Was zu Omagate

Zur Oma als „Umweltsau“ ließe sich sehr viel sagen.

Es soll sich bei dem fraglichen Lied, das mittlerweile bundesweite Berühmtheit erlangt hat, um eine Satire handeln. Nun wissen wir spätestens seit Böhmermann, dass Satire neudeutsch definiert wird als das Absondern von Beleidigungen mit der richtigen Haltung. Dieses Kriterium erfüllt der fragliche Text durchaus. Und er soll wohl sogar irgendwie lustig sein. Das satirischste Element, das der Werwohlf in dem Text ausmachen konnte, findet sich in der letzten Strophe, wo der Oma attestiert wird, doch keine „Umweltsau“ zu sein, weil sie ja neuerdings statt zu fliegen Kreuzfahrten mache – die bekanntermaßen ebenfalls eine miese CO2-Bilanz haben und dazu noch mit den beliebten Stickoxiden aufwarten können. Äußerst unlustig ist allerdings das Ende des Liedes:

Es folgt ein Audiozitat von Greta Thunberg: „We will not let you get away with this“ (Deutsch: „Wir werden euch damit nicht davonkommen lassen!“)

Der WDR handelt hier so, als würde ein Generationenkonflikt nicht sowieso schon von interessierter Seite angeheizt. In linken Blättern räsonniert man ganz zielorientiert über die Abschaffung des Wahlrechts für Ältere und seine Einführung für Unmündige, und „Fridays for Future“-Twitter-Accounts verbreiten – Achtung: Satire! – lustige Sprüche von den Alten, auf die man nicht hören müsse, weil sie eh bald weg seien. Um nur mal zwei Beispiele zu nennen. Und hier lässt ein Sender, der sich in Eigenbeschreibungen mit den hehrsten Werten schmückt, die eine säkularisierte Gesellschaft noch aufzubringen vermag, Kinder verächtlich über eine Großmütter herziehen. Ja, „nur“ eine fiktive, aber als Zielansprache ist das durchaus verständlich. Und der drohende Greta-Schlusssatz zeigt auch, dass es letztlich ernst gemeint ist. 

Selbstverständlich haben wir hier eine Instrumentalisierung von Kindern für politische Zwecke vor uns. Die Sängerinnen und Sänger sind nicht in dem Alter, in dem sie die komplexen Zusammenhänge um das sich wandelnde Klima und die damit verbundenen Herausforderungen selbständig zu erfassen und zu bewerten im Stande wären. Stattdessen wird ihnen von „Aktivisten“ etwas vorgekaut und dann öffentlichkeitswirksam eingesetzt – eben genau mit der Absicht, Widerspruch der älteren Generationen zu delegitimieren. Es ist auch nicht das erste Mal, dass dies versucht wird, wenn man sich an die Brexit-Debatte zurück erinnert. 

Dass sich gegen dieses Vorgehen Prostest regt, ist für den Werwohlf nur allzu verständlich. Hinzu kam allerdings noch, dass ein freier Mitarbeiter des WDR mit Antifa-Hintergrund das Humorlevel des Liedes noch mit der – Achtung: Satire! – Bemerkung anhob, die Omas seien ja wohl eher „Nazisäue“. Seltsamerweise trug dies nicht zur Beruhigung der Debatte bei. Den WDR-Intendanten, der über die Feiertage bei seinem kranken Vater weilte, erreichten wohl inzwischen so viele Proteste, dass er sich für die Verbreitung des Liedes entschuldigte. Vom Netz genommen wurde es schon vorher. 

