Nochmal was zu Weihnachten

Zur Sicherheit: Der Werwohlf ist kein Theologe. Aber er hat irgendwo mal gehört, man müsse das als Christ gar nicht sein. Und er selbst würde sogar sagen: Es ist dabei eher etwas hinderlich.

Ist es ein Zufall, dass uns zwei ehemals „konservative“ Medien in ihren Online-Auftritten zwei sehr spezifische Interpretationen des Menschen namens Jesus liefern? Ja, in beiden Fällen ausschließlich des Menschen – eine Verbindung zu Gott wird dem Nazarener zwar subjektiv zugetraut, eine entsprechende Glaubensaussage des jeweiligen Autors bzw. Sprechers findet sich aber nicht. Die Artikel zeichnen zwar jeweils ein anderes Jesusbild, aber im Grunde doch wieder ein ähnliches, nämlich eins, das unverkennbar ihrem jeweiligen Autor/Sprecher zusagt. Es war schon immer ein Argument von Atheisten, dass Menschen sich ihren Gott doch nur nach eigenen Vorstellungen zurecht zimmerten. Nun, heutzutage geschieht das sogar mit ihrem Jesus.

Da ist zum einen das Interview auf FAZ.net (für die FAS) mit John Dominic Crossan, einem ehemaligen Mönch und jetzigem Religionswissenschaftler. Für Crossan war Jesus so eine Art national-sozialistischer Aufrührer, also national in dem Sinn, als in ihm jüdischer Widerstand gegen die römische Besatzungsmacht zum Ausdruck kam, und sozialistisch, weil dieser Widerstand sich auch gegen eine von den Römern eingeführte, „globalistische“ Wirtschaftsweise richtete. Crossan vermag in genau diesem Jesus dann auch ein moralisches Vorbild zu erkennen. Soweit Weihnachten à la FAS. Ähnlichkeiten zu heutigen Konstellationen wären natürlich rein zufällig. Und das ist gut so, denn gäbe es sie, könnte man auf den Gedanken kommen, die ganze Beweisführung sei von ihrem Ende ausgegangen. Tatsächlich ist ein in den frühen Jahren des letzten Jahrtausends im Orient entstandenes Werk sehr dankbar für viele unterschiedliche Interpretationen, vor allem, wenn man einzelne Aspekte besonders gewichtet und dafür andere unter den Tisch kehrt. Wer sich auf die Spurensuche begeben will, muss dafür allerdings zuvor der FAS einen Obolus entrichten – als der Werwohlf das Interview las, war es noch frei zugänglich.

Auch der Beitrag von Franz Alt auf welt.de ist nur hinter einer Bezahlschranke zu finden. Zitat:

Was Jesus hauptsächlich wollte, war eine Wandlung unserer Lebenseinstellung durch die Überwindung unserer Ängste und die Erlösung aus unserer Aggressionen durch mehr Liebe, mehr Frieden, mehr Gerechtigkeit und durch einen achtsamen Umgang mit der Schöpfung. 

Das NT ist im Gegensatz zum Beitrag von Alt im Netz sogar an verschiedenen Quellen kostenlos einsehbar. Sie können ja selbst mal nachlesen, ob es wirklich genau das war, was Jesus „hauptsächlich“ wollte. Der Werwohlf wäre z.B. dankbar für Tipps, wo Jesus „hauptsächlich“ für einen „achtsamen Umgang mit der Schöpfung“ geworben hätte. Eins muss man Alt immerhin zugute halten: Er vertritt unverdrossen weiter seine alten Ansichten, auch wenn sie sich politisch inzwischen schon als Fehler herausgestellt haben, z.B. in Sachen Nachrüstung in den 80ern. Neuerdings hat er allerdings einen Trumpf an seiner Seite: Ein Theologe namens Günther Schwarz kam auf die geniale Idee, die bisher nur auf Griechisch verfügbaren Texte des Neuen Testaments in Jesu Muttersprache, das Aramäische, „zurück zu übersetzen“. Und von dort dann ins Deutsche. Der Werwohlf bezweifelt angesichts einer Experimente mit Google-Ketten-Übersetzungen, ob durch diese Methode wirklich „der“ historische Jesus ans Tageslicht kommt, aber – oh Wunder – auf jeden Fall ein Alt-kompatibler. Man könnte sagen: Der Alt-Jesus war eine Mischung aus Habeck und Drewermann. 

