Was zu Einigungsmythen

Wir haben es hinter uns. Erst der 3. Oktober, dann der 9. November, letzterer noch als rundes Jubiläum.

Und wie immer werden uns zu diesen Daten von links ein paar Mythen aufgetischt, die hier mal kurz behandelt werden sollen.

1. Die Bundesrepublik Deutschland hat die DDR einfach annektiert.

Rein rechtlich haben die Länder der DDR einen Artikel des Grundgesetzes genutzt, um der Bundesrepublik Deutschland beizutreten. Dazu hat sie niemand gezwungen, aber es entsprach damals dem mehrheitlichen Willen der Bewohner der DDR. Hinzu kam, dass kurzfristig keine andere Form der Vereinigung denkbar gewesen wäre – wie sich aber im Nachhinein herausstellte, war das Vereinigungsfenster nur eine bestimmte Zeit lang wirklich offen. Was sonst passiert wäre, lässt sich einfach in zwei Szenarien abbilden. Entweder, die verbliebene DDR hätte Reisefreiheit gewährt. Dann wäre genau das eingetreten, weswegen 1961 die Mauer überhaupt erst gebaut wurde. Oder sie wäre zurückgekehrt zum Status quo ante. Was noch übler hätte ausfallen müssen als vorher, weil die Nachbarländer der DDR kein Interesse mehr zeigten, deren Gefängnis zu unterstützen. 

2. Die Demonstrationen haben das Regime gestürzt.

Dieser Mythos ist heute sogar Mainstream. Da der Werwohlf großen Respekt vor dem Mut der damaligen Demonstranten hat, widerstrebt es ihm, dieser Heldensaga hier zu widersprechen, aber der Wahrheit muss Genüge getan werden. Wirklich zu Fall gebracht haben das DDR-Regime die Regierungen der heute so angefeindeten Visegrad-Staaten Polen, Tschechoslowakei (heute Tschechien[1] und Slowakei) und Ungarn. Die Polen haben, gestützt von den Divisionen des Vatikans[2], den Widerstandsgeist als erste entdeckt und den Virus in die Welt des Warschauer Paktes eingeschleust. Und die anderen beiden Staaten winkten zum Schluss DDR-Bewohner, die in „den Westen“ wollten, einfach nur noch durch. In der Mauer war noch kein Loch, aber man konnte sie umgehen. Das war das Ende der DDR, es wussten nur noch nicht alle. Danach hätten noch viele Entscheidungen anders fallen können, aber das hätte den Weg nur verzögert, nicht aufgehalten. 

3. Eine andere DDR wäre möglich gewesen.

Dazu nur ein Satz: „Kommt die D-Mark nicht zu uns, kommen wir zu ihr!“ Das stand auf vielen Plakaten in der Phase zwischen dem Mauerfall und der Währungsunion, und damit war eine simple Wahrheit prägnant ausgesprochen. Egal, was sozialistische Träumer sich sonst noch so hätten für „ihre Republik“ vorstellen können, es hätte keine Chance gehabt gegen den Strom nach Westen, schon gar nicht kurzfristig. Diese Drohung war so massiv, dass sie sogar ökonomisch unsinnige Maßnahmen wie die Umrechnung 1:1 erzwang.

4. Wettbewerbsfähige Betriebe der DDR wurden platt gemacht.

Welche denn? Spätestens mit der 1:1-Umrechnung von DDR-Mark zu D-Mark mussten sich DDR-Betriebe bei ähnlichen Lohnkosten mit kapitalintensiven Unternehmen im Westen (nicht nur in Deutschland!) messen. Betriebe, die als Absatzmärkte außerhalb des Inlands überwiegend nur die COMECON-Staaten erschlossen hatten. Da passte nichts, weder Kosten noch die auf den Absatzmärkten erzielbaren Umsätze. Was es in der DDR gab, waren Marken für Konsumartikel. Und die gibt es ja sehr oft noch heute, allerdings ganz anders hergestellt als damals. Natürlich hätte man damals mehr für die Wirtschaft der neuen Bundesländer tun können. Aber keine der denkbaren Maßnahmen war politisch durchsetzbar, auch im Osten nicht. Schlaue Westbetriebe haben wenigstens von einigen Facharbeiterausbildungen in der DDR profitiert, aber selbst das war kein Selbstgänger: Wer am Trabbi Automechaniker gelernt hatte, konnte das natürlich nicht sofort auch am Benz (es aber in kurzer Zeit lernen).

6. Ostdeutsche werden benachteiligt.

Der Werwohlf hatte das Privileg, in allen Jahren nach der Wende mit sechs Ossis und einer Ossine zu tun zu haben. Die Ossine hat er aus den Augen verloren, und nur mit einem der Ossis ist er noch in Kontakt, aber mit allen davon fiel ihm erstens der Umgang leicht, während er sie zweitens in einem gleichrangigen Umfeld wahrnahm (und noch -nimmt). Was für den Typ Ossi, den der Werwohlf bisher fast ausschließlich zu Gesicht bekam (weil im Westen des Landes angekommen), eher ein Karrierehindernis sein könnte, ist dessen unvoreingenommene Art des Denkens. Er hat keine Probleme, Dinge einfach in Frage zu stellen, weil er eben das gewohnt ist, während so mancher Wessi dazu neigt, Dinge nur deshalb zu tun, weil er sie „schon immer so“ getan hat. Echte Ossis sind manchmal ideale Störenfriede, die sich ein Betrieb nur wünschen kann. Aus Sicht des Werwohlfs befanden sich „seine“ Ossis alle da, wo sie in dem Moment auch sein wollten. Sie nutzen ihre bisherigen Chancen und warteten höchstens noch auf die nächste.

Wenn es nach dem Werwohlf ginge, wäre es kein Nachteil, wenn Ossis weniger stark in Beamtenberufen vertreten wären. Er sieht ihr Potential dort eher verschwendet…

2 Gedanken zu „Was zu Einigungsmythen

    1. Werwohlf Autor

      Du wirst es mir verzeihen, wenn ich nicht in der Lage bin, meine eigenen Erfahrungen als Mythos zu betrachten. Dass alle Ossis gleichermaßen qualifiziert wären, behaupte ich nicht, doch begegnete mir unter ihnen eben ein Typus, den ich so ausgeprägt bei Wessis nur selten angetroffen habe.

      Antwort

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