Was zum CDU-Parteitag

Wenn man den Medien glauben konnte, stand auf dem jüngsten CDU-Parteitag in Leipzig der große Showdown bevor. Merz hatte eine große, programmatische Rede angekündigt, und die Vorsitzende Kramp-Karrenbauer (AKK) galt als angeschlagen. Zudem war da noch die Junge Union mit ihrer Forderung nach einer Urwahl des Kanzlerkandidaten, was auch als Angriff auf die Vorsitzende empfunden wurden, der doch irgendwie dieses Recht des ersten Zugriffs offen stehen soll.

Und was passierte? Nix.

Okay, aus Mediensicht schon. Man schrieb die Story einfach weiter und tat einfach so, als habe an der herbeigeschriebenen Ausgangslage irgendetwas gestimmt. So konnte man dann auch Verlierer, Gewinner und „Überlebende“ ausrufen. Aber eben nur unter der Voraussetzung, dass man etwas von dem Hype vorher geglaubt hatte. 

Man muss aber nicht wie der Werwohlf mal Mitglied dieser Partei gewesen sein, um zu wissen, wie sie tickt. Hat irgendwer geglaubt, ein Parteitag, der eben die Noch-Vorsitzende Merkel mit minutenlangen Ovationen überschüttete, trage so etwas wie den Willen zum Umsturz in sich? Es ist ja nicht so, dass sich die Zusammensetzung der Delegierten seit den letzten Veranstaltungen dieser Art drastisch verändert hätte. Etwas anderes als einen unbedingten Willen zum Zusammenhalt und zur Selbstbestätigung konnte ein nüchterner Beobachter auch diesmal nicht erwarten. Die CDU ist eine Partei, die Wahlen gewinnen will, ja geradezu muss, weil sie alles andere diesem Ziel unterordnet, und dass der Wähler Zerstrittenheit überhaupt nicht goutiert, ist bei aller demonstrierten Huldigung demokratischer Usancen eine empirisch gut abgesicherte Gewissheit.

Merz schien sich auch irgendwie in der Veranstaltung geirrt zu haben. Eine Vorsitzende darf den Castro geben und notfalls eine Zuhörerschaft stundenlang langweilen, aber für einen der vielen Redner zur Aussprache der Vorsitzenden bleiben eben nur ein paar Minuten. Wo sollte da der große, programmatische Wurf untergebracht werden? Aber auch der mediale Spin, Merz habe sich erst nach dem (nur die Medien überraschenden) Beifall für AKK entschieden, für diese eine Loyalitätsadresse abzugeben, ist selbstverständlich ein Märchen. Merz hat sich expressis verbis nie gegen AKK geäußert, und die angebliche Kritik an ihr konnte nur herbeikonstruiert werden, indem man das eigentliche Ziel Merkel zu den Unionsministern in der Bundesregierung und ihr dann insbesondere die Verteidigungsministerin umdichtete. Man warf Merz vor, er sei als Bettvorleger gelandet, aber in Wirklichkeit ist er nicht nur nicht als Tiger, sondern überhaupt nicht gesprungen. 

Die JU musste der Stimmung in ihrem eigenen Lager Rechnung tragen, aber dass dort irgendjemand ernsthaft geglaubt haben könnte, die CDU entscheide sich für ein Verfahren, dessen Wählerstimmen-Mehrwert die SPD jetzt schon zum zweiten Mal nicht zu belegen vermochte, vermag wiederum der Werwohlf nicht anzunehmen[1].

CSU-Chef Söder hingegen nutzte die Chance, der Schwesterpartei zu zeigen, wie ein Kanzlerkandidat auszusehen hat. Allerdings ohne eine konkrete Aussicht darauf zu haben, und wohl auch ohne den Willen dazu – zumindest für das Jahr 2021. Er ließ nur eben mal die Muskeln spielen und zeigte der CDU die Defizite ihres Personals auf. Das gibt seiner Stimme mehr Gewicht, und er wies en passant darauf hin, dass eine Urwahl bei der CDU schon deshalb eine schlechte Idee sein müsse, weil die CSU (also er) bei der Kür des Kandidaten ein erhebliches Wort mitzureden hat.