Obwohl nun beide Darstellungen sich in vielem ähnlich sind, haben sie doch einen Nachteil: Sie sind nicht so recht kompatibel. Der anti-römische Sozialrebell passt nicht so recht zum Prediger von „Love, Peace and Happiness“. Aber unter das Dach der „Grünen“ passen beide vielleicht doch noch. Schade ist, dass sich diese Gegensätzlichkeit nur dem erschließt, der beide Publikationen liest. Denn so, wie der neutestamentliche Jesus z.B. dem Werwohlf begegnet, ist er viel unbequemer. Mit einem Kreuz bei den „Grünen“ und ein wenig Hüpfen am Freitag, so fürchtet der Werwohlf, würde man eher genau das machen, was Jesus anscheinend nicht wenig nervte: Man würde Punkte sammeln auf dem eigenen Gutmenschen-Konto: „Seht her, ich mache alles richtig, ich befolge genau das, was Gott verlangt!“ Als Leser der Bergpredigt sollte man da skeptisch werden. Es ist wirklich nur eine Vermutung aufgrund eigener Bibel-Lektüre, aber nach Einschätzung des Werwohlfs würde Jesus jemanden, der stolz von seinem Einsatz für die „Seenotrettung“ berichtet und Kritiker seiner Einstellung verdammt, am Schlafittchen packen und Angesicht zu Angesicht mit dem alten, stockkonservativen, aber sehr einsamen Menschen ein Stockwerk oben drüber stellen. Hic Rhodos, hic salta, würde er zwar wohl nicht gesagt haben, aber es könnte im Ergebnis darauf hinaus laufen.

Ist es nicht eher so, dass die Botschaft Jesu die ist, dass wir tun müssen, was wir tun können? Und dass die Betonung dabei auf „tun“ liegt, auf einem Tun, das eben nicht immer angenehm für uns ist, wo wir keine Bonuspunkte wo auch immer einheimsen, das aber ein konkretes menschliches Gegenüber kennt, das man sich nicht „à la carte“ aussucht?

Der Werwohlf wettet, dass wir allesamt an diesem Kriterium schmählich scheitern. Bis auf wenige Ausnahmen, denn es gibt immer noch Heilige unter uns. Aber die lesen eher keine Blogs (geschweige, dass sie welche schrieben). Aber wiederum, so wie er den Jesus des NT liest, ist genau diese Erkenntnis schon mal ein ganz guter Anfang. Streng ist Jesus nur gegenüber den Angebern, den Posern. Ob es einen Grund gibt, warum er das gegenüber denen im politischen Feld anders handhaben sollte?

13 Gedanken zu „Nochmal was zu Weihnachten

    1. Werwohlf Autor

      Ganz einfach: Hier ist relevant, was mich interessiert. Wem das irrelevant erscheint, wofür ich durchaus Verständnis habe, liest dann vielleicht besser etwas anderes. Mache ich auch so.

      Antwort
      1. Muriel

        Nee, ich glaube, da hab ich meine Frage missverständlich gestellt, pardon.
        Ich meinte das nicht im Sinne von „Ist mir egal“, sondern im Sinne von „Mich interessiert, warum es für dich relevant ist, wie Jesus das alles gesehen hat/hätte/sieht/…“

        Antwort
        1. Werwohlf Autor

          Es ist bzw. war eben Weihnachten. Wenn die Online-Auftritte von zwei überregionalen Publikationen dann dazu jeweils eine bestimmte Sicht auf die Hauptperson dieses Feiertags veröffentlichen, interessiert mich der Inhalt. Und wenn ich als interessierter Leser des NT dann zur Ansicht gelange, die beiden veröffentlichten Sichten würden ihrem Thema nicht gerecht, dann schreibe ich eben etwas dazu. Das betrifft aber vor allem den, wie soll man sagen, „literarischen“ Jesus, also den, der einem im NT begegnet, und das Bild, das ich mir (wie die beiden Auskunftspersonen der Artikel) anhand der Texte von ihm mache.

          Glaubensfragen hingegen sind kein Thema dieses Blogs.

          Antwort
        2. Dr. Caligari

          Wir alle feiern Weihnachten – sofern wir es überhaupt feiern und nicht einfach ein paar Feiertage abstauben – , weil wir hier der Geburt von Jesus Christus gedenken. Für die Christen ist das einfach der Sinn des Weihnachtsfestes und Ende.

          Für einen Atheisten oder Freigeister oder Anhänger des Buddhismus (Du darfst dir jede andere Religion denken) ist es erst Mal auch klar, dass wir Weihnachten wegen des Geburtstages von Jesus feiern. Das ist der eigentliche Sinn. Auch wenn man als „Ungläubiger“ einen anderen Sinn für Weihnachtsbaum, Weihnachtsmann und Geschenke finden wird. Dennoch, die Wurzeln gehen auf das Christentum zurück.