Natürlich – wir reden hier von Twitter – nahmen diverse Schreihälse das Theater zum Anlass, Systemfragen zu stellen und rollende Köpfe einzufordern. Was wiederum diejenigen, die wie die notorische Ulrike Guérot alles, was mit dem aktuellen Status des öffentlich-rechtlichen Rundfunkwesens zu tun hat, für „sakrosankt“ erklären, inspirierte, die übliche Argumentationsabkürzung zu nehmen und den Protest gegen das fragwürdige Lied zu einem der „Rechten“, also Rechtsextremen zu erklären. Und wer sich gegen das Lied aussprach und noch nicht als Rechtsextremist gilt, wurde eben von den „Rechten“ manipuliert und für ihre bösen Zwecke eingespannt. Als Umkehrschluss wird dieses aus Sicht des Werwohlfs erbärmliche Zeugnis linken Aktivistendaseins jetzt zum Prüfstein demokratischer Gesinnung umgemünzt, und berühmt-berüchtigte Haltungsjournalisten feiern den Aufmarsch linksradikaler Gegendemonstranten als nicht minder notorisches „breites Bündnis“. Belege gibt es für diese Behauptungen bisher keine, aber solche brauchen die Jünger des Postmaterialismus ja auch nicht, denn ihnen reicht bekanntermaßen das durchgesetzte „Narrativ“, und dazu muss man etwas nur oft und prominent genug wiederholen, am besten noch unter Zuhilfenahme von Methoden des Astroturfings. Stefanolix hat eine angeblich tiefschürfende Analyse, die „Rechtstwitter“ als Quelle des Protests gegen das „Umweltsau“-Lied belegen soll, auf seinem Blog nachvollziehbar so sehr in Frage gestellt, dass man hier nicht mehr von einem Beweischarakter sprechen kann. Stand jetzt gilt dies auch für alle anderen kolportierten Analysen, deren Methodik entweder äußerst angreifbar ist oder versteckt bleibt. Hinzu kommt, dass auch die zeitlichen Abläufe dem Mythos von den bösen „Rechten“, die ohne Grund eine, wenn nicht gar die Säule unserer Gesellschaft angriffen und damit alle anderen – bis auf die wackeren Linken – täuschten. 

Sagen wir es mal so: Der Werwohlf findet das „Umweltsau“-Lied besch…eiden. Und er hält den freien Mitarbeiter des WDR, der sich erst an den eigenen Provokationen ergötzt und dann hinterher Morddrohungen gegen ihn wie rechtfertigende Orden[1] präsentiert, für einen ideologisch verblendeten Deppen. Aber er würde nie versuchen, irgendjemanden um seinen Job zu bringen, ob freier Mitarbeiter oder Angestellter. Er hält dies für ein wichtiges Abgrenzungskriterium zu seinen Gegnern. Abgesehen davon, wäre es auch komplett sinnlos. Denn sowohl das Lied selbst, die Tweets dieses freien Mitarbeiters als auch der jüngst kursierende „Brandbrief“ von WDR-Redakteuren zeigen doch vor allem eins: Der Mikrokosmos WDR wird von einer linksradikalen Weltsicht dominiert, die Andersdenkende nur noch als Feinde, als Nazis, wahrzunehmen vermag, und sich in einem Kampf gegen schon vom alten Gevatter Lenin identifizierte Monster wähnt, den es siegreich abzuschließen gilt. Eine Nähe zur gewalttätigen Antifa wird billigend in Kauf genommen. Appelle zur Besetzung des Rundfunkrats oder zur Neubesetzung des Intendanten-Postens verfehlen das Problem: Die fragwürdige Gesinnung wird nicht von oben befohlen, sondern entsteht in den Köpfen der vielen Mitarbeiter des Senders, die im Zweifel schon immer in derartigen Kategorien dachten und gerade deswegen auch dort gelandet sind, wo sie sich jetzt befinden. Welche Jobs gibt es in der freien Wirtschaft denn für linke Möchtegernrevolutionäre? Die haben doch nur die Chance, sich in ein Biotop zu retten, das den Kräften des Marktes so weit wie möglich entzogen ist, in dem also keine Leute gefunden werden müssen, die bereit sind, sich für das Angebotene von anderen Dingen zu trennen. So entsteht die labernde Klasse: Man trifft sich in Politik, universitären Geisteswissenschaften und öffentlich-rechtlichen Medien. Nur hier findet der Möchtegernrevolutionär die nötigen Ressourcen vor, um seine Aufgabe zu erfüllen.

Es sollte auch niemand dem Irrglauben unterliegen, bei den anderen öffentlich-rechtlichen Sendern sei es anders. Selbst der gerne als Gegenbeispiel präsentierte BR weist genau dieselbe Struktur seiner Mitarbeiter auf, und die ganzen berühmten Abschaltungsaktionen, die dem BR seinen konservativen Ruf einbrachten, lassen sich eher als tatsächlich von oben befohlene, aber eher lächerlich wirkende Abwehrmaßnahmen einstufen. Das ist eben der Preis einer sich ausdifferenzierenden Berufswelt. Der Werwohlf findet das auch nicht mal besonders schlimm. Es würde ihn nur beruhigen, wenn alle anderen sich dieser Entwicklung auch bewusst seien und deswegen nicht alles für bare Münze nähmen, was da über den „Äther“ so verbreitet wird. 

