Was zu Diskussionen auf Twitter

Wenn sich über Diskussionen im Online-Dienst „Twitter“ generell etwas sagen lässt, dann, dass sie schnell in Hysterie ausarten, in der zwei gegnerische Seiten sich gegenseitig ihres unbedingten Willens zur Vernichtung versichern, als wollten sie ein Remake von „Der Untergang“ drehen. Der sehr geschätzte Twitterer „Dr. Atomreisfleisch„, mit dessen Ansichten der Werwohlf in der Regel übereinstimmt, ohne über dessen Zeit und Ausdauer zu verfügen ;-), hat, begonnen schon vor einigen Jahren, Regeln für Twitter-Diskussionen aufgestellt, und zwar diese hier[1]:

1. Niemals i.d.Defensive gehen.Defensive wirkt auf Shitstormer wie Blut a.Hai!

2.Stets offensiv sein!

3.Niemals in Diskussionen über Nebensächlichkeiten verwickeln lassen.

4. Ismen-Vorwürfe kann man meist zurückgeben. Kindisch, aber wirksam. Regel Nr. 3 beachten.

5. Wenn der andere blockt, dann hast du gewonnen. Kein schöner Sieg, aber: Hast du eine Wahl?

6. Lass dich nie auf e.Diskussion ein, die unter d.Prämissen einer Ideologie steht, die du ablehnst.

7. Sag nie“Arschloch“o.Schlimmeres. Es gibt es weit weniger vulgäre Begriffe,die das Wesentliche besser treffen.

8. Die anderen sind oft primitiv und widerlich, nicht du. Also benimm dich auch so.

9. Ironie ist d.Feind jeder Ideologie,also dein Freund.Und sie steigert deinen Unterhaltungswert. Aber Vorsicht!

10.Deine Tweets müssen auch allein bestehen können. Sie werden sie a. dem Zusammenhang reißen.(Achtung b. Nr.9)

11.Du bist k.Nazi, k.Rassist u.auch nicht sonstwas in der Art. Leute,die das sind, denken selten darüber nach.

12. Der andere hat die Wahl, ob du mit ihm diskutierst oder ob du ihn kommentierst. Und wenn er meint…

13. Du bist überzeugt,dass der andere Mist erzählt? Dann hilf ihm,den Mist zu verbreiten, damit es jeder sieht.

14. Sie werden ihre Dummheit als Waffe einsetzen. Sie werden Dinge n.verstehen, weil sie sie n.verstehen WOLLEN.

15. Erklärt d.Dinge n.zu lang:Wenn e.normal intell.Mensch e.verständl.Sache n.versteht, hat das andere Gründe.

16. Du musst dich vor niemandem rechtfertigen, nur weil er denkt, du müsstest das.

17.Wenn d. andere ernsthaft mit dir diskutieren will, dann diskutiere ernsthaft m.ihm.Das ist Stärke,k.Schwäche!

18. Wenn dein Gegner etwas Richtiges sagt, dann stimme zu. Wenn du a.d.andere Seite damit Unfrieden stiftest-umso besser.

19. Du musst nicht jedes hohle Getrolle mit deiner Antwort zu einer Diskussion aufwerten.

20. Wenn dich jemand „Rassist“, „Sexist“ oder „Brandstifter“nennt,muss er es beweisen, nicht du das Gegenteil. 

21. Diskutiere immer nur über das, was du sagst, nicht über das, was du (angeblich) bist.

22. Wenn dir jmd. vor d.Tür kackt, musst du ihn nicht in deinem Wohnzimmer empfangen.Das gilt (übertragen) auch b.Twitter.

Keine dieser Regeln ist nach Ansicht des Werwohlfs ungültig oder gar überholt. Sie haben alle ihre Berechtigung. Allerdings fehlt dem Werwohlf hier noch ein wichtiger Parameter: Mit welchen Zweck diskutierst du? Je nach Antwort auf diese Frage erübrigt sich die Auseinandersetzung mit diesen 22 Regeln. Man könnte den Grund für die Teilnahme an einer Diskussion wohl in drei Kategorien fassen:

  1. Ich möchte für mich etwas daraus lernen.
  2. Ich möchte den Anderen überzeugen.
  3. Ich möchte anderen meine Position vorteilhaft vermitteln.