          Für mich ist es daher schon verständlich, wieso man sich auf die Lehren von Jesus zurückbesinnen will. Für einen Christen haben seine Lehren sowieso ultimativen Wert.
          Wenn ich in England z. B. den Geburtstag der Königin feiere, dann beschäftige ich mich zwangsläufig auch ein bisschen mit der Monarchie. Sonst „feiere“ ich das Fest eben nicht, sondern bin zufällig in der Nähe, während es stattfindet.

          Antwort
          1. Muriel

            Das stimmt doch einfach nicht?
            Ganz unabhängig davon, wie ich zum Christentum stehe, ist es doch nun mal faktisch so, dass Weihnachten ursprünglich ein anderes Fest war, dem christliche Assoziationen notdürftig übergestülpt wurden, das wissen wir doch beide, oder?
            Außerdem: Sogar wenn es so wäre, meine Frage ist damit nicht beantwortet.

            Antwort
            1. Werwohlf Autor

              Ganz unabhängig davon, wie ich zum Christentum stehe, ist es doch nun mal faktisch so, dass Weihnachten ursprünglich ein anderes Fest war, dem christliche Assoziationen notdürftig übergestülpt wurden

              Warum die Geburt Jesu zu dieser Zeit gefeiert wird, ist wohl (wenn man Wikipedia glauben kann) eher noch ungeklärt. Eine der Thesen besagt allerdings, dass man einen nicht-christlichen Feiertag sozusagen „feindlich übernommen“ habe. Aber das ändert nichts daran, dass „Weihnachten“ tatsächlich ein originär christliches Fest ist (ansonsten hieße es „Tag der Sonne“ oder sowas).

            2. n_s_n

              Zitat:
              „ das wissen wir doch beide“

              Der selbstverständliche Verweis auf (intersubjektiv überprüfbares) Wissen im Zusammenhang mit dogmatischen Lehren, welche doch eher der subjektiven Interpretation bedürfen, erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Ich tippe auf das Wort „Zweifel“ als Unwort des Jahres 2020.

              Zitat:
              „ aber nicht wichtig genug“

              Hiermit, so meine ich festzustellen, haben Sie sich Ihre eingangs gestellte Frage selbst beantwortet: Relevanz ist eine Empfindung und damit subjektiv. Die Frage nach der Relevanz eines Themas scheint mir daher vielmehr eine Frage zur vorbringenden Person als zum Thema selbst zu sein und diese kann jeder nur für sich selbst beantworten. Ich gebe allerdings zu, dass dies, unter der angenommenen Nebenbedingung Dogmatik sei intersubjektiv überprüfbares Wissen, eine schwer zugängliche Sicht auf die Frage ist.

              Herzlich

              n_s_n

            3. Muriel

              Ähm.
              Ja. Du hast anscheinend auch nichts von dem verstanden, was ich geschrieben habe.
              Wenn du Fragen hast, stell gerne, aber du kannst natürlich auch einfach weiterdozieren, wenn dir das mehr Spaß macht.

  1. Rainer Seidel

    Zu Herrn Crossan: Johannes 18:36, „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“. Spricht meiner Meinung nach für sich.

    Zur „Methode“ der Hin- und Herübersetzung: Manchmal kann das hilfreich sein. Mir passiert es ab und zu, dass ich auf grottenschlechte Übersetzungen/Übertragungen aus dem Englischen treffe, bei denen mir der Sinn nicht klar wird bzw. irgendetwas nicht zu stimmen scheint. Dann versuche ich herauszufinden – sofern mir die Quelle nicht zur Verfügung steht – wie das wohl im Original geheißen haben könnte, zur Not mit Wörterbuch. Hat manches Mal geholfen.
    Das zu damaligen Zeiten dort Aramäisch gesprochen wurde, ist wohl anzunehmen. Die „Lingua Franca“ war aber im Mittelmeerraum (und wenn man viele Leute erreichen wollte) eben Griechisch. Dieses Griechisch war aber eher Umgangssprache und hat mit der Sprache eines Aristophanes oder Plato soviel zu tun, wie heutiges Umgangsenglisch mit Shakespeare. Als jemand, der Altgriechisch als Abiturprüfungsfach hatte (lang, lang ist’s her), kenne ich um die Schwierigkeiten, im NT im Original zu lesen.

    „Tun müssen, was wir tun können“ ohne Bonuspunkte ist wohl die klassische evangelische Lehre des „Sola fide, sola scriptura, sola gratia“. Wichtig ist das Tun, nicht drüber hüpfen und dies von anderen zu verlangen.

    In diesem Sinne wünsche ich einen guten Rutsch ins neue Jahr

    Antwort

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