Nur eine starke Persönlichkeit wird AKK ablösen können. Eine Persönlichkeit, die Aufbruch symbolisiert und Kompetenz signalisiert. Eine solche Persönlichkeit hat die CDU zur Zeit nicht. Die SPD übrigens auch nicht. Und nur die Medien helfen den Grünen dabei zu suggerieren, sie hätten gleich zwei davon. 

Aber das passt: Auf Mittelmaß muss sich Deutschland künftig einstellen. In jeder Beziehung. Wenn es Glück hat.

[1] Der Werwohlf fand es witzig, dass AKK als Argument gegen Vorstöße der JU anführte, diese wollte 1997 auch Kohl ablösen. Und er muss hoffentlich nicht erklären, warum

4 Gedanken zu „Was zum CDU-Parteitag

  1. n_s_n

    Ich bin mir nach den gehörten Reden recht sicher, dass die CDU den Weg der SPD gehen wird. Diese Erkenntnis ist nur langsam gereift aber am Freitag bekam sie viel Klarheit. Das was die CDU ergriffen zu haben scheint, kommt mir vor wie eine starke Strömung, gegen die es keinen Sinn macht anzuschwimmen. So zumindest hat Merz oder besser gesagt die Kritik am grünen Kurs der CDU agiert.

    Man ist beunruhigt, dass man zur Zeit Wähler an die Grünen verliert, nachdem man bereits etwa ein Drittel an die AfD verloren hat .

    Ich bedauere den Niedergang der CDU sehr. Aus vielen Gründen. Ein wesentlicher Grund ist die zu erwartende Zunahme an radikalem Geschwätz im politischen Diskurs hierzulande mit Auswirkungen auf das politische Handeln.

    Herzlich

    n_s_n

    Antwort
    1. Werwohlf Autor

      Du brauchst mich an Pessimismus für dieses Land nicht zu überbieten 😉 Allerdings ist es auch nicht ungewöhnlich, wenn eine Partei, die zu lange den Kanzler gestellt hat, in eine solche Leere gerät. Da ist der Spruch von „in der Opposition regenerieren“ dann tatsächlich mal angebracht. Dennoch: Wir können heutige Politiker nicht mehr mit früheren Maßstäben messen. Es ist ein Beruf geworden, für den man sich von der Pike auf entscheidet und durch den man selbst auch geformt wird. Persönlichkeiten wie die, von denen die junge Bundesrepublik noch profitieren konnte, entstehen dadurch allgemein nicht mehr.

      Ohne die unkonventionellen Zugaben an Personal durch die Wiedervereinigung wäre das noch viel früher aufgefallen.

      Antwort
  2. Meister Petz

    „Man warf Merz vor, er sei als Bettvorleger gelandet, aber in Wirklichkeit ist er nicht nur nicht als Tiger, sondern überhaupt nicht gesprungen. “

    Dazu ein wunderbares Zitat von Kuzmany im Spiegel: „Merz ist ein Meisterpilot, der weite Schleifen zieht in seiner Propellermaschine und zielsicher aus großer Höhe Stinkbomben auf die Parteizentrale abwirft. Ein ordentliches Landemanöver scheint er allerdings nie gelernt zu haben.“

    Auch wenn ich Merz von seinen Positionen her sehr schätze (er ist immerhin der letzte wahre Transatlantiker der deutschen Politik) halte ich diese Kritik an seinem persönlichen Handeln für richtig. Merz ist kein Parteipolitiker, und zwar nicht, weil er das nocht könnte, sondern weil es irgendwie seinem Naturell zu widerstreben scheint.

    Antwort

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