 An dieser Stelle deswegen gleich mal zu Kategorie 2: Könnt ihr vergessen. Wird nie passieren. Und wenn es viel später doch passiert, werdet ihr es nicht mitbekommen. Auf dieses Ziel hinzuarbeiten, hat also in einer konkreten Diskussion keine Aussicht auf Erfolg.

Kategorie 1 ist lobenswert. Aber für diese Kategorie sind die o.g. Regeln praktisch alle irrelevant. Was damit zu tun hat, dass fast niemand auf Twitter eine Diskussion mit diesem Ziel führt, so sehr du auch Herr über dessen Erreichung bist (im Gegensatz zu Kategorie 2). Und wenn du zu den wenigen Ausnahmen gehören solltest, wirst du kein entsprechendes Gegenüber finden. 

Der einzig sinnvolle Grund aus der Sicht des Werwohlfs, auf Twitter eine Diskussion zu beginnen, ist mit Kategorie 3 abgedeckt. Natürlich wird man dabei auf Gegenrede stoßen, aber sowohl die eigene Art der Diskussion als auch die des Gegners wird ihrerseits dafür sorgen, wie weiter verfahren wird. Pflegen beide Seiten einen an der Sache orientierten Umgangsstil, sind sogar die kompletten 22 Regeln überflüssig. Nun gibt es aber auch die Fälle, in denen man eine Diskussion sozusagen exemplarisch weiterführen möchte, um den eigenen Argumenten Geltung zu verschaffen, selbst dann, wenn man die der Gegenseite als schwach oder überholt ansieht (für den gegenteiligen Fall wäre dann wieder Kategorie Nr. 1 zuständig…). Für genau diesen Zweck scheinen diese 22 Regeln geschaffen worden zu sein. 

An dieser Stelle sei auf ein paar ausgewählte dieser Regeln eingegangen. Regel Nr. 1 ist in der Tat die wichtigste. Es gilt hier der alte Grundsatz: Qui s’excuse, s’accuse. Wer sich entschuldigt, klagt sich an. Ersatzweise Gibbs‘ Regel Nr. 6: Sag niemals, dass es dir leid tut. In der Tat versuchen Diskussionsteilnehmer, die einen etwas eigenartigen Maßstab vom „Gewinnen“ einer Diskussion haben, gerne ihr Gegenüber von vornherein mit irgendwelchen Anschuldigungen zu konfrontieren, z.B. in dem man versucht, die Positionen des Gegners mit denen allgemein akzeptierter Parias in Verbindung zu bringen. Sollte die Diskussion weitergehen, was man nach diesem Anfang durchaus als womöglich verschwendete Zeit einstufen könnte, tut der so Angeschuldigte gut daran, das Etikett, das man ihm da anzuheften versucht, zu ignorieren und nicht auch noch durch eigene Aufmerksamkeit zu adeln.

Wie man dann im Rahmen der Kategorie 3 weiter macht, hängt vom Gegenüber ab. Lässt er sich auf eine sachbezogene Argumentation ein, treibt man diese gerne voran. Will er dir ans Zeug flicken, dich als irgendetwas Böses „entlarven“, dann brauchst du womöglich den Rückgriff auf die o.g. Regeln. Du solltest dann aber weiterhin eins der obigen Ziele verfolgen, denn es bringt nichts, Zeit und Energie aufzuwenden nur für einen, der es sich in seiner ideologischen Burg bequem gemacht hat. Da würde dann auch die Diskussion in den immergleichen Schemata enden, die es zu erkennen und als Abbruch der Diskussion gut tuende Elemente zu erkennen gilt.

Aus persönlicher Vorliebe möchte der Werwohlf den Blick noch auf die „Twitter-Regeln“ Nr. 13 und 18 richten. Wer von seiner eigenen Position als die unzweifelhaft richtige überzeugt ist, sollte ein ureigenes Interesse haben, Regel Nr. 13 zu folgen. Wer Angst davor hat, hat nichts, worüber es sich zu diskutieren lohnte. Und Regel 18 sollte sich auch ohne Lagerdenken von selbst verstehen. Niemand kann alles wissen und auf der immer korrekten Basis entscheiden. Nur ein Argument sollte entweder weiterhin gültig sein oder durch eine neue Erkenntnis überholt. Es würde allen Diskussionen schon gut tun, wenn zumindest eine Wahrscheinlichkeit dazu grundsätzlich mal eingeräumt würde.