Ärgerlich allerdings ist in der Tat der zunehmende Finanzbedarf dieses Bällebads für Möchtegernrevolutionäre. Während private Medien immer wieder Sparrunden ertragen müssen, dehnt sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk mehr und mehr aus. Es gibt durchaus legitime Argumente für die Existenz eines solchen Systems. Der Werwohlf unterstützt diese auch. Er würde sie nur auch gerne konsequent umgesetzt sehen. Denn weder Profisport, noch Musikantenstadl oder Helene-Fischer-Shows gehören zu den Dingen, mit denen die Anhänger des Systems dieses rechtfertigen. Nachrichten, Analysen, Dokumentationen, politische Live-Berichterstattung, Magazine, politische Talkshows, gerne auch Regionales, bei all dem könnte ein öffentlich-rechtliches System liefern. Selbst dann, wenn alle seine Journalisten nur noch Rotlicht ausstrahlen – man kann auch im Widerspruch wachsen. Nur sollte die Finanzierung und Alterssicherung von Möchtegernrevolutionären[2] nicht zum Hauptzweck der Sender werden. Warum z.B. braucht man zwei bundesweite öffentlich-rechtliche Fernsehsender? Als es insgesamt nur drei Sender gab, hatte das „Zweite“ noch eine Berechtigung (obwohl wohl auch nur aus politischen Gründen errichtet). Aber heute? Die berühmte „Grundversorgung“ schafft auch ein Sender alleine, vielleicht noch unterstützt durch Regionalkanäle. 

Man muss ja nicht gleich die Abschaffung fordern. Eine Reform täte es auch. Und inzwischen etablieren sich vielleicht sogar interessante Bezahlmodelle im Netz, die den Nutzern den Mix bieten, den sie wollen. 

 

[1] Morddrohungen sind übel, kein Zweifel. Aber nichts leichter als die heutzutage. Statt sie wie eine Monstranz vor sich herzutragen, sollte man sie besser verschweigen, um die Täter nicht mit Öffentlichkeit zu belohnen und keine Nachahmer zu ermutigen. So halten es Politiker wie Wolfgang Bosbach.
[2] Zukünftig werden die hier „MGR“ genannt.

Ein Gedanke zu „Was zu Omagate

  1. n_s_n

    Ich stimme den von dir beleuchteten Aspekten zu, denke aber, dass man das Phänomen allgemeiner formulieren kann, auch über das „Oma Gate“ hinaus (an dem das Phänomen wieder einmal deutlich wird): Das Problem mit dem ÖRR ist, dass er in wesentlichen Teilen immer mehr zu einem (mehr oder weniger partei)politischen Akteur geworden ist. Denkt man in vier Staatsgewalten (was bei (ÖR)Massenmedien durchaus angebracht ist) unterläuft dieser Umstand die Trennung von Legislative und deren Kontrolle.

    Vielleicht erlaubst du mir noch ein kleines Detail im Speziellen zu Kommentieren.

    Zitat:
    „ Aber er würde nie versuchen, irgendjemanden um seinen Job zu bringen, ob freier Mitarbeiter oder Angestellter. Er hält dies für ein wichtiges Abgrenzungskriterium zu seinen Gegnern.“

    Allgemein formuliert, stimme ich dir 100% zu. Persönlich wäre mir eine Entlassung des Weiteren auch in diesem Fall kein Anliegen, da es – wie du völlig richtig schreibst- ohnehin nichts ändern würde. Allerdings unterscheiden sich Forderungen nach Entlassung im Falle des ÖRR von anderen Fällen in einem Detail: Jeder (gemeldete) Einwohner Deutschlands steht in einem nicht kündbaren Kundenverhältnis zum ÖRR, was das Wirken üblicher Marktmechanismen außer Kraft setzt. Oder anders formuliert ist jeder ein Teileigentümer dieser öffentlichen Institution, welche er finanziert. Als Eigentümer hat er natürlich grundsätzlich ein Mitspracherecht bei Stellenbesetzungen. Wie dies sinnvoll organisiert werden könnte und was sinnvolle Gründe für Kündigungen sein könnten, habe ich damit nicht gesagt.

    Unter dem oben skizzierten Eindruck, dass der ÖRR zu einem politischen Akteur geworden ist, was er keinesfalls sein sollte, erscheint mir unkontrollierte, politische Parteiergreifung im ÖRR jedoch ein durchaus schwerwiegendes (nicht)Eignungskriterium für das geforderte Berufsbild zu sein. Des Weiteren erscheint es mir persönlich, unter den gerade geschilderten Eindrücken, offensichtlich, dass das Anwenden von sinnvollen Eignungskriterien bei Stellenbesetzungen im Sinne aller „Eigentümer“ nicht ausreichend statt findet. Reformen sind weit und breit nicht in Sicht. Was also tun?

    Herzlich

    n_s_n

    Antwort

Platz für Senf.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.