt wird, bald um neue Arbeitsplätze umsehen, was allerdings schwierig werden dürfte, weil der neue Arbeitgeber damit rechnen müsste, ähnlich angegangen zu werden. Das ist aus Sicht der Aktivisten auch der gewünscht Effekt: Die Existenz des politisch Andersdenkenden soll vernichtet werden. Schon jetzt ist kommunalpolitisches Engagement in Gefahr, weil Bürger aus Angst vor Repressalien nicht mehr kandidieren wollen – da drohen die Rechtsextremen den Linken und Bürgerlichen, da drohen die Linksextremen den Rechten und Bürgerlichen. Und Brandanschläge, Farbattacken, körperliche Gewalt und zugesendete Patronenhülsen untermauern diese Drohungen. Wer gerne möchte, dass sich nicht nur die Personen zurückziehen, sondern mit ihnen auch ihre Meinungen, der soll bitte dann auch offensiv damit für die Klarnamenpflicht werben. Oder sonst darlegen, wie er diese Folgen vermeiden will. 

Vielleicht muss man den Meinungsprofis zugute halten, dass sie sich die Lage von normalen Bürgern, die sich politisch engagieren, gar nicht mehr vorstellen können. Aber dann solle man sie damit bekannt machen. 

3 Gedanken zu „Das Imperium schlägt zurück

  1. n_s_n

    Ich würde mich unter Klarnamen im Internet niemals politisch äußern. Die meisten Gründe dafür hast du gut dargelegt. Für mich hiesse Kalrnamenpflicht, ausser bilateraler Austausch mit Menschen die ich kenne, keine Kommunikation mehr.

    Die Gefahr wäre viel zu hoch, dass im privaten Leben ansonsten Sanktionen folgen, welche mein bisheriges Leben so nicht mehr möglich machten. Ob Beruf, schulpflichtige Kinder, das Zuhause: Man muss sich nur anschauen, was Menschen und ihren Familien widerfahren kann, die (aus Sicht des ein oder anderen) nicht konforme Meinungen vertreten. Und da spreche ich nicht von den Extremfällen, wo es um Leib und Leben geht, sondern vor allem vor sozialer Ächtung und beruflicher Existenzvernichtung.

    Was ich mich manchmal Frage ist, wie Menschen auf den Gedanken kommen, ungebührliches Verhalten hänge vornehmlich mit Anonymität zusammen. Meine These ist: Zwischenmenschliches Verhalten hängt vor allem mit Erziehung und Charakter zusammen.

    Sollte das so sein, stellt sich mir allerdings eine Frage: Was sagt das über diejenigen aus, welche eine Klarnamenpflicht verlangen, damit Leute sich odentlich benehmen?

    Herzlich

    n_s_n

    Antwort
  2. n_s_n

    Ich glaube auch, wenn ich es mir so recht überlege, würde dieser eingeschränkte Diskurs, der ziemlich sicher eine Folge der Klarnamenpflicht sein würde, die viel beklagte Spaltung der Gesellschaft weiter vorantreiben. Klarnamenpflicht wäre mehr oder weniger ein Dekret „pro Filerblasen“.

    Darüber, dass die Vorschläge zur Klarnamenpflicht gerade von denen kommen, die die gesellschaftliche Spaltung ostentativ schlecht finden, darf man nun ein bisschen rätseln.

    Antwort
  3. Dr. Caligari

    Ich möchte auf einen Sachverhalt hinweisen, den sowohl der Werwohlf als auch die meisten Diskussionspartner vergessen. Wenn mir morgen jemand die Frage stellt, „Welche politische Meinung hast du? Was denkst du über die Energiewende usw?“, dann kann ICH und nur ich meine Meinung darstellen.
    Wenn mein Gesprächspartner einfach ins Internet guckt und dort meine Meinung sofort analysiert, bildet er sich eine Meinung. Das ist für mich der Unterschied zwischen einer Gerichtsverhandlung mit Verteidiger und Angeklagten und Urteil nach Aktenlage.
    Viele meiner Arbeitskollegen kennen meine Haltung überhaupt nicht.

    Natürlich wird die Klarnamenspflicht für 99% der Leute eine starke Einschränkung bedeuten. Das ist allen beteiligten klar.
    Ich stelle nur zwei Fragen:
    1.) Was ist mit dem Recht auf Pseudonym? Vielleicht bin ich ja ein bekannter Schriftsteller und schreibe unter dem Namen „Col. James“ immer wieder kleine satirische Beiträge. Wie will man den beweisen, dass ichs nicht bin?
    2.) Wie will amn das ohen Datenschutzkatastrophe durchsetzen?

    Diese Regierung ist [zensiert durch Autor] und stellt nach meinen Dafürhalten inzwischen eine Gefahr dar. Zu vielen Themen kann man sich in Deutschland unter eigenen Namen nicht mehr äußern, ohne sich in Gefahr zu begeben.

    Antwort

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