Ansonsten gilt, was immer gilt: Wenn einer nicht mitspielen will, bist du nicht der Schiedsrichter. Du kannst von selbst das Spielfeld verlasen. Wie ja auch die Leser dieses Blogs in der Regel Besseres zu tun haben…

[1] Man verzeihe, dass sich der Werwohlf nicht die Mühe machte, twitterbedingte Abkürzungen lesbarer zu gestalten. You get the real thing here….

4 Gedanken zu „Was zu Diskussionen auf Twitter

  1. n_s_n

    Zwei kleine Anmerkungen:

    1) Zu deiner Einwertung der Kategorie 1.: „Kategorie 1 ist lobenswert.“

    Hierfür muss man nicht bei Twitter angemeldet sein. Es reicht völlig aus mitzulesen.

    Und damit komme ich zu…

    2) Du hast die Kategorie 4. vergessen: Seelenhygiene

    Nach meiner Einschätzung die am meisten verbreitete Kategorie.

    Herzlich

    nachdenken_schmerzt_nicht

    Antwort
    1. Werwohlf Autor

      Hierfür muss man nicht bei Twitter angemeldet sein. Es reicht völlig aus mitzulesen.

      Ich finde, nicht so richtig, Man ist dann komplett darauf angewiesen, dass andere für einen die Fragen stellen oder die Argumente bringen, die man selbst für entscheidend hält.

      Du hast die Kategorie 4. vergessen: Seelenhygiene

      Inwiefern?

      Antwort
      1. n_s_n

        Zitat:
        „Man ist dann komplett darauf angewiesen, dass andere für einen die Fragen stellen“

        Unter der Voraussetzung, dass man auf Twitter fachliches, inhaltliches Wissen durch Diskussionen erlangen möchte, ist dein Einwand richtig.

        Die Frage ist, ob Twitter dieser Erwartungshaltung gerecht wird. Wenn ich mich strukturiert und methodisch inhaltlich weiter bilden will, wähle ich nicht Twitter als Diskussionsforum. Da gibt es meines Ermessens effizientere Foren und Quellen für Erkenntnis.

        Gedankliche Anregungen sind dagegen auf Twitter vielfach gestreut und unabhängig von konkreten Fragestellungen.

        Der eigentliche Quell für Erkenntnis auf Twitter liegt für mich allerdings auf verhaltenspsychologischem Terrain und in der Offenbarung von Denkmustern. Diese sind ebenfalls unabhängig von spezifischen Fragen.

        Zitat:
        „Inwiefern?“
        Es ist – als Außenstehender- mein persönlicher Eindruck, dass die Kommunikation auf Twitter vielfach der Selbstvergewisserung dient oder als Ventil für eigene Ohnmacht. Dieser Eindruck mag täuschen, aber bei vielen Äußerung auf Twitter fällt mir keine einfachere Erklärung ein als diese.

        Ich gebe zu: Auch ich lese mitunter aus seelenhygienischen Gründen mit. Wenn ich das Gefühl nicht mehr ertrage, alleine zu sein.

        Herzlich

        nachdenken_schmerzt_nicht

        Antwort
  2. Werwohlf Autor

    Wenn ich mich strukturiert und methodisch inhaltlich weiter bilden will, wähle ich nicht Twitter als Diskussionsforum. Da gibt es meines Ermessens effizientere Foren und Quellen für Erkenntnis.

    Definitiv. Aber wenn man schon mal dabei ist…

    Gedankliche Anregungen sind dagegen auf Twitter vielfach gestreut und unabhängig von konkreten Fragestellungen.

    Hm. Wenn man Glück hat.

    Der eigentliche Quell für Erkenntnis auf Twitter liegt für mich allerdings auf verhaltenspsychologischem Terrain und in der Offenbarung von Denkmustern. Diese sind ebenfalls unabhängig von spezifischen Fragen.

    Stimmt auch. Nur begegnet mir da schon seit langem nichts Neues mehr.

    Es ist – als Außenstehender- mein persönlicher Eindruck, dass die Kommunikation auf Twitter vielfach der Selbstvergewisserung dient oder als Ventil für eigene Ohnmacht.

    Zu großen Teilen, ja.

    Antwort

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